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Interview Silvan Dillier zu Paris-Roubaix: „Regen kann die Dynamik des Rennens verändern“

01.10.2021

Im Interview mit Alpecin Cycling spricht der Schweizer Rad Profi Silvan Dillier über die Faszination, die von Paris-Roubaix ausgeht. Außerdem erklärt der Alpecin-Fenix-Profi, wer für ihn bei der 118. Austragung zu den Favoriten zählt, ob die Kopfsteinpflaster-Sektoren im Herbst schwieriger zu fahren sind als im Frühjahr, wie Regen und Matsch die Dynamik des Rennens beeinflusst sowie es ihm 2018 bei seinem zweiten Platz ergangen ist.

Inwieweit kann die Jahreszeit aber auch die Witterung das Rennen am Sonntag beeinflussen?

Die Jahreszeit nimmt keinen Einfluss. Entweder fahren wir normalerweise im Frühling und jetzt ausnahmsweise im Herbst. Die Temperaturen sind mehr oder weniger identisch. Die Beschaffenheit der Kopfsteinpflaster-Sektoren sind – ehrlich gesagt – auch ziemlich ähnlich. Ob der Grashalm jetzt einen habe Zentimeter länger ist oder nicht, auf das kommt es dann auch nicht drauf an. Ich persönlich hatte mir das Ganze auch schlimmer vorgestellt. Vergangenes Jahr sollte das Rennen auch coronabedingt im Herbst stattfinden. Da kursierte ein Foto, auf denen die Kopfsteinpflaster kaum mehr zu erkennen waren, weil so viel Dreck auf der Straße lag. Anscheinend ist jetzt die Erntezeit. Der ganze Dreck, den die Traktoren durch ihre Reifen auf die Straßen bringen, hätte dann ganz sicher zu einem Chaos geführt.

Nach dem ersten Recon war ich positiv überrascht, in was für einem guten Zustand sich die Sektoren befinden. Es gab auf einem Sektor einen kleinen Abschnitt, auf dem tatsächlich viel Dreck und Schlamm lag. Da haben sich dann gleich ein Dutzend Fotografen positioniert, in der Hoffnung, dass da auch ein bisschen Action ist. Und die Fahrer haben dann alles dafür getan, dass die Fotografen einen guten Schuss bekommen haben. Sonst war der Zustand der Sektoren echt super. Ich kann jetzt keinen großen Unterschied feststellen zu den Fahrten, die ich hier schon gemacht habe. Was einen Unterschied machen kann, ist, wenn es Samstag und Sonntag viel regnet und es am Renntag selbst nass bleibt.

Verändert sich bei schlechtem Wetter, wie Sie es gerade angesprochen haben, die Dramaturgie des Rennens und werden dann andere Fahrer vorne sein?

Ich denke beides. Es wird dann wohl so sein, dass es zu mehr Stürzen kommt, da natürlich kleine Fahrfehler noch verheerenderer Folgen haben können. Von diesem Gesichtspunkt aus kann ich mir vorstellen, dass die Fahrtechnik noch viel entscheidender sein wird wie sonst. Wenn ein Fahrer, der nicht so gute technische Skills besitzt, sich in einer trockenen Version von Paris-Roubaix noch irgendwie ins Ziel mogelt, wird das wird das bei einer nassen Edition unmöglich sein. Zudem glaube ich, dass der Kampf um die Positionen wer ganz vorne aufs Kopfsteinpflaster fährt, bei nassen und schwierigen Bedingungen eher noch härter wird. Und das wird dann jedes Mal ein Zielsprint vor jedem einzelnen Kopfsteinpflaster-Sektor. Und da wird natürlich Explosivität pur verlangt.

