Start Profi-Sport Tour de France 2026: Pogačars Dominanz und die Erkenntnisse der ersten Woche

Tour de France 2026: Pogačars Dominanz und die Erkenntnisse der ersten Woche

Übersicht

Neun Etappen, sieben unterschiedliche Sieger und drei Fahrer im Gelben Trikot: Die erste Woche der Tour de France 2026 bot deutlich mehr Abwechslung, als es der Blick auf die Gesamtwertung vermuten lässt. Jonas Vingegaard eröffnete die Rundfahrt mit einem taktisch und sportlich überzeugenden Erfolg im Mannschaftszeitfahren. Isaac Del Toro, Mads Pedersen, Olav Kooij, Tim Merlier und Mathieu van der Poel feierten Etappensiege auf völlig unterschiedlichen Wegen. Ausreißer bestimmten ebenso das Geschehen wie Sprinter und Klassikerspezialisten.

Über allem aber steht Tadej Pogačar. Der Slowene gewann zwei Etappen, dominierte auf dem Col du Tourmalet und führt vor dem ersten Ruhetag mit 2:42 Minuten Vorsprung auf Jonas Vingegaard. Damit hat er eine Tour, die von den Organisatoren eigentlich als sportliches Crescendo konzipiert worden war, bereits nach sechs Etappen in eine eindeutige Richtung gelenkt. Entschieden ist die Rundfahrt noch nicht. Aber die Konkurrenz benötigt inzwischen mehr als gute Beine: Sie braucht einen Plan, Mut und vermutlich auch eine Schwäche des Weltmeisters.

Tadej Pogačar dominiert die Tour von Beginn an

Tadej Pogačar (UAE Team Emirates-XRG) benötigte in Barcelona nicht einmal einen Etappensieg, um seine Stärke zu demonstrieren. Beim Mannschaftszeitfahren am ersten Tag war er auf den abschließenden Finalanstieg der schnellste Fahrer, obwohl er vorher selbst schon viel Führung gefahren war. Einen Tag später kontrollierte er am Montjuïc die Konkurrenz und „schenkte“ seinem Teamkollegen Isaac Del Toro den Sieg. Auf der ersten Bergankunft in Les Angles setzte sich Pogačar dann selbst durch. Mit seinem Antritt im Finale distanzierte er Jonas Vingegaard um zwei Sekunden und eroberte über die Zeitbonifikation erstmals das Gelbe Trikot.

Die eigentliche Machtdemonstration folgte jedoch auf der sechsten Etappe. UAE Team Emirates-XRG erhöhte am Col du Tourmalet früh das Tempo. Rund fünf Kilometer vor der Passhöhe bereitete Del Toro die Attacke seines Kapitäns vor. Vingegaard konnte nicht folgen. Pogačar fuhr anschließend 43 Kilometer allein bis nach Gavarnie-Gèdre und nahm seinem größten Rivalen auf der Etappe 2:38 Minuten ab.

Das Entscheidende war dabei nicht nur der zeitliche Abstand. Es war die Art, wie Pogačar ihn herausfuhr. Er attackierte nicht am Schlussanstieg, sondern bereits am Tourmalet. Er vertraute seiner Kletterleistung, seiner Abfahrtstechnik und seiner Fähigkeit, ein langes Solo bis ins Ziel durchzuziehen. Die Etappe zeigte deshalb nicht bloß, dass Pogačar stärker war als Vingegaard. Sie zeigte, dass er mehr Möglichkeiten besitzt, ein Rennen zu entscheiden.

Vor dem ersten Ruhetag führt Pogačar nun 2:42 Minuten vor Vingegaard. Isaac del Toro liegt als Dritter bereits 3:27 Minuten zurück. Ein solcher Vorsprung ist angesichts der noch ausstehenden Bergankünfte keine Garantie für den Gesamtsieg. Er verändert aber die Rollen. Pogačar kann abwarten, kontrollieren und auf Angriffe reagieren. Seine Gegner müssen handeln.

Die Streckenplanung der ASO: Das Crescendo kam zu früh

Bei der Vorstellung der Strecke hatte Tour-Direktor Christian Prudhomme von einer Rundfahrt „in crescendo“ gesprochen. Die schwersten Entscheidungen sollten möglichst spät fallen – in der Schlusswoche idealerweise erst mit den zwei aufeinanderfolgenden Etappen nach Alpe d’Huez. Diese Architektur sollte verhindern, dass Pogačar die Tour bereits in der ersten Woche kontrolliert oder gar (vor)entscheidet.

