Start Profi-Sport Tour de France 2026: Warum Vingegaard Pogačar zunächst spielen lässt

Tour de France 2026: Warum Vingegaard Pogačar zunächst spielen lässt

Übersicht

Der Auftakt der Tour de France 2026 in Barcelona hat das Duell zwischen Jonas Vingegaard und Tadej Pogačar sofort wieder in den Mittelpunkt gerückt. Während UAE Emirates XRG mit Pogačars Explosivität und dem Etappensieg von Isaac Del Toro glänzte, setzte Visma | Lease a Bike bereits im Mannschaftszeitfahren ein taktisches Ausrufezeichen. Radsport-Experte und Sportjournalist Raymond Kerckhoffs ordnet diesen Start jedoch nicht als frühen Schlagabtausch um jede Sekunde ein, sondern als strategisches Vorspiel für die entscheidende Schlusswoche. Seine These: Vingegaard kann es sich leisten, Pogačar in den ersten Tagen spielen zu lassen – solange er selbst Kräfte spart und in Reichweite bleibt.

Barcelona liefert den ersten Schlagabtausch

Wer nach 188,4 Kilometern die Top Ten der Gesamtwertung betrachtet, könnte meinen, auf den Champs-Élysées würde bereits der Champagner entkorkt. Als ob ein Mannschaftszeitfahren und eine hügelige Etappe in Katalonien die 3.333 Kilometer der Tour de France 2026 bereits abbilden könnten. Genau so lässt sich der spektakuläre Auftakt in Barcelona beschreiben, wo die Katalanen ein ganzes Wochenende lang Radsport vom Feinsten erleben konnten.

Im Gesamtklassement steht es zwischen Visma | Lease a Bike und UAE Emirates XRG – sprich: zwischen Jonas Vingegaard und Tadej Pogačar – nach zwei Etappen 1:1. Das bestätigt das Muster der vergangenen Jahre: Ein Team setzt in der ersten Tourwoche einen Akzent, das andere schlägt umgehend zurück. Man könnte es einen Kampf um die Spitze des Affenfelsens nennen, den wir als Zuschauer nur verfolgen können. Der Abstand ist minimal, die Spannung maximal.

Man kann Vingegaard durchaus als den mentalen Gewinner dieses Auftaktwochenendes bezeichnen. Nicht nur, weil er das Gelbe Trikot trägt, sondern vor allem, weil der Sieg im Mannschaftszeitfahren ein besonders prestigeträchtiges Ereignis ist.

Das neue Mannschaftszeitfahren als taktische Bühne

Das neue Format, bei dem jeder Fahrer seine eigene Zeit im Ziel erhält und es damit im Grunde um einen fulminanten Endspurt für den Teamleader geht, wirkt wie ein voller Erfolg. In den vergangenen zwei Jahrzehnten gab es im Radsport diverse Innovationen, die jedoch auch große Misserfolge erlebten, etwa die Hammer Series. Dieser Saisonauftakt hat Potenzial und verleiht dem Sport eine zusätzliche Dimension. Besonders jetzt, da die Organisation weitere Elemente in den Kampf um das Grüne und das Gepunktete Trikot integriert hat.

Die Taktik von Visma | Lease a Bike, Vingegaard bis zum letzten Kilometer nicht an der Spitze fahren zu lassen, zahlt sich hervorragend aus. Bemerkenswerterweise spielen dabei die beiden italienischen Überraschungsfahrer der ersten Tage, Edoardo Affini und Davide Piganzoli, eine tragende Rolle.

Pogačar wiederum zog seine Motivation aus der Tatsache, dass er am Schlussanstieg des Mannschaftszeitfahrens – 860 Meter mit durchschnittlich 6,5 Prozent Steigung – exakt drei Sekunden schneller war als Vingegaard. Das bestätigt, was in den vergangenen Jahren häufig zu sehen war: Der Slowene ist explosiver, während Vingegaard auf sein eisernes, gleichmäßiges Tempo setzt.

