Die erste Woche der Vuelta a España 2026 erzählte gleich zwei vollkommen unterschiedliche Geschichten. Zunächst schien Tadej Pogačar die Rundfahrt im Schnelldurchlauf zu entscheiden. Der Weltmeister gewann drei der ersten sechs Etappen, dominierte mit einem 50-Kilometer-Solo in Andorra und führte das Gesamtklassement nach sieben Tagen bereits mit 3:50 Minuten Vorsprung an. Dann stürzte er auf der achten Etappe schwer und musste die Vuelta verlassen. Innerhalb weniger Sekunden war eine scheinbar früh entschiedene Grand Tour wieder vollkommen offen.
Die Vuelta startet nach acht Tagen ein zweites Mal. So bitter es klingt, um so spannender wird die Vuelta. Denn das Rennen besitzt nun etwas, das ihm nach Andorra beinahe abhandengekommen war: Ungewissheit.
Enric Mas trägt seit Ende der 8. Etappe das Rote Trikot. Doch der Spanier beließ es nicht dabei, die Führung lediglich von Pogačar zu erben. Auf der schwersten Etappe der ersten Woche zum Alto de Aitana konterte er die Angriffe seiner Konkurrenten. Vor Beginn der zweiten Vuelta-Woche führt Mas mit 1:18 Minuten vor Primož Roglič und 1:39 Minuten vor Felix Gall.
Enric Mas: zurück zur alten Stärke
Enric Mas übernahm das Rote Trikot nicht so, wie es sich ein Fahrer wünscht. Nach dem schweren Sturz und Ausscheiden von Tadej Pogačar wurde der Spanier auf der achten Etappe neuer Gesamtführender. Auf dem Podium in Xeraco verzichtete er jedoch darauf, La Roja anzuziehen. Mas hielt das Trikot lediglich in der Hand und erklärte anschließend, er habe es nicht auf sportlichem Weg gewonnen. Die Geste war vor allem ein Zeichen des Respekts gegenüber Pogačar. Für Mas selbst war es dennoch ein besonderer Moment: In seiner 16. Grand Tour übernahm er erstmals die Führung in der Gesamtwertung.
Dass Mas überhaupt in dieser Position lag, war allerdings keineswegs nur eine Folge des Pogačar-Sturzes. Bereits zwei Tage zuvor hatte der Movistar-Kapitän eine der überraschendsten Leistungen der ersten Vuelta-Woche gezeigt. Als Pogačar am Puerto de El Bartolo attackierte, schien das inzwischen bekannte Szenario einzutreten: Der Weltmeister setzte sich ab, die Konkurrenz kämpfte dahinter um Schadensbegrenzung. Doch diesmal kam ein Fahrer zurück. Mas schloss die Lücke aus eigener Kraft und fuhr anschließend gemeinsam mit ihm ins Ziel.
Gerade vor dem Hintergrund der vergangenen anderthalb Jahre bekommt diese Leistung zusätzliches Gewicht. Mas war zwar 2024 noch Dritter der Vuelta und stand damit zum vierten Mal auf dem Podium seiner Heimrundfahrt. 2025 wurde seine Karriere jedoch jäh ausgebremst. Nach einem Sturz bei der Tour de France wurde bei ihm eine Thrombophlebitis im linken Bein diagnostiziert. Er musste die Tour in der Schlusswoche aufgeben, verpasste anschließend erstmals seit 2019 die Vuelta und konnte monatelang weder Rennen bestreiten noch normal trainieren. Im Herbst folgte eine Operation. Anfang 2026 kehrte Mas mit entsprechend vorsichtigen Erwartungen ins Peloton zurück. Sein erklärtes Ziel war zunächst vor allem, wieder gesund eine Grand Tour auf hohem Niveau fahren zu können.
Was sich nun bei der Vuelta zeigt, ist deshalb weniger die Wiederauferstehung eines Fahrers, der jahrelang verschwunden war, als vielmehr die Rückkehr zu seiner besten Version. Mas war schon immer ein außergewöhnlich konstanter Vuelta-Fahrer: Zweiter 2018, 2021 und 2022, Dritter 2024. Was ihm häufig fehlte, waren der Etappensieg, das Leadertrikot und jene offensive Autorität, mit der ein Fahrer eine Grand Tour tatsächlich prägt. Genau diese Elemente kommen 2026 plötzlich zusammen.
Auf dem Alto de Aitana zeigte Mas dann, dass er La Roja nicht nur tragen, sondern verteidigen kann. Movistar übernahm trotz einer großen Ausreißergruppe Verantwortung und arbeitete im Feld. Am mehr als 20 Kilometer langen Schlussanstieg reagierte Mas zunächst auf die wiederholten Attacken von Felix Gall und ließ sich auch von den weiteren Vorstößen seiner Konkurrenten nicht aus der Ruhe bringen. Als die entscheidende Phase begann, ging er selbst in die Offensive und gewann gewann.
