Die zweite Woche der Vuelta a España 2026 hat nicht nur die Gesamtwertung modifiziertt, sondern auch den Charakter dieser Rundfahrt verändert. Das Rennen ist offener geworden durch das Fehlen von Tadej Pogacar und seiner damit verbundene Dominanz. Enric Mas hat sich als klarer Leader etabliert, Movistar kontrolliert das Rennen mit bemerkenswerter taktischer Effizienz, und gleichzeitig erhalten Ausreißer ungewöhnlich viele Freiheiten.
Dazu ermöglicht eine neuen Generation von jungen Fahrern, sich auf Grand-Tour-Niveau zu zeigen, während Routiniers wie Wout van Aert zeigen, wie sehr Rennintelligenz über Sieg oder Niederlage entscheiden kann. Die zweite Vuelta-Woche liefert damit reichlich Stoff für eine Zwischenbilanz: Wer hat an Stärke gewonnen, welche Teams prägen das Rennen – und welche Entwicklungen könnten in der letzten Woche noch entscheidend werden?
Enric Mas – der Patron dieser Vuelta
Nach dem Ausscheiden von Tadej Pogačar hatte Enric Mas (Movistar Team) das Rote Trikot zunächst „geerbt“. Nur einen Tag später legitimierte er seine Führung mit dem Sieg auf dem Alto de Aitana. In der zweiten Woche übernahmen der Spanier und sein Team zunehmend die Verantwortung – und prägten den Kampf um die Gesamtwertung.
Besonders deutlich wurde das am Calar Alto. Decathlon CMA CGM übernahm am Schlussanstieg mit seiner starken Bergmannschaft die Kontrolle, Felix Gall attackierte – doch Mas ließ sich nicht unter Druck setzen. Stattdessen konterte der Spanier rund elf Kilometer vor dem Ziel selbst und setzte sich von seinen wichtigsten Rivalen ab. Anschließend konnte er auf Raúl García Pierna zurückgreifen, der zuvor in der Ausreißergruppe gefahren war und seinen Kapitän noch einige Kilometer unterstützte. Am Ende gewann Mas 27 Sekunden auf Gall und Primož Roglič hinzu.
Noch aussagekräftiger war die Bergankunft auf der Sierra de La Pandera zwei Tage später. Movistar hatte mit García Pierna und Pablo Castrillo erneut zwei Fahrer in der großen Ausreißergruppe platziert. Als Mas im Finale das Tempo erhöhte, konnte García Pierna zurückfallen und seinen Kapitän unterstützen. Gall hielt mit Mas mit, Roglič dagegen musste abreißen und verlor weitere 25 Sekunden. Der Österreicher rückte dadurch auf Gesamtrang zwei vor.
Entschieden ist diese Vuelta dennoch nicht. Vor der letzten Woche führt Mas 2:06 Minuten vor Gall und 2:10 Minuten vor Roglič. Vor allem das Einzelzeitfahren bleibt eine Gefahr. Beim 24,6 Kilometer langen Abschlusszeitfahren der Vuelta 2024 war Mas 1:02 Minuten langsamer als Roglič. Der aktuelle Vorsprung ist also komfortabel, aber keineswegs unangreifbar.
Jakob Omrzel: 20 Jahre alt, Etappensieger und plötzlich Sechster
Eine der größten Entdeckungen dieser Vuelta heißt Jakob Omrzel (Bahrain Victorious). Der Slowene ist gerade einmal 20 Jahre alt und bestreitet seine erste Grand Tour. Auf der 12. Etappe zum Calar Alto schaffte er zunächst den Sprung in eine rund 30 Fahrer starke Ausreißergruppe. 12 Kilometer vor dem Ziel attackierte er – und fuhr allein bis zur Bergankunft auf mehr als 2.100 Metern Höhe.
Damit wurde Omrzel zum jüngsten slowenischen Grand-Tour-Etappensieger überhaupt und verbesserte sich gleichzeitig auf Rang sechs der Gesamtwertung. Vor der letzten Woche liegt er nur 30 Sekunden hinter Oscar Onley, dem Führenden der Nachwuchswertung.