Zumindest dieser Teil ist nicht aufgegangen. Bereits die ersten drei Etappen boten Pogačar Chancen, seine Vielseitigkeit auszuspielen: ein Mannschaftszeitfahren mit steilem Finale, der explosive Rundkurs am Montjuïc und die Bergankunft in Les Angles. Auf der sechsten Etappe folgte mit Aspin, Tourmalet und dem Weg nach Gavarnie-Gèdre die erste Hochgebirgsetappe. Allerdings gingen viele Experten davon aus, dass bei der moderaten Berganankunft in den Pyrenäen eine Favoritengrüppche ankommen würde.

Ausgerechnet der Tourmalet wurde zur Startrampe für die bisher größte Zeitdifferenz dieser -Frankreich-Rundfahrt. Eine Etappe, die ursprünglich wohl vor allem eine erste Standortbestimmung sein sollte, hat im Gesamtklassement für große Abstände gesorgt. Zwischen dem Führenden Pogačar und dem Zehnten Egan Bernal liegen nach neun Etappen bereits mehr als neun Minuten.

Natürlich kann eine Tour mit zwei Wochen und zahlreichen Bergetappen nicht als entschieden gelten. Stürze, Krankheiten, Hitze und Formschwankungen bleiben unkalkulierbar. Sportlich ist die Ausgangslage dennoch eindeutig: Die Organisatoren haben die größten Schwierigkeiten zwar in die Schlusswoche gelegt, Pogačar aber schon früh genau jenes Terrain angeboten, auf dem er seine Überlegenheit demonstrieren konnte.

Das geplante Crescendo existiert weiterhin im Streckenprofil. In der Gesamtwertung hat der Höhepunkt möglicherweise bereits am Tourmalet stattgefunden.

Teamwork ist das Leitmotiv der ersten Tour-Woche

So sehr Pogačar die Rundfahrt prägt, so sehr war die erste Woche von herausragenden Teamleistungen bestimmt. Und de abgedroschene Slogan „Teamwork makes the dream work“ stimmt wieder einmal.

Den Anfang machte Team Visma | Lease a Bike im Mannschaftszeitfahren von Barcelona. Das neue Reglement ermittelte den Etappensieger anhand des schnellsten Fahrers jedes Teams, während für die Gesamtwertung die individuellen Zeiten zählten. Visma nutzte dieses Format konsequent. Vingegaards Teamkollegen investierten ihre Kräfte auf den flacheren Abschnitten, ehe der Däne am Montjuïc allein zur Bestzeit fuhr. Er gewann für sein Team mit acht Sekunden vor Netcompany Ineos mit Filippo Ganna und zwölf Sekunden vor UAE Team Emirates-XRG mit Pogačar.

Es war eine präzise kollektive Leistung mit einem klaren Ziel: Vingegaard sollte möglichst frisch in den Schlussanstieg kommen. Der Plan ging vollständig auf. Dass der Däne im Gelben Trikot auf dem Podium stand, durfte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Sieg von sieben Fahrern vorbereitet worden war.

UAE Team Emirates-XRG antwortete am nächsten Tag. Brandon McNulty, Adam Yates und die übrigen Helfer reduzierten das Feld auf dem Rundkurs von Barcelona. Als Mattias Skjelmose im Finale attackierte, schloss Isaac Del Toro die Lücke. Pogačar hielt die Konkurrenten hinter sich in Schach, während Del Toro zum Etappensieg fuhr. UAE belegte erstmals bei einer Tour-Etappe die Plätze eins und zwei.

Auch am Tourmalet war Del Toro der entscheidende letzte Helfer. Er bereitete Pogačars Angriff vor und belegte anschließend selbst Rang drei. Nach neun Etappen liegt der Mexikaner ebenfalls auf dem dritten Platz der Gesamtwertung. Del Toro ist damit nicht nur ein Edelhelfer, sondern zugleich eine taktische Absicherung. Muss Vingegaard Pogačar verfolgen, kann Del Toro profitieren. Bleibt er bei Del Toro, erhält Pogačar möglicherweise freie Fahrt.

Die vielleicht eindrucksvollste Teamleistung lieferte Lidl-Trek auf der vierten Etappe nach Foix. Mads Pedersen, Quinn Simmons und Mathias Vacek platzierten sich in einer 34 Fahrer starken Ausreißergruppe. Vacek kontrollierte zwischenzeitliche Vorstöße, Simmons und Vacek hielten Pedersen über den Col de Montségur im Rennen und arbeiteten anschließend bis ins Finale. Pedersen gewann vor Simmons; Vacek hatte entscheidenden Anteil an diesem Doppelerfolg. Gleichzeitig übernahm Pedersen das Grüne Trikot.

