Start Profi-Sport Vuelta a España 2026: Analyse & Erkenntnisse der dritten Woche

Vuelta a España 2026: Analyse & Erkenntnisse der dritten Woche

Übersicht

Auch die dritte und letzte Woche der Vuelta a España 2026 schrieb bis zur Schlussetappe in Granada spannende „Geschichten“. Mikel Landa krönte eine schwierige Zeit mit einem Sieg auf der Königsetappe, Mas seine Leistung mit dem Gesamtsieg. Tobias Halland Johannessen gewann nach unglaublich vielen zweiten Plätzen und Top-Platzierungen in den vergangenen Jahren endlich wieder ein Rennen. Für Santiago Buitrago bleibt dagegen die Enttäuschung über die verpassten Etappensiege. Das Bergtrikot war der Lohn für seine offensive Fahrweise – und ein Trost, der die knappen Niederlagen aber nicht ganz vergessen machte.

Die Analyse blickt über die Siegerliste hinaus: Welche Fahrer prägten die letzte Woche, und welche Chancen blieben trotz offensiver Fahrweise ungenutzt? Dabei zeigt sich, wie nah Triumph und Enttäuschung beieinanderlagen.

Enric Mas: vom ewigen Zweiten zum Vuelta-Souverän

Enric Mas ist ein Faher mit zwei Gesichtern. Während er sich bei der Tour de France immer schon schwertat, war die Vuelta sein Revier. 2018, 2021, 2022 war er jeweils Zweiter, 2024 kam ein dritter Rang hinzu. Und jetzt, 2026, gewinnt er das Ding. Nicht aus Versehen, sondern mit Stärke und Kalkül.

Natürlich profitierte er wie beinahe das gesamte Peloton von Pogačars Ausscheiden. Aber wie er danach seine Führung ausbaute, und in der letzten Woche verteidigte, beweist Klasse. Hier in Woche drei musste Mas nicht mehr beweisen, dass er der stärkste Kletterer im Rennen war. Er musste nun zeigen, dass er drei Wochen lang wie ein Grand-Tour-Sieger fahren kann. Mas ließ sei Team geschickt arbeiten und übernahm Verantwortung, wenn es erforderlich war. Zu seine Meisterstücke zählt ganz sicher das Einzelzeitfahren der 18. Etappe über 32,1 Kilometer. Hier hätte er viel Zeit verlieren können an Primož Roglič. Doch Mas wusste um seine Stärke, hielt dem Druck stand und verlor viel weniger Zeit als viele Experten vorher vermutet hatten.

In früheren Jahren wurde ihm häufig vorgeworfen, Rennen eher zu verwalten als zu gestalten. Bei dieser Vuelta attackierte er du fuhr aggressiv, als er Zeit gewinnen musste – und blieb ruhig, als er nichts mehr gewinnen musste. Er fuhr wie ein klassischer Grand-Tour-Sieger. Ein verspäteter Triumph für einen,

Sepp Kuss: eine „halbe“ Etappe verändert die gesamte Vuelta

Die dritte Grand Tour des Jares schien mindestens eine zu viel zu sein für Sepp Kuss (Visma | Lease a Bike) langsam. Während er in der ersten Woche noch ein wenig auf Schlagdistanz war zum Podium, verlor der Vuelta-Sieger von 2023 in Woche zwei und drei sukzessive Zeit.  Nach dem Zeitfahren und der ersten Bergankunft der Schlusswoche war er gar bis auf Rang elf zurückgefallen.

Das alles war nicht weiter schlimm, da sein Team durch Matthew Brennan und Wout van Aert insgesamt sieben Etappen geholt hatte. Und in Anbetracht der Belastung auch durchaus verständlich.  Doch dann kam Etappe 20. Der längste und zugleich schwerste Abschnitt dieser Vuelta. Kuss attackierte bereits 97 Kilometer vor dem Ziel. Visma unterstützte diesen Plan konsequent. Jørgen Nordhagen und später auch Van Aert halfen Kuss am Ende der US-Amerikaner beendete den Tag als Achter und verbesserte sich in der Gesamtwertung von Rang elf auf Platz fünf. Sein zweitbestes Grand Tour-Ergebnis überhaupt.

