Sechs Etappen, fünf Sieger, dramatische Veränderungen in der Gesamtwertung und das abrupte Ende des großen Duells zwischen Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard: Die zweite Woche der Tour de France 2026 hat die Rundfahrt grundlegend verändert. Während Pogačar das Gelbe Trikot immer souveräner kontrolliert und sogar Helferdienste für seinen Teamkollegen Isaac Del Toro übrenimmt, liefern sich Mads Pedersen und Jasper Philipsen einen kräftezehrenden Kampf um Grün. Gleichzeitig haben Tom Pidcock und Jordan Jegat gezeigt, wie sich über Ausreißergruppen selbst die Top Ten der Gesamtwertung erreichen lassen. Und Remco Evenepoel ist mit seinem Sieg am Plateau de Solaison zurück im Kreis der großen Rundfahrer.
Die Analyse der zweiten Tour-Woche.
Tadej Pogačar verwandelt Dominanz in Kontrolle
Tadej Pogačar (UAE Team Emirates-XRG) hatte die erste Woche mit 2:42 Minuten Vorsprung auf Jonas Vingegaard beendet. Nach dem zweiten Ruhetag beträgt sein Vorsprung auf den neuen Gesamtzweiten Remco Evenepoel fünf Minuten. Das ist nicht allein eine Folge von Vingegaards Sturz. Pogačar hat seinen Abstand auch sportlich weiter vergrößert.
Auf der zehnten Etappe nach Le Lioran attackierte der Weltmeister bereits 15,5 Kilometer vor dem Ziel. Er überholte den zuvor entkommenen Richard Carapaz und gewann mit 32 Sekunden Vorsprung auf Evenepoel. Vingegaard kam 44 Sekunden später ins Ziel. Unter Einbeziehung der Zeitbonifikationen wuchs Pogačars Vorsprung in der Gesamtwertung von 2:42 auf 3:36 Minuten. Isaac Del Toro verlor dagegen Zeit und fiel zunächst vom dritten auf den siebten Gesamtrang zurück.
In den Vogesen setzte Pogačar seine Serie fort. Am Col du Haag wartete er bis 7,2 Kilometer vor dem Ziel, ehe er sich von der Favoritengruppe absetzte. Obwohl nach der Bergwertung noch ein rund sechs Kilometer langes, deutlich flacheres Teilstück bis Le Markstein folgte, behauptete er seinen Vorsprung. Mit seinem vierten Etappensieg dieser Tour baute er die Führung gegenüber Vingegaard auf 4:30 Minuten aus.
Pogačars Auftritte unterschieden sich dabei deutlich von seinem langen Solo am Tourmalet. In der ersten Woche hatte er die Konkurrenz mit einer Attacke aus großer Distanz überrumpelt. In Le Lioran und am Col du Haag wartete er länger und nutzte die härtesten Passagen des Finales. Er musste kein unnötiges Risiko eingehen, sondern konnte den Moment auswählen, in dem seine Gegner bereits an der Belastungsgrenze fuhren.
Genau darin besteht der größte Unterschied zur ersten Woche. Pogačar muss die Tour nicht mehr offensiv erzwingen. Er kann sie kontrollieren und trotzdem Etappen gewinnen. UAE Team Emirates-XRG hält Ausreißer in Reichweite, reduziert die Favoritengruppe und überlässt seinem Kapitän die Entscheidung. Pogačar fährt nicht mehr gegen die Uhr, sondern gegen die Schwäche seiner Konkurrenten.
Auf dem Plateau de Solaison gewann er zwar nicht. Dort übernahm er am Schlussanstieg über weite Strecken selbst die Tempoarbeit für seinen Teamkollegen Del Toro, damit diese wieder aufs Podium zurückkehren konnte.
Die Erkenntnis der zweiten Woche lautet deshalb nicht mehr nur, dass Pogačar der stärkste Fahrer dieser Tour ist. Er besitzt inzwischen auch die komfortabelste taktische Ausgangslage, kann angreifen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Er kann aber ebenso abwarten, weil alle anderen Fahrer Zeit aufholen müssen.