Es war keine zufällige Überzahlsituation, sondern taktisch Masterclass: Lidl-Trek brachte mehrere Fahrer in die entscheidende Gruppe, verteilte die Aufgaben und verwandelte die zahlenmäßige Überlegenheit konsequent in einen Etappensieg.

Hinter Pogačar beginnt eine zweite Gesamtwertung

Der Kampf um Gelb scheint nach Pogačars Tourmalet-Solo bereits entscheiden. Der Kampf um das Podium ist dagegen vollkommen offen. Jonas Vingegaard liegt zwar auf Rang zwei, besitzt aber nur 45 Sekunden Vorsprung auf Isaac del Toro. Dahinter folgen Remco Evenepoel mit 3:30 Minuten Rückstand, Juan Ayuso mit 3:34 Minuten, Paul Seixas mit 3:55 Minuten und Florian Lipowitz mit genau vier Minuten. Zwischen Platz drei und Platz sieben liegen lediglich 33 Sekunden.

Gerade wenn man berücksichtigt, dass Vingegaard gegen Ende der Pyrenäenetappe immer „schwächer“ wurde und enorm Zeit einbüßte. Hätten die Verfolger konsequent nachgeführt, wäre er nicht als Solist auf Rang zwei ins Ziel gekommen.

Diese Konstellation dürfte die kommenden Bergetappen taktisch interessant machen. Del Toro kann zunächst weiter für Pogačar arbeiten, ist aber gleichzeitig ein Kandidat für das Podium und das Weiße Trikot. Evenepoel besitzt im noch ausstehenden Einzelzeitfahren eine große Chance, Zeit gutzumachen. Ayuso, Seixas und Lipowitz könnten dagegen versuchen, ihre Kletterstärke für Angriffe zu nutzen.

Besonders bemerkenswert ist der Auftritt von Paul Seixas (Decathlon-CMA CGM Team). Der junge Franzose liegt bei seiner ersten Tour auf Rang sechs und nur 28 Sekunden hinter Del Toro im Nachwuchsklassement.

Die Tour besitzt damit zwei unterschiedliche Rennen. Vorn fährt Pogačar. Dahinter kämpfen sechs Fahrer um zwei verbliebene Podiumsplätze.

Evenepoel und Lipowitz: Doppelspitze beim ersten Stresstest

Red Bull-Bora-Hansgrohe war mit einer offiziell angekündigten Doppelspitze aus Remco Evenepoel und Florian Lipowitz in die Tour gestartet. Nach der ersten Hochgebirgsetappe steht dieses Modell zumindest auf dem Prüfstand.

Lipowitz überquerte den Tourmalet vor Evenepoel. Der Belgier schloss auf der Abfahrt wieder zu seinem Teamkollegen auf. Im Finale wollte Evenepoel anschließend um Rang drei und die damit verbundenen Bonussekunden sprinten. Nach eigener Darstellung bat er Lipowitz um Unterstützung, erhielt aber nicht den gewünschten Lead-out. Del Toro wurde Dritter, Evenepoel Vierter. Anschließend kritisierte der Belgier seinen Teamkollegen öffentlich.

Team und Fahrer erklärten später, die Angelegenheit sei intern besprochen und ausgeräumt worden. Das sportliche Grundproblem bleibt dennoch bestehen. Evenepoel liegt als Vierter 30 Sekunden vor Lipowitz. Dieser Abstand ist zu klein, um eine klare Hierarchie zu rechtfertigen. Gleichzeitig unterscheiden sich die Stärken beider Fahrer: Evenepoel besitzt Vorteile im Zeitfahren und auf taktisch schwierigen Etappen; Lipowitz dürfte auf langen Anstiegen der Bessere sein.

Eine Doppelspitze funktioniert, solange beide Fahrer kooperieren und das Rennen mehrere Optionen zulässt. Sie wird schwierig, sobald einer vom anderen konkrete Helferdienste erwartet. Genau dieser Moment trat bereits auf der ersten großen Bergetappe ein.

Von einem endgültigen Scheitern der Doppelspitze zu sprechen, wäre verfrüht. Die erste Woche hat aber gezeigt, dass Red Bull-Bora-Hansgrohe nicht nur die Konkurrenz, sondern auch die Rollenverteilung im eigenen Team kontrollieren muss.

