Los geht’s! Am Samstag, 4. Juli, startet die Tour de France 2026 mit einem Mannschaftszeitfahren in Barcelona und damit beginnt an Tag eins der Kampf um das Maillot Jaune. Im Mittelpunkt stehen die „Fab Four“: Tadej Pogačar, Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel und Florian Lipowitz. Vier Klassementfahrer, vier unterschiedliche Profile – und eine zentrale Frage: Wer hat in den drei Wochen Frankreich die besten Beine für Gelb?
Wir haben die Die „Großen Vier“, die Anwärter auf Gelb, beobachtet und ordnen ein, was ihre Vorbereitung über die Tour-Form verrät. Die Favoritenrolle scheint klar verteilt – doch einige entscheidende Antworten wird erst die Tour de France selbst geben.
In der Serie „Fab Four“ nimmt Bernd Landwehr, Chefredakteur des Cyclingmagazine, die vier Top-Favoriten der Tour de France in den Blick. Auf dem Weg zum Grand Départ analysiert er ihre Vorbereitung, bewertet ihre Formkurve und lässt daraus Stück für Stück ein Tour-Barometer der Fab Four entstehen.
Du willst die Serie komplett verfolgen? Auf der Hub-Seite sammeln wir alle Episoden, Steckbriefe, Rennpläne und Updates – immer aktuell nach den wichtigsten Formtests.
Tadej Pogačar – der Top-Favorit
Sein Frühjahr verlief sensationell. Trotz reduziertem Rennprogramm recht lang und sehr erfolgreich. Nach seinem Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich am Ende der Periode der klassischen Eintagesrennen hängte er noch die Tour de Romandie an. Diese gewann er, wenn auch nicht so souverän, wie man es von ihm gewohnt ist.
Als er Florian Lipowitz nur mit Mühe distanzieren konnte, folgten Spekulationen: Hat sich Pogačar mehr in Richtung Klassikerfahrer entwickelt hat? Oder ist die Lücke zu Lipowitz wohlmöglich kleiner geworden? Die Erklärung für seinen „weniger dominanten“ Auftritt in der Romandie aber ist eine andere. Das Monument in Lüttich wurde so hart ausgefahren, dass nahezu alle Teilnehmer, die im Anschluss bei der Romandie starteten, durch die enorme Belastung in Belgien große Schwierigkeiten in der Schweiz bekamen. Am besten wegstecken konnte die heftige Belastung Tadej Pogačar, natürlich. Das unterstreicht seine Extraklasse. Gegen den frischen Florian Lipowitz konnte sich Pogačar durchsetzen – das ist mehr als beeindruckend! Für die Eintagesrennen war Pogačar zudem etwas schwerer, muskulöser – weniger auf „Bergform“ getrimmt.
Im Anschluss an die Tour de Romandie, die in seiner Siegesliste zuvor noch fehlte, ging Pogačar in eine Pause. Begann dann anschließend die Vorbereitung auf die Tour. Er verlor etwas Gewicht, kam nun zur Tour de Suisse aus einer Trainingsphase. Was er dort abzog, lässt sich am besten mit dem Wort „Dominanz“ beschreiben. Die Konkurrenz war zwar nicht so stark, wie bei der Tour de France, doch was Pogačar veranstaltete, was nahezu unglaublich.
Seine Werte sind nicht öffentlich, doch glaubt man den Analysten, ist er im Vergleich zum vergangenen Jahr sogar noch etwas stärker geworden. Wie er das Rennen in der Schweiz dominierte legt nahe, dass dem so ist.
Die Favoritenrolle ist klar – Tadej Pogačar ist der absolute, alleinige Top-Favorit auf den Sieg bei der Tour de France. Doch auch ein Extrakönner wie er muss 21 Etappen heil überstehen, darf sich keine groben Fehler leisten und benötigt bei all seiner Dominanz auch etwas Glück – denn im Radsport kann man schnell in einen Sturz verwickelt werden, ganz ohne eigenes Verschulden. Das ist ihm nicht zu wünschen, ganz im Gegenteil. Favorit Nummer 1 ist Tadej Pogačar – volle 5 Sterne!