Remcos Roadshow: Evenepoel ist jetzt erster Verfolger
Was war nicht alles über Remco Evenepoel geredet und geschrieben worden. Er solle sich Florian Lipowitz unterordnen und dem Deutschen dienen. An den langen Bergen habe er keine Chance. Selbst die belgischen Medien-Granden rechneten am Plateu de Solaison mit Remcos Evenepoeld Einbruch. Deutsche Medien und Fans wirkte gar grantig auf ihn. In Teilen wurde zeitweise fast vergessen, über wen gesprochen wurde: über einen Doppel-Olympiasieger, mehrfachen Weltmeister, Vuelta-Sieger und Dritten der Tour de France 2024.
Dabei war es in den ersten beiden Tour-Wochen immer wieder Evenepoel, der auf Tempoverschärfungen reagierte und konsequent nachsetzte. Auch ihm war es zu verdanken, dass sich Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard auf mehreren Etappen nicht noch deutlicher von ihren Verfolgern absetzen konnten. Am Ende der ersten Tour-Woche waren vor allem Diskussionen über die Doppelspitze bei Red Bull-BORA-hansgrohe und das Verhältnis zwischen Evenepoel und Lipowitz das Thema.
Am Plateau de Solaison lieferte Evenepoel nun die sportliche Antwort. Als Pogačar am Schlussanstieg das Tempo verschärfte, konnten nur Isaac del Toro und der Belgier folgen. Gemeinsam holten sie die letzten Fahrer der Ausreißergruppe ein. Im Finale konterte Evenepoel zunächst zwei Attacken von Del Toro und setzte sich anschließend im Sprint gegen Pogačar durch.
Es war Evenepoels dritter Tour-Etappensieg, nach seinen beiden Erfolgen im Einzelzeitfahren aber der erste auf einer regulären Straßenetappe. Dass ihm dieser Sieg ausgerechnet an einer 11,3 Kilometer langen und durchschnittlich neun Prozent steilen Bergankunft gelang, verleiht ihm eine besondere Bedeutung.
Natürlich lässt sich einwenden, dass Pogačar im Finale auch die Interessen seines Teamkollegen Del Toro im Blick hatte und womöglich nicht jede Möglichkeit nutzte, Evenepoel abzuschütteln. Doch selbst unter dieser Voraussetzung bleibt die Erkenntnis bestehen: Evenepoel war an diesem Anstieg neben Del Toro der einzige Fahrer, der Pogačars Tempo folgen konnte. Hinter dem Spitzentrio verloren Paul Seixas und Florian Lipowitz 58 Sekunden.
Der Erfolg ist auch deshalb bemerkenswert, weil Evenepoel zuvor nicht unverwundbar gewirkt hatte. Im Zentralmassiv konnte er Pogačars entscheidender Attacke nicht folgen. Einen Tag vor dem Solaison geriet er an der Montée du Haag kurzzeitig in Schwierigkeiten, als Vingegaard das Tempo erhöhte. Der Belgier kämpfte sich jedoch zurück und verteidigte seinen damaligen dritten Gesamtrang.
Durch Vingegaards sturzbedingtes Ausscheiden rückte Evenepoel zudem auf den zweiten Platz der Gesamtwertung vor. Vor dem Einzelzeitfahren liegt er nun fünf Minuten hinter Pogačar, aber 58 Sekunden vor Del Toro, 1:23 Minuten vor Seixas und 1:48 Minuten vor Lipowitz. Die 26,1 Kilometer gegen die Uhr zwischen Évian-les-Bains und Thonon-les-Bains bieten dem Weltmeister in dieser Disziplin eine ideale Gelegenheit, seinen Vorsprung auf die übrigen Podiumskandidaten auszubauen und möglicherweise auch etwas Zeit auf das Gelbe Trikot gutzumachen. Danach folgen allerdings noch drei schwere Alpenetappen.
