Sechs Etappen, sechs unterschiedliche Sieger, sechs unterschiedliche Wege zum Erfolg – die zweite Woche des Giro d’Italia war ebenso abwechslungsreich wie spannend. Finisseure gewannen vier der sechs Tagesabschnitte. Das lange Zeitfahren verschob die Kräfteverhältnisse in der Gesamtwertung. Selbst der Kampf um die Maglia Ciclamino nahm eine überraschende Wendung. Hinzu kommt die neue „Unsichtbarkeit“ der Sprinter auf dem Podium der zweiten Woche. Dieser Giro hat in dieser Phase eine unberechenbare Dramaturgie entwickelt. Daher lohnt sich zu Beginn der Schlusswoche eine Analyse – und ein Blick auf die wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen sechs Etappen.
Jonas Vingegaard auf dem Weg zum Grand-Tour-Triple
Zu Beginn der zweiten Woche des Giro d’Italia 2026 sah es noch so aus, als könnte Jonas Vingegaard bei seiner Mission Grand-Tour-Triple noch einmal in Schwierigkeiten geraten. Das lange Einzelzeitfahren war nicht einer seiner besten Auftritte in dieser Disziplin. Doch bei der Bergankunft hinauf nach Pila am vergangenen Samstag zeigte er seine ganze Klasse. Im Gegensatz zu den beiden Bergankünften zuvor dominierte Vingegaard diesmal und ließ keine Zweifel an seiner Form aufkommen. Dass er dabei ins Rosa Trikot schlüpfte, wirkte fast wie eine Formsache.
Doch nicht nur Vingegaard selbst, auch sein Team Visma | Lease a Bike lieferte eine Machtdemonstration. Bis zur Erschöpfung arbeiteten seine Teamkollegen, um ihren Kapitän in die perfekte Position zu bringen. Fahrer wie Tim Rex und Davide Piganzoli bäumten sich auf, um das Tempo hochzuhalten und die Konkurrenz früh unter Druck zu setzen.
Vingegaard reagierte auf die leisen Zweifel, die nach dem Zeitfahren aufgekommen waren, mit der stärksten Leistung am entscheidenden GC-Tag der zweiten Woche. Die Erkenntnis lautet deshalb nicht: Vingegaard ist unantastbar. Sondern: Vingegaard ist dann am stärksten, wenn der Giro am härtesten wird. Und davon gibt es in Woche drei noch einige Tage. Wenn er diese Form hält – und tatsächlich will –, kann er seinen Konkurrenten noch viel Zeit abnehmen.
Spannender Kampf um die Plätze zwei und drei auf dem Podium
Wenn Jonas Vingegaard (Team Visma | Lease a Bike) nicht krank wird oder stürzt, scheint ihm der Sieg in der Gesamtwertung beim Giro d’Italia kaum noch zu nehmen zu sein. Direkt dahinter aber entbrennt ein spannender Kampf um die weiteren Podiumsplätze. Noch liegt Afonso Eulálio (Bahrain Victorious) auf Rang zwei, dicht gefolgt von Felix Gall (Decathlon-CMA CGM Team).
Ob der Österreicher, der bislang hinter Vingegaard am Berg meist der stärkste Fahrer war, diesen Platz auch in der Gesamtwertung erreichen kann, ist nach der Bergankunft in Pila wieder fraglicher geworden. Gall zeigte dort erstmals leichte Schwächen. Jai Hindley (Red Bull-Bora-hansgrohe) kam am Ende noch bis auf neun Sekunden an ihn heran. Man darf also gespannt sein, was die Bergtage in Woche drei noch bringen.
Gall ist, so stark er bergauf fährt, anfällig, sobald die Straße abfällt. Hier hätte man bereits in Woche zwei erwarten können, dass Teams wie Netcompany Ineos oder Red Bull-Bora-hansgrohe versuchen, solche Situationen taktisch zu nutzen. Die Etappen 19 und 20 bieten dafür allerdings noch genug Raum.
