Das erste Saisondrittel neigt sich dem Ende zu. Die wichtigsten einwöchigen Etappenrennen des Frühjahrs sind Geschichte, nun stehen die Ardennen-Klassiker an, und anschließend beginnt die Zeit der Grand Tours. Die vier Top-Favoriten für die Tour de France im Sommer wählen in diesem Jahr unterschiedliche Wege zum ganz großen Highlight des Jahres. Daher werden die Fab Four voraussichtlich erst beim Tourstart in Barcelona das erste Mal aufeinandertreffen; im Frühjahr begegneten sie sich nie alle vier bei einem Rennen.
Doch auch ohne direkten Vergleich aller vier hat sich bereits eine klare Rangordnung abgezeichnet. Bei der Bewertung der Leistungen sollte man differenzieren, das Gesamtbild entsteht aus unterschiedlichen Komponenten. So hat Tadej Pogačar bislang stets überzeugt. Er hat aber auch sein Rennprogramm sehr klein gehalten. Ganz anders Remco Evenepoel: Lüttich-Bastogne-Lüttich wird Pogačars fünfter Renntag in diesem Jahr sein! Evenepoel hat schon jetzt 23 Renntage in den Beinen und wird noch das Amstel Gold Race absolvieren und vielleicht auch den Flèche Wallonne.
In unserer Fab Four-Serie begleitet Bernd Landwehr, Chefredakteur des Cyclingmagazine, die vier Top-Favoriten auf ihrem Weg zum Grand Depart der Tour de France. Er analysiert ihre Vorbereitung, ordnet die Leistungen ein und lässt so ein „Tour-Barometer der Fab Four“ entstehen.
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Tadej Pogačar – voll im Plan
Strade Bianche, Mailand-Sanremo, Flandern-Rundfahrt – die ersten drei Rennen hat er jeweils souverän gewonnen. Im Velodrom von Roubaix wurde er von Wout van Aert geschlagen, und so blieb ihm „nur“ Rang zwei. Mit Paris-Roubaix fehlt ihm also weiterhin ein Monument in seinem Palmarès. Seinen Status als bester Fahrer der Welt, vielleicht sogar als bester Fahrer aller Zeiten, hat er mit seinen Leistungen dennoch zementiert. Auch in Roubaix war er bärenstark, und ohne Defekt wäre … hätte … GOAT-Kette.
Tadej Pogačar dominiert. Bei jedem Rennen, bei dem es auch nur etwas bergauf geht, scheint er unantastbar. Klar, bislang ist er in diesem Jahr bei keinem Rennen an einem langen Anstieg gefordert gewesen, doch warum sollte er dort nun Schwächen zeigen, wenn er bei einem Rennen wie der Flandern-Rundfahrt derart dominiert?
Pogačar hat in diesem Jahr ein sehr, sehr reduziertes Programm gewählt, kann jeweils frisch in die Rennen gehen und liefert dort ab. Die Herausforderungen bei einer Drei-Wochen-Rundfahrt sind andere, aber es gibt bislang keine Anzeichen dafür, dass er dort Schwächen zeigen könnte oder gar die Lust am Radrennen verliert. Im Gegenteil: Pogačar will siegen, am liebsten bei allen großen Rennen! Er ist absolut im Plan, auch wenn es in Roubaix nicht zum Sieg reichte. Er ist weiter der ganz große Favorit für die Tour de France – und könnte dort mit Sieg Nummer fünf zum Kreis der Rekordsieger aufschließen.

Jonas Vingegaard – den Sieg beim Giro im Blick
Zwei Rennen, zwei Siege! Bei Jonas Vingegaard ist der Start in die Saison mehr als gelungen. Paris-Nizza gewann er mit deutlichem Vorsprung, auch bei der Katalonien-Rundfahrt war er eindeutig der Stärkste und siegte souverän. Sein Rennprogramm unterscheidet sich deutlich von dem der anderen drei Fahrer der „Fab Four“ – das liegt an seinem Grand-Tour-Double. Im Mai greift Vingegaard beim Giro d’Italia an und will seine Grand-Tour-Sammlung komplettieren. Wenig verwunderlich, dass er sein Programm im Frühjahr danach ausrichtet. Sein ursprünglicher Plan musste angepasst werden, nachdem er im Training vor seinem Saisonstart stürzte. Einen großen Einfluss scheint diese Verzögerung jedoch nicht gehabt zu haben, denn seine Auftritte waren allesamt sehr souverän.
In Katalonien traf er auch auf Remco Evenepoel und Florian Lipowitz – zwei Top-Konkurrenten für die Tour. Beide hatte der Däne im Griff. Das sollte man nicht überbewerten, denn wie bereits beschrieben, unterscheiden sich die Rennprogramme der Fab Four insgesamt doch deutlich. Dennoch: Vingegaard war stärker als Lipowitz und Evenepoel, sortiert sich damit auch berechtigt vor den beiden in der Rangordnung der Tour-Top-Favoriten ein.
Die nächste Station ist für Vingegaard der Giro d’Italia. Dort will er den Gesamtsieg einfahren, danach dann eine Pause einlegen und bestmöglich erholt zur Tour reisen.
