Start Profi-Sport Robbie McEwen im Interview vor dem Giro d’Italia 2026: Vingegaard ist Top-Favorit

Robbie McEwen im Interview vor dem Giro d’Italia 2026: Vingegaard ist Top-Favorit

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Robbie McEwen kennt den Giro d’Italia aus mehreren Perspektiven: als früherer Weltklasse-Sprinter, als langjähriger Beobachter des Profi-Radsports und als TV-Experte. Für den britischen Sender TNT UK begleitet der Australier die Italien-Rundfahrt. Dort ist McEwen unter anderem Host der Sendung „The Breakaway“ im Einsatz – dem englischen Pendant zum deutschen Eurosport-Format „Velo Club“, das immer im Anschluss an die Live-Übertragung der Giro-Etappen auf Eurosport 1 ausgestrahlt wird.

Vor dem Start des Giro d’Italia analysiert der frühere Top-Sprinter und mehrmalige Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France McEwen die Ausgangslage im Gesamtklassement mit der klare Favoritenrolle von Jonas Vingegaard, seine Herausforderer, die Sprintchancen von Jonathan Milan sowie den Parcours der Italien-Rundfahrt.


Robbie McEwen über Jonas Vingegaard: „Er ist der klare Favorit“

Verliert der Giro ohne Fahrer wie João Almeida, Richard Carapaz und Mikel Landa etwas an seiner Wettbewerbsfähigkeit?

Ja, der Giro verliert dadurch etwas – vor allem durch den Ausfall von João Almeida. Er ist für mich der wichtigste Fahrer, der fehlt. Almeida hätte Jonas Vingegaard wirklich herausfordern können. Ohne ihn wird Vingegaard zum überwältigenden Favoriten, sofern nichts schiefgeht.

Die positive Seite ist aber: Dahinter entsteht ein sehr spannender Kampf um das Podium und die Top-Fünf-Plätze. Unterhalb von Vingegaard gibt es eine größere Gruppe von Fahrern, die auf einem sehr ähnlichen Niveau liegen. Giulio Pellizzari sehe ich als den stärksten aus dieser Gruppe. Für mich ist er der wahrscheinlichste Kandidat auf Rang zwei.

Danach ist das Feld extrem ausgeglichen mit Fahrern wie Adam Yates, Jai Hindley, Thymen Arensman, Ben O’Connor und Michael Storer Ich bin sehr gespannt, wie sich Egan Bernal präsentiert – gerade angesichts seiner jüngsten Entwicklung, seiner Rückkehr und seiner verbesserten Form.

Welche Chancen hat Jay Vine im Gesamtklassement, wenn er nicht stürzt ?

Bei Jay ist das immer die große Frage. Aber ich würde sehr gerne sehen, dass er es im Gesamtklassement versucht. Er ist in Ausreißergruppen und auf Bergetappen unglaublich konstant. Und in einem Zeitfahren über 42 Kilometer könnte er sogar Vingegaard oder Filippo Ganna schlagen – besonders tief in einer Grand Tour.

Er war bisher nie der geschützte Leader. Es gab immer Almeida oder jemand anderen vor ihm. Da Almeida, Isaac del Toro und Pogačar fehlen, ist das für UAE die perfekte Gelegenheit, ihn zu unterstützen.

Kann Red Bull–Bora–Hansgrohe mit zwei Kapitänen – Jai Hindley und Giulio Pellizzari – erfolgreich sein?

Ja. Die beiden ergänzen sich gut. Hindley hat den Giro gewonnen und wurde dort auch schon Zweiter. Mit Vingegaard als überwältigendem Favoriten wird es sogar einfacher: Das Ziel ist, ihm so lange wie möglich zu folgen.

Später im Rennen wird die Straße entscheiden, wer stärker ist. Aber ich sehe zwischen Hindley und Pellizzari keinen Führungskonflikt.

Jonathan Milan ist „der“ Sprinter beim Giro

Was erwarten sie von den Sprintetappen – und wie bewerten sie Jonathan Milan?

Zunächst dachte ich, es gebe neun flache Etappen. Das hätte sich fast wie in der Ära von Mario Cipollini und Alessandro Petacchi angefühlt. Wenn man aber genauer hinschaut, sind mehrere dieser Tage keine echten Sprintetappen. Trotzdem haben die Sprinter gute Chancen.

Jonathan Milan ist der klare Favorit. Seine Giro-Bilanz und seine Leistungen in Grand Tours sprechen für sich. Er hatte in diesem Jahr einige gesundheitliche Probleme und ein paar Niederlagen erlitten, aber ohne Jasper Philipsen, Tim Merlier und Olav Kooij sticht er heraus.

Tobias Lund Andresen, Paul Magnier und Kaden Groves sind die wichtigsten Herausforderer. Milan hat manchmal Probleme in den Bergen, erholt sich aber gut. Das Sprinterfeld ist nicht sehr stark besetzt, aber Milan ist der Mann, über den alle sprechen werden – besonders in Italien.

Was gefällt Ihnen besonders an Jonathan Milan als Sprinter – und wo kann er sich noch verbessern?

