Start Profi-Sport Analyse Frühjahrsklassiker 2026: Tadej Pogačar dominiert

Analyse Frühjahrsklassiker 2026: Tadej Pogačar dominiert

Übersicht

Tadej Pogačar prägt das Frühjahr 2026 einmal mehr wie kein anderer Fahrer. Doch die Analyse des renommierten Sportjournalisten und ausgewiesenen Profi-Radsport-Experten Raymond Kerkhoffs zeigt auch: Dahinter verschieben sich die Kräfte im Weltklassefeld. Mathieu van der Poel bestätigt trotz ausbleibender Monument-Siege seine außergewöhnliche Klasse, Wout van Aert krönt sein Frühjahr mit Paris–Roubaix, Remco Evenepoel ist und bleibt ein Topfahrer, aber mit Fragezeichen. Und mit Paul Seixas drängt bereits das nächste Ausnahme­talent nach ganz oben.

Mehr als nur ein Sieg in Lüttich

Das ist nicht irgendein Duell um den Sieg bei Lüttich–Bastogne–Lüttich. Diesmal steht weit mehr auf dem Spiel als nur der oberste Platz auf dem Podium von La Doyenne. In den Ardennen geht es auch um die Frage, wer derzeit ganz oben auf dem Gipfel des Radsports steht. Die beiden Fahrer mit großem Palmarès, Tadej Pogačar und Remco Evenepoel, bekommen es mit dem Teenager Paul Seixas zu tun. Wer von den drei setzt sich durch?

An der Côte de La Redoute zeigt sich, dass der junge Franzose dem slowenischen Ausnahmefahrer bereits ebenbürtig sein kann. Doch zwei Anstiege später macht Pogačar klar, dass er an der Spitze des Radsports vorerst weiterhin der Maßstab ist.

Tadej Pogačar auf den Spuren von Merckx

Ein Blick auf die Zahlen lohnt sich. Tadej Pogačar ist 27 Jahre und sieben Monate alt und sichert sich mit seinem Sieg bei Lüttich–Bastogne–Lüttich sein dreizehntes Monument. Eddy Merckx hatte im selben Alter ebenfalls dreizehn Monumente auf dem Konto. Der „Kannibale“ gewann danach im weiteren Verlauf seiner Karriere noch sechs weitere.

Respekt vor dem nächsten Wunderkind

Auf der Pressekonferenz nach seinem Sieg in Lüttich macht Pogačar deutlich, dass für ihn noch lange nicht Schluss ist – und dass er dem Vermächtnis von Merckx noch näherkommen kann. Mit großem Respekt verfolgt der Slowene den beeindruckenden Aufstieg des 19-jährigen Paul Seixas. Das Ausnahmetalent von Decathlon CMA CGM ist ein Fahrer, der ihn ganz offensichtlich zusätzlich motiviert, die Messlatte noch höher zu legen.

„Seixas zwingt uns, besser zu werden“, betont Pogačar. „Ich habe nicht viele Fahrer erlebt, die stärker sind als er. Normalerweise erreicht man körperlich zwischen 26 und 30 seinen Höhepunkt, also können wir von ihm noch viel mehr erwarten. In den kommenden Jahren müssen wir versuchen, so viel wie möglich zu gewinnen – bis zu dem Moment, an dem Paul uns alle zerstört.“

La Redoute lügt nicht

Ein großes Kompliment an Seixas, der sein Talent in diesem Frühjahr bereits in den Status eines Champions umgemünzt hat. La Redoute ist ein Anstieg, der nicht lügt. Egal, was Pogačar dort versucht: Der junge Franzose gibt nicht nach. Ob sitzend oder im Wiegetritt – „Pogi“ gelingt an diesem Berg nicht der entscheidende Schlag, mit dem er in den beiden Jahren zuvor den Unterschied gemacht hatte. Und das, obwohl er seine eigene Kletterzeit aus dem Jahr 2025 von 3:58 Minuten um bemerkenswerte 13 Sekunden verbessert.