Für Red Bull-BORA-hansgrohe ist die Hierarchie damit deutlich klarer geworden. Nach der ersten Tour-Woche lagen Evenepoel und Lipowitz nur 30 Sekunden auseinander. Inzwischen besitzt der Belgier einen Etappensieg und den zweiten Gesamtrang. Lipowitz bleibt als Fünfter dennoch eine wichtige taktische Option: Er liegt lediglich 25 Sekunden hinter Seixas und 50 Sekunden hinter Del Toro.
Die Doppelspitze ist damit nicht gescheitert, aber sie ist asymmetrisch geworden. Evenepoel ist nun der Fahrer, dessen Podiumsplatz geschützt werden muss. Lipowitz kann offensiver agieren und versuchen, die jungen Konkurrenten vor ihm unter Druck zu setzen. Red Bull besitzt weiterhin zwei Fahrer für den Kampf um das Podium – aber nur noch einen klaren Kapitän.
Das Ende des großen Duells – zumindest bei dieser Tour
„Die Tour wird ohne ihn nicht dieselbe sein“, sagte ein sichtlich betroffener Tadej Pogačar im Ziel der 15. Etappe. Nur rund eineinhalb Stunden zuvor war Jonas Vingegaard rund 24 Kilometer vor dem Ziel gestürzt und musste die Tour de France 2026 aufgeben. In diesem Moment endete auch ein großes Duell, das die Faszination dre Tour de France ausmacht. Ja vielmehr seit 2021 geprägt hat.
Bei seinen fünf vorherigen Tour-Teilnahmen war Vingegaard entweder Erster oder Zweiter geworden. Er belegte 2021, 2024 und 2025 jeweils den zweiten Rang und gewann die Rundfahrt 2022 sowie 2023. Pogačar und Vingegaard hatten damit in fünf aufeinanderfolgenden Austragungen die ersten beiden Plätze unter sich aufgeteilt – eine in der Geschichte der Tour beispiellose Serie. Vor dem Start 2026 stand es bei den Gesamtsiegen innerhalb dieses Duells 3:2 für Pogačar.
Vingegaard war bei dieser Tour sportlich bereits ins Hintertreffen geraten. Vor dem Sturz betrug der Rückstand des Dänen 4:30 Minuten. Dennoch war er der einzige Fahrer, von dem Vergangenheit erwarten konnte, Pogačar in den Alpen noch herauszufordern. Er hatte den Slowenen bereits zweimal bei der Tour bezwungen und wusste, welche Belastung notwendig ist, um dessen Schwächen offenzulegen.
Der Sturz entschied deshalb kein ausgeglichenes Duell. Er nahm der Rundfahrt aber die Option und die mögliche Dramatik einer späten Wendung. Niemand wird mehr erfahren, ob Vingegaard auf den langen Alpenanstiegen stärker geworden wäre, ob Visma | Lease a Bike eine offensive Taktik vorbereitet hatte oder ob Pogačar seinen Vorsprung weiter vergrößert hätte.
Von einem endgültigen Ende der Rivalität zu sprechen, wäre dennoch falsch. Vingegaards Schlüsselbeinbruch beendet das Duell bei dieser Tour und die historische Serie gemeinsamer erster und zweiter Plätze. Ob beide Fahrer bei einer späteren Tour erneut aufeinandertreffen, ist damit nicht beantwortet.
Gerade dieser Verlust zeigt, warum große Duelle für die Tour de France und für den Sport generell so wichtig sind. Dominanz kann beeindrucken. Eine Rivalität erzeugt dagegen Spannung. Sie gibt einer langen Rundfahrt eine klare Dramaturgie und verwandelt einzelne Etappen in Kapitel einer übergeordneten Geschichte. Jeder Angriff erhält eine Vorgeschichte, jeder Zeitgewinn eine Bedeutung und jede Schwäche wird mit früheren Begegnungen verglichen.