Das Fahren über die Kopfsteinpflaster ist nie einfach – ohne Frage. Aber was noch viel schwerer und härter ist, ist die Anfahrt auf die Paves. Denn wenn du als Fahrer zu weit auf dem Kopfsteinpflaster hinten platziert bist, kannst du sowieso nicht agieren. Da bist du blockiert wegen eines Defekts oder eines Sturzes – und bist schnell abgehängt. Daher ist die Anfahrt auf die Kopfsteinpflaster überhaupt eines der wichtigsten Faktoren beziehungsweise Elemente in diesem ganzen Rennen. 

Aus diesem Grund ist eine Fahrt in der Fluchtgruppe vorzuziehen?

Das kann man sich im Endeffekt so vorstellen als würde man den ganzen Tag im Sofa sitzen oder den ganzen Tag stehen, während man fernsieht. Irgendwann merkst du, dass es auf dem Sofa angenehmer ist. So ist es dann auch in der Spitzengruppe. Die Kopfsteinpflaster sind zwar dann immer noch dieselben aber der ganze Stress, den es vor diesen Passagen gibt, den hat man in einer Spitzengruppe eben nicht.

Fährt man in einer Ausreißergruppe die Sektoren in einer ähnlichen Intensität wie im Peloton?

Es ist definitiv homogener in einer Ausreißergruppe. Im Peloton bist du angespannter, wenn du nicht ganz vorne fährst. Weil du eben nur schwer nach vorne sehen kannst. Du weißt nie ganz genau, wann das nächste Schlagloch kommt. Wenn du im Peloton übers Pave fährst, dann profitierst du natürlich auch vom Windschatten. Von dem von der ganzen Sogwirkung den natürlich ein großes Feld hat. Aber nichtsdestotrotz ist natürlich das Fahren in der Spitzengruppe definitiv angenehmer.

Wer sind für Sie die Favoriten bei diesem Rennen?

Die jungen Cyclocross-Fahrer Wout van Aert und natürlich auch Mathieu van der Poel. Tom Pidcock fährt ja nicht, wie ich gehört habe. Die Fahrtechnik wird schon entscheidend sein, vor allem wenn es nass wird. Da haben Fahrer wie Wout oder Mathieu einen großen Vorteil gegenüber den Fahrern, die diese Skills nicht so gut beherrschen.

Hat Peter Sagan am Sonntag noch Chancen?

Er zählt natürlich zu den Typen, die ihr Fahrrad beherrschen, wie nur sehr wenige im Peloton. Aber physisch ist er, glaube ich, momentan nicht auf dem Level, auf dem er war, als er das Rennen 2018 gewonnen hat. Als ich mit ihm damals ins Velodrom gefahren bin hat er ein grandioses Frühjahr hinter sich. Auf der anderen Seite weiß man bei Sagan im Voraus nie ganz genau, wo er steht. Aber aufgrund der Leistungen, die er in den letzten Rennen gezeigt hat, würde ich ihn jetzt nicht unbedingt als Top-Favorit bezeichnen.

Zdenek Stybar als cyclocrosserfahrener Profi und der WM-Zweite Dylan van Baarle werden von den Buchmachern auch zum erweiterten Favoritenkreis gezählt.

Dylan von Baarle ist eine extrem starke WM gefahren. Das Rennen war so brutal und wenn du dann so stark fährst, dann ist die Form auf dem Höhepunkt. Ich kann mir schon vorstellen, dass er mit den Topfavoriten um den Sieg kämpfen kann. Aber ich würde ihm einen kleinen Tick weniger gute Chancen einräumen, da er etwas weniger gutes Skills hat wie ein Mathieu oder Woet. Stybar landete nicht ganz vorne bei der WM, wurde aber Siebter und kommt mit schwierigen Verhältnissen als ehemaliger Cyclocross-Weltmeister gut klar. Man sollte ihn zumindest auch auf dem Zettel haben.

Wie steht es um Ihre Verfassung? Sie wirkten bei der WM stark und sind duchgefahren.