Erst an der letzten Ardennenrampe, der Côte de Saint-Roche-aux-Faucons, wird Seixas eine Beschleunigung im Wiegetritt, 590 Meter unterhalb des Gipfels, zum Verhängnis.

Wieder einmal das Frühjahr des Tadej Pogačar

Das Frühjahr 2026 ist wieder einmal das Frühjahr von Pogačar. Nur fünf Rennen im Frühling, fünf Klassiker – dazu vier Siege und ein zweiter Platz. Siege bei Strade Bianche, Mailand–San Remo, der Flandern-Rundfahrt und Lüttich–Bastogne–Lüttich, dazu Rang zwei bei Paris–Roubaix.

Nach den Kopfsteinpflaster-Passagen im Norden sah man ihn erschöpft und gezeichnet ins Ziel kommen. Doch nach seiner Ardennen-Offensive ist das frische Funkeln in seinen Augen wieder da. Die zwei Wochen Pause zwischen den beiden Klassiker-Blöcken haben ihm sichtbar gutgetan. Er hat körperlich wie mental neue Energie gesammelt.

Der Ansatz, in den ersten Monaten des Jahres nur fünf Rennen zu fahren, scheint ihm entgegenzukommen. „Es sind zwar nicht viele Rennen, aber wegen der Erwartungen, des Drucks, der Herausforderungen und des hohen Niveaus dieser Klassiker musste ich konstant die beste Version meiner selbst sein. Außerdem habe ich viel und hart trainiert“, erklärte er.

Ob er diesen Ansatz im kommenden Jahr wiederholt, kann Pogačar noch nicht sagen. Diese Frühjahrskampagne ist jedenfalls ein Erfolg – auch wenn die Herausforderung bestehen bleibt, das fünfte Monument, Paris–Roubaix, noch zu seinem Palmarès hinzuzufügen.

Mathieu van der Poel stärker, als es die Bilanz zeigt

Trotz Pogačars Dominanz haben auch seine direkten Rivalen Mathieu van der Poel, Wout van Aert und Remco Evenepoel ein starkes Frühjahr gezeigt. Van der Poel gewann im vergangenen Jahr zwei Monumente, musste nach Paris–Roubaix diesmal aber feststellen, dass seine Bilanz 2026 bei null bleibt. Sein Frühjahr allein daran zu messen, wäre allerdings nichts anderes als reiner Ergebnisjournalismus.

„MVDP“ kann auf ein sehr starkes Frühjahr zurückblicken. Wie fast jeder Spitzenfahrer erreichte er ein Niveau, das er zuvor noch nicht gezeigt hatte.

Mailand–San Remo und Flandern als Gradmesser

Bei Mailand–San Remo hatte er das Pech, fünf Kilometer vor der Cipressa in einen Massensturz verwickelt zu werden. Danach musste er – genau wie Pogačar – rund sechs Minuten lang Vollgas hinterherjagen, bevor auf der Cipressa selbst eine weitere neunminütige Maximalbelastung folgte. So entstand ein Belastungsblock von insgesamt fünfzehn Minuten – genau jene Dauer, in der Pogačar seine besondere Stärke ausspielt. Van der Poel verbrauchte dadurch bereits jene Energie, die ihm später am Poggio fehlte, obwohl er am Anstieg selbst noch Leistungswerte auf dem Niveau von 2025 erzielte.

Bei der Flandern-Rundfahrt glaubte er, Pogačar am letzten Anstieg des Oude Kwaremont folgen zu können. Am Ende fehlten ihm auf der Kuppe nur fünf Sekunden. Dort zeigte sich, dass der Abstand zum Slowenen kleiner geworden ist. Womöglich hätte der Kapitän von Alpecin-Premier Tech taktisch sogar noch klüger fahren können, indem er Remco Evenepoel wieder herankommen ließ.

