Mathieu van der Poel hat bei der Tour de France 2026 mit dem Etappensieg auf dem 9. Tagesabschnitt in Ussel ein weiteres Kapitel seiner außergewöhnlichen Karriere geschrieben. In einer von Hitze, Höhenmetern und taktischer Geduld geprägten Etappe setzte sich der Kapitän von Alpecin-Premier Tech eindrucksvoll durch. Der Radsport-Experte und renommierte Sportjournalist Raymond Kerckhoffs analysiert, warum dieser Sieg nicht aus dem Nichts kam – sondern auch das Ergebnis brutaler Trainingsarbeit, gezielter Akklimatisation an die Hitze und eines Teams ist, das trotz ausbleibender Erfolge in der ersten Tourwoche ruhig blieb und immer an seine Chance glaubte.
Van der Poel nutzt seine Chance in Ussel
Bei einer Tour de France, bei der nur die Besten der Besten Etappen gewinnen, darf der Name Mathieu van der Poel nicht fehlen. Es ist zum Markenzeichen des Alpecin-Premier Tech-Kapitäns geworden: Wenn er gewinnt, dann mit Bravour. Nach einem schwierigen Start in diese Tour, der teilweise den heißen Bedingungen geschuldet war, steigerte er sich von Tag zu Tag. Schon vor der neunten Etappe galt er wieder als Top-Favorit. Eine Rolle, die „MVDP“ eindrucksvoll ausfüllte. Er ergriff selbst die Initiative und fuhr souverän zum Sieg.
Alpecin-Premier Tech kennt das Warten auf den ersten Tour-Erfolg
Die Tour de France 2024 und 2022 waren in den vergangenen Tagen bei Alpecin-Premier Tech häufig Thema. Vor zwei Jahren musste das Team bis zur zehnten Etappe warten, ehe Sprinter Jasper Philipsen seinen ersten Etappensieg einfuhr. Mathieu van der Poel erlebte damals nicht seine beste Tour, da er ungewöhnlich stark unter der Hitze litt. Zudem kam er selbst nicht zum Zug, weil er sich ganz in den Dienst seines belgischen Teamkollegen stellte. Philipsen beendete die Tour schließlich mit drei Etappensiegen sehr erfolgreich. Auch 2022 musste das Team lange warten, ehe Philipsen auf den Etappen 15 und 21 überzeugend triumphierte.
Bei den anderen Tour-de-France-Teilnahmen der Mannschaft der Brüder Christophe und Philip Roodhooft stellten sich die Erfolge früher ein. Im vergangenen Jahr feierten Philipsen und Van der Poel Siege auf den ersten beiden Etappen, wobei das Gelbe Trikot zwischen beiden wechselte. 2023 gelangen Philipsen die Siege bereits auf der dritten und vierten Etappe. 2021, beim Tour-Debüt des Teams, feierte Van der Poel am zweiten Tag an der Mûr-de-Bretagne einen beispiellosen Erfolg.

Lange Anlauf zum ersten Sieg bei der Tour 2026
Alpecin-Premier Tech startete 2026 dennoch stark in die Tour de France. Im Mannschaftszeitfahren in Barcelona belegte das belgische Team den siebten Platz, knapp hinter den sechs WorldTour-Teams, die budgetär deutlich überlegen sind. Van der Poel hinterließ dort einen guten Eindruck, klagte in den folgenden Tagen aber darüber, sich nicht in Bestform zu fühlen. Am Freitag und Samstag war bei ihm jedoch eine deutliche Verbesserung zu erkennen. Als Anfahrer von Philipsen schien er im Rennen immer besser in Form zu kommen.
Philipsen, dessen Spitzname „Flamme von Ham“ ist, konnte zweimal einen nahezu perfekten Antritt seines Teams nicht nutzen. Bislang hat er bei dieser Tour seine Peak Power noch nicht erreicht und nicht die ganz großen Platzierungen eingefahren. Er wurde zweimal Fünfter und einmal Vierter. Das sorgte für Frustration, die er in Bordeaux zum Ausdruck brachte, als er hinter der Ziellinie seinen Helm wegwarf, und in Bergerac, als er wütend in das Wohnmobil seines Teams stürmte.
Philipsen nah an der Bestform
Man sollte einen Sprinter jedoch niemals unterschätzen. Vor drei Wochen bewies Philipsen seine gute Form mit einem Etappensieg bei der Baloise Belgium Tour und lieferte sich dort ein spannendes Rennen mit Tim Merlier und Olav Kooij – jenen beiden Top-Sprintern, die bei dieser Tour bereits Etappen gewonnen haben. Seine Platzierungen bei dieser Tour unterstreichen zudem, dass Philipsen nicht weit von seiner Bestform entfernt ist.
