Tourmalet, Le Lioran, Plateau de Solaison, Einzelzeitfahren und ein gewaltiges doppeltes Finale in Alpe d’Huez: Die Tour de France 2026 ist so konzipiert, dass sich die Favoriten bereits früh zeigen müssen – die endgültige Entscheidung aber auch erst am vorletzten Renntag fallen könnte. Sieben Etappen besitzen besonderes Potenzial, den Kampf um die Gesamtwertung zu entscheiden. Alpecin Cycling stelt sie vor:
Die Tour de France 2026 kennt keine lange Phase des Abtastens. Bereits zum Auftakt in Barcelona wartet ein Mannschaftszeitfahren, am zweiten Tag führt das Finale dreimal über den steilen Montjuïc, am dritten Tag geht es erstmals in die Pyrenäen. Dennoch liegt der Schwerpunkt dieser Frankreich-Rundfahrt deutlich in der zweiten Hälfte und vor allem in der Schlusswoche.
Acht Etappen sind offiziell als Bergetappen klassifiziert, fünf davon enden offiziell mit einer Bergankunft: in Gavarnie-Gèdre, am Plateau de Solaison, in Orcières-Merlette sowie zweimal in Alpe d’Huez. Dazu kommt ein anspruchsvolles Einzelzeitfahren zwischen Évian-les-Bains und Thonon-les-Bains. Wer die Tour 2026 gewinnen will, muss nicht nur an einem Tag überragend sein. Er muss Pyrenäen, Zentralmassiv, Vogesen, Zeitfahren und das abschließende Alpen-Triple nahezu ohne Schwäche überstehen.
Es wäre ein Leichtes, einfach die höchsten Berge oder alle Bergankünfte der Tour de France 2026 aufzuzählen. Doch entscheidend für den Gesamtsieg sind nicht automatisch nur jene Etappen, die oben auf einem Gipfel enden. Manche Tage zwingen die Favoriten durch extreme Steigungen zum direkten Vergleich. Andere können durch ihre Unberechenbarkeit gefährlich werden. Und ein Einzelzeitfahren verändert nicht nur Abstände, sondern kann auch Einfluss auf die Strategie für die verbleibenden Bergetappen haben.
Doch welche Etappen besitzen das größte Potenzial, den Kampf um Gelb wirklich zu entscheiden? Nicht jede Bergankunft ist automatisch wichtiger als ein taktisch schwer kontrollierbarer Tag im Mittelgebirge. Und nicht jede prestigeträchtige Etappe produziert zwangsläufig große Abstände. Gerade deshalb gehört beispielsweise die Zentralmassiv-Etappe nach Le Lioran in die engere Auswahl – während andere spektakuläre Tagesabschnitte knapp herausfallen. Ein Beispiel dafür ist das Mannschaftszeitfahren an Tag eins. Spektakulär aufgrund des Austragungsmodus, aber Minutenabstände zwischen den Favoriten dürften nicht zu erwarten sein. Daher fehlt es bewusst in dieser Auflistung.
6. Etappe: Erster Formtest am Tourmalet
9. Juli | Pau – Gavarnie-Gèdre | 186,2 km

