Start Profi-Sport Robbie McEwen im Tour-Interview über Pogačar, Vingegaard und das Grüne Trikot

Robbie McEwen im Tour-Interview über Pogačar, Vingegaard und das Grüne Trikot

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Robbie McEwen weiß, wie sich die Tour de France anfühlt, wenn es um Punkte, Positionen und Sekundenbruchteile geht. Der Australier war selbst einer der besten Sprinter seiner Generation, gewann Etappen bei der Tour und das Grüne Trikot. Heute blickt er als TV-Kommentator auf das Rennen – mit der Erfahrung aus dem Peloton und dem Abstand eines Analytikers.

Im Interview mit Alpecin Cycling spricht McEwen über die Körpersprache von Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard, die neue Vielseitigkeit im Kampf um Grün und die Frage, warum ein Punktefahrer kaum eine Gelegenheit auslassen darf. Und er verrät, warum ihn ausgerechnet die Schlussetappe in Paris besonders reizt.

Für den britischen Sender TNT UK begleitet Robbie McEwen die Tour de France aus der Kommentatoren- und Expertenperspektive. Der Australier ist dort unter anderem als Host von „The Breakaway“ zu sehen – einem englischsprachigen Format, das in seiner Funktion an den deutschen „Velo Club“ auf Eurosport erinnert und im Anschluss an die Live-Übertragungen der Tour de France-Etappen läuft.

Robbie McEwen im Interview

Alpecin Cycling: Wenn Sie nur auf Körpersprache und die Art schauen, wie sie im Moment Rennen fahren: Wer wirkt im Duell Tadej Pogačar gegen Jonas Vingegaard stärker?

Robbie McEwen: Im Moment, oder zumindest bei den bisherigen Etappen und deren eher punchigem Charakter, sah Tadej stärker aus. Wir werden vielleicht ein bisschen mehr wissen, wenn es über den Tourmalet geht. Aber bis jetzt sieht Tadej stärker aus. Er wirkt einfach kontrolliert. Er ist neu selbstbewusst, und natürlich hat er Jonas an den Stellen, an denen er Druck ausüben konnte, aus dem Hinterrad gefahren. Also ja, bislang Tadej.

Hat sich die Wertung um da Grüne Trikot verändert, weil moderne Fahrer so vielseitig geworden sind? Also weg von einem reinen Sprintertrikot, mehr hin zu einem Trikot für Allrounder, die sprinten können?

Das hängt vor allem von der Strecke ab, weniger von den Fahrern. Wenn man den Sprintern genügend Möglichkeiten gibt, also genügend flache Etappen, dann werden sie das Punktetrikot gewinnen. Bis jetzt – wir sind jetzt fünf Tage im Rennen; natürlich weiß ich, während ich das sage, nicht, wer im anstehenden Massensprint die Maximalpunktzahl holen wird – wird das Grüne Trikot in diesem Rennen von Mads Pedersen kontrolliert, weil er ein wirklich kompletter Fahrer im Klassikerstil ist und diese schweren Etappen überstehen kann – und sogar eine gewinnen kann, wie er es in Foix getan hat.

Aber die Tour ist noch lang. Es gibt noch viele Möglichkeiten. Aber es sieht so aus, als würde es durch die Installierung von mehr solcher punchiger und klassikerartigen Etappen eher in Richtung eines vielseitigen Fahrers wie Mads gehen, der auch in Massensprints mithalten kann. Pedersen ist nicht unbedingt der schnellste Sprinter, und nicht auf dem Niveau von Merlier, Philipsen und Kooij, aber er kann sich in Massensprints definitiv behaupten und dort ebenfalls gute Punkte holen. Deshalb sieht es ziemlich gut für ihn aus.

Wie viel Risiko muss ein Fahrer eingehen, wenn er Grün gewinnen will:? Jeden Zwischensprint mitnehmen – oder Kräfte für Etappensiege sparen?

Nun, es hängt ein Stück weit davon ab, was deine Rivalen machen. Und wenn man sich anschaut, was Mads Pedersen macht, dann macht er alles. Er fährt Zwischensprints, er geht an schweren Tagen in Ausreißergruppen, er beteiligt sich an Massensprints. Im Grunde muss man also alles machen. Alles, was verfügbar ist, muss man versuchen mitzunehmen. Man muss versuchen, überall dort Punkte zu holen, wo es welche zu gewinnen gibt.

Man kann es sich nicht leisten, konservativ zu sein und zu sagen: ‚Ich lasse einen Zwischensprint aus und spare meine Kräfte.‘ Denn das kostet Punkte, und die sind so schwer zu bekommen. Wenn man erst einmal einen Rückstand auf jemanden in der Wertung um das Grüne Trikot hat, ist es wirklich, wirklich schwierig, davon wieder etwas aufzuholen. Also ja, es ist kein Risiko – es ist vielmehr eine Notwendigkeit, bei jeder Gelegenheit dabei zu sein.

Auf welche Etappe freuen Sie sich persönlich im weiteren Verlauf dieser Tour am meisten?

Ich freue mich auf die Final-Etappe in Paris. Sie ist etwas anders. Montmartre wird zwar weiterhin gefahren, aber weiter entfernt von der Ziellinie. So gibt man allen Fahrern eine Chance, die Schlussetappe zu gewinnen. Das lädt zu Angriffen ein, aber auch dazu, dass die Sprinter dranbleiben können. Es könnte ein bisschen vom Wetter abhängig sein. Man hat ja im Regen im vergangenen Jahr gesehen, dass es einfach zu einem absoluten Zirkus wurde. Trotzdem eine großartige Etappe, mit einem unglaublichen Sieger, aber es wurde absolut wild, mehr ein Abenteuer als ein Rennen.

Aber ich würde sie gerne bei trockenen Bedingungen sehen, denn ich glaube, dass das eine richtig gute Etappe wird.

Foto: IMAGO / Sirotti