Spannend wird auch, ob Fahrer, die bereits zwei Minuten und mehr hinter Gall zurückliegen, wie Ben O’Connor (Team Jayco-AlUla), Michael Storer (Tudor Pro Cycling Team) oder Derek Gee-West (Lidl-Trek), am Berg attackieren. Auf solche Angriffe müssen Vingegaards Teamkollegen nicht zwingend sofort reagieren, Galls Team wäre dagegen gefordert.
Dass Thymen Arensman (Netcompany Ineos), Jai Hindley, Giulio Pellizzari (beide Red Bull-Bora-hansgrohe) und Co. wieder in eine bessere Ausgangslage gekommen sind, liegt natürlich auch am langen Zeitfahren zu Beginn der zweiten Giro-Woche. Es hat das Gesamtklassement gewissermaßen geöffnet und ihre Chancen verbessert.
Genau darin liegt die Spannung: Gall ist bergauf vielleicht der zweitbeste Fahrer dieses Giro, aber nicht automatisch der zweitbeste Gesamtwertungsfahrer. Für das Podium muss er seine Kletterstärke in Zeit umwandeln – nicht nur in gute Etappenplatzierungen.
Und Afonso Eulálio? Noch liegt er auf Rang zwei und ist alles andere als abgeschrieben, wenngleich er hinauf nach Pila auf fast alle GC-Fahrer viel Zeit verlor. Der junge Portugiese muss nun beweisen, dass der Verlust des Rosa Trikots nicht der Anfang eines größeren Einbruchs war.
Bahrain Victorious: furios, frech und furchtlos
Auch wenn Afonso Eulálio (Bahrain Victorious) das Rosa Trikot wieder abgeben musste, hat er es in der zweiten Woche lange aufopferungsvoll verteidigt. Im wohl längsten Zeitfahren seiner Karriere stemmte er sich mit Erfolg gegen den Verlust des Maglia Rosa. Dann besaß er auch noch die Frechheit, sich auf der 12. Etappe die sechs Bonussekunden am Red-Bull-Kilometer zu sichern und seinen Vorsprung gegenüber dem Top-Favoriten Jonas Vingegaard (Team Visma | Lease a Bike) vor der dritten Bergankunft weiter auszubauen. Eulálio kann auf ein Team vertrauen, das für ihn fährt und geschlossen hinter ihm steht.
Und auch wenn er Rosa verloren hat, bleibt das nächste Ziel des Teams die Verteidigung des Weißen Trikots für den besten Nachwuchsprofi – und vielleicht sogar ein Platz auf dem Podium am Ende in Rom.
Bahrain Victorious gehört zu den auffälligsten Teams der zweiten Giro-Woche. Aber nicht nur, weil es fünf Tage Rosa in ihren Reihen hielt, sondern aufgrund ihrer Fahrweise. Das Equipe fuhr nicht so, als würde sie bloß darauf warten, Rosa abzugeben.
Dau passt der Coup Alec Segaert -im Finale der 12. Etappe. Der junge Belgier attackierte 3,5 Kilometer vor dem Ziel. Doch das war kein Akt der Verzweiflung, sondern ein präziser Schlag in einer Phase, in dem das reduzierte Peloton unorganisiert war. Mit einem Solo im Zeitfahr-Stil holte Segaert den ersten Etappensieg für Bahrain Victorious bei diesem Giro. Sein Erfolg kam nicht von ungefähr. Schon mehrfach hatte Segaert diese Qualitäten angedeutet. Und irgendwie hat man den Eindruck, dass dieses Team in der Schlusswoche noch einmal zuschlagen könnte.
Grand Tours brauchen lange Zeitfahren
Die 42 Kilometer gegen die Uhr auf der 10. Etappe haben das Gesamtklassement nicht entschieden, aber sie haben es neu sortiert. Thymen Arensman wurde Zweiter und machte im Kampf um das Podium einen großen Sprung,. Auch andere „schwerere“, weniger explosive GC-Fahrer wie Derek Gee-West und Ben O’Connor konnten viel Zeit auf den zweitbesten Kletterer dieses Giros, Felix Gall, gutmachen. Selbst Jai Hindley nahm Gall noch knapp 50 Sekunden ab. Auch Jonas Vingegaard büsste Zeit ein.