Damit veränderte sich innerhalb von 24 Stunden auch die Wahrnehmung seiner Führung. Nach Xeraco war Mas der Mann, der Rot aufgrund des Ausscheidens des dominierenden Favoriten übernommen hatte. Auf Aitana war er der Fahrer, der seine Mannschaft arbeiten ließ, auf Angriffe reagierte und schließlich selbst die Entscheidung suchte.
Genau darin liegt vielleicht der interessanteste Unterschied zu früheren Versionen von Enric Mas. Dem Spanier wurde während seiner Karriere immer wieder vorgeworfen, seine starke Kletterleistung zu selten in offensives Rennfahren umzusetzen. Bei dieser Vuelta wartet er bislang nicht nur darauf, dass andere die Entscheidungen treffen. Er fuhr zu Pogačar zurück, als fast niemand mehr damit rechnete, und attackierte auf Aitana selbst, als er bereits im Roten Trikot saß.
Decathlon CMA CGM: starkes Team, Leader nicht immer glücklich
Decathlon CMA CGM gehört zu den stärksten Mannschaften der ersten Vuelta-Woche. Das zeigte sich erstaunlicherweise bereits im 9,4 Kilometer langen Auftaktzeitfahren von Monaco – einer Disziplin, die eigentlich nicht auf das Profil eines Bergteams zugeschnitten ist. Léo Bisiaux wurde Sechster, Oscar Chamberlain Siebter. Zuvor hatten bereits Jordan Labrosse und Sander De Pestel zwischenzeitlich Bestzeiten gesetzt.
Ihr Leader Felix Gall wurde im Zeitfahren nur 91. und verlor 46 Sekunden auf Tadej Pogačar. Einen Tag später kam auf der vermeintlich unkomplizierteren Etappe nach Manosque der nächste kleine Rückschlag hinzu. Im hektischen, ansteigenden Finale riss das Feld auseinander. Gall verlor weitere 18 Sekunden. Nach nur zwei Etappen betrug sein Rückstand auf Pogačar bereits 1:08 Minuten – ohne dass überhaupt ein echter Hochgebirgstag absolviert worden war.
Danach zeigte sich allerdings, warum Decathlon Gall mit großen Ambitionen zu dieser Vuelta geschickt hat. In Andorra übernahm die Mannschaft bereits rund 85 Kilometer vor dem Ziel Verantwortung und machte das Rennen schwer. Die Taktik wurde anschließend durchaus kritisch diskutiert, weil das hohe Tempo letztlich auch Pogačar die ideale Ausgangslage für dessen 50-Kilometer-Solo verschaffte. Für Gall selbst ging der Tag dennoch ordentlich aus: Er wurde Dritter. Gregor Mühlberger belegte Rang zehn.
Noch überzeugender wirkte die Mannschaft auf der siebten Etappe nach Valdelinares. Mühlberger und Matthew Riccitello erhöhten am Schlussanstieg das Tempo und isolierten Pogačar zunehmend. Gall attackierte schließlich selbst. Nur der Slowene konnte unmittelbar reagieren. Zwar setzte sich Pogačar anschließend noch einmal ab, doch Gall gewann Zeit auf mehrere seiner direkten Konkurrenten und rückte bis auf elf Sekunden an den dritten Gesamtrang heran.
Die neunte Etappe zum Alto de Aitana zeigte dagegen die andere Seite dieser offensiven Fahrweise. Wieder übernahm Decathlon früh Verantwortung. Als der Vorsprung der Ausreißer zwischenzeitlich auf rund sechs Minuten angewachsen war, begann die Mannschaft mit der Nachführarbeit. Am 22 Kilometer langen Schlussanstieg forcierte sie das Tempo derart, dass die Gruppe der Favoriten deutlich reduziert wurde.
Gall griff anschließend rund acht Kilometer vor dem Ziel erstmals an. Doch seine Beschleunigung brachte keine entscheidende Selektion. Er versuchte es mehrfach und investierte dadurch viel Energie in kurze Tempowechsel. Immer wieder kamen Mas, Roglič, Onley, Carapaz und andere Fahrer zurück.
Im Nachhinein wirkte diese Fahrweise taktisch zumindest unglücklich. Gall hatte mit seiner Mannschaft zuvor über viele Kilometer genau jene schwere Rennsituation erzeugt, die seinem Fähigkeitenprofil eigentlich entgegenkommt. Statt anschließend möglichst lange ein gleichmäßig hohes Tempo zu fahren oder auf den entscheidenden Moment zu warten, setzte er mehrere Beschleunigungen, ohne eine dauerhafte Lücke zu reißen. Das kostete Kraft – und ausgerechnet als Oscar Onley rund vier Kilometer vor dem Ziel attackierte und Enric Mas unmittelbar zu ihm sprang, konnte Gall nicht mehr reagieren.
