Gewinnt Tadej Pogačar zum dritten Mal die Flandern-Rundfahrt und steigt damit in den erlauchten Kreis der Rekordsieger auf? Oder siegt Mathieu van der Poel zum vierten Mal und wird damit alleiniger Rekordhalter? Und was ist von Remco Evenepoel und seinem Debüt bei der Ronde zu erwarten? Das sind die großen Fragen vor einem der wichtigsten Eintages-Radrennen der Saison. Nach 272,8 Kilometern werden wir es wissen.
Auf ihrem Weg von Antwerpen nach Oudenaarde müssen die Profis bei der 110. Austragung der Ronde van Vlaanderen insgesamt 16 Hellinge der Flämischen Ardennen erklimmen – darunter drei Mal Oude Kwaremont – und über sechs Kopfsteinpflastersektoren „brettern”.
Die Strecke der Flandern-Rundfahrt 2026

Mit dem Wechsel des Startorts von Brügge zurück nach Antwerpen verändert sich vor allem die lange Anfahrt in die flämischen Ardennen. Nach Teampräsentation auf der Grote Markt fällt der Startschuss um 10 Uhr an der Ernest Van Dijckkaai. Erst nach mehr als 100 Kilometern werden die Straßen richtig rau: Die ersten Pflasterpassagen warten auf Lippenhovestraat und Paddestraat, ehe der Oude Kwaremont fast exakt zur Rennhalbzeit erstmals überquert wird.
Danach nimmt die Ronde wie gewohnt an Schärfe zu. Auf die erste Überfahrt des Oude Kwaremont folgen Eikenberg und Wolvenberg, dazu mit Holleweg, Kerkgate und Jagerij mehrere Sektoren, auf denen Positionierung fast genauso wichtig ist wie die Beine. Danach wurde der Parcours leicht angepasst: Die Marlboroughstraat ist neu im Strecknverlauf, während die Steenbeekdries im Finale wegen Straßenarbeiten herausgenommen wurde. Trotz dieser Änderungen bleibt der Charakter des Rennens unangetastet.
Nach dieser ersten Härteprüfung streckt sich das Rennen etwas, ohne an Dynamik zu verlieren. Valkenberg, Berg Ten Houte und Nieuwe Kruisberg/Hotond folgen zwar nicht im Minutentakt aufeinander, sorgen aber dafür, dass das Feld kaum zur Ruhe kommt.
Zweite Passage Oude Kwaremont läutet das Finale ein
Die zweite Passage über den Oude Kwaremont kommt mit gut 55 Kilometern vor dem Ziel. Diees Mal gefolgt vom kurzen, aber äußerst steilen Paterberg. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürften die Favoriten das Heft des Handelns in der Hand nehmen.
Der nächste Anstieg ist der Koppenberg – 45 Kilometern vor dem Ziel und schon tief im Finale. Dieser brutale Anstieg, den schon viele Profis und zu Fuß hinaufgehen mussten und ihre Hoffnung auf eine vordere Platzierung begraben mussten, bietet das Terrain für weitere Attacken.
Darauf folgen die Kasseinen und Hellinge Mariaborrestraat, Taaienberg und Oude Kruisberg/Hotond, bevor die Profis ein letztes Mal über das ikonischen Doppel Oude Kwaremont und Paterberg müssen. Die letzte Kwaremont-Passage liegt 16,7 Kilometer vor dem Ziel, die letzte Paterberg-Kuppe 13,3 Kilometer. Das sind Distanzen, die Solisten Mut machen und Verfolgern oft hoffen lassen, nochmal herankommen.
Danach bleibt der Weg ins Ziel flach. Wer am Paterberg einen Vorsprung mitnimmt, hat also noch Arbeit vor sich. Genau das macht die Ronde so schwer zu kontrollieren: Selbst die stärksten Fahrer brauchen hier nicht nur Punch, sondern auch die Fähigkeit, unter maximaler Vorbelastung über mehr als zehn Kilometer allein durchzuziehen.
