Remco Evenepoels Sieg beim Amstel Gold Race 2026 ist weit mehr als nur einen weiterer Erfolg. Er zeigt die taktische Reife, den unbedingten Siegeswillen und die außergewöhnliche Klasse des Belgiers. Zugleich erklärt der renommierte Sportjournalisund ausgewiesene Profi-Radsport-Experten Raymond Kerkhoffs in seiner Analayse, warum Evenepoels kompromisslose Mentalität an Max Verstappen erinnert – und weshalb er als Persönlichkeit ebenso fasziniert wie polarisiert.
Ein Sieg mit besonderem Stellenwert
Ein archaischer Schrei der Freude zeigt, welchen Stellenwert Remco Evenepoel seinem Sieg beim Amstel Gold Race beimisst. Zwölf Monate nach seiner Sprintniederlage gegen Mattias Skjelmose beim einzigen niederländischen Frühjahrsklassiker stellt der Profi von Red Bull-Bora-Hansgrohe dieses Mal klar: Er ist schneller als der Däne.
Der haushohe Favorit, der das Rennen souverän gewinnt, ist in dieser von Tadej Pogacar, Mathieu van der Poel und Jonas Vingegaard dominierten Ära keine Ausnahme. Remco Evenepoel aber gehört zweifellos zur absoluten Spitze seiner Generation. Bei der 60. Austragung des Amstel Gold Race unterstreicht er das einmal mehr mit Nachdruck.
Für den scheidenden Rennleiter Leo van Vliet hätte es kaum einen passenderen Sieger geben können. Mit Evenepoels Triumph schloss sich ein Kreis. Vor fünfzig Jahren gewann der Westländer van Vliet die Ronde van Schepdael – in jenem Ort, in dem Evenepoel geboren wurde, aufwuchs und bis heute lebt. Damals fuhr van Vliet für das Amateurteam Amstel Bier. An diesem 19. April 2026 verabschiedet er sich nun von „seinem“ Amstel Gold Race.
Ein Champion mit außergewöhnlichem Palmarès
Mit Evenepoel reiht sich ein großer Champion in die Siegerliste ein: zweifacher Olympiasieger, Weltmeister im Straßenrennen, Sieger der Vuelta a España, dreifacher Zeitfahr-Weltmeister und zweimaliger Gewinner von Lüttich–Bastogne–Lüttich, um nur einige seiner Erfolge zu nennen. Und das mit gerade einmal 26 Jahren – obwohl ihn schwere Stürze insgesamt mindestens ein halbes Jahr seiner Karriere gekostet haben. Man denke nur an seine Verletzungen bei der Lombardei-Rundfahrt 2020, der Baskenland-Rundfahrt 2024 und dem Zusammenstoß im Winter 2025.
Der Moment, in dem das Rennen kippte
Schon früh wurde bei diesem Amstel Gold Race erneut deutlich, wie groß 2026 der Abstand zwischen der absoluten Weltelite und dem Verfolgerfeld ist. Als Romain Grégoire am Kruisberg antrat, konnten nur fünf Fahrer folgen. Nach den Stürzen von Kévin Vauquelin und Matteo Jorgenson in der Abfahrt setzten sich Evenepoel, Skjelmose und Grégoire ab. Innerhalb von zehn Kilometern fuhr das Trio einen Vorsprung von 1:40 Minuten heraus – und das Rennen war im Grunde bereits vorentschieden.
Bald zeigte sich, dass der Franzose seine besten Körner schon bei seiner ersten Attacke verschossen hatte. Am vorletzten Anstieg des Caubergs musste er reißen lassen, sodass nur noch der Belgier und der Däne übrig blieben.
Die Taktik hinter dem Sieg
Bei seiner Analyse nach dem Rennen erklärte Evenepoel seine Taktik im Detail. Obwohl er Skjelmose zwölf Monate zuvor in Vilt auf der Ziellinie hatte ziehen lassen müssen, ging er diesmal ohne Furcht in das Duell mit dem Lidl-Trek-Kapitän. Unterwegs fühlte er sich stärker, und am letzten Anstieg des Caubergs verschärfte er das Tempo so sehr, dass ein Blick zurück genügte, um zu sehen: Sein Begleiter fuhr am Limit.
„Früher anzugreifen hätte keinen Sinn ergeben, weil ich ihn bei Gegenwind gut nutzen konnte“, erklärte er. Auch das habe er aus Tadej Pogacars zu frühem Angriff im Vorjahr gelernt. Hinzu kommt, dass sich sein Sprint in dieser Saison verbessert hat. Und Evenepoel wusste: Ein Sprint zu zweit liegt ihm deutlich mehr als ein Sprint mit drei Fahrern, wie noch 2025. Als er 200 Meter vor dem Ziel antrat, riss er sofort die entscheidende Lücke – der Sieg war entschieden.
