Start Profi-Sport Tour de France 2026: Analyse & Erkenntnisse der dritten Woche

Tour de France 2026: Analyse & Erkenntnisse der dritten Woche

Übersicht

Die dritte Woche der Tour de France 2026 brachte keine Wende mehr im Kampf um Gelb, dafür aber zahlreiche Erkenntnisse, die über den fünften Toursieg von Tadej Pogačar hinausreichen. Mathieu van der Poel versöhnte sich als „Greatest Showman“ endgültig mit der Tour, Richard Carapaz verwandelte die Alpen in seine persönliche Bühne und Remco Evenepoel beantwortete die Zweifel an seiner Grand-Tour-Tauglichkeit mit einem Etappensieg, starken Kletterleistungen in den Alpen und Gesamtrang zwei.

Auch taktisch lieferte die Schlusswoche wichtige Erkenntnisse. Mads Pedersen erarbeitete sich das Grüne Trikot mit einer offensiven Fahrweise, die Lidl-Trek zugleich vor schwierige Konflikte stellte. Pogačar und van der Poel zeigten, dass selbst die größten Stars bereit sind, für ihre Teamkollegen zu arbeiten. Gleichzeitig bestätigte die Siegerliste ein bekanntes Muster des modernen Radsports: Selbst aus den Ausreißergruppen triumphieren fast nur noch Weltmeister, Olympiasieger und Grand-Tour-Gewinner.

The Greatest Showman: Mathieu van der Poels Versöhnung mit der Tour

Mathieu van der Poel gewinnt selten „leise“. Wenn der Niederländer bei der Tour de France erfolgreich ist, entstehen keine gewöhnlichen Etappensiege, sondern Inszenierungen, die im Gedächtnis bleiben. Er greift an, wenn andere zögern, übernimmt Verantwortung, obwohl die taktische Ausgangslage gegen ihn spricht, und verwandelt Rennen in ein Spektakel. Van der Poel ist deshalb der „Greatest Showman“ des Pelotons: nicht nur, weil er gewinnt, sondern weil sich die Dramaturgie einer Etappe verändert, sobald er seine Möglichkeiten erkennt.

Gerade bei der Tour war dieses Verhältnis lange kompliziert. Van der Poel selbst beschrieb seine Beziehung zur Frankreich-Rundfahrt als eine Art Hassliebe. Als Spezialist für Eintagesrennen kann er dort vollständig seinen Instinkten folgen. Bei einer Grand Tour muss er dagegen akzeptieren, dass viele Etappen nicht zu seinen Fähigkeiten passen und er tagelang leiden muss, um auf wenige echte Chancen zu warten. Mit zunehmendem Alter, erklärte er vor der Tour 2026, könne er diese Realität besser einordnen und die Rundfahrt stärker genießen.

Die Tour hatte ihm schon große Augenblicke geschenkt. 2021 gewann er an der Mûr-de-Bretagne und übernahm jenes Gelbe Trikot, das sein Großvater Raymond Poulidor nie getragen hatte. Sie hatte ihm aber auch Frust und Enttäuschungen gebracht. 2025 gewann Van der Poel eine Etappe und trug vier Tage Gelb, musste die Rundfahrt jedoch vor der Schlusswoche wegen einer Lungenentzündung verlassen. Ausgerechnet die finale Etappe über Montmartre, auf die er sich besonders gefreut hatte, erlebte er nicht mehr im Rennen.

Ein Jahr später wirkte die Tour 2026 deshalb wie eine Versöhnung. Van der Poel gewann zunächst in Ussel am Ende der 9. Etappe nach einem offensiven und kräftezehrenden Tag aus der Ausreißergruppe. Auf Etappe 17 stellte er sich als Anfahrer in den Dienst von Jasper Philipsen und bereitete dessen Erfolg in Voiron vor. Den perfekten Schlusspunkt setzte er schließlich in Paris: Nach der letzten Montmartre-Überfahrt löste er sich gemeinsam mit Tadej Pogačar, setzte sich anschließend allein ab und rettete seinen Vorsprung auf den Champs-Élysées knapp vor Philipsen und Mads Pedersen ins Ziel. Es war sein vierter Tour-Etappensieg und bereits sein zweiter Erfolg bei dieser Austragung.

