Die Tour de France 2026 wirft schon vor dem Grand Départ große strategische Fragen auf. Wie schwer wiegt der Ausfall von Wout van Aert für Visma | Lease a Bike? Hat Mathieu van der Poel trotz des Mannschaftszeitfahren eine realistische Chance auf das Gelbe Trikot? Und wie wird Red Bull-Bora-Hansgrohe die Doppelspitze mit Remco Evenepoel und Florian Lipowitz moderieren?
Eurosport-Experte Rolf Aldag ordnet im Interview mit Alpecin Cycling die wichtigsten Thesen vor der Tour ein – und blickt dabei nicht nur auf die Favoritenrolle von Tadej Pogačar, sondern auch auf die taktischen Grauzonen hinter dem slowenischen Dominator. Für Aldag, ehemaliger Head Sport Director von Red Bull-Bora-Hansgrohe und heutiger Head of Sport beim Frauen-WorldTeam Canyon//SRAM ist klar: Wenn Pogačar ohne größere Probleme durch die ersten zwei Wochen kommt, könnte die Frankreich-Rundfahrt bereits am Plateau de Solaison weitgehend entschieden sein. Gleichzeitig sieht er im Kampf um die weiteren Podiumsplätze erheblich mehr Spannung.
Rolf Aldag ordnet im Interview die wichtigsten Thesen vor der Tour ein – und blickt dabei nicht nur auf die Favoritenrolle von Tadej Pogačar, sondern auch auf die taktische Möglichkeiten des slowenischen Dominator. Für Ex-Profi Aldag ist klar: Wenn Pogačar ohne größere Probleme durch die ersten zwei Wochen kommt, könnte die Frankreich-Rundfahrt bereits vor de finalen Woche in den alpen. Gleichzeitig sieht er im Kampf um die weiteren Podiumsplätze erheblich mehr Spannung.
Besonders interessant wird aus seiner Sicht die Rolle jener Fahrer, die nicht zwingend als Tour-Sieger gehandelt werden, das Rennen aber taktisch verändern können. Dazu zählt Paul Seixas bei seinem Tour-de-France-Debüt ebenso wie Florian Lipowitz, der bei Red Bull-Bora-Hansgrohe mindestens gleichberechtigt neben Evenepoel stehen müsse. Auch Jonas Vingegaard bleibt für Aldag der wahrscheinlichste Herausforderer hinter Pogačar – allerdings mit erkennbarem Abstand zum Topfavoriten.
Weiter spricht Aldag über Führungsspieler, Teamhierarchien, das Risiko früher Vorentscheidungen und die Frage, warum Pogačars Dominanz für ihn nicht zwangsläufig langweilig ist.
Interview mit Eurosport-Experte Rolf Aldag

Foto: © Canyon//SRAM
Das Fehlen von Wout van Aert
Alpecin Cycling: Ist der Ausfall von Wout van Aert bei Visma | Lease a Bike wirklich ein Verlust – oder sogar die Chance, das Team noch stärker auf das Gesamtklassement auszurichten?
Rolf Aldag: „Ich glaube, es ist ein riesiger Verlust. Van Aert ist nicht nur irgendein starker Fahrer, sondern als Leader, als Kapitän und als Figur innerhalb der Mannschaft herausragend. Einen Fahrer zu haben, der vorne im Wind fährt, ist das eine. Wenn jemand stark genug ist und 400 Watt treten kann, dann kann er Arbeit machen.
Aber einen Fahrer zu ersetzen, der Entscheidungen trifft, der für die Mannschaft da ist, der auch im Bus Dinge anspricht, wenn sie schlecht laufen, und der dabei Autorität besitzt – das geht nicht über Nacht. Genau deshalb ist sein Ausfall ein großer Verlust.
Natürlich kann man sagen: Dort, wo die Tour gewonnen oder verloren wird, also im Hochgebirge, hätte Van Aert vermutlich nicht die absolut entscheidende Rolle gespielt. Aber auch das greift zu kurz. Er hätte taktisch sehr wohl eine wichtige Variante sein können. Man denke an Situationen in den Bergen, in denen er vorne in einer Gruppe war, oben gewartet hat und anschließend im Tal enorme Arbeit verrichtet hat. Solche Fahrer gibt es kaum.