Die Emotionen im Ziel spiegeln wider, welche Bedeutung dieser Erfolg für ihn hat. Für Evenepoel rangiert das Amstel Gold Race direkt hinter den fünf Monumenten, und der Limburger Klassiker stand schon lange auf seiner persönlichen Wunschliste. Zudem hatte er seit dem 10. März 2024 kein WorldTour-Straßenrennen mehr gewonnen – damals die achte Etappe von Paris–Nizza. Wobei seine Olympiasiege und zahlreiche Erfolge im Zeitfahren auf höchstem Niveau deutlich jüngeren Datums sind.
Ein Champion, der polarisiert
Dass Evenepoel ein großer Champion ist, steht außer Frage. Als Persönlichkeit polarisiert er allerdings. Er hat Ecken und Kanten. Und ja: Verlieren kann er nur schwer ertragen. Er hasst es, wenn an einem schlechten Tag eine Kamera zu lange auf ihn gerichtet bleibt. Wenn jemand in seinen Augen „vor seine Füße fährt“, macht er seinen Unmut deutlich – mit Worten und Gesten. Und wenn es für ihn läuft, verbirgt er seinen Übermut nicht.
Stark vor Mikrofon und Kamera
Ich persönlich habe ein Faible für Evenepoel. Er liebt seine Rolle als Champion. Die Art, wie er in Niederländisch, Französisch und Englisch mit den Medien spricht, ist außergewöhnlich. Er antwortet nicht knapp oder ausweichend, sondern nimmt jede Frage ernst. Seine Antworten sind überlegt, und er scheut sich nicht, seine Persönlichkeit zu zeigen – mit all ihren Stärken und Schwächen. Er beherrscht das Spiel mit den Medien und versteht dessen Bedeutung besser als viele andere.
Dass Red Bull-Bora-Hansgrohe ihn mit Pressesprecher Gabriele Uboldi zusammengebracht hat, ist ein kluger Schachzug. Uboldi arbeitete früher mit Peter Sagan und weiß, wie man aus einem Champion einen Star macht – eine Persönlichkeit, die auch über die Radsportszene hinaus Strahlkraft entwickelt. Und Evenepoel bringt alles mit, um genau in diese Rolle hineinzuwachsen.
Die Parallelen zwischen Max Verstappen und Remco Evenepoel
In seiner Siegermentalität erinnert Evenepoel mich stark an Max Verstappen. Beide sind extrem ergebnisorientiert; ein zweiter Platz fühlt sich für sie oft eher wie eine verpasste Chance als wie ein Erfolg an. Sie scheuen sich nicht, diesen kompromisslosen Willen zum Gewinnen offen auszusprechen. Je nach Blickwinkel wirkt das selbstbewusst – oder arrogant.
Verstappen und Evenepoel eint zudem der Drang zur Dominanz. Es reicht ihnen nicht, einfach nur zu gewinnen – sie wollen überzeugend gewinnen. Sie übernehmen im Rennen Verantwortung und mögen es nicht, nur abzuwarten. Zugleich verfügen beide über ein enormes Selbstvertrauen, auch nach Rückschlägen.
Vielleicht verkörpert Verstappen die kühlere, kalkuliertere Form des Gewinnens, fokussiert auf maximale Effizienz. Evenepoel wirkt emotionaler. Doch gerade bei diesem Amstel Gold Race war auch seine kühle Seite zu sehen: sein Selbstvertrauen, seine Ruhe und die Entschlossenheit, mit Skjelmose tatsächlich bis zum Sprint zu warten.
Ein unterschiedlicher Blick auf Siegermentalität
In den Niederlanden begegnet man Verstappen meist mit großer Zustimmung, wenn er die neuen Formel-1-Regeln scharf kritisiert. Oder wenn er sich über einen Rivalen beschwert, der ihn behindert hat, oder einen Journalisten aus einer Pressekonferenz weist. Wenn Evenepoel dagegen den aus seiner Sicht zu gefährlichen Parcours des Mannschaftszeitfahrens bei der Vuelta 2023 in Barcelona kritisiert, gilt das schnell als überzogen. Und wenn er nach seinem schwachen Tag bei der WM 2023 in Glasgow kurz angebunden reagiert, heißt es rasch, er sei zu frustriert.
Vielleicht sollten wir Evenepoels Siegermentalität etwas großzügiger betrachten – und vor allem den außergewöhnlichen Champion würdigen, der er ist. Es klingt in dieser Ära fast paradox, aber ein Fahrer wie der „Ket van Schepdael“ kommt eben nur alle paar Jahre einmal hervor.
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