Start Profi-Sport Tour de France Femmes 2026: Interview mit TV-Expertin & Ex-Profi Claudia Lichtenberg

Tour de France Femmes 2026: Interview mit TV-Expertin & Ex-Profi Claudia Lichtenberg

Übersicht

Claudia Lichtenberg kennt die Herausforderungen einer Grand Tours Rundfahrten aus eigener Erfahrung. Die frühere Profiradfahrerin, die während eines Großteils ihrer Karriere unter ihrem Geburtsnamen Claudia Häusler startete, gewann 2009 den Giro d’Italia der Frauen und die damals ebenfalls zu den bedeutendsten Rundfahrten zählende Tour de l’Aude. Vor allem an langen Anstiegen und in mehrtägigen Rennen gehörte die Münchnerin über viele Jahre zur internationalen Spitze.

Im Interview erklärt die ehemalige Giro-Siegerin, weshalb Titelverteidigerin Pauline Ferrand-Prévot für sie die erste Anwärterin auf das Gelbe Trikot ist, welche Etappen die Gesamtwertung prägen können und warum auch abseits von Mont Ventoux, Zeitfahren und Finaltag Zeitabstände entstehen könnten. Zudem spricht Lichtenberg über die Chancen der deutschen Fahrerinnen, mögliche Überraschungen und die Entwicklung eines Frauenradsports, in dem es ihrer Einschätzung nach „keine Geschenke mehr“ gibt.

Bei der Tour de France Femmes avec Zwift bringt Lichtenberg ihre Erfahrung erneut als Expertin am Eurosport-Mikrofon ein.

Favoritinnen der Tour de France Femmes 2026

Alpecin Cycling: Wer gewinnt die Tour de France Femmes?

Claudia Lichtenberg: Für mich gibt es drei große Favoritinnen: Demi Vollering, Katarzyna Niewiadoma und Pauline Ferrand-Prévot. Jede von ihnen hat die Tour schon einmal gewonnen. Mein Tipp wäre Ferrand-Prévot. Ich glaube, dass sie erneut eine sehr gute, weitgehend abgeschirmte Vorbereitung absolviert hat und die Tour zum zweiten Mal gewinnen kann.

Kann man davon ausgehen, dass diese drei Fahrerinnen auch auf dem Podium stehen werden?

Das wäre mir zu eindeutig. Vor einigen Jahren gab es vielleicht noch Fahrerinnen, bei denen man vor einer Rundfahrt sagen konnte: Die steht am Ende auf jeden Fall auf dem Podium. Heute ist die Konkurrenz dafür zu groß. Ich glaube zwar, dass eine dieser drei Fahrerinnen die Gesamtwertung gewinnen wird. Ob aber tatsächlich alle drei auf dem Podium stehen, ist schwer vorherzusagen.

Die wichtigsten Etappen der Tour de France Femmes

Welche Etappen könnten für die Gesamtwertung entscheidend werden?

Auf der Mont Ventoux-Etappe kann man sehr viel Zeit gewinnen, aber ebenso viel verlieren. Sie wird für die Gesamtwertung auf jeden Fall eine entscheidende Rolle spielen. Auch das Zeitfahren kann Minuten Abstände ‚produzieren‘. Und nicht zu vergessen die Finaletappe rund um Nizza.

Grundsätzlich werden alle Etappen bei der Tour extrem hart gefahren. Deshalb gibt es nur selten vollkommen unerwartete Ergebnisse. An vielen Tagen bleiben am Ende tatsächlich nur die stärksten Fahrerinnen übrig. Bei dieser Tour gibt es keine Geschenke mehr.

Bedeutet das, dass selbst mittelschwere Tagesabschnitte wie die 5. Etappe Einfluss auf die vorderen Platzierungen im Gesamtklassement habe konnten?

Gut möglich, die Etappeist deutlich schwerer, als es auf den ersten Blick wirken mag. Entscheidend ist nicht allein der Anstieg kurz vor Schluss mit einer Länge von drei Kilometern und rund acht Prozent, sondern die anschließende Abfahrt. Auf einer breiten, gut ausgebauten Straße kann eine Gruppe schnell wieder zusammenlaufen. Ist die Abfahrt dagegen technisch, schmal und von Serpentinen geprägt, können entstandene Abstände bestehen bleiben oder sogar größer werden. Nach meinem jetzigen Stand ist das eine technische Abfahrt. Deshalb würde ich an diesem Tag nicht automatisch davon ausgehen, dass wieder alles zusammenläuft. Dort werden wahrscheinlich die besten Fahrerinnen um den Etappensieg kämpfen.

Ist Marlen Reusser klare Favoritin für das Einzelzeitfahren über 21 Kilometer – und könnte sie ihren Konkurrentinnen ein bis zwei Minuten abnehmen?