Besser hätte diese Geschichte kaum enden können. Ein Jahr nachdem ihn eine Erkrankung um seine Chance auf Montmartre gebracht hatte, gewann Van der Poel genau jene Etappe, von der er so lange geträumt hatte. Die Tour bleibt für ihn ein Rennen, das mehr Leiden und Geduld verlangt als seine geliebten Klassiker. Doch 2026 gab sie ihm nicht nur zwei Siege, sondern auch das Finale, das zu ihm passt: offensiv, unberechenbar und spektakulär. Aus der Hassliebe wurde vielleicht noch keine bedingungslose Zuneigung – aber zumindest eine eindrucksvolle Versöhnung.

Richard Carapaz – der Mann der letzten Woche

Richard Carapaz (EF Education-EasyPost) begann die Schlusswoche ohne Etappensieg, ohne Wertungstrikot und außerhalb der Top Ten. Der EF Education-EasyPost-Profi beendet sie als zweifacher Etappensieger, Gewinner des Bergtrikots, Achter der Gesamtwertung und kämpferischster Fahrer der gesamten Rundfahrt. Kein anderer Profi hat seine Tour in den finale Tagen derart grundlegend verändert.

Auf der 18. Etappe nach Orcières-Merlette setzte sich Carapaz aus der Ausreißergruppe durch. Zwei Tage später gewann er auch die Königsetappe nach Alpe d’Huez. Dazwischen sammelte er konsequent Punkte an den wichtigsten Alpenpässen und sicherte sich das Bergtrikot. Seine beiden Erfolge waren keine zufälligen Ausreißersiege. Carapaz gehörte an allen drei Alpenetappen zu den aktivsten und stärksten Fahrern.

Dabei wiederholte der Ecuadorianer gewissermaßen ein bekanntes Muster. Bereits 2024 hatte er seine Tour erst in der Schlusswoche in einen großen Erfolg verwandelt. Damals gewann er die 17. Etappe nach SuperDévoluy und sicherte sich anschließend ebenfalls das Bergtrikot.

Carapaz besitzt eine besondere Fähigkeit, wenn die Rundfahrt in ihre entscheidende Phase geht. Während andere Fahrer nach zweieinhalb Wochen zunehmend defensiv werden, scheint er aus der Ermüdung des Feldes neue Möglichkeiten zu ziehen. Er erkennt, auf welchen Etappen die Favoritenteams den Ausreißern Freiheiten lassen, und besitzt noch genug Leistungsfähigkeit, um aus einer hochklassigen Gruppe heraus zu gewinnen.

Die dritte Woche war deshalb nicht nur eine sportliche Rettung seiner Tour. Sie machte Carapaz neben Pogačar zum prägenden Fahrer der Alpen.

Lidl-Trek: viel Licht, aber auch Schatten

Die Tour von Lidl-Trek lässt sich nicht eindeutig als Erfolg oder Enttäuschung bewerten. Mads Pedersen gewinnt das Grüne Trikot. Die Mannschaft die Teamwertung. Mattias Skjelmose und Juan Ayuso belegen am Ende die Plätze sechs und sieben der Gesamtwertung. Gleichzeitig blieb die Frage, ob das Team seine zahlreichen Möglichkeiten immer optimal miteinander verbunden hat.

Pedersens Weg zum Grünen Trikot war eine der beeindruckendsten Leistungen dieser Tour. Der Däne beschränkte sich nicht auf Massensprints. Er ging in Ausreißergruppen, kämpfte selbst auf Alpenetappen um Zwischensprints und zwang Jasper Philipsen dazu, ebenfalls auf für Sprinter ungewohntem Terrain enorme Kräfte zu investieren.

