Start Profi-Sport Frühjahrsklassiker 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 1

Frühjahrsklassiker 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 1

Übersicht

Werden wieder Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel die Eintagesrennen dominieren, oder wird ein anderer Fahrer zum „Klassikerkönig“ 2026? Die Standortbestimmung beginnt nicht erst bei den Monumenten wie Mailand-Sanremo, Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix. Sondern schon Wochen vorher. Bei den Rennen in Flandern, die geprägt sind von Regen, Wind und Hellingen und Kasseien. Genau diese Wettkämpfe liefern die ersten harten Belege, wer wirklich schon die vielbesagte Rennhärte besitzt – und wer noch im Formaufbau ist. Radsportexperte Bernd Landwehr, Chefredakteur des Cyclingmagazine, erstellt für Alpecin Cycling ein Formbarometer der Favoriten vor und nach jedem großen Rennen.

Faszination Frühjahrsklassiker

Es ist eine ganz besondere Zeit des Radsport-Jahres. Die Klassiker im Frühjahr. Das erste Drittel der Saison, gespickt mit prestigeträchtigen Eintagesrennen. Auch wenn es zwischen Februar und April einige bedeutsame Etappenrennen gibt, schaut die Radsportwelt auf die „Klassiker“. Diese Eintagesrennen mit ganz viel Tradition und sehr besonderem Charakter.

Vier der fünf Radsportmonumente – die bedeutendsten Eintagesrennen mit mehr als 100 Jahren Tradition – werden im Frühjahr ausgetragen: Mailand-Sanremo, die Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Das fünfte Monument, die Lombardei-Rundfahrt, dagegen ganz am Ende der Saison.

Neben den vier Monumenten gibt es im Frühjahr eine ganze Reihe weiterer bedeutsamer Eintagesrennen. Alle ähnlich, aber doch verschieden.

Diese Rennen üben eine ganz besondere Faszination aus. Sie haben einen Eigenwillen Charakter. Die meisten davon finden in Belgien statt. Es sind Rennen für Typen, die aus einem besonderen Holz geschnitzt sind. Nicht selten geht es bei widrigen Bedingungen, Kälte und Regen über schmale Pfade mit Kopfsteinpflaster. Für die Spezialisten für diese Rennen entwickelte sich früh ein Begriff – der des „Flahute“. Es steht für harte Typen, die nie aufgeben und sich bei den härtesten Bedingungen durchsetzen. Es bedeutet so viel wie Männer aus dem Norden. In der frühen Geschichte dieser Rennen waren es nicht selten Minenarbeiter, die sich mit dem erbitterten Kampf auf dem Rad ein besseres Leben ermöglichten. Das Bild der „Gladiatoren der Landstraße“ passt bei den Kopfsteinpflaster-Rennen noch immer. 

Der Startschuss fällt beim Opening Weekend

Das Radsport-Frühjahr der Klassiker folgt einer ganz besonderen Dramaturgie. Los geht’s mit dem legendären „Opening Weekend“. Am letzten Wochenende im Februar stehen in Belgien zwei Rennen an – Omloop Nieuwsblad und Kuurne-Brüssel-Kuurne. Fans und Fahrer fiebern dem Auftakt der für viele – auch diesem Autor – schönsten Zeit des Jahres schon Wochen im Voraus entgegen. Während es am Sonntag in Kuurne oft zum Sprint kommt, ist der Ausgang von „Nieuwsblad“ – früher bekannt unter dem Namen Het Volk – am Samstag schwer vorherzusagen.

Kurzer Abstecher nach Italien zu Strade Bianche und Mailand-Sanremo

Ab dem Eröffnungswochenende gibt es in Flandern jede Woche einige Radrennen. Die Gitter an den Einfahrten der „Hellinge“, den kurzen, meist gepflasterten Steigungen in den flämischen Ardennen, bleiben oft über Wochen stehen. Denn an diesen legendären Anstiegen werden auch kleine Amateurrenen und Nachwuchsrennen ausgetragen. In Flandern lebt man Radsport, dort weiß man, dass ein Gitter und ein Schild „Achtung Radrennen“ bedeuten. 

Doch ehe die Weltspitze nach dem Opening Weekend wieder auf die heiligen Pflaster des Radsports zurückkehrt, dauert es einige Wochen. Denn ein Teil des Klassikertross verlegt nach Italien und Frankreich. Erst steht dort der Neo-Klassiker Strade Bianche an, der über mehrere Gravelsektoren führt. Dann folgt zwei Wochen später mit Mailand-Sanremo das erste Monument. Die Fahrt in den Frühling, ein 300-Kilometer-Rennen, das viele Stunde vor sich hinplätschert, dann immer mehr Spannung aufbaut und sich schließlich im packendsten Finale des gesamten Radsportjahres entlädt. Zwischen Steade und Sanremo feilen die Eintagesfahrer dann noch bei den Etappen-Rennen Tirreno-Adriatico oder Paris-Nizza an ihrer Form.

