Die Saison der Frühjahrsklassiker biegt auf die Zielgerade ein. Ihr großes Finale steigt am Sonntag in Lüttich: das letzte Monument des Frühjahrs und topografisch der schwerste Klassiker der Saison. Rund 260 Kilometer von Lüttich nach Bastogne und zurück, dazu mehr als 4400 Höhenmeter – ein echtes Brett.
Die Spezialisten für die Kopfsteinpflaster-Rennen haben ihr Frühjahr inzwischen abgeschlossen, nun gehören die Ardennen den Kletterern und bergfesten Puncheuren. Remco Evenepoel gewann das Amstel Gold Race, den Auftakt der Ardennen-Trilogie, Paul Seixas dominierte am Mittwoch die Flèche Wallonne. Beide zählen zu den ersten Anwärtern auf den Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Doch mit Tadej Pogačar steht auch der Mann des Frühjahrs wieder am Start. Sind die Rollen damit klar verteilt?
Wer hat Chancen auf den Sieg und das Podium beim letzten Frühjahrsklassiker des Jahres? Bernd Landwehr, Radsportexperte und Chefredakteur des Cycling Magazine, analysiert für Alpecin Cycling die Top-Favoriten und der Herausforderer.
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Ardennen-Achterbahn
Lüttich-Bastogne-Lüttich ist ein brutal schweres Rennen, in dem es nur selten Überraschungssieger gibt. Die Anstiege sind keine langen Alpenpässe, aber deutlich länger als bei den flämischen Klassikern. So summieren sich die Kletterpassagen am Ende auf fast viereinhalbtausend Höhenmeter. Vor allem der Rückweg aus Bastogne Richtung Ziel gleicht einer Ardennen-Achterbahn.
Dieses Monument ist etwas Besonderes: die „La Doyenne“, die Älteste. Erstmals ausgetragen wurde das Rennen 1892. Es ist traditionsreich, prestigeträchtig und im Palmarès der ganz Großen verankert. Rekordsieger ist Eddy Merckx – passender geht es kaum.
Lüttich-Bastogne-Lüttich wird meist eher über physische Stärke als über taktische Raffinesse entschieden. Die La Redoute, ein steiler Anstieg rund 35 Kilometer vor dem Ziel, ist der Scharfrichter des Rennens. Hier erhöhen die Besten das Tempo, hier fällt meist die Vorentscheidung. Auch für Tadej Pogačar und Remco Evenepoel war diese Stelle bei ihren Siegen in der Vergangenheit oft der Schlüssel. Viel spricht dafür, dass es auch in diesem Jahr so sein wird. Zwar folgen danach noch zwei Anstiege, ehe es hinab nach Lüttich geht, doch das entscheidende Aussieben dürfte auch 2026 an der Redoute stattfinden.
Tadej Pogačar schlagbar?
Der Dominator des Frühjahrs ist Tadej Pogačar. Drei der ersten vier Monumente hat er gewonnen, nur in Roubaix wurde er im Sprint von Wout van Aert bezwungen. Kein anderes Frühjahrs-Monument kommt seinen Fähigkeiten so sehr entgegen wie Lüttich-Bastogne-Lüttich. Pogačar ist der Topfavorit auf den Sieg. Es wäre sein vierter Erfolg in Lüttich – nur Eddy Merckx hat mit fünf Siegen noch mehr.
Unterschätzen sollte man die Konkurrenz dennoch nicht. Da ist zum einen Evenepoel: Sieger beim Amstel, zweimaliger Gewinner in Lüttich, mit viel Selbstvertrauen und ohne Rennbelastung unter der Woche. Der Belgier weiß genau, worauf es ankommt. Er wird Pogačar wohl das Rennen kontrollieren lassen. Dranbleiben – und dann im Finale im Sprint gewinnen? Kein abwegiger Gedanke.
Allerdings kann in diesem Rennen viel passieren. Und am Hinterrad von Pogačar zu bleiben, wenn der seine Attacke setzt, ist eine brutale Aufgabe. Große taktische Kunststücke braucht es bei Lüttich-Bastogne-Lüttich ohnehin selten. Der Parcours schreibt das Rennen, er definiert die Anforderungen. Schon vor der Redoute in die Offensive zu gehen, ist meist wenig erfolgversprechend: Wer dort zu viel investiert, verpulvert Energie, während die Gruppe dahinter in der Anfahrt schnell wieder aufschließt und die Kapitäne noch Kräfte sparen können. Vor allem Pogačar dürfte von der zu erwartenden Stärke seines Teams profitieren. Das wahrscheinlichste Szenario bleibt deshalb der Showdown an der Redoute. Danach wird sich zeigen, wer Pogačar folgen kann – und ob Evenepoel dazu in der Lage ist.
Französisches Wunderkind als Gegenspieler
Herausforderer Nummer eins ist der junge Franzose Paul Seixas. Der 19-Jährige ist ein Wunderkind, ein Überflieger. Am Mittwoch gewann er die Flèche Wallonne, zuvor die Baskenland-Rundfahrt in souveräner Manier. Dort hängte er auch Florian Lipowitz scheinbar mühelos ab. Einmal traf er in diesem Jahr bereits auf Pogačar – bei Strade Bianche. Dort musste er sich dem Weltmeister geschlagen geben, leistete aber lange erfolgreich Widerstand.