Die Form ist auf jeden Fall sehr gut. Mein Ziel ist definitiv, ein starkes Rennen zu fahren. Ich muss einfach sehen wie das Team mich einsetzt. Ich denke, wir haben die Chance mit dem Team das Rennen gewinnen zu können. Wir haben neben Mathieu eine super starke Mannschaft am Start und können viele verschiedene Karten spielen. Wir sollten auch das Rennen offensiv angehen und nicht einfach nur abwarten. Wir haben eine sehr interessante Gruppe an Fahren hier die uns sehr viele Möglichkeiten im Rennen eröffnen können.

Sind Sie 2018, als Sie am Ende Zweiter hinter Peter Sagan wurden, schon mit der Intention an den Start gegangen, in die Ausreißergruppe zu gehen?

Ich habe damals erst am Donnerstag direkt vor dem Rennen erfahren, dass ich im Aufgebot stehe. Wenige Wochen zuvor hatte ich mir bei Strade Biance meinen kleinen Finger gebrochen und meine gesamte Klassiker-Saison war sozusagen gelaufen. Vier Wochen nach dem Bruch bin ich in Frankreich einen Coupe France gefahren und hab das Rennen gleich gewonnen. Ich war frisch und konnte trotz des Fingerbruch gut zu Hause trainieren. Daher wurde ich nachnominiert.

Der Plan des Teams war klar. Ich sollte die ersten 40 Kilometer des Rennens einfach mitfahren in Peloton. Wenn dann noch keine Gruppe steht, soll ich versuchen ein paar Mal mitzuspringen. Das war sozusagen die taktische Vorgabe. Nach 40 Kilometer habe ich das Geschehen an der Spitze vorne mitverfolgt und habe gesehen, dass schon zwei, drei Versuche fast geglückt waren, um weg zu kommen. Dann bin ich auch ein, zwei Mal mit gesprungen. Ich würde sagen, an dem Tag, in die Gruppe zu kommen, war der aller härteste Moment im Rennen überhaupt. Ich war wirklich kurz davor, vorm abzuplatzen.

Als ich es geschafft hatte, war mir aber auch klar, heute kann ich richtig weit kommen. Die Sache ist einfach erklärt. Der Effort – also die Anstrengung – in die Gruppe zu kommen, ist riesengroß, Aber dann hast du ein bisschen Zeit, um dich zu erholen. In der Folge hast du den ganzen Stress mit dem Positionieren nicht.

Je weiter du auch im Rennen kommst, desto kleiner wird die Zahl der Helfer, die die großen Fahrer im Peloton unterstützen. Irgendwann sind dann die Leader auch auf sich alleine gestellt. Und die müssen dann auch einen großen-Effort machen, um dich wieder einzuholen.

Wenn die Big Guns nach rund 200 Kilometer auf einen auffahren, haben sie auch einen halbleeren Tank. Sie sind dann auch nicht mehr so frisch. Das ist eigentlich der große Vorteil, den ich habe, oder den ich bei fast allen meinen Rennen, die ich gewonnen habe zum Erfolg ummünzen konnte.

Sie haben damals nach ihrem zweiten Platz bei Paris-Roubaix 2018 im Interview gegenüber dem Cyclingmagazine gesagt, Sie können zum Tier werden?

Da kann ich mich noch genau daran erinnern. Aber es ist auch so. Ich kann dann schon über mich hinauswachsen, wenn ich sehe, heute bin ich am Drücker. Ich bin heute nicht der, der wie eine Fahne im Wind hinten im Peloton weht, sondern ich bin derjenige, der vorne aufs Gaspedal drücken kann. Dann kann ich Kräfte mobilisieren und bin voll von Adrenalin, dann geht was.

Als Sie damals mit Sagan allein in Richtung Ziel gefahren sind, haben Sie da über den möglichen Sieg nachgedacht?

Am Anfang ging es mir gar nicht unbedingt darum das Rennen zu gewinnen. Tom Boonen hat mal in einem Interview gesagt, wenn er in einer Spitzengruppe mit sieben Fahren war, hat er immer gedacht, im schlimmsten Fall werde ich Siebter. Dann sind zwei abgefallen und dann hat er sich gesagt, jetzt werde ich auf jeden Fall Fünfter.