Seine Fahrt zeigt exemplarisch, was eine offensive Taktik in der dritten Woche ermöglichen kann. Kuss hatte nichts mehr zu verlieren. Statt Platz elf mit einer kontrollierten Fahrweise zu verwalten beziehungsweise mit einer Schwäche der Konkurrenten rechnete noch in Rang neun oder zehn umzuwandeln, riskierte er früh alles. Der Lohn waren sechs Plätze. Manchmal ist die beste Form der Schadensbegrenzung bei einer Grand Tour deshalb genau das Gegenteil von defensivem Fahren.

Primož Roglič: Rang zwei ohne (Edel)Helfer

Primož Roglič (Red Bull-Bora-Hansgrohe) wurde Zweiter dieser Spanien-Rundfahrt. Allein angesichts seiner Vorbereitung ist das bemerkenswert. Nur drei Wochen vor dem Start war der Slowene im Training von einem Auto angefahren worden. Statt einer normalen Vorbereitung absolvierte er nach eigener Aussage vor allem Rehabilitation. Dass er anschließend bis zur Schlusswoche um seinen fünften Vuelta-Sieg kämpfte, hatte er selbst kaum erwartet. 

Bemerkenswert ist aber auch, unter welchen mannschaftlichen Voraussetzungen er diesen zweiten Platz erreichte. Red Bull-Bora-Hansgrohe brachte nicht die klassische Grand-Tour-Bergmannschaft mit. Fahrer wie Jai Hindley, Aleksandr Vlasov, Daniel Feipe Martinez, Govanni Aleotti gehörten nicht zum Aufgebot. Stattdessen standen mit Finn Fisher-Black, Callum Thornley, Luke Tuckwell, Frederik Wandahl, Gianni Moscon, Gianni Vermeersch und Sprinter Jordi Meeus viele unterschiedliche Fahrertypen an Rogličs Seite. Ziel war ein Etappensieg, das Vetrauen in Rogličs Fähigkeiten schien begrenzt. 

Dadurch fehlten ihm in den Bergen oft jene letzten Helfer, die Mas und Gall nutzen konnten. Ganz ohne Hilfe war Roglič allerdings nicht. Besonders auf der Königsetappe setzte Red Bull seine Fahrer taktisch geschickt ein.

Genau diese Differenzierung ist wichtig. Roglič wurde nicht Zweiter ohne Mannschaft, aber ohne jene bergstarke Eskorte, die man bei einem fünffachen Grand-Tour-Sieger und einem Team dieser Qualität hätte erwarten müssen.

Dass er dennoch Rang zwei erreichte, sagt viel über seine Konstanz. Roglič verlor auf mehreren Bergankünften immer ein wenig Zeit, gewann im Zeitfahren wieder Boden und hielt Gall am Ende um 29 Sekunden hinter sich. Seine Vuelta war von außen betrachtet weniger eine Demonstration der Stärke als eine außergewöhnlich effiziente Form der Schadensbegrenzung. 

Stark war die Leistung nach dieser Vorbereitung allemal. Genießen konnte der Slowene die Vuelta nicht, wie er selbst sagte. Für dn zweiten Platz brachte er im Rennen viele Opfer.

Mas und Gall hatten in den Bergen das stärkere Team und meist auch die besseren Beine. Roglič hatte weder das eine noch konstant das andere – und wurde trotzdem Zweiter. Das zeigt, wie tief „Rogla“ gehen musste …

Ramses Debruyne: ein stiller Gewinner dieser Vuelta

Ramses Debruyne (Alpecin-Premier Tech) gehörte vor der Vuelta nicht zu den großen Namen. Nach drei Wochen hat sich der Belgier aber einen Namen gemacht – auch ohne Etappensieg. Ganz überraschend kommt seine Entwicklung allerdings nicht. Schon im Frühsommer hatte der 24-Jährige mehrfach angedeutet, welches Potenzial in ihm steckt.

Bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes wurde Debruyne gleich auf der ersten Etappe Zweiter hinter Alex Baudin. Auf den schweren Bergetappen zum Grand Colombier und zum Plateau de Solaison belegte er später die Plätze zwölf und sieben und beendete die Rundfahrt als 13. der Gesamtwertung. Gegen ein hochklassig besetztes Feld war das ein erstes deutliches Ausrufezeichen.