Dazu kommt: Van Aert kann auch Etappen gewinnen, er kann um Grün fahren, er kann Sprintetappen prägen. Einen solchen Fahrer hätte jede Mannschaft gern. Deshalb überwiegt für mich der Verlust klar. Die Idee, dass Visma dadurch noch schärfer auf GC ausgerichtet ist, überzeugt mich nicht wirklich. Zumal ein zusätzlicher Bergfahrer nur dann entscheidend hilft, wenn Jonas Vingegaard tatsächlich im gelben Trikot fährt und das Team das Rennen kontrollieren muss.“
Mathieu van der Poels Chance auf Gelb
Hat Mathieu van der Poel eine realistische Chance, sich am Ende der zweiten Etappe das Gelbe Trikot zu sichern?
„Die Idee ist sehr reizvoll. Aber ich fürchte, dass Alpecin-Premier Tech im Mannschaftszeitfahren zu viel Zeit verlieren wird. Mathieu van der Poel kann natürlich aus fast jeder Rennsituation etwas machen. Aber wenn die Mannschaft nach der ersten Etappe, dem Teamzeitfahren, schon deutlich zurückliegt, wird es schwer – egal ob über Bonifikationen oder über eine späte Attacke auf der zweiten Etappe.
Man muss Alpecin aber eines zugutehalten: Wenn es um etwas geht, sind sie oft auf den Punkt topfit. Man sieht das in den Klassikern. Da stehen sie mit einer Mannschaft am Start, die auf dem Papier vielleicht nicht das stärkste Team ist, mit Fahrern die teilweise No-Names sind, dominieren trotzdem Rennen wie die Flandern-Rundfahrt. Andere Teams investieren Millionen und haben am Ende dagegen keine Chance. Das heißt, die leben von Emotionen, von dem Wissen, mein Kapitän kann so was umsetzen. Bei Alpecin funktioniert diese Kombination aus Emotion, Vertrauen in den Kapitän, Management, Trainern und Fahrern extrem gut.
Das gilt auch in Grand Tours. Wenn es eine Sprintetappe ist, kann Jasper Philipsen gewinnen. Wenn es schwerer wird, kann Van der Poel gewinnen. Diese Rollenverteilung funktioniert. Wenn es also auch nur eine kleine theoretische Chance gibt, wird Alpecin sie nutzen.
Aber in der Realität glaube ich, dass das Mannschaftszeitfahren Van der Poel zu weit zurückwerfen wird. Selbst wenn ihm das Finale der zweiten Etappe mit den Wellen entgegenkommt: Bis dahin könnten schon 30 oder 35 Sekunden fehlen. Dann fährt er dort auch nicht schneller als Tadej Pogačar, Jonas Vingegaard oder Remco Evenepoel, falls er in dieser Situation alleine losfährt. Deshalb: Eigentlich eher nicht. Aber wenn es ein Quäntchen diese Chance gibt, dann funktioniert es.“

Doppelspitze Lipowitz und Evenepoel
Funktioniert die Doppelleader-Rolle bei Red Bull-BORA-hansgrohe – oder wird spätestens bei der ersten schweren Bergetappe Florian Lipowitz der alleinige Leader sein?
„Florian Lipowitz muss mindestens gleichberechtigt sein. Mindestens. Natürlich darf man Remco Evenepoel nicht kleinreden. Er war schon Dritter bei der Tour und ist dort sehr intelligent gefahren. Aber ich glaube trotzdem, dass Lipowitz die besseren Chancen auf ein starkes Gesamtklassement hat.
Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Hierarchie spätestens auf der ersten echten Hochgebirgsetappe in den Pyrenäen klärt. Eine lange, schwere Bergetappe fährt man nicht einfach kontrolliert hoch, als wäre nichts. Dafür ist sie zu hart. Wenn dort die Favoriten ernst machen, sortiert sich das Klassement vor. Dann weiß man: Wer ist wirklich noch ein Gegner? Wer ist aus dem eigenen Team noch relevant? Genau dort könnte sich zeigen, ob Lipowitz der stärkere Mann für die Gesamtwertung ist.
Glaubst du, dass Red Bull-BORA-hansgrohe im Mannschaftszeitfahren eher auf Evenepoel setzen würde – auch wegen der Chance auf Gelb?
Ja, das wäre ein denkbares Szenario. Das Leben ist ja immer ein Geben und Nehmen Man könnte Remco das Gelbe Trikot ermöglichen und Florian danach für das Gesamtklassement beschützen. Damit könnten alle leben. Niemand verliert dabei wirklich das Gesicht. Wenn das Team das Mannschaftszeitfahren gewinnt, Remco mehrere Tage in Gelb fährt und später mit Lipowitz im Klassement relativ weit vorne landet – selbst ohne Podiumsplatzierung, kann man diese Tour nicht kleinreden.
Für Red Bull-Bora-Hansgrohe ist das Mannschaftszeitfahren deshalb extrem wichtig. Andere Teams wie UAE oder Visma werden sich vielleicht fragen, ob acht Sekunden mehr oder weniger am Ende in Paris entscheidend sind. Für Red Bull kann der Etappensieg und das Gelbe Trikot nicht nur sportlich, sondern auch medial sehr viel bedeuten.
Gleichzeitig gibt es auch die andere Seite zu betrachten: Wer Gelb trägt, muss zur Pressekonferenz, zur Siegerehrung, zur Dopingkontrolle, hat mehr Verpflichtungen und weniger Erholung. Wenn man das Gelbe Trikot an Evenepoel gibt und Lipowitz dadurch etwas aus dem Fokus nimmt, kann auch das taktisch sinnvoll sein.“
Paul Seixas‘ Tour de France-Debüt
Macht die Teilnahme von Paul Seixas die Tour für die GC-Leader unberechenbarer, weil er bei seiner Premiere womöglich aggressiver und unkonventioneller fährt?
„Das ist sehr schwer vorherzusagen. Seixas weiß selbst noch nicht, was bei einer Tour über drei Wochen passiert. Auch wenn er jung ist und schon viel Talent besitzt: Eine Grand Tour ist eine andere Dimension. Die Frage ist, wie er damit umgeht.
Schont er sich, weil er weiß, dass er so etwas noch nie gemacht hat? Oder sagt er: Ich bin jung, ich werde diese Rennen noch so viele Jahre fahren, also greife ich an und genieße es? Wenn man ihn nicht einbremst und ihm taktisch Freiheit engibt, kann ich mir schon vorstellen, dass er sehr früh offensiv fährt.
Auch seine Mannschaft spielt dabei eine Rolle. Decathlon fährt häufig sehr aktiv und mit viel Selbstvertrauen. Sie wirken wie ein Team, das lieber etwas versucht, als nur abzuwarten. Wenn eine Gruppe weg ist, fahren sie. Wenn sie eine Chance sehen, nutzen sie sie. Das kann die Tour durchaus beeinflussen.
Könnte das Teams wie Visma oder Red Bull-Bora-Hansgrohe vor Probleme stellen, weil sie stärker in klaren Strukturen denken?
Ja, durchaus. Sobald solche Teams realisieren, dass sie vielleicht nicht um den Sieg, sondern um das Podium fahren, müssen sie anders reagieren. Dann wird ein Fahrer wie Seixas plötzlich gefährlich. Nicht unbedingt für Pogačar, aber für Platz zwei oder drei.
Pogačar kann mit solchen Situationen umgehen, weil er stark genug ist und die Wahl hat. Wenn jemand attackiert, fährt er mit, schaut sich das an und kann am Ende oft noch einmal darüberfahren. Oder er rückt es in den folgenden Tagen zurecht, weil er es kann. Für andere Mannschaften ist das schwieriger. Wenn sie um das Podium fahren, müssen sie auf solche Angriffe sofort reagieren. Dann kann Seixas ein echtes Problem werden – ähnlich wie auch andere junge oder offensive Fahrer.