Jonas Vingegaard – mit dem Rückenwind des Giro-Siegs
Den Giro d’Italia gewann Vingegaard souverän, machte die Grand-Tour-Sammlung komplett! Hier hat er Tadej Pogicar etwas voraus, denn dem fehlt noch ein Vuelta-Triumph. So stark wie Vingegaard in Italien fuhr, so souverän er bergauf agierte und sich auch von kleinen gesundheitlichen Schwierigkeiten nicht aus der Ruhe bringen ließ, nährte bei den Fans die Hoffnung, es könne bei der Tour zum Duell auf Augenhöhe mit Pogačar kommen. Dass dieser in der Romandie nicht so überlegen wirkte, verstärkte diese Hoffnungen. Die Hintergründe sind oben etwas beleuchtet und der souveräne Sieg von Pogačar bei der Tour de Suisse dürfte die Euphorie etwas gedämpft haben.

Dennoch, Jonas Vingegaard lieferte beim Giro ab, sein Team sprach davon, dass er so stark wie nie zuvor sei. Er legte nach dem Giro eine kurze Pause ein, startete dann die Vorbereitung auf die Tour de France. Inklusive Höhentrainingslager, versteht sich.
Die Kombination aus Giro und Tour galt lange Zeit als schwierig. Doch dann kam 2024 Tadej Pogačar und holte als erster Fahrer seit Marco Pantani das Giro-Tour-Double in einer Saison. Kann dies nun Jonas Vingegaard wiederholen? Für ihn spricht, dass er beim Giro nicht über alle Maßen gefordert war. Doch in der kurzen Zeitspanne zwischen Giro und Tour muss alles passen. In der direkten Regeneration, aber dann auch in der Vorbereitung. Ein kleiner Infekt, ein paar Tage Trainingsausfall – das kann schon reichen, um ein paar Prozent einzubüßen. Zudem ist es ein schmaler Grat, ausreichend zu erholen, aber keinen Tag Training ungenutzt zu lassen. Ein Balanceakt, der selbst mit wissenschaftlichen Analysemethoden nicht leicht gelingt. Das Team versucht natürlich geheim zuhalten, sollte es in der Vorbereitung nicht ganz optimal laufen. Denn ist Vingegaard nicht von Beginn an konkurrenzfähig, würden das die Kontrahenten sofort ausnutzen.
Jonas Vingegaard geht in der Rolle des Herausforderers in die Tour de France 2026. Wie groß die Lücke zu Pogačar ist, wird das Rennen zeigen. Ob die Gruppe der starken Klassementfahrer um Florian Lipowitz, Remco Evenepoel, Issac Del Toro und Paul Seixas bereits zu ihm aufgeschlossen haben, lässt sich nicht ganz ausschließen, doch nach den Eindrücken vom Giro würde man das eher (noch) nicht erwarten. Oder kann Vingegaard überraschen, und Pogačar tatsächlich die Stirn bieten? Diese Frage wird auf den Straßen in Nordspanien und Frankreich beantwortet. Er ist ein Vier-Sterne-Favorit.
Remco Evenepoel – der große „Unbekannte“
Die Saison des Belgiers begann herausragend – vier Siege in Folge! Auch bei den Klassikern war er sehr erfolgreich! Sieg beim Amstel Gold Race, jeweils Podium bei der Flandern-Rundfahrt und bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Nichts zu meckern, könnte man meinen, wären da nicht die Probleme an den Anstiegen.
Sowohl bei der UAE Tour, als auch der Katalonien-Rundfahrt musste Evenepoel die Konkurrenz bergauf ziehen lassen. Wie stark ist der Belgier bei den längeren Anstiegen? Eine Antwort darauf gab es in dieser Saison bislang nicht. Bei der UAE Tour war die Formkurve schon wieder abfallend, er nach dem starken Auftakt nicht ganz in Top-Form. Die Katalonien-Rundfahrt war unmittelbar vor den Klassikern, nach einer intensiven Trainingsphase. Sollte man die Ergebnisse also nicht überbewerten? Ist Evenepoel bergauf viel besser, als er das bislang zeigen konnte? Möglich.