Sie gehört sicherlich zu den Favoritinnen. Man darf allerdings Antonia Niedermaier und Demi Vollering im Zeitfahren nicht unterschätzen. Beide sind in dieser Disziplin sehr stark. Auch Anna van der Breggen zeigte beim Giro eine starke Performance beim Zeitfahren.

Bei Pauline Ferrand-Prévot ist schwerer vorherzusagen, wo sie stehen wird. Dass Reusser ihren Konkurrentinnen auf dieser Strecke pauschal zwei Minuten abnimmt, halte ich für zu hoch gegriffen. Ein Vorsprung in der Größenordnung von einer Minute ist unter Umständen möglich. Das hängt aber stark davon ab, mit welcher Form die einzelnen Fahrerinnen antreten.

Was erwarten Sie von der Schlussetappe in Nizza?

Diese Etappe bietet die Möglichkeit, in der Gesamtwertung noch einmal etwas zu verändern. Wer sein Ziel bis dahin nicht erreicht hat, kann versuchen, das Rennen offensiv zu drehen. Selbst ein Platz in den Top Ten ist so wertvoll, dass dafür noch einmal gekämpft wird.

Besonders interessant ist, dass mehrere der favorisierten Fahrerinnen bereits die Tour gewonnen haben. Sie werden kaum sagen: Ich bin mit dem zweiten Platz zufrieden. Sie werden eher bereit sein, alles zu riskieren und notfalls schon früh ihre Mannschaft einzusetzen. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass bereits am zweiten Anstieg offensiv gefahren wird. Die Fahrerinnen könnten ihre Helferinnen opfern und versuchen, das Rennen mit einer frühen Attacke aufzubrechen. Diese Etappe hat das Potenzial für ein großes Feuerwerk.

Könnten auch Fahrerinnen außerhalb der ersten drei Plätze das Rennen früh eröffnen?

Auf jeden Fall. Eine Fahrerin, die vor der Schlussetappe auf Rang vier, fünf oder sechs liegt, hat bei einer Attacke vergleichsweise wenig zu verlieren. Sie kann versuchen, noch auf das Podium zu fahren und damit zugleich die Fahrerinnen an der Spitze unter Druck setzen.

Anna van der Breggen ist genau der Typ Fahrerin, der früh angreifen und vollständig auf Risiko fahren kann. Sie hat bereits gezeigt, dass sie nicht bis zum letzten Anstieg wartet, sondern weit vor dem Ziel versucht, etwas zu bewegen. Solche Fahrerinnen sind für den Rennverlauf sehr wertvoll.

Die deutschen Fahrerinnen bei der Tour de France Femmes

Könnte Paris-Roubaix-Siegerin Franziska Koch auf der ersten Etappe eine eigene Chance bekommen?

Das ist denkbar. Sie besitzt grundsätzlich die Leistung, um über die Anstiege dieser Etappe zu kommen. Entscheidend ist, wie ihre Mannschaft das Rennen gestaltet. Wenn das Team am letzten Anstieg feststellt, dass die Helferinnen für die Kapitänin nicht benötigt wurden, kann Franziska möglicherweise auf eigene Rechnung in den Sprint gehen. Dadurch wäre mannschaftstaktisch nichts verloren. Mit dieser Möglichkeit habe ich für die erste Etappe ebenfalls geliebäugelt.

Antonia Niedermaier aus Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Hat sie bereits das Zeug, um aufs Podium zu fahren?

Canyon-SRAM arbeitet mit Antonia sehr gut, weil das Team geduldig mit ihr bleibt. Ich weiß nicht genau, mit welcher Rolle sie in diese Tour geht. Aus meiner Sicht braucht sie aber noch etwas Zeit. In manchen Rennsituationen sieht man, dass ihr bei bestimmten Feinheiten noch Erfahrung fehlt.

Ihr bisheriger Weg ist dennoch bemerkenswert. Einige Entwicklungsschritte lassen sich jedoch nicht beschleunigen. Deshalb würde ich sie in diesem Jahr noch nicht zwingend als Podiumskandidatin betrachten.

Außenseiterinnen bei der Tour de France Femmes

Welche Fahrerin könnte bei dieser Tour unterschätzt werden?

Maëva Squiban sollte man im Blick behalten. Ihre beiden Solosiege im vergangenen Jahr waren außergewöhnlich. Ich glaube nicht, dass das eine einmalige Erscheinung war.

In der jüngeren Vergangenheit ist sie zwar nicht immer besonders auffällig gefahren. Bei der Tour de Suisse zeigte sie im Zeitfahren jedoch eine starke Leistung, obwohl sie in der letzten Kurve stürzte. Das deutet darauf hin, dass sie grundsätzlich in guter Verfassung ist. Bei einer sehr harten Tour kann sie ihre Stärken erneut ausspielen.