Pogačars Sekundenjagd am Montjuïc

Auf der zweiten Etappe wiederholt sich dieses Muster am selben Schlussanstieg, diesmal in einer Straßenetappe. Bemerkenswert ist, wie Pogačar seinem jüngeren Helfer Isaac Del Toro den Etappensieg am Montjuïc schenkt. Der Slowene hat auf den letzten Metern offensichtlich noch Reserven und muss beinahe bremsen, um seinem Teamkollegen den Sieg zu ermöglichen. Der viermalige Tour-Sieger verzichtet damit auf vier Bonussekunden, sichert sich aber die uneingeschränkte Unterstützung des aufstrebenden Mexikaners für diese Ausgabe.

Schon nach dem Mannschaftszeitfahren zeigt sich, dass die ersten sechs Teams der Ergebnisliste laut Finanzprüfung von Ernst & Young auch die sechs finanzstärksten Mannschaften sind. Visma | Lease a Bike, Netcompany Ineos, UAE Emirates-XRG, Lidl-Trek, Red Bull-Bora-Hansgrohe und Decathlon CMA CGM verfügen über die größten finanziellen Ressourcen. Gerade in dieser Disziplin lässt sich ein solcher Vorteil durch Know-how und gezielte Akquisitionen besonders gut ausspielen.

Auch auf der zweiten Etappe treten sofort die besten Fahrer in den Vordergrund. Wenn Del Toro, Pogačar, Evenepoel und Vingegaard auf einem relativ kurzen Anstieg scheinbar mühelos noch einmal beschleunigen können, zeigt das erneut, wie groß der Abstand an der Spitze ist.

Warum Visma das Gelbe Trikot nicht um jeden Preis verteidigt

Für Visma | Lease a Bike hat die Verteidigung des Gelben Trikots in den kommenden Tagen keine Priorität. Tatsächlich will der Däne in der ersten Tourwoche gar nicht erst in den belanglosen Sekundenkampf mit Pogačar verwickelt werden. „Pogi“ soll spielen und Energie verschwenden, um ein paar Sekunden zu ergattern. Der Kampf um das einzig wirklich wichtige Gelbe Trikot findet in den letzten Tagen in den Alpen statt. Bis dahin lautet Vingegaards Motto: nicht zu viel Boden verlieren und Kräfte sparen.

Deshalb ist es aufschlussreich zu sehen, wie entspannt der Giro-d’Italia-Sieger derzeit wirkt. Das neue Programm mit dem Giro als Vorprogramm der Tour de France motiviert ihn zusätzlich. Seit er als erster Fahrer seiner Generation das Triple aus Giro, Tour de France und Vuelta gewonnen hat, fühlt sich für ihn alles wie ein Bonus an. Selbst die Tour de France, sein Hauptziel in diesem Jahr, empfindet er so, wie er am Freitag im Gespräch mit Wielerflits beim Alpecin Hairforce 1 verriet.

Wie anders war das noch im vergangenen Jahr, als er in der ersten Tourwoche oft in Versuchung geriet, im Kampf mit Pogačar auf hügeligen Ankünften wie Rouen, Mûr-de-Bretagne und Le Mont-Dore alles zu geben. Simulationsmodelle im Team hatten im Winter gezeigt, dass es ihm deutlich mehr nützen würde, möglichst viel Energie für die Schlusswoche zu sparen. Je ausgeruhter er in die Alpen reist, desto besser kann er gegen den zweimaligen Weltmeister bestehen.

Eine Rivalität – und eine neue Generation dahinter

Das fantastische Auftaktwochenende der Tour in Barcelona hat gezeigt, was uns in den nächsten drei Wochen erwarten könnte: eine extrem spannende Tour de France mit dem stärksten Fahrerfeld der letzten Jahrzehnte. Fünf Jahre in Folge belegten Pogačar und Vingegaard die ersten beiden Plätze. Das gab es noch nie und unterstreicht die einzigartige Rivalität zwischen dem Slowenen und dem Dänen. Gleichzeitig klopfen jüngere Fahrer wie Del Toro, Seixas, Evenepoel, Ayuso und Lipowitz bereits mit größerem Nachdruck an die Tür.

Es könnte ein sehr hitziger Kampf um alle zehn Top-Plätze in der Gesamtwertung werden.

Autor: Raymond Kerckhoffs
Fotos: IMAGO / Belga

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Raymond Kerckhoffs