Seine pure Kraft. Wenn er antritt, sieht es aus, als würde er das Rad auseinanderreißen. Sein Lead-out mit Simone Consonni funktioniert hervorragend, trotz des Größenunterschieds zwischen den beiden. Seine Schwäche ist dieselbe wie bei allen Sprintern: Er muss harte Bergetappen überstehen. Aber er darf nicht Geschwindigkeit opfern, nur um besser zu klettern. Verbessern kann er sich in puncto Aerodynamik und Effizienz. Sein Sprint ist wild und nicht besonders sauber. Wenn er dieselbe Leistung beibehält, aber aerodynamischer wird, ist er noch gefährlicher.

Wer hat die besten Chancen auf die Punktewertung – Jonathan Milan, Paul Magnier oder en anderer Fahrer?

Magnier kommt besser durch die harten Etappen, aber diese Etappen werden oft von Ausreißern entschieden, was es schwierig macht, Punkte zu sammeln. Milan wird in den reinen Sprints einen großen Vorsprung herausfahren. Magnier muss die härteren Sprinttage gewinnen, um dranzubleiben. Auch Groves könnte eine Herausforderung darstellen – er klettert gut und ist im Flachsprint schneller als Magnier. Tobias Lund Andresen ist ein weiterer Fahrer, der mit schwierigem Gelände gut zurechtkommt.

Giro d’Italia-Strecke 2026: „Vier Etappen könnten Königsetappen sein“

Im Vergleich zu früheren Austragungen scheint dieser Giro weniger ikonische Anstiege zu haben. Wie wirkt sich das auf das Rennen aus?

Auf den ersten Blick gibt es weniger berühmte Anstiege und weniger Bergetappen. Aber die Etappen, die gefahren weden, sind extrem schwer. Statt einer oder zwei offensichtlichen Königsetappen gibt es aus meiner Sicht vier Tage, die alle diesen Titel beanspruchen könnten. Das dürfte das Rennen dynamischer machen. Manche Etappen werden Ausreißern entgegenkommen, während dahinter die Klassementfahrer kämpfen. Andere Tage können die Gesamtwertung komplett durcheinanderwürfeln.

Auch wenn weniger legendäre Anstiege dabei sind, gibt es immer noch den Giau, den Blockhaus und mehrere Anstiege, die seit Jahrzehnten nicht mehr gefahren wurden – oder sogar noch nie. Anstiege werden ikonisch, weil die Fahrer dort entsprechend Rennen fahren. Vielleicht entdecken wir bei diesem Giro neue Berge, die es verdienen, künftig wieder ins Programm zurückzukehren.

Die 7. Etappe von Formia nach Blockhaus ist 244 Kilometer lang – ein Reminiszenz an vergangene Zeiten. Wie wirkt sich diese Distanz psychologisch auf die Fahrer aus, und begünstigt sie mehr reine Kletterer oder „diesel engines“?

Fahrer mit Erfahrung auf sehr langen Etappen kommen vielleicht besser damit zurecht, obwohl kaum jemand im heutigen Peloton schon einmal so lange Etappen gefahren ist. Wout Poels ist einer der wenigen, die sich daran erinnern können. Der Tag wird brutal werden. Manche Fahrer bevorzugen lange Etappen, weil kurze, explosive Etappen ihnen nicht liegen. Andere werden es hassen. Die Distanz könnte entweder alle zu einer konservativen Fahrweise zwingen oder einen epischen Tag hervorbringen, der das Rennen prägt. Ich glaube, Jonas Vingegaard wird diese Etappe ins Visier nehmen, um die Kontrolle über den Giro zu übernehmen. Über 244 Kilometer werden die Abstände größer sein als bei einer Etappe von 150 Kilometer.

Die 10. Etappe ist ein 42 Kilometer langes Flachzeitfahren. Bedeutet slch ein Parcours das Aus für die Gesamtwertungshoffnungen der reinen Kletterer, oder kann die brutale Schlusswoche in den Dolomiten das wieder ausgleichen?

Reine Kletterer haben sich im Zeitfahren enorm verbessert, selbst auf flachem Gelände. Über 42 Kilometer werden sie zwar immer noch Zeit verlieren, aber keine katastrophalen Zeitverluste. Und die folgenden Bergetappen bieten reichlich Gelegenheit, Zeit gutzumachen, wenn sie stark genug sind. Mir gefällt, dass es nur ein Zeitfahren gibt – 42 km sind fast schon zu lang, aber es gibt den Fahrern, die auf das Zeitfahren setzen, die Chance, vor den Hochgebirgsetappen Zeit gut zu machen. Die Strecke wirkt gut ausbalanciert: Jeder bekommt die Chance, seine Stärken auszuspielen.

Was halten Sie davon, dass der Giro in Bulgarien startet? Trägt das dazu bei, den Radsport in kleineren Ländern zu fördern?

Mir gefällt es. Ja, es gibt einen wirtschaftlichen Aspekt, aber es ist auch eine großartige Möglichkeit, den Radsport in nicht-traditionelle Länder zu bringen. Bulgarien kann die Leidenschaft für den Giro entdecken. Es ist logistisch eine Herausforderung, aber der Giro ist schon in Belgien, den Niederlanden – überall in Europa – gestartet. Ich bin gespannt, wie Bulgarien das aufnimmt.

Aufmacher-Foto: IMAGO / Sirotti