Gewissheit bringt erst die Tour de France, denn seit dem Monument in Lüttich ist der Belgier kein Rennen mehr gefahren. Seine Leistungsfähigkeit ist also ein wenig ungewiss, zumindest im Vergleich zu den Top-Fahrern. Dass er im Kampf gegen die Uhr herausragend ist, sollte klar sein.
Nach einer intensiven Trainingsphase inklusive Höhentrainingslager wird Evenepoel wohl ausgezehrt und in Top-Form nach Barcelona reisen. Wofür das reichen kann, wird sich vermutlich schon an den ersten langen Anstiegen zeigen. Dann wird sich offenbaren, wie er im Vergleich zu Pogačar und Vingegaard klettern kann. Und ebenso offengelegt, wer denn im Hause Red Bull die größeren Kletterfähigkeiten aufweist. Das wird dann vermutlich auch die Kapitänsfrage im Team klären. Gut möglich, dass es bereits in den Pyrenäen Klarheit gibt. Vor dem Start würde man ihm von den „Fab Four“ wohl am wenigsten den Toursieg zutrauen – zwei Sterne.
Florian Lipowitz – voll im Plan
Die Saison 2026 verlief für die große deutsche Tourhoffnung bislang sehr erfolgreich. Abgesehen von der Algarve-Rundfahrt stand Florian Lipowitz bei jedem Rennen auf dem Podium. In Katalonien, im Baskenland, in der Romandie und zuletzt bei der Slowenien-Rundfahrt. Meist jedoch musste er sich mit den Plätzen neben dem Sieger begnügen. In Katalonien siegte Jonas Vingegaard souverän, im Baskenland war Paul Seixas stärker als der Deutsche. Bei der Romandie siegte Tadej Pogačar und Lipowitz blieb nur Rang zwei.
In den direkten Duellen mit den Top-Klassementfahrern konnte Lipowitz zwar nie den Sieg einfahren, doch bei der Tour de Romandie war die Lücke zu Pogačar so klein wie nie. Was vielleicht eher an der Müdigkeit Pogačars als an der Leistungsfähigkeit des Deutschen lag. Lipowitz fuhr in dieser Saison bislang konstant stark und bereitete sich zuletzt im Trainingslager konsequent und akribisch vor.
Der letzte Härtetest war die Slowenien-Rundfahrt. Mangels echter Konkurrenz ging Lipowitz als haushoher Favorit ins Rennen – lieferte erneut ab. Zwei Etappensiege und der souveräne Gesamtsieg. Selbstvertrauen tanken vor der Tour? Das sollte geklappt haben!
Bei seiner Rennplanung ging es auch darum, etwas dem Trubel aus dem Weg zu gehen. Bei den bedeutungsvollen Rundfahrten Auvergne-Rhône-Alpes oder der Tour de Suisse wäre er mehr im Rampenlicht gestanden, hätte es mit mehr Pressevertretern zu tun bekommen. Das blieb ihm so erspart.
Florian Lipowitz scheint kurz vor der Tour in Topform zu kommen. Der Fahrplan wurde eingehalten, die Zuversicht sollte gestiegen sein. Was seine Leistungen im Vergleich zu Vingegaard und Pogačar wert sind, zeigt das Rennen!
Ab dem Start in Barcelona gibt es kein Verstecken mehr – weder vor der Konkurrenz noch vor den Medien. Florian Lipowitz geht als 3-Sterne-Favorit in die Tour.
Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.
Alle Folgen der Serie
Hier findest du alle Episoden der Fab-Four-Serie 2026 in der Reihenfolge – vom Auftakt bis zur Bilanz.
mehr Infos zum Tour de France: Vorschau auf die Etappen der Tour de France 2026
Aufmacherfoto: Imago