Omrzels Erfolg kam allerdings nicht aus dem Nichts. Bahrain Victorious hatte mit mehreren Fahrern die Spitzengruppe besetzt. Routiniers wie Pello Bilbao und Santiago Buitrago halfen dabei, die Voraussetzungen für den Angriff des jungen Slowenen zu schaffen. Omrzel selbst setzte im entscheidenden Moment den Schlusspunkt.
Auch seine bisherige Entwicklung erklärt, warum dieser Sieg trotz seines Alters keine völlige Sensation ist. Omrzel gewann bereits den Giro d’Italia Next Gen und Paris–Roubaix der Junioren. 2025 wurde er zudem slowenischer Meister bei den Profis.
Spannend ist deshalb nicht nur Omrzels Entwicklung, sondern auch die Arbeit von Bahrain Victorious mit jungen Rundfahrern. Bereits beim Giro d’Italia 2026 hatte Afonso Eulálio über mehrere Etappen das Rosa Trikot getragen und gewann am Ende die Nachwuchswertung. Nun steht mit Omrzel das nächste junge Talent der Mannschaft bei einer Grand Tour weit vorne.
Wie weit Omrzel in dieser Vuelta noch nach vorne kommt, ist offen. Aber allein die Tatsache, dass ein 20-Jähriger vor der letzten Woche auf Rang sechs liegt und um Weiß kämpft, macht ihn bereits zu einer der Geschichten dieser Rundfahrt.
Ausreißer überraschen – und beleben die Vuelta
Die zweite Woche begann noch mit zwei Etappen, die aus dem Feld beziehungsweise aus einem stark reduzierten Feld heraus entschieden wurden. Danach änderte sich das Bild grundlegend: Die Etappen 12 bis 15 gingen allesamt an Fahrer aus Fluchtgruppen. Jakob Omrzel gewann am Calar Alto, Wout van Aert in Loja, Marco Brenner auf der Sierra de La Pandera und erneut Van Aert in Córdoba.
Gerade die Erfolge von Omrzel und Brenner auf zwei schweren Bergankünften wären im Vorfeld kaum vorhersehbar gewesen. Bei Giro und Tour kontrollierten die Mannschaften der Favoriten viele entscheidende Bergetappen so konsequent, dass der Tageserfolg häufig ebenfalls an die stärksten GC-Fahrer ging. Seit dem Ausscheiden von Pogačar funktioniert die Vuelta anders.
Movistar kontrolliert zwar das Rennen um das Rote Trikot, aber nicht zwangsläufig den Kampf um den Etappensieg. Das führt auf den Bergetappen häufig zu zwei Rennen im Rennen: vorne der Kampf der Ausreißer um den Tagessieg, dahinter die Auseinandersetzung der Klassementfahrer.
Für die TV-Regie ist das manchmal undankbar – welches Rennen ist gerade das wichtigere? Für die Zuschauer bringt es aber eine zusätzliche Ebene der Spannung. Fahrer, die im Gesamtklassement bereits weit zurückliegen, bekommen die Möglichkeit, ihre Rundfahrt mit einem großen Erfolg zu retten.
Oder, um es mit Jens Voigts berühmter Formulierung zu sagen: Sie können „aufs Glück einprügeln“. Und genau das macht diese Vuelta derzeit so unterhaltsam.
Marco Brenner: der größte Sieg der Karriere
Innerhalb weniger Wochen hat Marco Brenner (Tudor Pro Cycling Team) gezeigt, welches Potenzial in ihm steckt. Schon als Junior galt der Deutsche als außergewöhnliches Talent. 2019 wurde er Dritter bei der Junioren-Weltmeisterschaft im Einzelzeitfahren, 2020 folgte EM-Silber. Zudem gewann er zweimal den deutschen Junioren-Titel im Kampf gegen die Uhr.
Mit gerade einmal 18 Jahren wechselte Brenner anschließend in die WorldTour. Doch Krankheiten, Verletzungen und die enormen Erwartungen machten die ersten Profijahre schwierig. Seit seinem Wechsel zu Tudor zur Saison 2024 scheint sich seine Entwicklung wieder stabilisiert zu haben.