Paula Blasi hat ein sehr starkes Frühjahr absolviert. Wie weit kann sie bereits kommen?

Das muss man abwarten. Ihr Frühjahr war extrem stark. Aber niemand kann seine Form unbegrenzt steigern. Irgendwann wird es schwierig, ein solches Niveau über einen langen Zeitraum zu halten und es für die Tour noch einmal anzuheben.

Fahrerinnen wie Niewiadoma und Vollering haben ihre Saison gezielt auf die Tour ausgerichtet. Für eine junge Fahrerin müssen solche Entwicklungsschritte nach und nach kommen. Ich glaube deshalb nicht, dass Blasi ihre gesamte Saison schon in diesem Jahr vollständig auf den Toursieg ausrichten konnte oder sollte.

Auch die Rennen vor der Tour sind für ihre Entwicklung wichtig. Zunächst muss eine Fahrerin den Anschluss an die absolute Weltspitze herstellen. Erst danach kann sie ihre Saison konsequent auf ein einziges großes Ziel zuschneiden.

Die Veränderungen im Frauen-Radsport

Sie haben selbst große Rundfahrten gewonnen. Wie stark hat sich der Frauenradsport seit Ihrer aktiven Zeit verändert?

Das heutige Niveau ist aus dem gewachsen, was zuvor bereits vorhanden war. Es wäre falsch, die früheren Generationen kleinzureden. Auch damals gab es hochprofessionelle Fahrerinnen, starke Mannschaften und sportlich anspruchsvolle Rundfahrten.

Die größere mediale Präsenz hat der Entwicklung allerdings zusätzlichen Schub gegeben. Mehr Aufmerksamkeit schafft mehr wirtschaftliches Potenzial. Dadurch können sich heute deutlich mehr Fahrerinnen vollständig auf ihren Sport konzentrieren.

Die absolute Spitze konnte bereits zu meiner Zeit gut vom Radsport leben und teilweise auch Geld zurücklegen. In der Breite der Mannschaften war das jedoch anders. Nicht jede Fahrerin verfügte über ein ausreichendes Einkommen. Manche waren auf Unterstützung aus ihrem privaten Umfeld angewiesen.

Heute können wesentlich mehr Fahrerinnen innerhalb eines Teams gut vom Sport leben. Das hebt das allgemeine Leistungsniveau, weil sich nicht nur die Kapitäninnen, sondern auch die Helferinnen professionell vorbereiten können.

Hat die größere Leistungsdichte auch die taktischen Möglichkeiten verändert?

Ja. Eine größere Leistungsbreite eröffnet zusätzliche Optionen, kann ein Rennen aber zugleich stärker blockieren. Insgesamt haben sich die Mannschaften gemeinsam weiterentwickelt. Es ist nicht nur ein einzelnes Team, das einen großen Schritt gemacht hat und anschließend alles gewinnt.

Zwischendurch gab es Phasen, in denen eine Mannschaft besonders stark dominierte. Durch Wechsel und neue Verträge haben sich die Fahrerinnen später wieder auf verschiedene Teams verteilt. Dadurch ist die Konkurrenz zwischen mehreren siegfähigen Mannschaften größer geworden.

Diese Entwicklung ist auf eine gesunde Weise entstanden. Für den Frauenradsport ist das sehr positiv.

Kann eine einzelne Spitzenfahrerin das Niveau eines Frauenteams stärker verändern als im Männerradsport?

Ja, dieser Eindruck kann entstehen. Die Kader der Frauenteams sind weiterhin kleiner als die der Männerteams. Ein Männerteam kann zwei oder drei Champions für unterschiedliche Rennen einsetzen. Bei einem kleineren Frauenkader fällt der Zugang oder Abgang einer herausragenden Fahrerin stärker ins Gewicht.

Eine einzelne Kapitänin kann deshalb die sportliche Ausrichtung, die Rollenverteilung und das Selbstverständnis einer Mannschaft deutlich verändern. Die Entwicklung scheint langfristig in eine ähnliche Richtung wie im Männerradsport zu gehen. Sie braucht aber Zeit.

Ist der offensive Fahrstil eine neue Entwicklung im Frauenradsport?

Nein, ich halte ihn eher für eine Tradition. Dieses „Feuerwerk“ gab es im professionellen Frauenradsport schon zu meiner aktiven Zeit. Es wurde über viele Jahre weitergetragen.

Natürlich können sich Fahrerinnen und Mannschaften aus taktischen Gründen gegenseitig blockieren. Irgendwann kann das Rennen aber auch vollständig auseinanderfliegen. Man muss immer wieder zündeln, damit etwas entstehen kann.

Viele Fahrerinnen sind mit sehr viel Herz bei der Sache und wollen attraktive Radrennen fahren. Diese Begeisterung wird auf der Straße sichtbar – und sie überträgt sich auch auf das Publikum.

Foto: privat