Ein großer Gegner dient zudem als Maßstab. Pogačars Leistungen wirken nicht allein wegen seiner Siege außergewöhnlich, sondern auch deshalb, weil er einen zweimaligen Tour-Sieger wie Vingegaard distanziert. Umgekehrt gewann Vingegaards Erfolg 2022 seine historische Bedeutung dadurch, dass er den damals scheinbar unbezwingbar wirkenden Pogačar besiegte. Beide Fahrer haben ihre sportliche Größe auch am Widerstand des jeweils anderen entwickelt. Selbst die Tour-Organisation hob vor dem Start hervor, dass Pogačars Größe eng mit der Qualität seines wichtigsten Rivalen verbunden sei.
Solche Duelle schaffen Identifikation. Die Zuschauer müssen nicht nur wissen, wer führt. Sie können unterschiedliche Fahrer, Stile und Rennauffassungen gegeneinander abwägen. Pogačars Spontaneität, Vielseitigkeit und Angriffslust trafen auf Vingegaards Spezialisierung für die höchsten Berge, seine präzise Vorbereitung und die kollektive Stärke von Visma | Lease a Bike. Aus diesem Gegensatz entstand über Jahre eine Spannung, die weit über die reinen Zeitabstände hinausging.
Ohne Vingegaard bleibt Pogačars Leistung sportlich nicht weniger wertvoll. Die Tour verliert aber ihren vertrauten Gegenpol. Der Slowene fährt in der Schlusswoche nicht mehr gegen den Rivalen, der ihn zweimal bezwungen hat, sondern vor allem gegen einen eigenen schlechten Tag. Der Kampf um das Podium bleibt eng und interessant. Der große Zweikampf um Gelb, der die Tour seit 2021 definiert hat, endete dagegen abrupt auf einer Kuve wenige Kilometer vor dem Plateau de Solaison.
Kampf um Grün: Pedersen und Philipsen fahren täglich ihr eigenes Rennen
Der Kampf um das Grüne Trikot ist in der zweiten Tour-Woche zu einem direkten Duell zwischen Mads Pedersen (Lidl-Trek) und Jasper Philipsen (Alpecin-Premier Tech) geworden. Allerdings nicht im Sprint, um den Etappensieg, sondern beim Zwischensprint. Weil die zweite Hälfte der Rundfahrt kaum noch klassische Flachetappen bietet, muss Philipsen jede Gelegenheit nutzen – selbst wenn der Zwischensprint bereits am Anfang einer schweren Bergetappe liegt.
Nach der zwölften Etappe führte Pedersen die Punktewertung mit 357 Punkten an. Philipsen lag zu diesem Zeitpunkt 46 Zähler zurück. Auf den drei folgenden Etappen verkürzte der Belgier seinen Rückstand jeweils um fünf Punkte. Sowohl auf dem Weg nach Belfort als auch vor Le Markstein und auf der Etappe zum Plateau de Solaison erreichte Philipsen den Zwischensprint vor Pedersen. Vor dem zweiten Ruhetag beträgt sein Rückstand dadurch nur noch 31 Punkte.
Die reine Punktebilanz spiegelt allerdings nur einen Teil des Aufwands wider. Auf der 13. Etappe nach Belfort schaffte Philipsen den Sprung in die erste große Ausreißergruppe. Für Lidl-Trek war damit klar, dass Pedersen reagieren musste. Der Däne setzte sich mit einer weiteren Gruppe vom Peloton ab und schloss nach einer langen und extrem schnellen Verfolgung zu Philipsen auf. Erst nach 114 Kilometern vereinigten sich die Gruppen zu einer 57 Fahrer starken Spitze. In den ersten beiden Rennstunden wurden jeweils mehr als 51 Kilometer zurückgelegt. Pedersen und Philipsen kämpften also nicht nur wenige Sekunden lang um einen Zwischensprint, sondern investierten bereits lange zuvor viel Kraft, um überhaupt in die entscheidende Rennsituation zu gelangen.
Auch auf den beiden folgenden Bergetappen begann der Tag mit einem Sprintduell. Alpecin-Premier Tech kontrollierte jeweils die erste Rennphase, damit Philipsen die maximale Punktzahl holen konnte. Pedersen blieb aufmerksam, folgte dem Belgier und begrenzte den Schaden mit zwei zweiten Plätzen. Erst danach ließen sich beide zurückfallen und teilten ihre Kräfte so ein, dass sie innerhalb des Zeitlimits das Ziel erreichten.