Die ersten Tage der Tour können bereits Zeitabstände bringen. Das Mannschaftszeitfahren in Barcelona und das steile Montjuïc-Finale an Tag zwei fordern die Favoriten vom Start weg. Doch die erste Etappe, auf der sich wirklich erkennen lässt, wer seine Hausaufgaben gemacht hat, ist der sechste Tagesabschnitt über das Pyrenäen-Duo Col d’Aspin und Col du Tourmalet. Der Abschnitt führt über 186,2 Kilometer von Pau nach Gavarnie-Gèdre zur Bergankunft.
Im Gegensatz zu den Etappen der Jahre 2023, 2024 und 2025 endet dieser Tourmalet-Abschnitt aber nicht mit einer Bergankunft der 1. oder Hors Catégorie, sondern mit einem Anstieg der 2. Kategorie. Dieser zeichnet sich besonders durch seine Länge (18,7 km) aus, weniger durch die Steigungsprozente (3,7 %).
Warum diese Etappe entscheidend sein kann
Gerade die Position des Tourmalet macht die Etappe taktisch interessant. Seine Kuppe wird knapp 40 Kilometer vor dem Ziel erreicht. Wer hier angreift, muss den Vorsprung in der Abfahrt und auf dem langen Schlussanstieg behaupten. Ein schwieriges Unterfangen? Ja.
Trotz allem könnte der Anstieg zum Tourmalet auch zeigen, wie stark welche Mannschaft ist. Die hohen Steigungsprozente und die absolute Höhe können dort bereits Unterschiede sichtbar machen. Diese Kletterpartie in den Pyrenäen verlangt den Fahrern einiges ab. Wer gegnerische Mannschaften vielleicht auch schon am „vorgeschalteten“ Col d’Aspin dezimieren kann und selbst an der Seite seines Leaders noch drei oder vier Helfer hat, kann in Richtung Ziel Druck ausüben, während isolierte Leader doch schon ein wenig in Stress verfallen könnten.
Und nicht zu vergessen ist, dass der Tourmalet natürlich auch ein wunderbares Spielfeld für Kletterer ist, die auf den Tagessieg aus sind. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor in positiver Hinsicht ist Paul Seixas. Nachdem der junge Franzose im Training im Mai einen KOM am Tourmalet aufgestellt hat, hat er vielleicht auch Lust, mehr zu wagen – und sei es nur, um die Bergwertung – das Souvenir Jacques Goddet – zu gewinnen. All das kann aber natürlich eine Kettenreaktion nach sich ziehen, die das Rennen eher explodieren lässt und so zumindest temporär Schaden anrichtet.
Gut möglich also, dass deswegen bereits bei dieser Bergetappe über die taktische Variante einer Relaisstation nachgedacht wird, die nach der Anfahrt bis in den Schlussanstieg hinein dann von vorne kommt und unterstützt.
Die Etappe muss deshalb nicht zwangsläufig große Zeitabstände produzieren. Doch sie liefert die erste belastbare Antwort auf eine zentrale Frage dieser Tour: Wer ist bereit, bereits in der ersten Woche am Tourmalet Verantwortung zu übernehmen – und wer kann einem solchen Angriff folgen?

Die entscheidenden Anstiege der 6. Etappe
- Col d’Aspin (1.489 m) | 1. Kategorie | 12,0 km mit 6,5 % | Rennkilometer 118,1
- Col du Tourmalet (2.115 m) | Hors Categorie | 17,1 km mit 7,3 % | Rennkilometer 147,8
- Gavarnie-Gèdre (1.380 m) | 2. Kategorie | 18,7 km mit 3,7 % | Rennkilometer 186,2
10. Etappe: Le Lioran – die unterschätzte Gefahr im Zentralmassiv
14. Juli | Aurillac – Le Lioran | 166,6 km