Tim Merlier ist der schnellste Sprinter – Grün trägt trotzdem Pedersen

Drei klassische Sprintchancen gab es in der ersten Woche. Olav Kooij (Decathlon-CMA CGM Team) gewann in Pau, Tim Merlier (Soudal Quick-Step) anschließend in Bordeaux und Bergerac. Der Belgier ist damit bislang der erfolgreichste und schnellste reine Sprinter dieser Tour.

Bemerkenswert war, dass Merliers Siege nicht aus einem perfekt funktionierenden Lead-Out entstanden. In Bordeaux verlor er zwischenzeitlich seine bevorzugte Position, musste sich im hektischen Finale selbst orientieren und fand erst spät wieder freie Fahrt. Alpecin-Premier Tech führte Jasper Philipsen geschlossen in den letzten Kilometer, doch Merlier kam von hinten und gewann deutlich. Auch in Bergerac musste er früh antreten und mit einem langen Sprint an Philipsen, Kooij und Girmay vorbeiziehen.

Merliers Stärke liegt nicht allein in seiner Endgeschwindigkeit. Er kann auch dann gewinnen, wenn der ursprüngliche Plan zusammenbricht. Er benötigt keinen mehrere Kilometer langen, vollständig intakten Zug. Solange er auf den letzten 300 Metern noch Kontakt zur Spitze besitzt, kann er aus eigener Kraft die richtige Lücke finden.

Das Grüne Trikot trägt trotzdem Mads Pedersen. Der Lidl-Trek-Kapitän sammelte bereits auf den schwierigen ersten Etappen und bei den Zwischensprints Punkte, gewann in Foix und verteidigte seine Führung auch auf den flachen Tagen. Nach der neunten Etappe liegt er mit 268 Punkten vor Biniam Girmay mit 223 und Merlier mit 213 Zählern.

Damit zeigt sich der Unterschied zwischen dem besten Sprinter und dem besten Fahrer der Punktewertung. Merlier besitzt die höchste Endgeschwindigkeit. Pedersen nutzt die offensivere Strategie und das Team, das auch auf hügeligen Etappen konsequent für Punkte fährt.

Mathieu van der Poel erlöst Alpecin-Premier Tech

Alpecin-Premier Tech musste ungewöhnlich lange auf den ersten Erfolg warten. Jasper Philipsen fuhr bei seinen drei Sprintchancen auf die Plätze fünf, fünf und vier. Das Team brachte ihn mehrfach in aussichtsreiche Positionen, konnte die Vorarbeit aber nicht in einen Sieg umwandeln.

Mathieu van der Poel änderte diese Bilanz auf der neunten Etappe. Auf dem wegen der extremen Hitze verkürzten Teilstück nach Ussel kämpfte er lange um die Aufnahme in die Ausreißergruppe. Am Mont Bessou forcierte er selbst die entscheidende Selektion. Gemeinsam mit Tobias Halland Johannessen, Tom Pidcock und Alex Baudin behauptete er sich knapp vor dem herannahenden Feld und gewann den Sprint der vier Spitzenreiter. Filippo Ganna führte das Hauptfeld nur sechs Sekunden später ins Ziel.

Der Sieg war typisch für Van der Poel. Er wartete nicht darauf, dass sich eine günstige Rennsituation ergab, sondern formte das Rennen selbst. Er investierte bereits in der hektischen Anfangsphase viel Kraft, setzte am letzten kategorisierten Anstieg die entscheidende Attacke und übernahm im letzten Kilometer Verantwortung, obwohl seine Begleiter wussten, dass er der schnellste Fahrer der Gruppe war.

Für Alpecin-Premier Tech war es mehr als ein Etappensieg. Die Mannschaft blieb damit auch 2026 ihrer Serie treu und gewann seit ihrem Tour-Debüt 2021 bei jeder Austragung mindestens eine Etappe. Vor allem aber nahm Van der Poel Druck von Philipsen und dem gesamten Sprintzug.

Die Hitze wird zu einem bestimmenden Faktor

Die sportliche Analyse der ersten Woche ist ohne die Wetterbedingungen unvollständig. Bereits auf mehreren Etappen lagen die Temperaturen deutlich über 30 Grad. Vor der neunten Etappe rief Météo-France für das Département Corrèze die höchste Hitzewarnstufe aus. Die ursprünglich 185,5 Kilometer lange Strecke wurde um rund 30 Kilometer verkürzt; tatsächlich gefahren wurden 154,6 Kilometer mit etwa 3000 Höhenmetern.