Remco Evenepoel – Dauerbrenner
Satte 23 Renntage hat Remco Evenepoel bereits in den Beinen. Erfolgreiche Renntage! Der Plan seines Teams war, mit dem Neuzugang direkt zum Saisonstart erfolgreich zu sein und dann, getragen von positiven Ergebnissen, weitermachen zu können. Das klappte durchaus, denn Evenepoel war direkt erfolgreich. Bei der UAE Tour ging dem Belgier dann etwas die Luft aus, und auch in Katalonien war er nicht ganz so stark. Doch bei der Flandern-Rundfahrt lieferte der Belgier ab! Er landete hinter den „Außerirdischen“ Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel auf Rang drei. Das Podium beim belgischen Pflaster-Monument tat ihm, aber auch dem gesamten Team gut.
Nun stehen für Evenepoel die wichtigen Ardennen-Klassiker an. Durchaus darf man auch dort mit guten Leistungen rechnen. Doch wie aussagekräftig sind die Leistungen des Belgiers mit Blick auf die Tour de France? Eine Frage, die nicht ganz so leicht zu beantworten ist. Denn bislang konzentrierte sich Evenepoel auf die Eintagesrennen, in denen er überzeugte. Bei einer Grand Tour aber geht es dann doch viel mehr um Watt pro Kilogramm an den Anstiegen, um Regeneration und Zähigkeit. Evenepoel ist ein herausragender Eintages-Spezialist, das wurde auch in diesem Frühjahr deutlich. Die Vuelta hat der Belgier bereits gewonnen, das große Ziel ist nun die Tour de France. An Unterstützung vom neuen Team wird es in keinem Bereich mangeln, doch wie konkurrenzfähig ist er an den langen Anstiegen gegenüber Pogačar und Vingegaard? Diese Frage wird wohl erst im Sommer beantwortet.
Was man jedoch bereits in diesem Frühjahr sehen konnte, war das Zusammenspiel mit Florian Lipowitz. Evenepoel stellte sich in den Dienst des Deutschen, als dieser die besseren Chancen auf den Sieg hatte. Dass man taktisch vielleicht sogar einen Tagessieg mit Evenepoel herschenkte, um Lipowitz in der Gesamtwertung der Katalonien-Rundfahrt die Chance auf Rang zwei zu geben, ist eine andere Geschichte und sicher verkraftbar. Im Team hat man sich große Mühe gegeben, das Duo zusammenzuführen und sie mit einem speziellen Trainingslager aneinander zu gewöhnen. In Sachen Zusammenarbeit scheint das geklappt zu haben: Beide arbeiteten miteinander und nicht gegeneinander. Das ist zumindest eine sehr gute Voraussetzung für eine gemeinsame Strategie bei der Tour de France. Wie es dort klappt, wird man sehen.
Evenepoel ist im Soll und erfüllt die Erwartungen bislang. Holt er nun in den Ardennen erneut gute Ergebnisse, wird er mit Rückenwind in die spezifische Vorbereitung auf die Tour gehen.
Florian Lipowitz – die Formkurve steigt
Der Saisoneinstand auf Mallorca und in Portugal war solide, nun lief es in Katalonien und im Baskenland noch besser. Bei beiden Rundfahrten stand er auf dem Podium – in Katalonien siegte Jonas Vingegaard, im Baskenland Paul Seixas. Die Leistungen von Lipowitz waren gut; in Anbetracht dessen, dass er das Höhentrainingslager im Vorfeld wegen gesundheitlicher Schwierigkeiten vorzeitig abbrechen musste, sind sie sogar noch besser zu bewerten. Doch der Abstand zur Weltspitze ist noch erheblich. Sowohl Vingegaard als auch Seixas waren deutlich stärker als der Tour-Dritte von 2025. Etwas Luft nach oben ist für Lipowitz sicher noch da, dazu sollte man auch bedenken, dass die Leistungen durch eine unterschiedliche Saisonplanung nicht unbedingt vergleichbar sind. Dennoch ist die Lücke nach ganz vorn deutlich zu erkennen.
Für Florian Lipowitz geht es vor allem darum, die Leistung aus dem vergangenen Jahr zu wiederholen. Man gibt sich größte Mühe, ihn vor gesundheitlichen Rückschlägen zu schützen. Die Basis für einen möglichen Erfolg – ein erneutes Podium – bei der Tour de France sind eine stabile Gesundheit und eine gute Vorbereitung. Bis zum Sommer bleibt noch viel Zeit, und die guten Ergebnisse der vergangenen Wochen sollten Zuversicht geben. Doch eine Baustelle ist geblieben: Taktisch fehlt dem Deutschen noch etwas die Reife. Das wurde auch bei den Etappenrennen in diesem Jahr deutlich. Dabei wünscht man Lipowitz bei der Betrachtung von außen vor allem mehr Mut. Er ist zwar bereits 25 Jahre alt, aber dennoch kein alter Hase in diesem Sport. Mutig agieren, Fehler machen und lernen – in der Praxis und vielleicht auch auf die harte Tour – das dürfte ihn voranbringen.
Klettern und hart treten kann Lipowitz, leidensfähig ist er auch, und noch immer steckt unentwickeltes Potenzial in ihm. Die Baustelle Taktik wird nicht von heute auf morgen verschwinden, aber gezielt und kontinuierlich sollte man auch daran arbeiten, und dann wird sich hoffentlich eine Verbesserung einstellen. Stark ist Lipowitz, vielleicht sogar noch immer stärker, als er selbst denkt.
Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.
Alle Folgen der Serie
Hier findest du alle Episoden der Fab-Four-Serie 2026 in der Reihenfolge – vom Auftakt bis zur Bilanz.
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Aufmacherfoto: Imago
