Ein Anstieg, ein Angriff sowie Zahlen, die kaum noch Hoffnung zulassen: Tadej Pogačars Machtdemonstration am Col du Tourmalet hat die Tour de France 2026 früher als erwartet in eine klare Richtung gelenkt. Der Slowene nahm Jonas Vingegaard nicht nur ungewöhnlich viel Zeit ab, sondern untermauerte seine Überlegenheit auch mit Leistungswerten, die zeigen, wie sehr er sich seit den Rückschlägen der Jahre 2022 und 2023 weiterentwickelt hat. Radsport-Experte Raymond Kerckhoffs, langjähriger Tour-Reporter ordnet Pogačars Auftritt deshalb nicht nur als Etappensieg ein, sondern als mögliches Grundsatzurteil über diese Tour: Wenn die Zahlen stimmen, hat der zweimalige Weltmeister das Rennen am ersten großen Berg bereits entscheidend geprägt.
Tadej Pogačars Machtdemonstration am Tourmalet
Der Riese der Pyrenäen hat sein Urteil über diese Tour de France wohl schon gefällt. Am ersten Anstieg der Hors Catégorie, dem Col du Tourmalet, baute Tadej Pogačar seinen Vorsprung in der Gesamtwertung auf sage und schreibe 2 Minuten und 42 Sekunden aus. Nie zuvor in ihrer legendären Rivalität hat sein gefürchteter Rivale Jonas Vingegaard auf einer Bergetappe so viel Zeit verloren. Und alle anderen Anwärter, die den zweimaligen Weltmeister bei dieser Tour de France noch schlagen wollten, sahen ihren Rückstand auf die Gesamtwertung weiter anwachsen.
Ein einziger Pyrenäen-Tag verändert die Tour
Die Pyrenäen sind bei dieser Tour de France eigentlich nur eine Zwischenepisode. Streckendesigner Thierry Gouvenou hat das Rennen so geplant, dass das Finale erst in den letzten vier Tagen stattfindet. Mit dem Grand Départ in der katalanischen Metropole Barcelona musste er die Pyrenäen an der französisch-spanischen Grenze bereits in der ersten Woche in die Strecke einbeziehen. Um den Kampf offen zu halten, wurde nur eine Pyrenäen-Etappe in den Parcours aufgenommen.
Seit der Jahrhundertwende wurden die Pyrenäen noch nie so schnell bewältigt. Selbst bei Ausgaben, bei denen die Pyrenäen nur schwach vertreten waren (wie 2012 oder 2016), gab es stets mindestens zwei aufeinanderfolgende Etappen, die als anspruchsvolle Bergetappen galten.
Zum Leidwesen der Tour-Organisatoren reichte dem Ausnahmetalent Tadej Pogačar ein einziger Anstieg, um die Tour praktisch zu entscheiden. Am legendären Tourmalet stürmte er von Sainte-Marie de Campan zu einem neuen Kletterrekord von 43 Minuten und 12 Sekunden. Das war ganze 2 Minuten und 20 Sekunden schneller als sein bisheriger Rekord aus dem Jahr 2023, als er und Vingegaard die Strecke gemeinsam in 45 Minuten und 32 Sekunden bewältigten.
Und dabei ist die sengende Hitze noch gar nicht erwähnt. Das berühmte Zitat stammt vom französischen Radrennfahrer Jean Robic, der 1947 die Tour de France gewann: „Der Tourmalet ist der schmutzigste alte Kerl in der Hitze.“
UAE Emirates XRG macht den Unterschied
Sein Team UAE Emirates XRG präsentiert Pogačar auf dem Tourmalet in Bestform. Es ist kein Zufall, dass der Radsportweltverband UCI für mehr Ausgewogenheit zwischen den Teams sorgen will, damit der Reichtum der Vereinigten Arabischen Emirate nicht zu einer dominanten Stellung im Radsport führt. Man erwägt eine Budgetobergrenze sowie eine Reduzierung der Teamgröße bei den Grand Tours von acht auf sechs Fahrer.
Die beeindruckende Leistung der Fahrer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Felix Großschartner, Brandon McNulty, Adam Yates, Isaac Del Toro und Tadej Pogačar (in dieser Reihenfolge), war auf dem anspruchsvollen Abschnitt des Col du Tourmalet kaum zu überbieten. Für einen Moment schien das Feld völlig auseinandergerissen, als Pogačar und sein „Kronprinz“ Del Toro sich vom Rest des Feldes absetzten. Doch das Tempo des Slowenen war letztendlich zu hoch für den Mexikaner, woraufhin Pogačar eine weitere Glanzleistung zeigte: ein siegreiches Solo über 42,7 Kilometer.