Noch auffälliger wurde er wenige Wochen später bei seiner ersten Tour de France. Auf der vierten Etappe fuhr Debruyne auf Rang fünf und rückte dadurch zwischenzeitlich sogar auf Platz sechs der Gesamtwertung vor. Seine Tour endete zwar auf der 14. Etappe vorzeitig, doch bis dahin hatte er gezeigt, dass er selbst auf höchstem Grand-Tour-Niveau in anspruchsvollen Finals bestehen kann. 

Bei der Vuelta bestätigte er diese Entwicklung. Bereits auf der sechsten Etappe nach Castelló wurde Debruyne hinter Tadej Pogačar und Enric Mas Dritter – an einem anspruchsvollen Tag, an. Zwischenzeitlich rückte er dadurch sogar bis auf Rang acht der Gesamtwertung vor.

Auch nachdem das Klassement für ihn keine Rolle mehr spielte, blieb er offensiv. Auf der hitzebedingt verkürzten 15. Etappe nach Córdoba gehörte er zur entscheidenden fünfköpfigen Spitzengruppe und wurde Vierter hinter Wout van Aert, Alessandro Romele und Thibau Nys.

Seine vielleicht stärkste Leistung zeigte Debruyne aber auf der 20. Etappe. Auf der Königsetappe mit fast 4900 Höhenmetern schaffte er es in die Spitzengruppe. Gemeinsam mit mit Mikel Landa und Tobias Halland Johannessen nahm er den Schlussanstieg zum Collado del Alguacil n angriff und wurde am Ende Dritter. 

Doch selbst damit war seine Rundfahrt noch nicht beendet. Einen Tag später schaffte Debruyne im explosiven Finale von Granada erneut gemeinsam mit Johannessen und Romele den entscheidenden Sprung nach vorn. Er initiierte diese Dreiergruppe und wurde schließlich wieder Dritter.

Damit stehen bei dieser Vuelta allein vier Top-Vier-Ergebnisse auf sehr unterschiedlichem Terrain. Genau diese Bandbreite ist bemerkenswert. Debruyne kann schwere Anstiege überstehen, offensiv aus kleinen Gruppen fahren und besitzt nach einem harten Rennen noch 

Ein Etappensieg fehlte zwar noch. Trotzdem war diese Rundfahrt für Debruyne ein deutlicher Schritt nach vorn. Er verließ Spanien nicht mit einem großen Titel, aber mit dem Beweis, dass er auf nahezu jedem anspruchsvollen Terrain einer Grand Tour um Etappensiege fahren kann.

Mikel Landa: späte Genugtuung nach Jahren voller Rückschläge

Mikel Landa (Soudal Quick-Step) musste lange auf diesen Moment warten. Fünf Jahre waren seit seinem letzten Profisieg vergangen, nen Jahre seit seinem letzten Grand Tour-Etappenerfolg. Ausgerechnet auf der Königsetappe der Vuelta 2026 gelang dem 36-Jährigen nun die große Rückkehr. Am Collado del Alguacil gewann Landa als Solist.

Der Erfolg bekommt durch Landas Verletzungshistorie zusätzliches Gewicht. Seine Karriere wurde immer wieder von schweren Stürzen unterbrochen. Allein in den vergangenen Jahren häuften sich die Rückschläge: 2024 brach er sich bei der Baskenland-Rundfahrt das Schlüsselbein. Beim Giro d’Italia 2025 stürzte er bereits auf der ersten Etappe schwer und erlitt eine Fraktur des Brustwirbels. Es folgte eine monatelange Rehabilitation, ehe er überhaupt wieder Rennen bestreiten konnte.

2026 folgte der nächste schwere Einschnitt. Auf der zweiten Etappe der Baskenland-Rundfahrt kollidierte Landa in einer Abfahrt mit einem Fahrzeug der Rennorganisation. Zunächst waren keine Frakturen festgestellt worden, spätere Untersuchungen ergaben jedoch einen Beckenbruch. Die Verletzung kostete ihn unter anderem den Giro d’Italia und die Tour de France und beeinträchtigte seine Vorbereitung auf die Vuelta erheblich. Noch unmittelbar vor dem Start erklärte Landa, nicht bei 100 Prozent zu sein und zunächst lediglich versuchen zu wollen, die erste Woche zu überstehen.