Roubaix, Cross und die richtige Dosierung

Bei Paris–Roubaix war van der Poel wahrscheinlich sogar der stärkste Fahrer im Rennen. Doch wegen des Pedal-Dramas im Wald von Arenberg war seine Niederlage bereits 95 Kilometer vor dem Ziel praktisch besiegelt. Trotzdem kämpfte er sich, nachdem er zwischenzeitlich mehr als zwei Minuten Rückstand hatte, noch auf Rang vier ins Velodrom von Roubaix – nur 15 Sekunden hinter Sieger Wout van Aert.

Im vergangenen Winter fragte sich Van der Poel nach seinem achten Cycloross-Weltmeistertitel öffentlich, ob er einen Winter lang ganz auf Cyclocross verzichten sollte. Oder ob es besser wäre, einen ganzen Winter ausschließlich auf die Vorbereitung der Straßensaison zu verwenden. Ich neige eher zu der Schlussfolgerung, dass ihn ein Winter mit nur einer begrenzten Zahl an Crossrennen gerade scharf hält und ihn in Bestform für die Frühjahrsklassiker bringt. Warum sollte er einen Ansatz verändern, der ihn seit Jahren in absolute Topform und zu herausragenden Ergebnissen führt?

Allerdings darf man sich fragen, ob er sich bei Tirreno–Adriatico wirklich drei oder vier Tage lang an die Grenze bringen muss. Ob eine solche Belastung auf der letzten Etappe, 90 Kilometer vor dem Ziel, wirklich notwendig ist. Man kann auch diskutieren, ob eine Soloflucht von mehr als 40 Kilometern bei der E3 Saxo Classic unter diesen miserablen Wetterbedingungen klug war. Andererseits brachte sie ihm einen großartigen Sieg in Harelbeke ein. Vielleicht sollte er mit Blick auf die Monumente dennoch etwas sorgsamer mit seinen Kräften umgehen.

Wout van Aert verleiht seiner Karriere den verdienten Glanz

Mit seinem Sieg bei Paris–Roubaix hat Wout van Aert seiner Karriere endlich den Glanz verliehen, den sie verdient. Auch sein Frühjahr war mehr als gelungen: Dritter bei Mailand–San Remo, in Wevelgem auf den letzten Kilometern noch abgefangen, Zweiter bei Dwars door Vlaanderen nach einem Überholmanöver 100 Meter vor dem Ziel, Vierter bei der Flandern-Rundfahrt – und schließlich der Sieg in Roubaix.

Nachdem er Tirreno und Mailand–San Remo zwei Jahre lang ausgelassen hatte, dürfte der Kapitän von Visma | Lease a Bike nun zu dem Schluss kommen, dass der italienische Frühling die beste Vorbereitung auf die flämischen Klassiker ist.

Remco Evenepoel überzeugt – und bleibt doch mit Fragen zurück

Auch Remco Evenepoel überzeugt mit drei Podiumsplätzen in den drei Klassikern, die er bestritten hat. Sein Debüt in Flandern macht Hoffnung. Beim Amstel Gold Race fährt er in einer eigenen Liga. Doch in Lüttich dürfte ihm La Redoute bitter aufstoßen. Während der Belgier an diesem Schlüsselanstieg auf dem Weg zu seinen Siegen 2022 und 2023 alle hinter sich gelassen hatte, kommt er dort nun schon im zweiten Jahr in Folge klar zu kurz.

Dass er keine Ausreden sucht, ist bemerkenswert – der Rückstand auf Pogačar und Seixas ist dennoch beunruhigend groß.

Paul Seixas: Seine Zeit beginnt schon jetzt

Und was ist mit dem Teenager Paul Seixas? Mit Blick auf das Frühjahr 2027 hat er gelernt, dass die härtesten Klassiker für ihn schon jetzt so etwas wie das Disneyland Paris sind. Man sagt, man müsse erst lernen, Klassiker zu fahren, bevor man um Siege mitfahren kann. Das Radsport-Wunderkind beweist mit seinem Sieg beim Flèche Wallonne sowie den zweiten Plätzen bei Strade Bianche und Lüttich–Bastogne–Lüttich, dass seine Ära längst begonnen hat.

Foto: IMAGO / Belga

Profisport-Experte
Raymond Kerckhoffs