Vingegaards Rückstand wächst nach dem Tourmalet
Vingegaards Rückstand (dieser hatte vor der Tour noch angedeutet, in Topform zu sein) auf Pogačar in dieser Etappe ist mit 2 Minuten und 38 Sekunden beträchtlich. Allerdings muss man anmerken, dass der Kapitän von Visma | Lease a Bike am Anstieg zum Tourmalet selbst „nur“ 30 Sekunden verlor; sein Rückstand vergrößerte sich sogar in der Abfahrt, im Tal und am Schlussanstieg. Zudem ist Vingegaards Vorbereitung nach seiner Teilnahme am Giro d’Italia in diesem Jahr noch stärker auf die letzte Woche in den Alpen ausgerichtet als in den Vorjahren. Trotzdem hatte niemand im schwarz-gelben Lager mit einem so großen Rückstand gerechnet. Vingegaard nannte es eine große Enttäuschung, betonte aber, dass er den Kampf noch nicht aufgibt.
Pogačar zählt diesen Etappensieg zu seinen fünf besten seiner insgesamt 23 Etappensiege bei der Tour de France. Er vergleicht ihn mit seinem Sieg 2023 in Richtung Cauterets (damals ebenfalls die sechste Etappe), als der Col du Tourmalet – wie auch heute – noch als vorletzter Anstieg der Etappe galt. Ein wesentlicher Unterschied: Vor drei Jahren holte er nur 23 Sekunden auf Vingegaard heraus, der die Tour schließlich gewann.
Natürlich musste Pogačar 2022 und 2023 auf den Alpenetappen am Col du Granon bzw. Col de la Loze deutlichere Rückschläge von Vingegaard einstecken. Wir wissen aber auch, dass Pogačar und das UAE Team Emirates diese Niederlagen als Ansporn nutzten, sich in jeder Hinsicht weiterzuentwickeln und zu professionalisieren.
Die Zahlen hinter Pogačars Dominanz
Der Tadej Pogačar von 2026 ist nicht mit dem von 2023 vergleichbar. Basierend auf den uns vorliegenden Daten wurde seine funktionelle Schwellenleistung (FTP, die Leistung, die ein Fahrer theoretisch eine Stunde lang erbringen kann) im Jahr 2023 auf 400 bis 410 Watt geschätzt. Damals, mit einem Gewicht von etwa 66 Kilogramm, erreichte er einen Wert von 6,1 bis 6,2 W/kg, was bereits außergewöhnlich war.
Im Jahr 2026 wird seine FTP-Basisleistung, basierend auf durchgesickerten Trainingsdaten aus verschiedenen Quellen, darunter Strava-Zonen, konstant bei etwa 415 bis 420 Watt liegen. Dies entspricht einer konstanten Leistung von mindestens 6,3 W/kg.
Der größte Unterschied liegt nicht einmal in seiner Leistungsfähigkeit im ausgeruhten Zustand, sondern in seiner Leistung am Ende einer anspruchsvollen Bergetappe. Während der Tour de France 2023 erreichte Pogačar auf den letzten großen Anstiegen Werte um 6,1 bis 6,3 W/kg bei Anstiegen von über 40 Minuten Dauer.
Ausgehend von den 43 Minuten und 12 Sekunden, mit denen er den Tourmalet-Kletterrekord pulverisierte, hätte er in diesem Zeitraum durchschnittlich 6,39 W/kg erreicht. Das entspricht einer Dauerleistung von etwa 420 Watt, nachdem er bereits stundenlang im Rennen war. Es verdeutlicht seine Leistungssteigerung in den letzten drei Jahren, die mit 27 Jahren physiologisch durchaus möglich ist. Ich möchte jedoch nochmals betonen, dass es sich hierbei nicht um offizielle Zahlen handelt, sondern um Daten, die von verschiedenen Wissenschaftlern auf diversen Websites zusammengetragen wurden.
Ein schwacher Tag, wie ihn „Pogi“ 2022 und 2023 erlebte, erscheint nun unwahrscheinlich, da er im Vorfeld dieser Tour nur wenige Rennen bestritten hat. Am Samstag in Barcelona startete er ausgeruht. Im letzten Jahr sahen wir, wie die dreiwöchige Tour und die damit verbundene extreme Konzentration dem „Spielzeug“ Pogačar zusetzten. Mental erschöpft erreichte er damals Paris. Jetzt, nach sechs Tour-Tagen, strahlt er pure Freude aus.
Autor: Raymond Kerckhoffs
Foto: IMAGO / Photo News