Gerade die 19. Etappe zeigte jedoch die Schwierigkeit, gleichzeitig auf Grün, Etappensiege und eine gute Gesamtwertung zu fahren. Lidl-Trek investierte zunächst viel Energie in Pedersens Kampf um den Zwischensprint. In der Ausreißergruppe befand sich mit Lenny Martinez allerdings ein Fahrer, der für Skjelmose und Ayuso im Gesamtklassement gefährlich war. Erst später übernahm Lidl-Trek auch im Hauptfeld Verantwortung, um den Rückstand zu begrenzen. Martinez verteidigte seinen Vorsprung, wurde Zweiter der Etappe und rückte auf den fünften Gesamtrang vor. Skjelmose fiel dadurch hinter den Franzosen zurück.

Hier zeigte sich ein strategischer Zielkonflikt: Ist Grün wichtiger als die Top Fünf im Gesamtklassement. Ex-Profi Jacky Durand sprach bei Eurosport France gar von zwei Teams in einem. Eines um Pedersen, das andere um Skjelmose und Ayuso.

Lidl-Trek gewann das Grüne Trikot durch Konsequenz und offensive Fahrweise. Im Kampf um Rang fünf bezahlte das Team möglicherweise einen Preis für genau diese Prioritätensetzung.

Remco Evenepoel straft seine Kritiker

Remco Evenepoel (Red Bull-Bora-Hansgrohe) wurde während dieser Tour wiederholt an seinen Schwächen gemessen. Er sei auf langen Anstiegen nicht stabil genug, wurde nach schwierigen Momenten am Tourmalet und in den Vogesen argumentiert. Andere bezweifelten, ob er nach dem Ausscheiden Jonas Vingegaards den zweiten Gesamtrang gegen die jungen Kletterer hinter ihm verteidigen könne.

Evenepoel beantwortete diese Zweifel auf der Straße. Nach seinem Etappensieg auf dem Plateau de Solaison dominierte er das Einzelzeitfahren und nahm selbst Pogačar 28 Sekunden ab.

Die vielleicht wichtigste Antwort gab er jedoch in den Alpen. Er war auf der ersten Alpe d‘Huez-Etappe Zweitbester aller Klassementfahrer, und einen Tag später auf der Königsetappe, der Einzige, der dem Duo Pogačar-Del Toro folgen konnte und am Ende sogar noch davonfuhr. Damit verteidigte der Belgier nicht nur seinen Podiumsplatz, sondern zeigte nach drei Wochen noch einmal seine Stärke an einem Tag mit mehreren Alpenpässen und rund 5.600 Höhenmetern.

Natürlich blieb der Abstand zu Pogačar groß. Diese Tour hat nicht bewiesen, dass er den Slowenen bereits über drei Wochen bezwingen kann. Sie hat aber gezeigt, dass er deutlich mehr ist als ein Zeitfahrspezialist, der im Hochgebirge lediglich versucht, Verluste zu begrenzen.

Zwei Etappensiege, Rang zwei der Gesamtwertung und eine Leistung in der finalen Woche haben klare Antworten auf die Kritik gegeben. Evenepoel hat Pogačar nicht geschlagen. Aber er hat alle andere Fahrer hinter ihm klar auf Distanz gehalten.

Die Trainingsumstellung und Rennplanung nach dem Wechsel zu Red Bull-Bora-Hansgrohe hat Früchte getragen, Nicht ganz unbeteiligt an diesem Erfolg ist Evenepoels ehemaliger Trainer Dan Lorang. Lorang, bis Mai 2026 Coach von Evenepoel., hat Erfahrung im Training mit Top-Stars und kann diesen neuen Impulsen geben. Das hat er hier erneut bewiesen

Drei Franzosen unter den besten Zehn

Drei Wochen wurde in Frankreich fast nur über Paul Seixas als den kommenden französischen Tour de France-Sieger gesprochen. Dabei hat die Grand Nation viel mehr zu bieten als nur Seixas, dem mit Platz vier in der Gesamtwertung ein gelungenes Tour-Debüt gelang. Direkt dahinter landete Lenny Martinez auf Platz fünf und Jordan Jegat auf Position zehn. Drei Franzosen unter den besten Zehn.

