Start Profi-Sport Analyse zur Flandern-Rundfahrt: Evenepoel machte Pogačar „nervös“

Analyse zur Flandern-Rundfahrt: Evenepoel machte Pogačar „nervös“

Übersicht

Tadej Pogačar dominierte die Flandern-Rundfahrt wie erwartet – und doch gab es neben Mathieu van der Poel mit Remco Evenepoel einen Fahrer, der den Weltmeister unter Druck setzte. Die Analyse des renommierten Sportjournalisten und ausgewiesenen Profi-Radsport-Experten Raymond Kerkhoffs zeigt, warum der Belgier trotz Platz drei zu den Gewinnern zählt, welche Rolle Mathiu van dr Poel spielte und was Pogačars Überlegenheit über die Zukunft der Frühjahrsklassiker verrät.

Tadej Pogačar dominiert die Flandern-Rundfahrt 2026 nach Plan

Tadej Pogačar setzte bei der Flandern-Rundfahrt genau jenes Drehbuch um, das neun von zehn Experten schon vor dem Rennen vorhergesagt hatten. Mit diesem Triumph festigt der Weltmeister seine Vormachtstellung nur weiter. Die Leichtigkeit, mit der er seine wichtigsten Rivalen Anstieg für Anstieg, einen nach dem anderen, abschüttelte, machte einmal mehr deutlich: Dieser Slowene fährt in seiner eigenen Liga.

Perfektes Podium in Flandern: Die Startnummern 1, 11 und 111 ganz vorne

Passender hätte auch das Podium kaum ausfallen können. Die Startnummern 1, 11 und 111 belegten die ersten drei Plätze – exakt in dieser Reihenfolge. Beim zweiten Anstieg des Oude Kwaremont, 55 Kilometer vor dem Ziel, schien sich zunächst ein Traumszenario zu entwickeln: Die „Big Five“ setzten sich auf halber Höhe in Richtung des berühmten Kwaremont-Platzes ab. Pogačar als Motor, im Windschatten Wout van Aert, Mads Pedersen, Remco Evenepoel und Mathieu van der Poel.

Remco Evenepoel wird zum größten Herausforderer von Pogačar

Während „Pogi“ Pedersen und Van Aert vor dem steilen Schlussstück des 2,1 Kilometer langen Oude Kwaremont abschüttelte, musste Evenepoel fünf Kilometer später am Paterberg zwar abreißen lassen – doch der Kapitän von Red Bull-Bora-Hansgrohe weigerte sich, klein beizugeben.

Über 35 Kilometer hinweg sorgte Evenepoel für die größte Spannung in diesem Rennen. Das „Aerogeschoss“ ist nicht nur der beste Zeitfahrer seiner Generation, sondern erwies sich bei dieser Flandern-Rundfahrt auch als jener Fahrer, der Tadej Pogačar am meisten unter Druck setzte. Der Slowene, der sonst mit unbeirrtem Blick nach vorn fährt, drehte sich diesmal über Kilometer hinweg immer wieder um, um zu prüfen, ob der zweimalige Olympiasieger nicht doch noch näherkam.

Taktik zwischen Oude Kwaremont, Paterberg und Koppenberg entscheidet das Rennen

Zwischenzeitlich verkürzte Evenepoel den Rückstand auf nur noch fünf Sekunden, doch Pogačar reagierte an der Spitze sofort wieder. So entwickelte sich zwischen Paterberg, Koppenberg, Taaienberg und Kruisberg ein faszinierendes taktisches Duell. Immer wenn Pogačar vor Van der Poel fuhr, wuchs der Abstand zu Evenepoel. Übernahm dagegen „MVDP“ die Führungsarbeit, kam der Belgier wieder etwas näher. Das Resultat: Pogačar erledigte ungefähr drei Viertel der gesamten Arbeit.