Seixas ist ein Phänomen: groß gewachsen, stark im Hochgebirge, schnell im Zeitfahren, mutig bergab und dazu explosiv. Die Beobachter überschlagen sich vor Begeisterung, vom „nächsten Pogačar“ ist bereits die Rede. Tatsächlich ist Seixas, gemessen an den Resultaten in diesem Alter, sogar weiter als der Slowene damals. Mit seinem Sieg am Mittwoch wurde er zum jüngsten Gewinner der Flèche Wallonne aller Zeiten.
An Talent und Potenzial gibt es längst keinen Zweifel mehr. Die entscheidende Frage mit Blick auf Lüttich-Bastogne-Lüttich lautet jedoch, ob der 19-Jährige bereits das nötige Stehvermögen für ein derart langes und intensives Rennen besitzt. Viele Fans sehnen sich nach einem Gegner auf Augenhöhe für Pogačar und träumen schon jetzt von künftigen Duellen – auch bei der Tour de France. Mit dieser Vorfreude wächst zwangsläufig auch die Erwartungshaltung. Bislang scheint die Euphorie an Seixas noch abzuprallen. In seinem Sinn wäre es, wenn das so bleibt.
Favoriten auf einen Blick
Neben Pogačar, Evenepoel und Seixas gibt es eine Reihe weiterer Fahrer, die zum erweiterten Favoritenkreis zählen. Mattias Skjelmose etwa, der sich beim Amstel erst im Sprint Evenepoel geschlagen geben musste und bei der Flèche Wallonne in den Top fünf landete. Mauro Schmid ist ebenfalls ein Kandidat für ein Spitzenergebnis. Gleiches gilt für Romain Grégoire, der sich in herausragender Form präsentiert. Dazu kommen Kletterer wie Lenny Martinez, Kévin Vauquelin und Giulio Ciccone.
Tadej Pogačar: Der Topfavorit. Bislang extrem souverän, vor allem in schweren Rennen. Das Monument von Lüttich passt perfekt zu seinen Fähigkeiten. Steht er erholt und gesund am Start und kommt sturzfrei durch, wird er nur schwer zu schlagen sein.
Remco Evenepoel: Zweimal hat er in Lüttich bereits gewonnen. Beim ersten Sieg fehlte Pogačar, beim zweiten stürzte der Slowene früh und schied aus. Kann Evenepoel den besten Fahrer seiner Generation im direkten Duell schlagen? Dafür muss er an Pogačars Rad bleiben, wenn dessen Attacke kommt. Keine leichte Aufgabe – aber Evenepoel ist in herausragender Form. Die Antwort gibt das Rennen.
Paul Seixas: Nach seinen Auftritten in den vergangenen Wochen ist der 19-Jährige Herausforderer Nummer eins. Doch kann er auch in einem derart langen Rennen bestehen? Das wird sich auf dem Weg nach Lüttich zeigen.
Mattias Skjelmose: Beim Amstel konnte er Evenepoel folgen, unterlag aber im Sprint. Das Monument in Lüttich ist noch einmal deutlich schwerer. Um mit den Topfahrern bis ins Finale hinein mitzuhalten, dürfte er einen Sahnetag brauchen.
Lenny Martinez: Der leichte Kletterer ist bergauf extrem stark. Wie er mit Distanz und Rennverlauf am Sonntag zurechtkommt, bleibt abzuwarten. In Lüttich stand er bislang noch nie am Start, auch im Nachwuchsbereich reichte es dort noch nicht ganz nach vorn.
Kévin Vauquelin: Für dieses Rennen gehört er durchaus in den erweiterten Favoritenkreis. Beim Amstel Gold Race gestürzt, bei der Flèche Wallonne trotzdem in den Top 15 – an einem sehr guten Tag ist ihm auch in Lüttich ein starkes Resultat zuzutrauen.
Romain Grégoire: Im vergangenen Jahr in den Top 20, in diesem Frühjahr womöglich noch stärker. Der 23-jährige Franzose fährt bislang eine herausragende Saison und würde sie nur zu gern mit einer Spitzenplatzierung in Lüttich krönen.
Mauro Schmid: Der Schweizer ist in bestechender Form, wurde Zweiter bei der Flèche Wallonne und zuvor Sechster beim Amstel Gold Race. Ob in Lüttich das nächste Topresultat folgt, bleibt offen. Häufig fehlt Schmid vor den Schlüsselstellen die ideale Position – sein Team wird das am Sonntag unbedingt besser lösen wollen.
Tom Pidcock: Der Brite war zu Beginn der Saison in exzellenter Form und wäre wohl einer der Favoriten für die Ardennen-Klassiker gewesen. Nach einem Sturz verletzte er sich jedoch am Knie und musste pausieren. Ganz abschreiben sollte man Pidcock nie, doch in einem knüppelharten Rennen wie Lüttich-Bastogne-Lüttich dürfte es für ihn sehr schwer werden.
Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.
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