Keine Bergankunft, kein Hors-Catégorie-Pass, kein Alpenpanorama: Auf den ersten Blick könnte die Etappe nach Le Lioran hinter den großen Hochgebirgstagen dieser Tour zurückstehen. Doch gerade das Finale im Zentralmassiv besitzt das Potenzial, einen vermeintlichen Tag für Ausreißer in einen Schlagabtausch unter den Favoriten zu verwandeln. Nicht zu vergessen ist, dass der 14. Juli französischer Nationalfeiertag ist.
Wie geeignet dieses Terrain ist, zeigte sich bei der Tour 2024. Damals attackierte Tadej Pogačar am Puy Mary – Pas de Peyrol. Jonas Vingegaard fuhr am Col de Pertus wieder zu ihm auf und gewann anschließend die Etappe in Le Lioran. Remco Evenepoel und Primož Roglič kamen mit 25 Sekunden Rückstand auf das Duo ins Ziel.
2026 führt die Route erneut nach Le Lioran, diesmal auf einer nur 166,6 Kilometer langen Etappe mit sieben Bergwertungen. Auch in diesem Jahr könnte der Anstieg zum Puy Mary das Finale eröffnen. Sein 7,8 Kilometer langer Anstieg beginnt knapp 40 Kilometer vor dem Ziel. Nach der Abfahrt folgt zunächst der Col de Font de Cère, ehe der letzte kategorisierte Anstieg, der Col de Pertus, ansteht. Von seiner Passhöhe sind es nur noch 2,7 Kilometer bis ins Ziel nach Le Lioran.
Warum diese Etappe entscheidend sein kann
Die Dramaturgie der Etappe liegt darin, dass es bereits ab der Rennmitte keine längeren Flachstücke oder leicht abfallenden Abfahrten gibt, auf denen ein Vorsprung verteidigt werden muss. Will heißen: Einen Führenden wieder zu stellen, ist aufgrund des Terrains nicht so einfach, und ein Solist beziehungsweise zwei oder drei GC-Leader können mit einem ähnlichen Energieaufwand wie die Verfolgergruppe an der Spitze bleiben. Eine Beschleunigung auf den steilen Kilometern kann genügen, um mit wenigen Sekunden Vorsprung über die Kuppe zu kommen und diesen Abstand bis Le Lioran zu halten.
Im Zentralmassiv kann eine zu erwartende Eskalation aus unterschiedlichen Rennsituationen entstehen: aus einer gefährlichen Gruppe, einem isolierten Konkurrenten, einem Angriff auf einer kurzen Rampe oder einem Moment der Schwäche nach dem Ruhetag.
Le Lioran ist keine klassische Bergankunft – aber möglicherweise gerade deshalb eine der unberechenbarsten Etappen dieser Tour. 2026 könnte der Tagesabschnitt erneut ein psychologischer Wendepunkt werden. Wer am Pertus stärker ist als seine Rivalen, fährt nicht nur mit einem kleinen Zeitgewinn ins Ziel – er sendet vor den Vogesen und den Alpen auch ein deutliches Signal an die Konkurrenz.
Die entscheidenden Anstiege der 10. Etappe
Puy Mary – Pas de Peyrol (1.589 m) | 1. Kategorie | 7,8 km mit 6,0 % | Rennkilometer 135,7
Col de Pertus (1.309 m) | 1. Kategorie | 4,4 km mit 8,5 % | Rennkilometer 152,1
Col de Font de Cère (1.294 m) | 3. Kategorie | 3,1 km mit 5,8 % | Rennkilometer 163,9
14. Etappe: Schlagabtausch in den Vogesen
18. Juli | Mulhouse – Le Markstein Fellering | 155,3 km

Das dritte Tour-Wochenende beginnt mit einer Etappe, die über nur 155,3 Kilometer durch die Vogesen führt. Dabei müssen die Profis vier Bergwertungen erklimmen, drei davon gehören zur 1. Kategorie. Der Grand Ballon kommt früh, der Ballon d’Alsace kann die entscheidende Rennphase rund 60 Kilometer vor dem Ziel eröffnen, und am Col du Haag könnte es im Finale zum direkten Schlagabtausch der GC-Leader kommen.
Das Profil dieses Abschnitts ist kompakt und intensiv. Anders als auf vielen langen Hochgebirgsetappen gibt es kaum lange Täler oder Flachpassagen, auf denen ein Feld die Situation vollständig beruhigen oder Möglichkeiten bekommen kann, Zeit aufzuholen.
Bereits im ersten Viertel des Tages führt die Etappe über 21,5 Kilometer auf den Grand Ballon, anschließend wird die Ziellinie in Le Markstein erstmals überquert. Danach folgt eine große Schleife durch die Vogesen mit dem Ballon d’Alsace, ehe die Fahrer über den steilen Col du Haag – 11,2 Kilometer bei durchschnittlich 7,3 Prozent – ein zweites Mal zum Zielort zurückkehren. Die Passhöhe des finalen Anstiegs liegt nur knapp sechs Kilometer vor dem Ziel. Damit ist die Strecke nahezu ideal für einen offenen Kampf der Bergfahrer und der Anwärter auf das Gelbe Trikot.
Warum diese Etappe entscheidend sein kann
Der frühe Auftakt zum Grand Ballon bietet Angreifern ideale Bedingungen. Eine gut besetzte Ausreißergruppe kann so bereits in der ersten Rennstunde entstehen. Für die Teams der Favoriten wird die Kontrolle dadurch kompliziert: Sie müssen entscheiden, ob sie eine gefährliche Gruppe lange gewähren lassen oder früh Helfer für die Nachführarbeit einsetzen.
Der Ballon d’Alsace kann anschließend der Ort sein, an dem das Rennen der Klassementfahrer beginnt. Fährt eine Mannschaft dort ein hohes Tempo, kann sie vor dem Col du Haag nicht nur Ausreißer einholen, sondern auch die Zahl der gegnerischen Helfer reduzieren. Der eigentliche Angriff müsste nicht einmal am Ballon d’Alsace erfolgen, sofern auf der Anfahrt und im anschließenden, rund 15 Kilometer langen Flachstück weiter Tempo gebolzt wird. Oder aber am – bei dieser Austragung unkategorisierten – Col du Hundsruck könnte ein solches Szenario stattfinden. Von dessen Passhöhe sind es nur noch 30 Kilometer bis ins Ziel.
Am letzten Anstieg des Tages könnte es im ersten Teil zu einem Ausscheidungsfahren kommen, ehe ein GC-Kapitän im zweiten, steileren Abschnitt, der lediglich über einen Radweg durch den Wald führt, attackiert. Der Col du Haag bietet nach einem intensiven, schnellen Rennen das perfekte Terrain für einen GC-Angriff: lang genug, um Unterschiede herzustellen, steil genug für eine Selektion und nah genug am Ziel, um nach einem Angriff nicht wieder eingeholt zu werden.