Als ich das gelesen habe, habe ich mir gedacht, das stimmt tatsächlich. Du kannst und solltest auch mal mit dem zufrieden sein, was du bislang im Rennen erreicht hast. Wenn du diese Sichtweise für dich in Anspruch nimmst, gibt dir das ein ganz anderes Gefühl, als wenn du denkst, Mist ich muss die anderen zwei noch schlagen, sonst gewinne ich nicht.

Irgendwie hatte ich das auch im Hinterkopf. Ich dachte mir, wir sind jetzt zu zweit, da hinten kommen noch fünf andere Superstars. Wir müssen einfach schauen, dass diese nicht zurückkommen und wir vorne bleiben. Dann habe ich mich mehr damit beschäftigt, als ob ich Sagan schlagen kann.

Das ist auch im Übrigen auch einer der Gründe, warum ich mit Sagan zusammengearbeitet habe. Wenn ich jetzt einfach gesagt hätte, ich fahre nur auf Sieg und führe deswegen keinen einzigen Meter, dann wäre ich vielleicht am Ende 15. geworden, wenn wir noch eingeholt worden wären. Und keiner hätte sich dafür interessiert.

Aber wenn ich mit Sagan durchfahre, kommen wir zu zweit ins Velodrom. Klar, er ist mehrfacher Weltmeister, hat eine riesige Saison schon hinter sich, meine Chancen waren realistisch betrachtet ziemlich klein. Jetzt kann man sich noch vorbeten und sagen, ich habe ja Bahn-Erfahrung. Aber ich kann sagen, nach 250 Kilometern von den 50 Kilometer Kopfsteinpflaster sind, ist ein Sprint auf dieser Bahn nicht mehr der gleiche wie in einem Scratch-Rennen.

Ich habe auch in einem Interview nach Roubaix gesagt, Sagan war für mich wie der Engel und der Teufel in einer Person. Wenn er nicht zu unserer Spitzengruppe aufgefahren wäre, wäre ich wohl nie so weit vorne gelandet. Aber mit ihm zusammen im Velodrom anzukommen, bedeutet schon fast, dass du Zweiter wirst im Sprint. Klar, war der Sieg greifbar nahe. Aber doch zu weit weg, wenn du gegen Sagan sprinten musst.

Kam mit diesem zweiten Platz dann auch die Liebe zum Rennen oder gibt es diese bedingungslose Zuneigung zu Paris-Roubaix nicht?

Ich würde es eher als Hassliebe bezeichnen. Wenn du in der Schweiz die Menschen fragst, was für Radrennen sie kennen, dann kommt als Antwort Tour de Suisse und Tour de France, und wenn Sie noch ein Eintagesrennen kennen, dann Paris-Roubaix. Das sagt viel über das Prestige dieses Wettbewerbs aus. Es ist eines der größten Eintagesrennen, wenn nicht sogar das größte, das wir im Kalender haben und eines der schwersten.

Allerdings können viele unberechenbare Faktoren einen Einfluss haben. Nichtsdestotrotz glaube ich, wenn du mit der richtigen Einstellung – sprich du gibst einfach nie auf – und einen professionellen Support vom Team ins Renne gehst, kannst du das Rennen schon auch zu deinem Vorteil nutzen. Du brauchst aber ein gutes Line-up; also Fahrer, die dich auch in einer ungünstigen Situation unterstützen können, dann ein gutes Team im Auto sowie auch Performance-Personal, dass dir das bestmögliche Set-up ermöglicht beziehungsweise sich darum kümmern.

An einem Punkt hat jeder mal Pech in diesem Rennen. Aber die Frage ist, wie viel du aus diesem Pech machst beziehungsweise, wie sehr du dich davon leiten lässt oder wie gut du mit diesem ersten kleinen Rückschlag umgehst.

Fotos: Photonews.be, Team Alpecin-Fenix

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