Spannung und Drama auch bei den „Halbklassikern“

Auch in Belgien gibt es Anfang März bedeutende Eintagesrennen – sogenannte „Halbklassiker“. Beispielswese „Le Samyn“ direkt zwei Tage nach dem Opening Weekend sowie „Nokere-Koerse“ oder der „GP Dainan“. Einige der reinen Klassikerfahrer bleiben in der Region und bestreiten nahezu die komplette „Klassiker-Kampagne“.

Weltstars wie Mathieu van der Poel, Wout van Aert, Tadej Pogacar oder Tom Pidcock reisen aber oft in den Süden zu den italienischen Rennen. Auch das bringt Spannung – denn so gibt es bei Rennen wie in Dainan oder Samyn für die zweite Reihe die Chance sich zu zeigen. Oft sind die „Halbklassiker dann spektakuläre Radrennen, bei denen die künftigen Klassikerstars erste Ausrufezeichen setzen! 

Nach dem ersten Monument – Mailand-Sanremo am 21. März 2026 – geht es dann in Belgien richtig zur Sache.

Die heilige flämische Woche“ mit E3, Gent-Wevelgen, Dwaars und der Ronde

Die Flandern-Rundfahrt ist zwar der absolute Höhepunkt des Frühjahrs in Flandern – doch schon in der Woche davor dominiert der Radsport die Medien in Belgien. In den neun Tagen vor der „Ronde van Vlaanderen“ gibt es drei weitere große Rennen. Es ist die „heilige flämische Woche“. E3-Saxo Classic, Gent-Wevelgem und am Mittwoch vor der Ronde „Dwars door Vlaanderen“. Der „E3-Prijs“ gilt als ‚kleine Flandern-Rundfahrt’ und Generalprobe für die Ronde. Er wird zum 68. Mal ausgetragen, die anderen beiden Rennen sind mehr als 80 Jahre alt. So baut sich in Flandern eine Stimmung auf und alle fiebern dem Ronde-Sonntag am ersten April-Wochenende entgegen. Beim Breitensportevent am Samstag vor der Ronde sind in jedem Jahr mehr als 20.000 Hobbysportler am Start – auch das ein Fest.

Die Flandern-Rundfahrt ist das größte Radrennen in Belgien. „Vlaanderens Mooiste“ – flanderns Schönste wird das Rennen genannt. Es heißt, man könnte an diesem Tag problemlos jede Bank ausrauben, weil ganz Flandern an der Strecke steht, oder vor dem Fernseher sitzt. Es ist ein unglaublicher Radsportfeiertag, mit vielen Millionen Zuschauern an der Strecke. Die Stimmung ist anders als etwa beim Megaevent Tour de France. In Belgien ist Fachpublikum an der Strecke. Deutsche Profis berichten immer wieder, wie beeindruckt sie bei der ersten Teilnahme waren, weil die Fans ihren Namen kannten. Angefeuert wird jeder. Das Bier fließt in Strömen, viele Fans reisen während des Rennens an unterschiedliche Stellen des Zickzack-Kurses, um die Fahrer und Fahrerinnen mehrfach zu sehen. Radsportparty galore. Auch diese Rennen sind in den vergangenen 20 Jahren mehr zum Event geworden, wurden immer stärker kommerzialisiert. Doch längst nicht so stark wie eine Tour de France. 

Die großen Monumente des Radsports: Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix

Die Monumente Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix werden an aufeinanderfolgenden Sonntagen Anfang April ausgetragen – es sind die absoluten Höhepunkte der Kopfsteinplfaster-Klassiker.

Am Mittwoch nach der Ronde gibt es den Scheldeprijs – die inoffizielle Sprinter-Weltmeisterschaft.  Am Sonntag dann Paris-Roubaix – der große Abschluss der Kopfsteinpflaster-Rennen. Das Monument in Nordfrankreich, kurz hinter der flämischen Grenze. Der Anachronismus des Radsports – die Hatz über absurd schlechtes Kopfsteinpflaster. Ein faszinierendes Rennen durch eine karge Landschaft. Zigtausende Fans säumen die schmalen Pflasterwege, blicken den leidenden Profis ins Gesicht. Das große Finale dann auf der Radrennbahn in Roubaix, wo der Sieger einen Pflasterstein bekommt – was sonst!

Abschluss des Klassiker-Frühjahrs in den Ardennen

In Roubaix endet die Saison der „Flahute“ bei den Eintagesrennen. Doch die Zeit der Eintagesrennen geht noch zwei Wochen weiter. Der Radsportzirkus reist in die Ardennen, wo Fahrer mit Punch und Bergfestigkeit brillieren können.

Den Auftakt zum sogenannten „Ardennen-Triple“ macht das Amstel Gold Race in den Niederlanden, nur eine Woche nach Roubaix. Am Mittwoch folgt der Fleche Wallonne – mit dem steilen Finale an der „Mur de Huy“.  Am Sonntag darauf dann das letzte Frühjahrs-Monument – Lüttich-Bastogne-Lüttich. In den Ardennen sind andere Fahrertypen gefragt – leichtere, bergfestere Männer. Nur absolute Ausnahmekönner wie Tadej Pogacar oder Mathieu van der Poel können auf beiden Terrains bestehen.