Die entscheidenden Anstiege der 14. Etappe
Grand Ballon (1.336 m) | 1. Kategorie | 21,5 km mit 4,8 % | Rennkilometer 38,1
Ballon d’Alsace (1.173 m) | 1. Kategorie | 8,9 km mit 6,9 % | Rennkilometer 97,7
Col du Haag (1.233 m) | 1. Kategorie | 11,2 km mit 7,3 % | Rennkilometer 149,4
15. Etappe: Brutaler Schlussanstieg zum Plateau de Solaison
19. Juli | Champagnole – Plateau de Solaison Brison | 183,9 km

Nur einen Tag nach der schweren Bergetappe in den Vogesen führt die Tour zu einer möglicherweise härtesten Bergankünfte der gesamten Rundfahrt. Denn betrachtet man den Anstieg zum Plateau de Solaison isoliert, ist er mit einer Durchschnittssteigung von 9 Prozent der steilste der gesamten Rundfahrt. Und mit einer Länge von 11,3 Kilometern auch noch relativ lang.
Die „Anfahrt“ zum Schlussanstieg wirkt nicht so spektakulär wie eine Alpen- oder Pyrenäenetappe. Doch das Profil täuscht ein wenig, denn die Fahrt durchs Jura ist nie wirklich flach – mal ganz abgesehen von den kategorisierten und unkategorisierten Anstiegen. Gespannt darf man darauf sein, was am Col de la Croisette am Salève geschieht. Dieser Anstieg liegt rund 50 Kilometer vor dem Ziel und besticht durch seine Steilheit. Der Berg der 1. Kategorie ist nur 4,6 Kilometer lang, steigt im Durchschnitt jedoch mit gewaltigen 11,2 Prozent an.
Warum diese Etappe entscheidend sein kann
Wer will, kann am Col de la Croisette am Salève bereits vorselektieren. Muss dann aber für die weiteren 35 Kilometer bis zum Beginn des Schlussanstiegs noch Personal haben, das ihn aus dem Wind hält. Hier könnten natürlich auch Teammitglieder in Frage kommen, die sich früh auf der Etappe in eine Ausreißergruppe abgesetzt haben und nun „zurückkommen“.
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die große Entscheidung am Schlussanstieg fällt. Auf über elf Kilometern mit durchschnittlich mehr als neun Prozent werden Lücken automatisch größer, sobald ein Fahrer seinen Rhythmus verliert oder ihn einfach die Kraft verlässt.
Ein Team kann dort zunächst Tempo für seinen Kapitän fahren. Irgendwann wird die Gruppe der Favoriten jedoch so klein werden, dass der Kampf unmittelbar Mann gegen Mann geführt wird. Ein Angriff muss hier nicht explosiv sein. Schon ein gleichmäßig höheres Tempo kann an einem solchen Berg entscheidend sein.
Der Solaison ist der erste Tag der Tour 2026, an dem eine echte Vorentscheidung im Gesamtklassement möglich erscheint. Der Schlussanstieg ist schwer genug, um nicht nur Sekunden, sondern Minuten zwischen sich und die Konkurrenz zu legen. Hinzu kommt die Müdigkeit, die am Ende der zweiten Woche schon längst eingesetzt hat.
Allerdings könnte der Solaison auch nur eine Vorentscheidung bedeuten, wenn ein Fahrer wie Tadej Pogačar von Beginn der Frankreich-Rundfahrt an sehr offensiv fährt. Dann könnte er am Ende der zweiten Woche schon mehrere Minuten Vorsprung auf seinen ärgsten Konkurrenten haben.