Bryan Coquard: Später, aber verdienter Erfolg
13 Kahre und 12 Grand Tours musste er darauf warten, dann hatte er den verdienten Erfolg. Bryan Coquard gewann mit 34 Jahren seine erste Grand Tour-Etappe. Coquard hatte zuvor mehrfach zweite Plätze bei großen Rundfahrten belegt, der große Erfolg war ihm jedoch immer wieder verwehrt geblieben. Sein 56. Sieg in seiner Karriere ist gleichzeitig sein Größter. Und er kam überraschend, denn er war keineswegs der Favorit auf der 8. Etappe. Viele Experten rechneten mit dem dritte Tageserfolg von Matthew Brennan oder mit einem Sieg von Mads Pedersen oder Jordi Meeus.
Gerade dieser Sieg ist aber auch so Vuelta-typisch. Bei der Tour de France konzentrieren sich die Tageserfolge zunehmend bei einer kleinen Gruppe von Superstars. Die Vuelta bietet aufgrund ihres Parcours, der geringeren Zahl klassischer Sprintetappen und der häufig weniger kontrollierten Rennsituationen weiterhin Möglichkeiten für Fahrer, die bei der Tour nur schwer zum Zug kommen.
Coquard ist natürlich kein unbekannter Außenseiter. Er gehört seit Jahren zu den etablierten schnellen Fahrern. Aber ein Grand-Tour-Sieg mit 34 Jahren zeigt, dass selbst eine lange Karriere noch eine sportliche Premiere bereithalten kann.
Schade nur, dass dieser Sieg an diesem Tag durch den Sturz und das Ausscheiden von Tadej Pogačar etwas unterging.
Primož Roglič: Der Alt-Meister ist wieder im Rennen
Vor der Vuelta war schwer einzuschätzen, wie konkurrenzfähig Primož Roglič (Red Bull-Bora-Hansgrohe) sein würde. Seine Vorbereitung war durch einen Trainingsunfall beeinträchtigt worden, Vorbereitungsrennen vor der Vuelta fielen aus. Doch der 36 Jahre alte Slowene zeigte bereits beim Auftaktzeitfahren eine starke Leistung. Er war mit 24 Sekunde Rückstand der zweitbeste Fahrer der GC-Favoriten. Auch danach dachten viele noch an eine Eintagsfliege. Doch bei der schweren Bergetappe um Andorra kam er mit dr erste Gruppe hinter Pogačar ins Ziel. Und am Alto de Aitana verlor er nur sehr wenig Zeit auf Enric Mas.
Nach der ersten Vuelta-Woche liegt Roglič auf Rang zwei und nur 1:18 Minuten hinter Mas. Vor allem sein Auftritt am Alto de Aitana dürfte ihm Mut machen. Als Mas und Onley im Finale davonfuhren, war der Slowene der einzige Fahrer, der noch einmal ernsthaft versuchte, die Lücke zu schließen.
Der viermalige Vuelta-Sieger fährt clever, hat noch nicht wirklich unnötig Energie verpulvert. Auch John Bruneel rechnet mit dem slowne auf dem Podium – im Übrigen noch vor Pogs Ausscheiden. Roglic kann Grand Tours und ganz besndrs die Vuelta. Er wird mit zunehmnde Rnndauer niht müde und auch die Hitzesscheint ihm weniger auszumache als dr Konkurrenz.
Sein größter Nachteil könnte sein Team werden, das zum einen nicht über viele gute Bergfahrer verfügt und diese sich zudem bislang vornehm zurückhielten. Sein größter Vorteil. Neben seinem Stoismus ganz sicher das langes Einzelzeitfahren am vorletzten Tag der Vuelta a España. Hier kann er Fahrern wie Felix Gall, Oscar Onley und auch Enric Mas eine Minute und mehr abnehmen.
Visma | Lease a Bike: zwei Etappensiege, Grün und Top Ten im GC
Visma | Lease a Bike gehört zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Mannschaften der ersten Vuelta-Woche. Zwei Etappensiege, das Grüne Trikot und mit Sepp Kuss ein Fahrer in den Top Ten der Gesamtwertung: Das Team ist auf nahezu jedem Terrain präsent. Bemerkenswert ist dabei weniger die reine Bilanz als die Art, wie unterschiedlich die Rollen innerhalb der Mannschaft verteilt und immer wieder neu interpretiert werden.
