Start Profi-Sport Visma | Lease a Bike muss bei der Tour de France ein neues Gesicht zeigen

Visma | Lease a Bike muss bei der Tour de France ein neues Gesicht zeigen

Übersicht

Visma | Lease a Bike konnte in der ersten Hälfte der Tour de France 2026 bislang nicht an jene mannschaftliche Stärke anknüpfen, die das Team in den vergangenen Jahren ausgezeichnet hatte. Jonas Vingegaard liegt deutlich hinter Tadej Pogačar, während mehrere seiner wichtigsten Helfer mit Sturzfolgen, gesundheitlichen Problemen oder fehlender Topform kämpfen. In seiner Analyse beleuchtet der renommierte Sportjournalist und Radsport-Experte Raymond Kerckhoffs die Gründe für das bisherige Abschneiden – und erklärt, weshalb die bevorstehenden Bergetappen für das niederländische Team zur entscheidenden Bewährungsprobe werden.

Vingegaard bereits deutlich hinter Pogačar

Während Tim Merlier zu seinem dritten Etappensieg bei dieser Rundfahrt sprintete, überschritt die Tour de France nach der 12. Etappe beinahe unbemerkt ihre Halbzeit. Ein Rennen übrigens, das bereits am fünften Tag an den Hängen des Col du Tourmalet weitgehend seine endgültige Form annahm. Tadej Pogačar sitzt komfortabel im Gelben Trikot, während Jonas Vingegaard mit einem beinahe uneinholbaren Rückstand von 3:36 Minuten den zweiten Platz belegt. Sein Team Visma | Lease a Bike war bislang nur ein Schatten jener unaufhaltsamen Mannschaft, die den Dänen in den vergangenen Jahren ins Gelbe Trikot geführt hatte.

Natürlich ist es für endgültige Schlussfolgerungen noch zu früh. Eine wirkliche Beurteilung wird erst möglich sein, wenn das Peloton nach der Überquerung des Col du Sarenne zum zweiten Mal in Folge in L’Alpe d’Huez ins Ziel kommt. Doch in dieser Zwischenbilanz, die am Ufer der Saône im Herzen Burgunds gezogen wird, ist das Fazit eindeutig: Nicht nur Vingegaard muss in der zweiten Hälfte ein anderes Gesicht zeigen. Auch die Fahrer um ihn herum müssen grundlegend andere Reserven mobilisieren.

Von den acht Fahrern, die die Tour im vergangenen Jahr als gefürchtete „Killerbienen“ prägten, standen vor eineinhalb Wochen in Barcelona nur fünf am Start: Vingegaard, Edoardo Affini, Victor Campenaerts, Matteo Jorgenson und Sepp Kuss. Das bewährte Trio aus Tiesj Benoot, Wout van Aert und Simon Yates musste durch Bruno Armirail, Per Strand Hagenes und Davide Piganzoli ersetzt werden.

Das verdeutlicht schmerzhaft und unmittelbar, auf wie viel Erfahrung und individuelle Klasse das Team verzichten musste. Benoot folgte im vergangenen Winter dem lukrativen Angebot von Decathlon – CMA CGM. Wout van Aert kämpft seit seinem schweren Sturz eine Woche vor der Tour de l’Ain mit einer hartnäckigen Ellbogenverletzung. Und Simon Yates hängte im Januar unerwartet sein Rad an den Nagel.

Zahlreiche Rückschläge schwächen Visma

Abgesehen von den besonderen Qualitäten dieser Fahrer bedeutet dieser Austausch, dass 37 Grand-Tour-Teilnahmen durch lediglich zwölf ersetzt wurden, von denen allein neun auf Armirail entfallen. Routiniers wie Van Aert und Yates sind nahezu unersetzlich. Das Gleiche gilt für das Fehlen von Christophe Laporte, der die Tour zum zweiten Mal in Folge verpasst. Der Franzose zog sich bei einer Trainingsfahrt im Vorfeld der Tour einen Muskelfaserriss im Quadrizeps zu.

Sowohl in der Vorbereitung als auch während dieser Tour blieb der gelb-schwarze – zu diesem Anlass schwarz-gelbe – Achter nicht vom Pech verschont. Affini stürzte bei der italienischen Zeitfahrmeisterschaft schwer. Zwar stellte er seinen Wert unmittelbar danach beim Mannschaftszeitfahren in Barcelona unter Beweis, doch nach einem solchen Aufprall kann man schlichtweg nicht in absoluter Topform an den Start gehen. Und bei einer Tour, in der die Temperaturen vom ersten Tag an regelmäßig auf mehr als 30 Grad Celsius steigen, ist eine schnelle Erholung kaum möglich.