Das Grüne Trikot wird damit nicht mehr allein durch Endgeschwindigkeit entschieden. Philipsen muss seine größere Sprintstärke nutzen, um den Rückstand Punkt für Punkt abzubauen. Pedersen dagegen profitiert von seinem Etappenerfolg der ersten Woche und seiner Fähigkeit, auch auf anspruchsvollem Terrain, um Zwischensprints zu kämpfen. Seine Aufgabe besteht jetzt nicht darin, Philipsen jedes Mal zu schlagen. Es reicht, unmittelbar hinter ihm zu bleiben.
Genau darin liegt die taktische Spannung. Philipsen gewinnt die kleinen Duelle, Pedersen verteidigt aber weiterhin die Gesamtführung. Jeder Zwischensprint ist inzwischen ein eigenes Finale, für das beide Mannschaften schon auf den ersten Kilometern Helfer einsetzen und erhebliche Energie investieren. Während Pogačar das Gelbe Trikot mit mehreren Minuten Vorsprung trägt, liegen zwischen Pedersen und Philipsen nur noch 31 Punkte. Der Kampf um Grün ist damit vor der Schlusswoche offener als der um Gelb.
Über die Ausreißergruppe in die Top Ten der Gesamtwertung
Tom Pidcock (Pinarello-Q36.5 Pro Cycling Team) und Jordan Jegat (TotalEnergies) zeigen, dass sich eine gute Platzierung, in der einer Grand Tour nicht ausschließlich im direkten Duell mit den stärksten Klassementfahrern herausfahren lässt. Beie könnten bislang bereits einige Minuten gutmachen, indem sie in Ausreißergruppen gingen. Die 13. Etappe nach Belfort war dafür das beste Beispiel der zweiten Tour-Woche.
Pidcock begann den Tag als Gesamtzehnter mit 11:49 Minuten Rückstand auf Pogačar. Gemeinsam mit drei Teamkollegen schaffte er den Sprung in die große Spitzengruppe. Als UAE Team Emirates-XRG den Abstand auf mehr als acht Minuten anwachsen ließ, rückte der Brite in der virtuellen Gesamtwertung zeitweise sogar bis auf Rang zwei vor. Pidcock fuhr offensiv über den Ballon d’Alsace, wurde hinter Mauro Schmid und Harold Tejada Dritter und gewann 7:30 Minuten auf die Gruppe der Favoriten. Dadurch verbesserte er sich vom zehnten auf den vierten Gesamtrang und lag plötzlich nur noch neun Sekunden hinter dem Podium.
Auch Jegat gehörte zu den stärksten Fahrern dieser Ausreißergruppe. Der Franzose überquerte den Ballon d’Alsace in der entscheidenden Verfolgergruppe um Pidcock und beendete die Etappe als Siebter, lediglich zwei Sekunden hinter dem Sieger. Wie Pidcock nahm er dem Peloton mehr als siebeneinhalb Minuten ab. Nach der 15. Etappe steht Jegat mit 19:26 Minuten Rückstand auf Rang zehn der Gesamtwertung. Pidcock belegt mit 10:59 Minuten Rückstand den neunten Platz.
Pidcock beließ es allerdings nicht bei diesem einen Vorstoß. Auch auf den Etappen 14. nach Le Markstein und 15. zum Plateau de Solaison schaffte er den Sprung in die Ausreißergruppe. Damit war er an drei aufeinanderfolgenden Tagen in der Flucht vertreten. Der Einsatz forderte jedoch seinen Preis. An den Schlussanstiegen konnte er den stärksten Klassementfahrern nicht mehr folgen auf den neunten Platz zurück. Er selbst räumte anschließend ein, dass die erneute Flucht möglicherweise ein Fehler gewesen sei.