Natürlich war Seixas dabei die größte Entdeckung. Der junge Fahrer von Decathlon-CMA CGM hielt sich über drei Wochen bei den stärksten Klassementfahrern und kämpfte bis zur Königsetappe sogar um das Podium und das Weiße Trikot. Dass er bei seiner ersten Tour unmittelbar hinter Pogačar, Evenepoel und Del Toro liegt, ist unabhängig vom verpassten Podium ein außergewöhnliches Ergebnis.

Martinez wählte einen offensiveren Weg. Auf der 19. Etappe schaffte er den Sprung in die Ausreißergruppe, wurde Zweiter in Alpe d’Huez und rückte dadurch auf Gesamtrang fünf vor. Einen Tag später verteidigte er diese Position mit Platz sechs auf der Königsetappe.

Jegat erreichte die Top Ten wiederum über Konstanz und geschickt genutzte Fluchtgruppen. Er verlor auf den schwersten Alpenetappen zwar Zeit, konnte sein zuvor aufgebautes Polster aber bis Paris verteidigen.

Die drei Franzosen stehen damit für unterschiedliche Fahrertypen und unterschiedliche Strategien: Seixas fuhr nahezu durchgehend gegen die Favoriten, Martinez kombinierte Kletterstärke mit offensiver Etappenjagd, Jegat nutzte seine Freiheiten in Ausreißergruppen. Frankreich besitzt noch keinen Nachfolger für Bernard Hinault. Aber diese Tour hat gezeigt, dass sich hinter den etablierten Superstars eine neue Generation entwickelt.

Tudor: beinahe unsichtbar, aber nur knapp an den Top Ten vorbei

Tudor Pro Cycling blieb während dieser Tour häufig unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle. Das Team prägte weder die Massensprints noch den Kampf um die Wertungstrikots. Auch in den entscheidenden Finales war die Schweizer Mannschaft nur selten im Zentrum des Geschehens.

In der Schlusswoche schob sich Yannis Voisard sogar in die Top Ten, am Ende belegt der Schweizer in der Gesamtwertung den elften Platz.

Voisards Platzierung ist das Ergebnis einer unauffälligen, aber konstanten Rundfahrt. Er vermied große Einbrüche, verlor auf den entscheidenden Bergetappen weniger Zeit als viele bekanntere Fahrer und nutzte einzelne Ausreißversuche, ohne das Rennen spektakulär prägen zu müssen. Auf der 19. Etappe gehörte er gemeinsam mit Teamkollege Michael Storer zur Spitzengruppe. Auch auf der Königsetappe erreichten beide das Ziel in den Top 20.

Gerade darin liegt der Kontrast. Carapaz, Pidcock oder Jegat fuhren mit weithin sichtbaren Attacken in die Top Ten. Voisard näherte sich diesem Bereich beinahe geräuschlos. Für Tudor ist Rang elf sportlich wertvoll, weil er zeigt, dass das Team bei einer dreiwöchigen Rundfahrt einen Fahrer konstant in der Nähe der erweiterten Weltspitze platzieren kann.

Die Tour der Schweizer Mannschaft fuhr nicht spektakulär. Wirkungslos war sie deshalb nicht.

