Holt sich Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech) am Sonntag den einzigen Weltmeistertitel, der ihm in seiner außergewöhnlichen Sammlung noch fehlt? Wird der Niederländer in Val di Sole erstmals Weltmeister im olympischen Cross-Country? Nach seinen WM-Erfolgen auf der Straße, im Gravel und vor allem im Cyclocross könnte Van der Poel seine multidisziplinäre Karriere um einen weiteren großen Titel ergänzen. Achtmal wurde er bereits Cyclocross-Weltmeister, dazu kommen die Regenbogentrikots auf der Straße und im Gravel. Nur im Mountainbike-XCO fehlt ihm der WM-Titel noch.
Die Erwartungen sind entsprechend groß. Allerdings trifft van der Poel am Sonntag auf ein außergewöhnlich stark besetztes Feld – und er selbst dämpfte nach seiner gelungenen Generalprobe in Les Gets bereits die Erwartungen. Aufgrund seiner ungünstigeren Startposition werde er bei der WM auch etwas Glück benötigen, erklärte der 31-Jährige.
Mathieu van der Poel überzeugte bei der Generalprobe in Les Gets
Van der Poels Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft verlief zunächst nicht wie geplant. Ein ursprünglich ins Auge gefasster früherer MTB-Einsatz kam nicht zustande, sodass der Weltcup in Les Gets am vergangenen Wochenende sein erster Mountainbike-Wettkampf der Saison 2026 war.
Dort zeigte er allerdings auf Anhieb, dass mit ihm in Val di Sole zu rechnen ist. Im Shorttrack musste Van der Poel von Startposition 41 ins Rennen gehen, arbeitete sich aber bis in die Spitzengruppe nach vorne. Nach einem Beinahe-Sturz in einem Rockgarden nahm er etwas Risiko heraus und belegte schließlich Rang zehn. Das genügte für einen Start aus der zweiten Reihe beim XCO-Rennen am Sonntag.
Im Cross-Country präsentierte sich Van der Poel anschließend noch stärker. Er fuhr von Beginn an in der Spitzengruppe und kämpfte bis in die Schlussrunde um den Sieg. Erst Adrien Boichis konnte ihn auf der finalen Abfahrt distanzieren. Der Franzose gewann sieben Sekunden vor Van der Poel, der damit bei seinem ersten XCO-Weltcup der Saison sofort Zweiter wurde.
Besonders bemerkenswert war, wie schnell Van der Poel nach langer MTB-Abstinenz wieder zur Weltspitze aufschloss. Technisch wirkte er nicht immer so souverän wie die Spezialisten, physisch war er dagegen top. Genau darin liegt auch seine Chance für die Weltmeisterschaft.
Favoriten: Pidcock, Boichis, Martin und Hatherly gegen Van der Poel
Die Konkurrenz um das Regenbogentrikot ist allerdings enorm. Adrien Boichis gehört nach seinem Erfolg in Les Gets zwangsläufig zum engsten Favoritenkreis. Der 23-jährige Franzose hat inzwischen drei XCO-Weltcups in dieser Saison gewonnen und zeigte zuletzt gerade in den technisch anspruchsvollen Passagen seine Stärke.
Noch prominenter ist Tom Pidcock. Der Brite ist zweifacher Olympiasieger im Mountainbike und gewann 2023 den XCO-Weltmeistertitel. Zwar konzentrierte er sich 2026 überwiegend auf die Straße, doch bei seinem bislang einzigen XCO-Weltcupstart der Saison in Nové Město gewann er sofort.
Hinzu kommen Luca Martin, der die XCO-Weltcup-Gesamtwertung anführt, und der amtierende Weltmeister Alan Hatherly. Der Südafrikaner gewann den WM-Titel in den vergangenen beiden Jahren und darf trotz bislang weniger überzeugender Weltcup-Ergebnisse 2026 bei einem Einzelrennen keinesfalls unterschätzt werden.
Van der Poel trifft damit nicht nur auf einzelne Spezialisten, sondern auf eine ganze Generation von Fahrern, deren Saisonplanung nahezu vollständig auf das Mountainbike ausgerichtet ist.
Van der Poels zweiter Platz in Les Gets hat jedenfalls gezeigt, dass der Traum vom Regenbogentrikot mehr ist als nur ein ambitioniertes Nebenprojekt. Ob die kurze spezifische Vorbereitung ausreicht, um die besten Mountainbiker der Welt zu schlagen, ist die entscheidende Frage.
Egal, wie der Kampf um das Regenbogentrikot am Sonntag ausgeht: Mit Van der Poel, Pidcock, Boichis, Martin und Titelverteidiger Hatherly besitzt das Rennen eine außergewöhnliche Besetzung. Die Voraussetzungen für einen würdigen und spektakulären Abschluss dieser Mountainbike-Weltmeisterschaften sind damit gegeben.
Streckencheck: Der Parcours des Cross Country-Rennen bei den Weltmeisterschaften 2026

Die Weltmeisterschaft wird auf einem 3,5 Kilometer langen Rundkurs mit 155 Höhenmetern pro Runde ausgetragen. Damit wartet in Val di Sole keine Strecke mit langen, gleichmäßigen Bergauffahrten. Stattdessen verteilen sich die Höhenmeter auf einen kompakten Parcours, auf dem sich Anstiege, Abfahrten und technische Passagen in schneller Folge ablösen.
Obwohl der Kurs keine außergewöhnlich lange Steigung enthält, summieren sich die Höhenmeter über die Renndistanz. Gefragt ist deshalb nicht nur Explosivität, sondern auch die Fähigkeit, wiederholt hohe Leistungen abzurufen. Für Fahrer wie Tom Pidcock oder Mathieu van der Poel kann das wellige Profil dennoch günstig sein: Beide besitzen die nötige Beschleunigung, um an kurzen Steilstücken Lücken zu reißen oder nach technischen Passagen schnell wieder Tempo aufzunehmen. Der Rundkurs führt durch dichte Waldabschnitte und enthält den charakteristischen Rockgarden. Wurzeln, Steine und wechselnde Untergründe verlangen eine saubere Linienwahl.
Auf dem nur 3,5 Kilometer langen Kurs folgen die ersten Engstellen und technischen Abschnitte vergleichsweise schnell. Wer weit hinten beginnt, kann im dichten Feld aufgehalten werden und bereits früh wertvolle Sekunden verlieren.
Auch der Zielbereich wurde umgestaltet. Die Zielgerade wurde verlängert und soll eine bessere Sicht auf das Finale ermöglichen. Sollte eine kleine Gruppe gemeinsam in die Schlussphase kommen, gewinnt dadurch die Sprintstärke an Bedeutung. Ein Fahrer muss seine entscheidende Attacke also nicht zwingend am letzten Anstieg setzen.
Val di Sole ist Veranstaltungsort der Mountainbike-Weltmeisterschaften 2026
Die Mountainbike-Weltmeisterschaften finden vom 26. bis 30. August 2026 im italienischen Val di Sole statt. Insgesamt werden 17 Regenbogentrikots in fünf Disziplinen vergeben: Cross-Country Olympic (XCO), Shorttrack (XCC), Team Relay (XCR), Downhill (DHI) und E-Mountainbike Cross-Country (E-XC). Das Elite-Rennen der Männer bildet am Sonntag den Abschluss der Mountainbike-Weltmeisterschaften. Der Start erfolgt um 15:15 Uhr in Daolasa di Commezzadura.
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