Die große Frage ist: Planen die Teams realistisch auf Platz zwei oder drei? Oder fahren sie trotzdem so, als könnten sie die Tour gewinnen? Das ist eine strategische Entscheidung. Rein physiologisch glaube ich nicht, dass jemand Pogačar schlägt, wenn alles normal läuft. Aber Radsport ist nicht nur Physiologie. Man kann stürzen, krank werden, falsch essen, einen schlechten Tag haben. Deshalb muss man sich als Team fragen: Akzeptieren wir die Hierarchie – oder träumen wir groß?“
Sie sehen Tadej Pogačar klar vorne. Ist Platz zwei für sie ebenfalls vergeben?
„Wenn Jonas Vingegaard alles richtig macht und normal durchkommt, sehe ich ihn schon als klaren Fahrer für Platz zwei. Historisch betrachtet liegt er näher an Pogačar als der Rest, aber auch da bleibt eine Lücke. Danach wird es deutlich enger.
Die Fahrer hinter Pogačar und Vingegaard liegen viel dichter beieinander. Da kann ein Lipowitz, ein Seixas, ein Del Toro oder ein anderer starker Klassementfahrer in diese Region vorstoßen. Über drei Wochen kann viel passieren. Genau deshalb könnte der Kampf um Platz drei am Ende fast der spannendste Teil der Tour werden.
Tour-Sieger 2026 könnte schon früh feststehen
Wird am Ende von Etappe 15 am Plateau de Solaison die Tour bereits entschieden sein – und Tadej Pogačar mit großem Vorsprung in Führung liegen?
„Wenn alles normal läuft, ja. Bis dahin gibt es theoretisch noch Möglichkeiten: eine große Ausreißergruppe, ein Team, das alles riskiert, ein unerwarteter Rennverlauf. Aber grundsätzlich ist es in der Natur der Fahrer, Risiken zunächst zu minimieren und erst später alles auf eine Karte zu setzen.
Wenn Pogačar bis zum Plateau de Solaison normal durch die Tour kommt und keine außergewöhnlichen Probleme hat, sehe ich nicht, wer ihn bis dahin hätte entscheidend schlagen können. Dann kann die Tour zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon weitgehend entschieden sein. Ich denke sogar, dass er bereits am Tourmalet auf Etappe fünf in die Offensive geht und schon früh eine Vorentscheidung fallen könnte. Er ist einfach mit Abstand der stärkste.
Die letzte Woche wäre dann eher ein spannendes Rennen um Etappensiege, Ausreißergruppen und die weiteren Podiumsplätze.
Entscheidend ist dann auch die Frage, wie groß Pogačars Hunger zu diesem Zeitpunkt noch ist. Eigentlich geht man immer davon aus, dass er jedes Rennen und jede Etappe gewinnen will. Gleichzeitig ist er ein Fahrer, der plötzlich andere Ideen entwickelt: Dann lässt er vielleicht einem Teamkollegen eine Chance, fährt für einen anderen oder probiert noch einmal etwas völlig Neues aus. Genauso gut kann es aber sein, dass er sagt: Ich versuchen, so viele Etappen wie möglich zu gewinnen. Dann wird das Rennen in den Bergen eine Pogi Show.
Grundsätzlich bleibt die Frage: Wer soll ihn schlagen, wenn alles normal läuft? In vielen Situationen entscheidet Pogačar selbst, was im Rennen passiert. Gerade das macht ihn für mich nicht langweilig. Viele empfinden seine Dominanz als problematisch für den Sport. Ich sehe das anders. Bei ihm bleibt immer ein Moment des Unvorhersehbaren. Man weiß nie genau, wann er attackiert, ob er mit seinen Teamkollegen Rennen noch einmal komplett aufreißt. Genau deshalb finde ich ihn weiterhin erfrischend und sowohl seine physische und mentale Leistung beeindruckend.
Aufmacherfoto: © Mr. Pinko