Etappensiege bleiben eine Sache der Superstars

Auch in der dritten Woche der Tour de France 2026 blieben Überraschungssiege vollständig aus. Fünf der sechs Etappensiege gingen an Fahrer, die bereits Welt- oder Olympiasieger geworden waren: Remco Evenepoel (Weltmeister und Olympiasieger) gewann das Einzelzeitfahren, Richard Carapaz (Olympiasieger) triumphierte zweimal in den Alpen, Tadej Pogačar (Weltmeister) siegte in Alpe d’Huez und Mathieu van der Poel (Weltmeister) entschied das Finale in Paris für sich. Und mit Jasper Philipsen stand am Ende der 17. Etappe weiß Gott kein Nobody auf dem Podium.

Die Siegerliste der Schlusswoche liest sich nicht wie die einer dreiwöchigen Rundfahrt, in deren letzter Phase sich erschöpfte Favoriten zurückhalten und Außenseitern größere Freiräume bieten. Sie liest sich wie ein Who is Who des Radsports.

Besonders aufschlussreich waren die beiden Erfolge von Carapaz. Klassischerweise gelten die Bergetappen der Schlusswoche als letzte große Gelegenheit für Ausreißer und Fahrer aus der zweiten Reihe. Tatsächlich gewann der Ecuadorianer beide Male aus offensiven Rennsituationen heraus. Ein Außenseiter war er deshalb noch lange nicht. Carapaz ist Olympiasieger, Giro-Gesamtsieger und ehemaliger Tour-Dritter. Die Fluchtgruppe bot ihm zwar die taktische Möglichkeit zum Erfolg – gewinnen musste er anschließend aber gegen einige der besten Bergfahrer des Feldes.

Auch die Königsetappe zeigte, auf welchem Niveau inzwischen selbst in einer Ausreißergruppe gefahren wird. Mit Carapaz, Sepp Kuss und Jai Hindley bestimmten drei Grand-Tour-Sieger das Rennen an der Spitze. Ein Fahrer, der aus einer solchen Gruppe heraus eine Tour-Etappe gewinnen will, muss nicht bloß genügend Vorsprung auf das Hauptfeld besitzen. Er muss Fahrer bezwingen, die bereits Giro, Vuelta oder olympisches Gold gewonnen haben.

Das ist eine weitere Ausprägung des modernen Radsports. Die besten Fahrer konzentrieren sich nicht mehr ausschließlich auf ein eng definiertes Spezialgebiet. Evenepoel kann ein Bergfinale und ein Zeitfahren gewinnen. Pogačar ist im Hochgebirge ebenso überlegen wie in explosiven Finals. Van der Poel kann eine schwere Fluchtetappe und ein taktisches Finale in Paris entscheiden. Carapaz kämpft gleichzeitig um Etappensiege, Bergpunkte und eine Position in der Gesamtwertung.

Hinzu kommt die immer genauere Vorbereitung. Strecken werden analysiert und besichtigt, Training und Ernährung auf einzelne Etappen abgestimmt, Leistungsdaten ausgewertet und Kühlungs- sowie Regenerationsstrategien bis ins Detail optimiert. Dadurch gelangen die besten Fahrer häufiger in Bestform zu den entscheidenden Tagen. Sie besitzen zudem Mannschaften, die Rennen kontrollieren, Fluchtgruppen besetzen oder einen Kapitän gezielt für das Finale schonen können.

Das bedeutet nicht, dass ein unbekannterer Fahrer grundsätzlich keine Tour-Etappe mehr gewinnen kann. Taktisches Zögern oder eine falsch eingeschätzte Ausreißergruppe können weiterhin unerwartete Chancen eröffnen. Doch selbst eine solche Gelegenheit reicht häufig nicht aus. Ein Außenseiter muss nicht nur den richtigen Moment erkennen, sondern anschließend über sich hinauswachsen und auf Weltklasseniveau fahren, um ihn zu nutzen.

Die Schlusswoche bestätigt damit die Erkenntnis der ersten Tour-Tage. Der klassische Überraschungssieg wird immer seltener. Selbst wenn das Hauptfeld einer Fluchtgruppe Freiheiten gewährt, sind dort inzwischen Weltmeister, Olympiasieger und Grand-Tour-Gewinner zu finden. Wer eine Etappe der Tour de France gewinnen will, benötigt nicht mehr nur Mut, eine gute Taktik und einen außergewöhnlichen Tag. Er muss an diesem Tag häufig einen der besten Fahrer der Welt schlagen – oder selbst einer sein.