Gerade diese Resultate zeigen, warum ein langes Zeitfahren für eine Grand Tour so wichtig ist. Es verlangt eine andere Qualität als jene, die am Berg gefragt ist. Dort entscheiden Explosivität, Kletterrhythmus, Teamkontrolle und die Fähigkeit, zu attackieren und zu kontern. Im Zeitfahren sind dagegen ganz andere Dinge gefragt. Es zählt die eigene Leistung ohne taktischen Schutz: Aerodynamik, Pacing, Position, Material, mentale Stabilität und die Fähigkeit, 40 Kilometer lang allein das Bestmögliche aus sich herauszuholen.
Lange Zeitfahren in großen Rundfahrten zwingen Klassementfahrer dazu, ihr Profil zu vervollständigen. Sie geben Allroundern wie Arensman die Möglichkeit, Zeit gutzumachen, und setzen reine Kletterer wie Gall unter Druck. Und nicht zu vergessen: Sie geben Spezialisten wie Filippo Ganna die Chance, ihre Klasse zu demonstrieren.
Movistar: mutig in der Offensive, noch ohne großen Lohn
Nachdem gute Platzierungen in der Gesamtwertung sowohl für Enric Mas als auch für Einer Rubio in weite Ferne gerückt sind, hat Movistar die zweite Giro-Woche offensiv mitgeprägt – auch wenn der große Sieg bislang ausblieb.
Auf der 11. Etappe wurde Enric Mas nur von Jhonatan Narváez geschlagen. Auf der 12. Etappe forcierte das Team an den Anstiegen vor Novi Ligure das Tempo derart, dass die Top-Sprinter Paul Magnier, Jonathan Milan und Dylan Groenewegen abgehängt wurden. Der Plan war, Orluis Aular die Chance auf den Sprint aus einem reduzierten Feld zu eröffnen. Er ging letztlich nicht auf, weil Alec Segaert spät attackierte und gewann. Aber die Intention war deutlich.
Gerade deshalb sollte man Movistar nicht nur am fehlenden Etappensieg messen. Die Mannschaft fuhr nicht passiv, sondern versuchte wiederholt, Etappen in eine für sie günstigere Richtung zu lenken. Das ist sportlich relevant: Wer keinen dominanten Sprinter und keinen klaren GC-Fahrer mehr im Rennen hat, muss sich Möglichkeiten erarbeiten. Movistar hat genau das versucht.
Auch auf der 14. Etappe blieb Movistar offensiv präsent, unter anderem mit Einer Rubio in der Fluchtgruppe.
Das ergibt ein klares Bild: Movistar fährt diesen Giro nach der Enttäuschung im Gesamtklassement nicht defensiv zu Ende, sondern sucht neue Wege zum Etappensieg. Diese Haltung ist sportlich nachvollziehbar. Wenn Mas im Klassement nicht mehr dort steht, wo er stehen sollte, wird offensive Etappenjagd zur glaubwürdigsten Strategie.
XDS Astana: Auch ohne Lizenzdruck weiterhin offensiv – und erfolgreich
Eine der unterschätzten Geschichten dieses Giro ist die Bilanz von XDS Astana. Das Team hat nach zwei Wochen bereits drei Etappensiege geholt und für einige Tage das Rosa Trikot in den eigenen Reihen gehabt. Nach den Siegen von Guillermo Thomas Silva und Davide Ballerini in Neapel feierte Ex-Flandern-Rundfahrt-Sieger Alberto Bettiol auf der 13. Etappe den dritten Tageserfolg der Mannschaft bei dieser Giro-Ausgabe.
Bemerkenswert ist das vor dem Hintergrund der jüngeren Vergangenheit. Noch 2025 stand XDS Astana mit dem Rücken zur Wand und musste mit starken Ergebnissen punkten, um die WorldTour-Lizenz zu sichern. Die Hellblauen fuhren aggressiv und begeisterten das Radsport-Publikum. Diesen Offensivgeist setzen sie 2026 bei diesem Giro fort. Astana fährt nicht wie eine Mannschaft, die defensiv nur den Bestand sichern will, sondern präsentiert sich weiter angriffslustig und erfolgreich.
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