Landa bezeichnete 2026 während der Vuelta als das schwierigste Jahr seiner Karriere und berichtete, zeitweise selbst beim Training kaum Freude empfunden zu haben. Seine Form entwickelte sich erst im Verlauf der drei Wochen. Landa spielte im Gesamtklassement keine Rolle und musste seine Ziele neu definieren. Auf der 19. Etappe ärgerte er sich noch darüber, die entscheidende Ausreißergruppe verpasst zu haben. Einen Tag später wollte er seine letzte Chance im Hochgebirge unbedingt nutzen.

Dieser Sieg war deshalb mehr als ein später Etappenerfolg eines Routiniers. Er stand am Ende einer Phase, in der Landa wiederholt nach schweren Verletzungen neu beginnen musste. Genau deshalb passte dieser Erfolg auch so gut zu einem Fahrer, dessen Popularität nie allein auf Siegen beruhte. Das „Landismo“ lebt von Angriffslust, Kletterklasse und einer gewissen Unberechenbarkeit – aber inzwischen ebenso von Landas Fähigkeit, nach Rückschlägen immer wieder zurückzukehren.

Tobias Halland Johannessen: der ewige Etappenzweite siegt endlich

Kaum eine Geschichte passte besser zum Finaltag dieser Vuelta als der Sieg von Tobias Halland Johannessen (Uno-X Mobility). Der Norweger war auf zweite Plätze abonniert. Bei der Tour de France 2026 war er auf der neunten Etappe nach Ussel Zweiter hinter Mathieu van der Poel geworden. Bei der Vuelta folgte auf der siebten Etappe nach Valdelinares der nächste zweite Platz – diesmal hinter seinem eigenen Teamkollegen Andreas Leknessund. Auf der Königsetappe zum Collado del Alguacil wurde Johannessen erneut Zweiter, hinter Mikel Landa. 24 Stunden später „prügelte er erneut aufs Glück ein“, wie Jens Voigt sagen würde

Die Erleichterung war entsprechend groß. Johannessen hatte zuvor zwölf zweite Plätze gesammelt und seit drei Jahren kein Rennen mehr gewonnen.

Gerade deshalb war Granada mehr als nur ein weiterer Etappensieg für Uno-X. Johannessen hatte über Jahre bewiesen, dass er bei großen Rennen zur Spitze gehören kann. Nun fehlte endlich nicht mehr das entscheidende Ergebnis.

Santiago Buitrago: Bergtrikot als Lohn für eine Vuelta der knappen Niederlagen

Santiago Buitrago (Bahrain Victorious) beendet die Vuelta ohne Etappensieg – und trotzdem mit einem Wertungstrikot. Der Kolumbianer gewann die Bergwertung. Das gepunktete Trikot ist damit der verdiente Lohn für eine Rundfahrt, in der Buitrago immer wieder offensiv fuhr und an den entscheidenden Bergen präsent war.

Ganz zufrieden dürfte er mit seiner Vuelta trotzdem nicht sein. Denn mehrfach fehlte nur wenig zum ganz großen Erfolg. Auf der Sierra de La Pandera wurde Buitrago auf en letten Metern knapp geschlagen von Marco Brenner. Auf Peñas Blancas sah er zwei Etappen später erneut lange wie der mögliche Sieger aus, ehe Eddie Dunbar noch an ihm vorbeizog. Wieder blieb nur Rang zwei.

Gerade diese zweite knappe Niederlage traf Buitrago. Nach dem Ziel sprach er von großer Enttäuschung. Verständlich: Wer bei einer Grand Tour zweimal unmittelbar vor einem Etappensieg steht und beide Chancen knapp verpasst, wird sich kaum allein mit guten Platzierungen trösten können.

Das Bergtrikot bekam dadurch beinahe den Charakter eines Trostpreises – allerdings eines sportlich hochverdienten. Buitrago suchte seine Chancen konsequent über Ausreißergruppen, sammelte dabei Bergpunkte und gehörte auf mehreren schweren Etappen zu den stärksten Fahrern des Tages und unterstützte auch den Youngster Jakob Omrzel im Kampf um die Gesamtwrtung. Sein Problem war weder fehlende Form noch mangelnder Mut. Es fehlte lediglich der perfekte Abschluss.

Genau darin liegt die Ambivalenz seiner Vuelta. Objektiv kann Buitrago mit dem Gewinn der Bergwertung auf eine erfolgreiche Rundfahrt zurückblicken. Subjektiv dürften vor allem die beiden zweiten Plätze hängen bleiben – weil beide Male ein Etappensieg zum Greifen nah war.

Foto: IMAGO / Europa Press