Pogačar und van der Poel – Leader als Helfer

Ein starker Leader zeichnet sich nicht allein dadurch aus, dass er eine Mannschaft motiviert, für ihn zu arbeiten. Seine besondere Qualität zeigt sich auch in der Bereitschaft, die Hierarchie im entscheidenden Moment umzukehren und die eigenen Fähigkeiten in den Dienst eines Teamkollegen zu stellen. Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel lieferten in der Schlusswoche dieser Tour zwei unterschiedliche Beispiele dafür. Beide Superstars waren selbst Etappensieger und die unumstrittenen sportlichen Fixpunkte ihrer Mannschaften. Dennoch übernahmen sie Helferrollen, als der Erfolg eines Teamkollegen wichtiger wurde als die eigenen Ambitionen.

Pogačar stellte sich dabei nicht zum ersten Mal in den Dienst von Isaac Del Toro. Nachdem er dem Mexikaner bereits auf der zweiten Etappe den Tagessieg ermöglicht und ihn später bis zum Plateau de Solaison unterstützt hatte, übernahm er auf der Königsetappe klassische Helferdienste. Pogačars fünfter Tour-Gesamtsieg war praktisch abgesichert, während Del Toro seinen dritten Platz in der Gesamtwertung und das Weiße Trikot gegen Paul Seixas verteidigen musste.

Spätestens am Col du Galibier übernahm der Mann im Gelben Trikot zunehmend Verantwortung für seinen Teamkollegen. Im weiteren Verlauf kontrollierte er das Tempo und half Del Toro dabei, Seixas auf Distanz zu halten. Pogačar verzichtete damit auf eine konsequent offensive Fahrt um einen weiteren Etappensieg und investierte seine Überlegenheit in den Podiumsplatz des Mexikaners. Del Toro, der zuvor am Tourmalet und auf weiteren Bergetappen entscheidend für seinen Kapitän gearbeitet hatte, erhielt nun dessen Unterstützung zurück.

Mathieu van der Poel wechselte auf der 17. Etappe nach Voiron ebenfalls bewusst in die Rolle des Edelhelfers. Der Niederländer hätte in dem offensiven und taktisch offenen Rennen selbst auf Sieg fahren können. Stattdessen half er Alpecin-Premier Tech dabei, Angriffe abzudecken und das Finale zu kontrollieren. Anschließend bereitete er mit einem unwiderstehlichen Lead-out den Sprint von Jasper Philipsen vor.

Van der Poel beschleunigte auf den letzten Metern und brachte seinen Teamkollegen in eine nahezu ideale Ausgangsposition. Philipsen vollendete die Vorarbeit und feierte seinen ersten Etappensieg bei dieser Tour. Der frühere Weltmeister stellte damit genau jene Fähigkeiten in den Dienst des Teams, mit denen er normalerweise selbst Rennen entscheidet: seine Explosivität, sein taktisches Gespür und seine Fähigkeit, in hektischen Finals die Kontrolle zu übernehmen.

Die beiden Beispiele zeigen unterschiedliche Formen von Führung. Pogačar nutzte seine Stellung als dominierender Rundfahrer, um einem jungen Teamkollegen das Tour-Podium zu sichern. Van der Poel ordnete seine eigenen Möglichkeiten der Sprintstrategie unter, weil Philipsen in dieser Rennsituation die größere Siegchance besaß.

Ein echter Leader besteht deshalb nicht darauf, dass jede taktische Entscheidung auf ihn zugeschnitten wird. Er erkennt, wann sein größter Wert für die Mannschaft darin liegt, einem anderen Fahrer den Weg zum Erfolg zu bereiten.

Foto: IMAGO / Photo News