Start Profi-Sport Flandern-Rundfahrt 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 5

Flandern-Rundfahrt 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 5

Übersicht

Für viele Zuschauer und Experten ist die Flandern-Rundfahrt das schönste und dramatischste Eintagesrennen der Saison – und deshalb ein echter Festtag. Auch für Bernd Landwehr, Radsportexperte und Chefredakteur des CyclingMagazine, ist dies ein ganz besonderer Feiertag. Was dieses Rennen so einzigartig macht und wie sich Form, Stärke und taktische Klasse auf brutalste Weise verdichten, erklärt und analysiert der Journalist in Teil 5 der Serie zu den Frühjahrsklassikern. Er richtet den Fokus auf die Topfavoriten, ihre schärfsten Rivalen und das Feld jener Außenseiter, die versuchen, das Kräfteverhältnis in Flandern zu ihren Gunsten zu verschieben.

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4 des Formbarometers.

Sportlicher Ausnahmezustand bei der Flandern-Rundfahrt

Ganz Flandern ist im Ausnahmezustand. Es ist Ronde-Woche. Der Radsport in Belgien das dominierende Sport-Thema. Die Ronde van Vlaanderen ist das größte belgische Radrennen, ein Heiligtum, ein großes Fest und noch viel mehr.

Für viele Radsportler ist es das schönste Rennen des gesamten Jahres. Auch, weil es einer 270 Kilometer langen Triumphfahrt gleicht, durch ein Spalier aus ekstatischen Fans. Nicht falsch verstehen, die Flandern-Rundfahrt ist ein brutal hartes Rennen, was selbst die zähesten Rennfahrer an ihre Grenzen bringt. Doch die Stimmung an der Strecke ist einzigartig. Flanderns Straßen werden zur größten Arena Europas und Millionen von Menschen verfolgen das Rennen in der gesamten Welt. Nirgends sonst lässt sich der Spirit des Radsports so intensiv spüren, wie in Flandern am Tag der Ronde.

Allein rund um die Schlüsselstelle Oude Kwaremont und Paterberg – zwei garstige Kopfsteinpflasteranstiege – werden mehr als 50.000 Menschen erwartet. Gefeiert wird der Sport, jeder einzelne Teilnehmer als Held der Fans. Bier, Musik, Party, Lachen, Miteinander und der besondere Moment, wenn die Helikopter über den Köpfen kreisen, das Getöse der Zuschauer immer näherkommt und dann die Fahrer und Fahrerinnen die steilen Pflaster-Anstiege in einem irren Tempo hinaufwuchten.

Es gibt einen Spruch, der ganz gut beschreibt, wie das flämische Publikum den Radsport und die Helden der Klassiker sieht: Wenn die Sonne scheint und es frühlingshaft ist, kommen abertausende Menschen an die Strecke, wenn es regnet und windig ist, doppelt so viele.

Das Publikum am Start kennt die Helden genau, selbst Neo-Profis bei der ersten Teilnahme hören Fans ihren Namen rufen. Schon die Präsentation der Fahrer am Morgen ein Antwerpen ist eine Heldenverehrungs-Party. Nur die Ronde ist die Ronde! Wer es schafft, hier ein Mal in seiner Karriere zu gewinnen, bleibt in Flandern ein Held für die Ewigkeit. Und vermutlich muss er für den Rest seines Lebens in den Supporter-Cafés nie wieder für ein Kaltgetränk bezahlen.

Premiere von Remco Evenepoel bei der Flandern-Rundfahrt

Belgiens Superstar Remco Evenepoel hat sein Ronde-Debüt angekündigt. Fans und Medien fiebern seinem Auftritt entgegen. Ein mögliches Debüt des Belgiers waberte seit Monaten durchs Peloton, doch Team und Fahrer schlossen es vehement aus. Nun aber ist klar – ganz bewusst wurde die falsche Fährte gelegt, um dann am 1. April direkt vor der Ronde mit großem Tamtam die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Red-Bull-Marketing, das verständlicherweise nicht überall gut ankommt und nun das Team gehörig unter Druck setzt.

Die Radsportwelt schaut am ersten April-Wochenende nach Flandern, voller Vorfreude, Aufregung und großer Erwartung. Kann der außerirdische Tadej Pogačar seinen dritten Sieg einfahren und zu den Rekordsiegern aufschließen, oder holt Mathieu van der Poel Sieg Nummer vier und wird alleiniger Rekordsieger bei der Ronde? Was können die Belgier gegen die beiden „Überfahrer“ ausrichten? Wie stellt sich Evenepoel auf dem Pflaster an? Welcher Ausreißer setzt sich so in Szene, dass sein Ritt über das Pflaster zum großen (Neben)Thema wird? Ganz Flandern fiebert auf den Sonntag hin, will endlich Antworten auf diese Fragen.