Die Hitze beeinflusst nicht nur das Wohlbefinden der Fahrer. Sie verändert die Leistungsfähigkeit, die Flüssigkeitsaufnahme, die Kühlstrategien und die Erholung. Sprinter wie Merlier und Kooij verloren auf der neunten Etappe früh den Anschluss. Van der Poel, der an den Vortagen noch nicht seine beste Leistung gezeigt hatte, bewältigte die Belastung dagegen außergewöhnlich gut.

Für die kommenden zwei Wochen könnte die Thermoregulation beinahe so wichtig werden wie die reine Kletterform. Ein Fahrer kann auf dem Papier stark sein und dennoch entscheidend verlieren, wenn er zu viel Flüssigkeit einbüßt, seine Kerntemperatur nicht kontrolliert oder sich zwischen den Etappen unzureichend erholt.

Die erste Woche dieser Tour hat deshalb zwei Wahrheiten hervorgebracht. Sportlich besitzt Tadej Pogačar einen komfortablen Vorsprung. Unter den extremen Bedingungen dieser Rundfahrt bleibt Komfort allerdings ein relativer Begriff.

Etappensiege nur noch eine Sache der Superstars

Jonas Vingegaard, Isaac del Toro, Tadej Pogačar, Mads Pedersen, Olav Kooij, Tim Merlier und Mathieu van der Poel: Die Liste der Etappensieger der ersten Tour-Woche liest sich wie eine Auswahl der besten Fahrer der Welt. Pogačar und Merlier gewannen jeweils zweimal. Selbst auf den Tagen, an denen eine Ausreißergruppe erfolgreich war, setzte sich am Ende kein Außenseiter durch, sondern mit Pedersen und Van der Poel jeweils ein ehemaliger Weltmeister.

Auch Isaac del Toro ist trotz seines jungen Alters längst kein Überraschungssieger mehr. Der Mexikaner gehört zur absoluten Weltspitze und gewann am Montjuïc aus einer von UAE Team Emirates-XRG kontrollierten Spitzengruppe. Olav Kooij wiederum zählte bereits vor seinem Tour-Debüt zu den schnellsten Sprintern des Pelotons. Ein unbekannter Fahrer, der einen günstigen Rennverlauf nutzt und unverhofft den größten Sieg seiner Karriere feiert, fehlt in der bisherigen Siegerliste.

Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck des modernen Radsports.. Strecken werden detailliert analysiert, entscheidende Passagen mehrfach besichtigt und Belastungen mithilfe von Leistungsdaten exakt vorbereitet. Ernährung, Material, Kühlung und Regeneration sind bis ins Detail optimiert. Wer eine Tour-Etappe gewinnen will, benötigt deshalb nicht nur einen guten Tag. Er muss in absoluter Topform sein und meist auch auf ein Team vertrauen können, das den Rennverlauf auf seine Stärken zuschneidet.

Selbst in der klassischen Fluchtgruppe haben Außenseiter eine Chance. Auf der vierten Etappe befanden sich 34 Fahrer an der Spitze. Gewonnen hat mit Pedersen dennoch der stärkste und schnellste Fahrer der Gruppe, nachdem Lidl-Trek die Etappe mit drei Profis kontrolliert hatte. In Ussel setzte sich Van der Poel aus einer hochklassigen Spitzengruppe mit Tobias Halland Johannessen, Tom Pidcock und Alex Baudin durch. Der Erfolg der Ausreißer bedeutete dort nicht, dass die Favoriten den Tag freigegeben hatten. Er bedeutete, dass sich einige der stärksten Klassiker- und Rundfahrer des Feldes gegen das Peloton behaupteten.

Natürlich werden im weiteren Verlauf der Tour wieder Fahrer aus der zweiten Reihe ihre Chancen suchen. Gerade auf den Übergangsetappen kann eine taktisch günstige Konstellation weiterhin einen Überraschungssieg ermöglichen. Die erste Woche zeigt jedoch, wie schwierig das geworden ist. Die großen Namen sind nicht nur stärker als früher, sondern auch vielseitiger. Pogačar gewinnt im Hochgebirge, Pedersen übersteht anspruchsvolle Anstiege, Van der Poel entscheidet schwere Fluchtetappen und die besten Sprinter finden selbst ohne perfekten Anfahrerzug noch einen Weg nach vorn.

Die bisherige Erkenntnis dieser Tour lautet deshalb: Eine gute Flucht, taktischer Mut und ein günstiger Rennverlauf reichen allein kaum noch aus. Wer bei der Tour de France eine Etappe gewinnen will, muss an diesem Tag zu den stärksten Fahrern im gesamten Rennen gehören. Die Tour verteilt keine Geschenke – und der moderne Radsport immer seltener Überraschungssiege.

Foto: Photonews.be