Die Aufmacher-Story gebührt Matthew Brennan. Der 21-Jährige bestreitet in Spanien seine erste Grand Tour – und benötigte genau einen Sprint, um seine erste Etappe zu gewinnen. Auf dem anspruchsvollen zweiten Teilstück nach Manosque hatte Visma ursprünglich sogar zwei Pläne. Wout van Aert sollte mit einer späten Attacke versuchen, Pogačar das Rote Trikot abzunehmen. Brennan hielt sich als Option für einen möglichen Sprint zurück. Van Aert griff zwei Kilometer vor dem Ziel tatsächlich an und zwang Pogačar persönlich zur Reaktion. Als der Vorstoß neutralisiert wurde, war Brennan noch da – und gewann seinen ersten Grand-Tour-Sprint klar.
Auf der fünften Etappe nach Roquetes bewies der junge Brite, dass dieser Erfolg keine Eintagsfliege war. AER überstand Brennan einen Anstieg der dritten Kategorie kurz vor dem Finale und setzte sich anschließend erneut durch. Diesmal war die Rollenverteilung noch eindeutiger: Christophe Laporte und Van Aert bildeten den Lead-out für den 21-Jährigen. Nach fünf Tagen seiner ersten Grand Tour standen bereits zwei Etappensiege in seiner Bilanz.
Gerade Van Aerts Rolle macht Vismas erste Woche besonders interessant. Der Belgier ist selbst einer der erfolgreichsten Fahrer seiner Generation und dennoch bereit, seine eigenen Chancen einem jungen Teamkollegen unterzuordnen. Van Aert ist damit Luxushelfer und Kapitän zugleich.
Denn sobald es um das Grüne Trikot geht, fährt er wieder auf eigene Rechnung. Auf der siebten Etappe nach Valdelinares attackierte Van Aert unmittelbar nach dem Start und verbrachte den Tag in der Fluchtgruppe. Er gewann den Zwischensprint und hielt selbst am langen Schlussanstieg so gut mit, dass er hinter Andreas Leknessund und Tobias Halland Johannessen noch Dritter wurde. Damit übernahm er die Führung in der Punktewertung.
Sein unbedingter Wille, dieses Grüne Trikot bis Madrid zu tragen, besitzt dabei eine Vorgeschichte. Schon 2024 war Van Aert einer der prägenden Fahrer der Vuelta. Er führte nach 15 Tagen nicht nur die Punkte-, sondern überraschend sogar die Bergwertung an. Auf der 16. Etappe attackierte er erneut, stürzte jedoch auf der nassen Abfahrt der Collada Llomena schwer und musste mit einer tiefen Knieverletzung aufgeben.
Zwei Jahre später wirkt der erneute Kampf um Grün deshalb fast wie eine offene Rechnung. Van Aert sammelt die Punkte nicht nur bei Zielankünften, sondern sucht sie aktiv in Ausreißergruppen und an Zwischensprints. Gerade bei einer Vuelta mit wenigen klassischen Sprintetappen verlangt das deutlich mehr als reine Endgeschwindigkeit.
Und dann ist da noch Sepp Kuss. Der Vuelta-Sieger von 2023 war vor dem Start selbst unsicher, wie konsequent er auf die Gesamtwertung fahren würde. Nach Giro und Tour absolviert der Amerikaner bereits seine dritte Grand Tour der Saison. Noch vor Monaco erklärte er, ein Etappensieg sei ihm wichtiger als ein bloßer Top-Ten-Platz. Doch auf der ersten Hochgebirgsetappe in Andorra fuhr sich Kuss beinahe automatisch wieder in eine Klassementrolle. Er wurde Fünfter der Verfolgergruppe hinter Pogačar.
Der Alto de Aitana setzte dieser Entwicklung vorerst Grenzen. Kuss konnte den stärksten Klassementfahrern im Finale nicht folgen, verlor 1:44 Minuten auf Mas und fiel vom vierten auf den siebten Gesamtrang zurück. Mit 4:09 Minuten Rückstand ist er vor dem ersten Ruhetag kein unmittelbarer Podiumskandidat mehr. Aber er bleibt in den Top Ten – und damit eine zusätzliche taktische Karte für Visma.
In dieser Vielseitigkeit iegt die Stärke von Visma nach der ersten Woche. Das Team ist nicht auf einen einzigen Kapitän und ein einziges Ziel angewiesen. Brennan gewinnt Sprints, Van Aert hilft ihm und fährt gleichzeitig um Grün, Kuss hält die Mannschaft im Gesamtklassement präsent. Laporte und die übrigen Helfer ermöglichen diese unterschiedlichen Strategien.
Foto: IMAGO / Sirotti