Das Profil der Flandern-Rundfahrt 2026

Highlights: Hellinge und Kasseien bei der Flandern-Rundfahrt 2026
Hellinge
- Oude Kwaremont (2.200 Meter mit durchschnittlich 4 Prozent) – Kilometer 142,2
- Eikenberg (1.200 Meter mit durchschnittlich 5,2 Prozent) – Kilometer 158,1
- Wolvenberg (645 Meter mit durchschnittlich 7,9 Prozent) – Kilometer 162,2
- Molenberg (463 Meter mit durchschnittlich 7 Prozent) – Kilometer 174,7
- Marlboroughstraat (2.040 Meter mit durchschnittlich 3 Prozent) – Kilometer 178,7
- Berendries (940 Meter mit durchschnittlich 7 Prozent) – Kilometer 182,7
- Valkenberg (540 Meter mit durchschnittlich 8,1 Prozent) – Kilometer 191,3
- Berg Ten Houte (1.100 Meter mit durchschnittlich 6 Prozent) – Kilometer 203,8
- Hotond/Nieuwe Kruisberg (2500 Meter mit durchschnittlich 5 Prozent) – Kilometer 213,3
- Oude Kwaremont (2.200 Meter mit durchschnittlich 4 Prozent) – Rennkilometer 223,1
- Paterberg (360 Meter mit durchschnittlich 12,9 Prozent) – Kilometer 226,6
- Koppenberg (600 Meter mit durchschnittlich 11,6 Prozent) – Kilometer 232,9
- Taaienberg (530 Meter mit durchschnittlich 6,6 Prozent) – Kilometer 241,4
- Hotond/Oude Kruisberg (2.500 Meter mit durchschnittlich 5 Prozent) – Kilometer 251,7
- Oude Kwaremont (2.200 Meter mit durchschnittlich 4 Prozent) – Kilometer 261,5
- Paterberg (360 Meter mit durchschnittlich 12,9 Prozent) – Klometer 265,0
Kasseien
- Lippenhovestraat ( Meter) – Kilometer 109,6
- Paddestraat (2.300 Meter) – Kilometer 111,1
- Holleweg (1.100 Meter) – Kilometer 159,6
- Kerkgate ( 1.400 Meter) – Kilometer 165,8
- Jagerij (800 Meter) – Kilometer 168,8
- Mariaborrestraat (400 Meter) – Kilometer 237,0
Favoriten-Check für die Flandern-Rundfahrt 2026
Zweifellos ist Tadej Pogačar der Topfavorit für die Ronde. Dafür gibt es klare Gründe: Er ist zum einen „super in Schuss“ – zwei Rennen, zwei Siege. Bei Sanremo konnte er einen Sturz nicht verhindern. Zum anderen kommt ihm ein schweres, anspruchsvolles Rennen wie die Flandern-Rundfahrt einfach entgegen. Er kann auch nach fünf Rennstunden noch einen rauslassen. Viel spricht für seinen dritten Erfolg bei der Flandern-Rundfahrt.
Sein größter Widersacher heißt wie auch schon im vergangenen Jahr Mathieu van der Poel. Der Niederländer zeigte beim Omloop, Tirreno und auch in Teilen bei „In Flanders Field“ seine Klasse und könnte an den steilsten und schmalsten Abschnitten, an denen Pogacar attackiert, dranbleiben, sofern er einen Top-Tag hat.
Überraschungsgast „Remco Evenepoel“ am Start der Flandern-Rundfahrt
Dahinter – sprich bei den Verfolgern – wird es dann schon nicht mehr ganz so offensichtlich. Mit Remco Evenepoel ist am 1. April plötzliche und unerwartet ein neuer Spieler auf dem Feld aufgetaucht. Auf ihn muss geachtet werden, doch ob er in die Entscheidung eingreifen kann, ist nicht wirklich abzusehen. An seiner Leistungsfähigkeit besteht kein Zweifel, auch wenn er in der vergangenen Woche in Katalonien noch sagte, er könne nicht in den roten Bereich gehen.
Dem Belgier könnte eher das „Rennformat“ Probleme bereiten. Flandern ist ein hektisches Rennen. Hier wird auf engstem Raum gefahren und um Positionen gekämpft. Das muss man mögen. Zudem ist Evenepoel seit 2019 keinen Frühjahrsklassiker mehr gefahren. Hinzu kommt, dass ein solches Rennen Resilienz verlangt. Ein Defekt bzw. ein glimpflich ablaufender Sturz kann passieren, darf aber nicht die Planung über den Haufen werfen. „Schütteln und weiter machen“ heißt die Devise. Etwas, das man dem Belgier bislang nur selten gesehen hat. Vielleicht versucht er aber, dem Rennen seinen Stempel aufzudrücken, indem er früh in die Offensive geht. Das könnte Pogacar helfen, da er dann einen weiteren Fluchtgefährten hätte.
Wout van Aert im Aufwind
Ob mit oder ohne Evenepoel. Wout van Aert bleibt ein Mann fürs Podium. Der Belgier, der noch nie ein Kopfsteinpflaster-Monument gewann, zeigt eine aufsteigende Form. Das bewies er bei „In Flanders Fields“ genauso wie bei „Dwars door Vlaanderen“. Allerdings scheint es, als fehle ihm der Punch für die letzte, sechste Rennstunde, wie es im Übrigen vielen Fahrern geht. Denn genau das macht die Ronde aus: Auch nach fünf Stunden Fahrzeit noch explosiv und tempofest zu sein.
Gleiches trifft auch auf Mads Pedersen, zu dem seine Verletzung noch immer in den Knochen zu stecken scheint. Er tut und macht, aber für den ganz großen Wurf fehlt ihm das gewisse Quäntchen Power.
Dahinter kann alles passieren. Auch die Edelhelfer von Pogi und Wout können bei cleverer taktischer Fahrweise in die Top Fünf bzw. die Top Ten fahren. Denn bei dieser Aussicht nimmt beim Rennen wieder der Runde keine die Beine hoch. Florian Vermeersch, Nils Politt, Antonio Morgado sind dafür genauso Kandidaten wie Per Strand Hagenes, Christophe Laporte oder Wout Poels Teamkollege Gianni Vermeersch. Dazu zählen muss man aber auch Jasper Stuyven und Jonas Abrahamsen.
>>> Mehr zu den Favoriten erfährst Du in der aktuellen Folge des Form-Barometers – hier.
Grafiken: © Flanders Classic
Fotos: Photonews.be