2026 folgte endgültig der Durchbruch. Anfang August gewann Brenner die Polen-Rundfahrt. Nur wenige Wochen später feierte der inzwischen 24-Jährige auf der Sierra de La Pandera den bislang größten Sieg seiner Karriere.
Brenner gehörte auf der 14. Vuelta-Etappe zur großen Ausreißergruppe und behauptete sich auf dem extrem schweren Schlussanstieg gegen Santiago Buitrago. Im Finale reagierte er auf die Attacken des Kolumbianers und setzte sich auf der letzten Rampe durch.
Bemerkenswert ist dieser Erfolg auch aufgrund seines bisherigen Vuelta-Verlaufs. Brenner hatte in der ersten Woche mit Krankheit und einem Sturz zu kämpfen und lag zwischenzeitlich weit zurück. Auf La Pandera zeigte er erstmals bei dieser Rundfahrt wieder jene Beine, die ihm wenige Wochen zuvor den Gesamtsieg in Polen beschert hatten.
Für Tudor war der Erfolg zugleich historisch: Es war der erste Etappensieg der Schweizer Mannschaft bei einer Grand Tour.
Wout van Aert: zwei Siege, zweimal die Gegner perfekt „zurechtgelegt“
Wout van Aert (Team Visma | Lease a Bike) musste bei dieser Vuelta bis zur 13. Etappe auf seinen ersten Tagessieg warten. Dann gewann er – und ließ innerhalb von 48 Stunden einen zweiten Erfolg folgen. Bemerkenswert war dabei nicht nur, dass der Belgier gewann, sondern vor allem wie er sich beide Siege zurechtlegte.
Auf der 13. Etappe nach Loja nutzte Visma seine personelle Überlegenheit in einer 43 Fahrer starken Spitzengruppe. Neben Van Aert war unter anderem Matthew Brennan vorne vertreten. Dadurch besaß Visma mehrere taktische Optionen. Van Aert konnte offensiv fahren, während Brennan für einen möglichen Sprint abgesichert war.
3,5 Kilometer vor dem Ziel griff Van Aert auf der letzten kleinen Steigung an – genau in jenem Moment, in dem viele Konkurrenten bereits begannen, auf einen Sprint zu spekulieren. Valentin Paret-Peintre konnte zu ihm aufschließen, doch Van Aert gewann den anschließenden Sprint des Duos souverän. Der Belgier erklärte später selbst, dass er genau diese Stelle bereits beim Studium des Profils als möglichen Angriffspunkt ins Auge gefasst hatte.
Zwei Tage später war die Ausgangslage eine völlig andere. Auf der wegen extremer Hitze auf 110,2 Kilometer verkürzten Etappe nach Córdoba wollte Visma das Rennen zunächst kontrollieren. Doch Van Aert erkannte am Zwischensprint den richtigen Moment für einen Angriff und löste sich schließlich mit vier weiteren Fahrern. Brennan blieb im Feld zurück – und wurde dadurch zur perfekten taktischen Absicherung.
In der fünfköpfigen Spitzengruppe wusste Van Aert, dass er im Sprint der schnellste Fahrer war. Deshalb musste er im Finale nicht mehr selbst offensiv werden. Stattdessen kontrollierte er die Attacken seiner Begleiter, reagierte unter anderem auf Thibau Nys und setzte im Sprint seine Schnelligkeit durch.
Die beiden Siege zeigen Van Aerts besondere Qualität. In Loja wollte er den Sprint mit einer späten Attacke verhindern, in Córdoba wollte er ihn aus einer kleinen Gruppe heraus erzwingen.
Seine Stärke liegt deshalb nicht allein in seiner Vielseitigkeit. Van Aert erkennt Rennsituationen früh und verändert sie so, dass sie zu seinen Fähigkeiten passen. Genau darin lag der Unterschied zwischen zwei völlig unterschiedlichen Etappen – und zwei nahezu perfekt herausgefahrenen Siegen.
Foto: IMAGO / Sirotti