Duell der Giganten – Runde 2: Pogačar versus van der Poel

Der Top-Favorit ist Tadej Pogačar. Der Titelverteidiger zeigte bislang ein makelloses Frühjahr – zwei Rennen, zwei Siege. Bei Strade Bianche holte er erwartungsgemäß mit einem langen Solo den Sieg, bei Mailand-Sanremo siegte er trotz Sturz und sehr beeindruckend.

Die Flandern-Rundfahrt ist ein extrem schweres Rennen, hier kommen ohnehin nur ganz wenige Fahrer als Sieger in Frage. Für Pogačar ist der Parcours mit den vielen Anstiegen nahezu ideal und es gilt für ihn ohnehin „je schwerer, desto besser“. Der einzige Fahrer, der ihn ernsthaft fordern kann, ist wohl Mathieu van der Poel. Der Niederländer ist ein herausragender Klassikerspezialist und bei diesen Rennen nicht umsonst mehrfacher Sieger. In absoluter Top-Form, mit exzellenter Tagesform kann er Pogačar vielleicht sogar die Stirn bieten und ihn sogar bezwingen. Dafür muss er das Rennen nach seinen Wünschen gestalten, sein Team nutzen und Pogačar unter Druck setzen. Doch das ist eine schwere Aufgabe, denn auch Pogačar hat eine exzellente Mannschaft an seiner Seite, mit Fahrern wie Nils Politt und Florian Vermeersch als Top-Helfer.

Van der Poel muss versuchen sich ans Hinterrad von Pogačar zu heften, ihn auch im Finale an den schweren Anstiegen nicht ziehen zu lassen – dann hat er im Sprint wohl die besseren Karten. Doch hat Pogačar einen guten Tag und kann seine Normalform abrufen, wird es selbst für Van der Poel schwer, ihm am Kwaremont und Paterberg zu folgen.

Die Außenseiter bei der Flandern-Rundfahrt 2026

Für den Rest des Pelotons gilt es, kreativ zu sein. Die eigenen Karten exzellent zu spielen und darauf zu hoffen, dass die „Außerirdischen“ nicht ganz so übermenschlich sind. Wout van Aert ist einer der Herausforderer, kommt immer besser in Form. Doch er ist eher auf dem flachen Terrain von Paris-Roubaix zu fürchten als in den knackigen Anstiegen Flanderns. Doch van Aert stand bei der Ronde bereits auf dem Podium, verpasste im Sprint gegen Van der Poel 2020 nur hauchdünn den Sieg. Der Belgier wartet noch immer auf seinen ersten Sieg bei einem Kopfsteinpflaster-Monument – selbstverständlich ist er für die Ronde ganz besonders motiviert.

Das Lidl-Trek-Team ist in der Breite stark aufgestellt und wird versuchen das zu nutzen. Vielleicht früh einen Fahrer vorausschicken, dann darauf hoffen, daraus Kapital zu schlagen. Für nahezu alle Teams gilt – wer am Kwaremont nicht dem Angriff von Pogačar und van der Poel folgen kann, muss versuchen vor dieses Duo zu kommen, um dort nicht abgehängt zu werden. Doch das ist eine knifflige Angelegenheit – denn schon 100 oder mehr Kilometer vor dem Ende bei solch brutal schwerem Rennen anzugreifen birgt die Gefahr, dass die Kräfte weit vor dem Finale schwinden.

Tadej Pogačar: Der Top-Favorit. Hat er einen guten Tag, wird ihm an den entscheidenden Anstiegen niemand folgen können.

Mathieu van der Poel: Der Herausforderer. Er wird alles geben, Pogačar nicht ziehen zu lassen. Beißt er sich fest, hat er im Sprint die besseren Karten!

Wout van Aert: Die Form wird immer besser, er ist bereit! Bei der Ronde aber hat er es extrem schwer, gegen Pogačar und van der Poel. In Roubaix ist seine Chance größer.

Remco Evenepoel: Der Superstar gibt sein Debüt und hat die Latte mächtig hochgelegt! Kann er gegen die Außerirdischen bestehen, dem Rennen Würze geben? Es wäre schon etwas überraschend.

Tom Pidcock: Ein Start des Briten war eh fraglich, nach seinem Sturz bei der Katalonien-Rundfahrt muss er nun passen.

Mads Pedersen: Bei seiner Rückkehr nach Handgelenkbruch fuhr er extrem stark, fing sich dann eine Erkältung ein. Er ist nicht bei 100 Prozent, aber ganz abschreiben sollte man ihn für ein Top-Resultat nicht.

Jasper Stuyven: Er ist wohl die beste Option des Teams Soudal-QuickStep, im direkten Duell mit Pogačar oder Van der Poel ist er aber wohl chancenlos.

Arnaud De Lie: Nach Rückschlägen fehlt dem Belgier wohl etwas die Basis – gerade für ein so hartes Rennen wie Ronde sind das schlechte Voraussetzungen.

Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.

Aufmacherfoto: IMAGO / Belga