Form-Barometer der Favoriten bei den Frühjahrsklassikern

Im vergangenen Jahr dominierten Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel die Klassiker. Van der Poel gewann die Monumente in Sanremo und Roubaix, Pogacar gewann die Ronde van Vlaanderen und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Wer wird in diesem Jahr bei den Monumenten siegen? Wir wollen auf die Favoriten schauen, sie während der Klassikerzeit begleiten und mit Blick auf die Monumente den Favoritenkreis genauer unter die Lupe nehmen.

Auch wenn Van der Poel und Pogacar die großen Favoriten sind, an Herausforderern mangelt es nicht! Wout van Aert, Mads Pedersen, Filippo Ganna sind nur einige der härtesten Konkurrenten. Je nach Rennen müssen die beiden Überflieger andere Fahrer fürchten. Bei Mailand-Sanremo, dem ersten Monument, sind es auch endschnelle Männer wie Michael Matthews oder Jasper Philipsen, die sich bergauf nur schwer abhängen lassen und die man auf dem Zettel haben muss. Filippo Ganna konnte im vergangenen Jahr den Attacken von Pogacar ebenfalls folgen, Van Aert, Stuyven und Philipsen haben auf der Via Roma bereits triumphiert, Mads Pedersen war stets in den Top Ten.

Auftakt beim Omloop Nieuwsblad

Den ersten Anhaltspunkt in Sachen Klassiker-Form wird das Opening Weekend geben – beim ersten World-Tour-Klassiker Omloop Nieuwsblad. Dort sind längst nicht alle Favoriten am Start. Tadej Pogacar beispielsweise wird erst in Italien, bei der Strade Bianche in die Saison starten. Mads Pedersen hat sich beim ersten Rennen der Saison das Handgelenk gebrochen und fällt vorerst aus. Ob Mathieu van der Poel beim Omloop Nieuwsblad auftaucht, bleibt abzuwarten.

Wout van Aert hingegen plant für dieses Rennen seinen Saisoneinstand! Tim Wellens, der Sieger der Clasica Jaean, wird mit einem starken UAE-Team dabei sein und auch Tom Pidcock plant einen Start beim ersten Klassiker. Titelverteidiger Søren Wærenskjold wird dabei sein, auch Megatalent Paul Magnier, der im vergangenen Jahr Zweiter wurde. Jasper Philipsen will ebenfalls starten. Sollte es am Ende zur Sprintentscheidung kommen, sind diese Herren ganz sicher in der Favoritenrolle! Doch das Wetter kann Ende Februar durchaus eine große Rolle spielen und das Rennen stark beeinflussen.

Die Top-Favoriten für die Klassiker vor dem Omloop Nieuwsblad

Tadej Pogacar: Nicht am Start.

Mathieu van der Poel: Der Niederländer gibt möglicherweise sein Saisondebüt. die Form wird vermutlich noch nicht für den Sieg reichen – doch bei MvdP weiß man nie!

Tom Pidcock: Fuhr bislang stark, wenn auch ohne Sieg. Kann zum Kreis der Favoriten gezählt werden, wenn es nicht zu einem Massensprint kommt. 

Mads Pedersen: Fehlt wegen eines Handgelenkbruchs.

Jasper Philipsen: Sammelte Rennhärte bei der Algarve-Rundfahrt.

Filippo Ganna: Nicht am Start.

Michael Matthews: Nicht am Start.

Wout van Aert*: Startet beim Omloop in die Saison. Hinter seiner Form steht ein Fragezeichen, nachdem er sich beim Cyclocross-Rennen Anfang Januar einen Bruch am Knöchel zuzog.

Arnaud de Lie*: Nach verkorkster Frühjahrsklassikersaison 2025 sinnt der Belgier auf Revanche. Bislang solide mit zwei Top Ten-Resultaten.

* voraussichtlich bei Mailand-Sanremo nicht am Start

Riders to watch: 10 Fahrer, auf die man beim Frühjahrsklassiker Omloop Nieuwsblad auch achten sollte:

Lewis Askey: endschnell und kennt das Rennen inzwischen 
Rasmus Tiller: eine krasse Tempomaschine
Sam Watson: im vergangenen Jahr knapp am Podium vorbei  – endschneller Mann
Christophe Laporte: sehr erfahren und endschneller Klassikerfahrer in guter Form
Huub Artz: Klassikertalent
Biniam Girmay: bereits in sehr guter Form
Søren Wærenskjold: der Titelverteidiger
Lukáš Kubiš: schneller Mann, der für eine Überraschung gutist
Pierre Gautherat: talentierter Klassikerfahrer aus dem Elsass
Matej Mohorič: der ehemalige Mailand-Sanremo-Sieger fährt stets offensiv und bereits in guter Form

Foto (Aufmacher): Felix Homann / Fellusch

Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.