Stürze, Hitze und Krankheiten hinterlassen Spuren

Armirail stürzte auf der dritten Etappe schwer und zog sich dabei eine Prellung am rechten Knie zu. Erst auf dem Weg nach Chalon-sur-Saône berichtete die Teamleitung erstmals von spürbaren Fortschritten beim Franzosen.

Jorgenson räumte nach der ersten Woche ein, dass die extreme Hitze seinem Körper stark zugesetzt habe. Auf der zehnten Etappe stürzte der Amerikaner zudem bei hohem Tempo in der Abfahrt vom Puy Mary und trug zahlreiche Schürfwunden und Prellungen davon. Als wäre diese Belastung nicht schon groß genug, teilte das Team am Mittwoch mit, dass er mit Grippesymptomen kämpft und derzeit innerhalb der Mannschaft isoliert ist.

Victor Campenaerts zeigt sich unterdessen ehrlich. Der Belgier blieb bislang zwar von körperlichen Verletzungen verschont, ihm fehlen jedoch schlichtweg die außergewöhnlich guten Beine der vergangenen Jahre. Sepp Kuss ließ beim Giro d’Italia vor zwei Monaten phasenweise jene Kletterstärke aufblitzen, die ihn in seiner herausragenden Saison 2023 ausgezeichnet hatte. Bei dieser Tour sucht der Amerikaner jedoch noch immer nach seiner besten Form. Dadurch steigt ungewollt der Druck auf die jungen Neulinge Davide Piganzoli und Per Strand Hagenes, die die Erwartungen bislang gut erfüllt haben.

Die Mannschaft wartet auf ein Signal ihres Kapitäns

Dennoch ist die Hoffnung auf ein Wiedererstarken Vingegaards im Lager von Visma | Lease a Bike weiterhin sehr lebendig. Bergauf verlor der zweimalige Tour-Sieger am Tourmalet und am Pertus kaum Zeit auf Pogačar. Die Rückstände entstanden größtenteils in den Abfahrten und auf den flacheren Passagen. Die Wattwerte, die er produziert, nähren den internen Optimismus. Hinzu kommt, dass der Däne traditionell erst in der kräftezehrenden letzten Woche richtig in Fahrt kommt und ihm die bevorstehenden Etappen in den Vogesen und den Alpen mit seinen Kletterfähigkeiten perfekt liegen. So wird verständlich, weshalb das Team nicht verzweifeln will.

Häufig spiegelt die Mannschaft die Form ihres Kapitäns wider. Ein Team findet ganz natürlich zusammen, sobald der Kapitän aufblüht. Am Mannschaftsbus von Visma | Lease a Bike in Chalon-sur-Saône wirkt die Atmosphäre entspannt und von einem bodenständigen Optimismus geprägt. Die Sprinteretappen sind Übergangstage, an denen das Team in diesem Jahr nichts gewinnen kann. Neben UAE Emirates XRG ist die niederländische Formation die einzige Mannschaft, die vollständig auf den Sieg im Gesamtklassement ausgerichtet ist.

Dennoch kann man sich fragen, ob es dem Team an Schärfe fehlt, wenn auf solchen Etappen kein zweites Ziel besteht. Mit Fahrern wie Van Aert und Laporte in den eigenen Reihen fährt man auch an flachen Tagen immer mit Blick auf einen Etappensieg.

Kritiker werden darauf hinweisen, dass die Teamleitung Sprinter Olav Kooij niemals hätte ziehen lassen dürfen. Finanziell konnte Visma | Lease a Bike im vergangenen Winter jedoch schlichtweg nicht mit dem fürstlichen Gehalt konkurrieren, das Decathlon – CMA CGM dem niederländischen Sprinter bot. Bei dieser Tour macht sich Kooij nun vor den Augen der Welt einen Namen. Richard Plugge bestätigte gestern gegenüber Wielerflits, dass Kooij, wäre er noch für sein Team gefahren, durchaus eine realistische Option für die Tour-Auswahl gewesen wäre.

In den Bergen muss Visma die Wende schaffen

Mit dem Sieg im prestigeträchtigen Mannschaftszeitfahren und dem vorläufigen zweiten Platz im Gesamtklassement ist Visma | Lease a Bike weiterhin im Rennen um den Hauptpreis. Doch nun, da die Vogesen, der Jura und die Alpen näher rücken, ist es höchste Zeit, dass der Achter in jeder Hinsicht ein anderes und dominanteres Gesicht zeigt als in der ersten Hälfte dieser Tour.

Autor: Raymond Kerckhoffs

Foto: IMAGO / Photo News

Profisport-Experte
Raymond Kerckhoffs