Oft ist Selbstvertrauen die beste Motivation für einen Sprinter. Mathieu van der Poels Etappensieg nimmt Philipsen viel Druck und sorgt für Ruhe im Team. Zugleich verdient die Mannschaft bereits Lob dafür, dass sie sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, obwohl der Erfolg auf den ersten acht Etappen ausblieb. Philipsen hatte drei Chancen und landete dreimal unter den besten Fünf. Van der Poel hatte zwei Gelegenheiten. Bei seiner ersten Chance auf dem Weg nach Foix war er nicht in der entscheidenden Ausreißergruppe vertreten. Dabei hatte er ausgerechnet die Sonntags-Etappe nach Ussel selbstbewusst als persönliches Ziel ausgegeben.
Eine verkürzte Etappe, aber kein leichter Tag
Möglicherweise war es für Van der Poel von Vorteil, dass die Etappe aufgrund der Hitze um 30 Kilometer verkürzt wurde. Aus 185,5 Kilometern mit rund 3400 Höhenmetern wurde ein 155,5 Kilometer langer Abschnitt mit deutlich weniger Anstiegen zu Beginn. Am Ende blieben dennoch mehr als 2600 Höhenmeter zu bewältigen. Das entspricht fast 16,8 Höhenmetern pro Kilometer.
Zum Vergleich: Lüttich–Bastogne–Lüttich weist auf 260 Kilometern rund 4400 Höhenmeter auf, also etwa 16,9 Höhenmeter pro Kilometer. Diese Relation zeigt, wie hart die Etappe durch die brütende Hitze in der Corrèze dennoch blieb.
Der dritte Tour-Etappensieg für Van der Poel

In Ussel fügte Van der Poel seiner beeindruckenden Erfolgsliste einen weiteren großen Sieg hinzu: seinen dritten Etappensieg bei der Tour de France. Darüber hinaus präsentiert er sich nach einem starken Cyclocross-Winter und einer exzellenten Frühjahrssaison in diesem Jahr wieder in Topform. In Hulst holte er sich seinen achten Cyclocross-Weltmeistertitel, gewann den Gesamtweltcup und triumphierte im vergangenen Winter in nicht weniger als 13 Rennen.
Für manche wirkte seine Frühjahrssaison etwas enttäuschend, weil er kein Monument gewinnen konnte. Das ist jedoch eine rein ergebnisorientierte Betrachtung, denn sein Leistungsniveau war außergewöhnlich hoch. Beim E3 Saxo Classic in Harelbeke siegte er nach einer 42 Kilometer langen Solofahrt. Bei Paris–Roubaix war er womöglich der stärkste Fahrer im Rennen, verlor aber nach dem „Pedalgate“ im Wald von Wallers den Kampf um den Sieg. Sowohl bei Mailand–Sanremo als auch bei der Flandern-Rundfahrt traf er auf einen überragenden Tadej Pogačar. Laut seinem Vater Adrie van der Poel ist genau das für ihn ein Ansporn, im kommenden Jahr noch härter für die Frühjahrsklassiker zu trainieren.
Hitzetraining als Schlüssel zum Erfolg
Van der Poel, der ohnehin als Trainingsmonster bekannt ist, legte im Vorfeld dieser Tour noch einmal eine Schippe drauf. Vor drei Jahren hatte er mit der Hitze deutlich mehr zu kämpfen als bei dieser Tour de France. Das liegt vor allem daran, dass er mittlerweile fast das ganze Jahr nördlich von Alicante lebt und daher viel besser an höhere Temperaturen gewöhnt ist.
Seit dem vergangenen Jahr absolviert Van der Poel zudem spezielle Hitzetrainingseinheiten. Dabei handelt es sich um 40-minütige Einheiten auf der Rolle, bei denen er mehrere Kleidungsstücke trägt. Er selbst sagt dazu: „Diese Trainingseinheiten sind die Hölle.“ Vor der Tour de Suisse absolvierte er eine solche Einheit pro Woche, im Vorfeld der Tour konnte er diese Zahl weiter steigern.
Beim Finale der Tour de France nach Ussel stiegen die Temperaturen stellenweise auf über 40 Grad Celsius. Unter diesen extremen Bedingungen profitierte Van der Poel von seiner intensiven Vorbereitung auf die Tour.
Hinter jedem Sieg steckt brutale Arbeit
Manchmal scheint es, als würden Champions wie Van der Poel und Pogačar ihre Leistungen aus dem Nichts zaubern. Doch hinter jedem Pedaltritt steckt immenser Einsatz: Blut, Schweiß und Tränen in kaum vorstellbarem Umfang. Allein der Gedanke daran lässt einen schon schwitzen.
Autor: Raymond Kerckhoffs
Foto: Photonews.be