Diese drei Tage verdeutlichen das taktische Prinzip hinter solchen Aktionen. Ein zurückliegender Klassementfahrer kann über eine Flucht mehrere Minuten gewinnen, solange das Team des Gelben Trikots ihn nicht als unmittelbare Bedrohung betrachtet. Sobald er aber wieder in die Nähe des Podiums gelangt, verändert sich seine Stellung im Rennen. Dann kämpfen nicht mehr nur die Etappenjäger gegen ihn. Auch die Mannschaften der Fahrer auf den Plätzen zwei bis zehn beginnen nachzuführen, weil ihre eigenen Positionen bedroht sind.
Pidcock hat diese Grenze innerhalb von zwei Tagen überschritten. Auf der 13. Etappe durfte er zunächst fahren und katapultierte sich beinahe auf das Podium. Danach war er kein gewöhnlicher Ausreißer mehr, sondern ein direkter Konkurrent für Evenepoel, Seixas, Lipowitz und die weiteren Topfahrer. Jegat bewegte sich dagegen weiter unterhalb dieser taktischen Gefahrenzone. Er konnte den großen Zeitgewinn von Belfort nutzen und anschließend mit gleichmäßigen Leistungen in die Top Ten vorrücken.
Damit entsteht in der Gesamtwertung beinahe ein Zweiklassensystem. Die Fahrer an der Spitze müssen sich auf den großen Bergankünften direkt mit Pogačar und den stärksten Kletterern messen. Weiter hinten können Fahrer wie Pidcock und Jegat ihre Position durch offensive Rennen und geschickt gewählte Fluchtgruppen verbessern. Ein Platz unter den besten Zehn ist deshalb nicht immer nur das Ergebnis von defensiver Konstanz. Er kann auch durch kalkuliertes Risiko entstehen.
UAE fährt nicht nur auf Gelb, sondern auch auf doppeltes Podium
Isaac Del Toro (UAE Team Emirates-XRG) war in der ersten Woche vor allem als letzter Helfer Pogačars aufgefallen. Er gewann zwar am Montjuïc, fuhr das Lead-Out in Les Angles, bereitete die entscheidende Attacke am Tourmalet vor und lag vor dem ersten Ruhetag auf Rang drei. Im Zentralmassiv auf Etappe geriet er jedoch in Schwierigkeiten und fiel auf den siebten Platz zurück.
Am Ende der zweiten Woche steht der Mexikaner wieder auf Rang drei. Auf der 14. Etappe profitierte er von der taktischen Situation hinter Pogačar. Während sein Kapitän allein in Richtung Ziel fuhr, konnte Del Toro an den Rädern von Vingegaard und Seixas bleiben. Im Sprint der Verfolger sicherte er sich Platz zwei. Einen Tag wurde er auf dem Plateau de Solaison Dritter.
Del Toro ist damit weit mehr als eine Absicherung für Pogačar. Er trägt das Weiße Trikot und besitzt eine realistische Chance auf das Podium in Paris. Sein Vorsprung auf Seixas beträgt allerdings nur 25 Sekunden, auf Ayuso 1:30 Sekunden. Das Einzelzeitfahren könnte diese knappen Abstände erneut verschieben.
UAE Team Emirates-XRG verfügt dadurch über eine taktische Position, die kein anderes Team besitzt. Greift ein Konkurrent Pogačar an, kann Del Toro am Hinterrad bleiben. Muss ein Team auf Del Toro reagieren, wird die Kontrolle für Pogačar leichter.
Ein doppelter Podiumsplatz für UAE wäre nach dem bisherigen Rennverlauf keine Überraschung mehr. Garantiert ist er allerdings nicht. Del Toro muss sich im Zeitfahren gegen Evenepoel behaupten und in den Alpen Seixas, Lipowitz sowie Juan Ayuso kontrollieren. Zudem bleibt seine wichtigste Aufgabe weiterhin die Unterstützung Pogačars.
Genau darin liegt die Herausforderung. Del Toro fährt gleichzeitig für den Gesamtsieg seines Kapitäns, das Weiße Trikot und den eigenen Podiumsplatz. In der Schlusswoche könnten diese Ziele erstmals miteinander kollidieren.
Aufmacherfoto: IMAGO / Belga