Offensichtlich fürchtete der Slowene Evenepoel tatsächlich – denn unter keinen Umständen wollte er zulassen, dass der Belgier zurückkehrt. Schon im Vorfeld der Flandern-Rundfahrt hatte Pogačar erklärt, dass er Remco schon große „Moves“ habe fahren sehen: „Und wenn er erst einmal ein paar Meter hat …“

Tadej Pogačar bestätigt nach dem Rennen seinen Respekt vor Evenepoel

Im Ziel in Oudenaarde bestätigte Pogačar dann offen, wie ernst er Evenepoel nahm: „Ich weiß, wie viel Ausdauer Remco hat. In so einem harten Rennen hätte er mich schlagen können. Deshalb war es wichtig, ihn gar nicht erst zurückkommen zu lassen.“

Auch wenn Evenepoel am Ende mit Rang drei Vorlieb nehmen musste, darf er sich bei seinem Debüt bei „Flanders’ Finest“ durchaus als moralischer Sieger fühlen. Platz drei bei der ersten Flandern-Rundfahrt – das gelang weder Van der Poel noch Pogačar selbst, die 2019 beziehungsweise 2022 jeweils nur Vierter wurden.

Mathieu van der Poel hält lange mit, kann Pogačar aber nicht wirklich gefährden

Van der Poel war es wiederum, der am längsten eindrucksvoll am slowenischen TGV dranblieb. Doch der Kapitän von Alpecin-Premier Tech vermittelte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, den „Kannibalen“ dieser Generation wirklich in Bedrängnis bringen zu können. Auf den flämischen Straßen, auf denen der Wind das Rennen zusätzlich verschärfte, zeigte sich deutlich der Kontrast zwischen Pogačars geschmeidiger Trittfrequenz und dem mitunter etwas ruckartigen Stil des unermüdlich arbeitenden Van der Poel.

Wie erwartet setzte Pogačar seine entscheidende Attacke am letzten Anstieg des Oude Kwaremont. Dennoch verlor „MVDP“ an der Kuppe zunächst nur sechs Sekunden. Erst am Paterberg musste sich der Niederländer endgültig geschlagen geben.

Pogačar-Effekt im Peloton: Lähmt seine Dominanz die Konkurrenz?

In den Debatten nach dem Rennen war in den belgischen Medien bereits von einem „Pogačar-Effekt“ im Peloton die Rede. Gemeint war eine lähmende Dominanz, durch die sich viele Konkurrenten offenbar schon vor dem Start mit der Überlegenheit des Slowenen abfinden. Doch in jedem Rennen, das er gewinnt, scheint schlicht das Recht des Stärkeren zu gelten. Pogačar stiehlt seine Siege nicht – er erzwingt sie.

Ist die Flandern-Rundfahrt zu schwer geworden?

Damit stellt sich für viele Teams erneut die Frage, ob ein Klassiker wie die Flandern-Rundfahrt in den vergangenen Jahren nicht zu schwer geworden ist. Der Radsport bewegt sich schließlich in Zyklen. Vor zehn bis fünfzehn Jahren sprach man von einer Nivellierung im Peloton, die die Spitze verbreiterte und viele Rennen in Sprintentscheidungen münden ließ. Ein Rennen wie das Amstel Gold Race war damals häufig so kontrolliert, dass ein großes Feld geschlossen in Richtung des letzten Cauberg-Anstiegs fuhr. Die Organisatoren reagierten, indem sie eine zusätzliche Schleife mit engen Straßen einbauten, um das Rennen stärker zu öffnen.

Frühjahrsklassiker 2026: Mehr Spannung mit leichterem Kurs?

Heute stellt sich die Frage in umgekehrter Richtung: Sollte man darüber nachdenken, ein Rennen wieder etwas leichter oder zumindest weniger selektiv zu gestalten, wenn mittlerweile nur noch eine Handvoll Fahrer – oder eigentlich nur einer – ein Rennen derart komplett dominieren kann? Würde ein Finale mit mehr potenziellen Sieganwärtern nicht automatisch an Farbe und Spannung gewinnen?

Mehrere Teamchefs, mit denen nach der Flandern-Rundfahrt gesprochen wurde, sind überzeugt, dass die Härte des aktuellen Parcours einen Teil der Spannung aus dem Rennen nimmt. Nur Fabian Cancellara setzte hier einen klaren Kontrapunkt. Seiner Ansicht nach war die extreme Schwere dieser Ausgabe von „Flanders’ Finest“ auch maßgeblich dem Gegenwind geschuldet.

In einem Punkt herrschte allerdings Einigkeit: Auf einem weniger anspruchsvollen Kurs gäbe es womöglich länger Spannung im Rennen – der Sieger würde am Ende wohl trotzdem Tadej Pogačar heißen.

Autor: Raymond Kerckhoffs
Fotos: IMAGO / Content Curation

Profisport-Experte
Raymond Kerckhoffs