Die entscheidenden Anstiege der 15. Etappe
Plateau de Solaison Brison (1.508 m) | Hors Categorie | 11,3 km mit 9,1 % | Rennkilometer 183,9
16. Etappe: Einzelzeitfahren am Genfer See
21. Juli | Évian-les-Bains – Thonon-les-Bains | 26,1 km

Nach dem zweiten Ruhetag gibt es das einzige Einzelzeitfahren bei dieser Frankreich-Rundfahrt. Es führt teils am, teils oberhalb des Genfersees entlang über 26,1 Kilometer von Évian-les-Bains nach Thonon-les-Bains.
Der Kampf gegen die Uhr beginnt mit einem langen Anstieg. Die Côte de Larringes ist 9,7 Kilometer lang, durchschnittlich 4,3 Prozent steil und führt auf 799 Meter Höhe. Danach folgt eine schnelle Abfahrt, ehe der letzte Teil des Zeitfahrens auf flacherem Terrain absolviert wird.
Damit verlangt der Parcours einen kompletten GC-Fahrer. Ein schwererer Zeitfahrspezialist kann auf dem langen Anstieg Zeit verlieren. Ein reiner Kletterer muss dagegen in der Abfahrt und auf den schnellen Schlusskilometern bestehen. Die Tour-Organisation beschreibt den Kurs als Mix: ein Drittel Anstieg, ein Drittel Abfahrt und ein Drittel Flachstück.
Warum diese Etappe entscheidend sein kann
Der Kurs verlangt damit mehrere Fähigkeiten zugleich. Am Anstieg müssen die Fahrer die Leistung kontrolliert pacen, aber zugleich aggressiv fahren. In der Abfahrt zählen Linienwahl, Risikobereitschaft und Konzentration. Auf den finalen Kilometern entscheidet schließlich die Fähigkeit beziehungsweise die Power, nach mehr als 20 Minuten maximaler Belastung weiterhin schnell und effizient zu fahren.
Auch das Pacing wird eine zentrale Rolle spielen. Wer den Anstieg zu kontrolliert fährt, verliert möglicherweise schon vor der Abfahrt entscheidend Zeit. Wer dort überzieht, kann im flachen Finale einbrechen. Das Zeitfahren verlangt damit nicht nur körperliche Stärke, sondern auch präzise Vorbereitung und eine exakte Kenntnis der eigenen Leistungsfähigkeit.
Besonders entscheidend ist die letzte Zwischenzeit nach der Abfahrt. Ein Fahrer kann am Berg hervorragend unterwegs sein und anschließend in den schnellen Passagen Sekunden verlieren. Umgekehrt kann jemand, der an der Côte de Larringes leicht zurückliegt, im Finale noch erheblich Zeit zurückholen.
Da das Einzelzeitfahren gleich mit einem Anstieg beginnt, könnte der eine oder andere Fahrer an der Bergwertung auch vom Straßenrad aufs Zeitfahrrad wechseln, was eine zusätzliche spannende Komponente wäre.
Obwohl es keine komplette „Stunde der Wahrheit“ wird, die die Fahrer absolvieren müssen, könnten am Ende zwischen den ersten fünf Fahrern der Gesamtwertung durchaus Minutenabstände liegen.
Der entscheidende Anstieg der 16. Etappe
Côte de Larringes (799 m) | 2. Kategorie | 9,7 km mit 4,3 % | Rennkilometer 9,7
19. Etappe: Alpe d’Huez über die berühmten 21 Kehren
24. Juli | Gap – Alpe d’Huez | 127,9 km

Es ist die erste von zwei Etappen, bei denen das Ziel oben auf der „Alpe“ liegt. Auf der 20. Etappe führt der legendäre und klassische Schlussanstieg mit den berühmten 21 Kehren zur letzten offiziellen Bergankunft dieser Tour – und das nach gerade einmal 127,9 Kilometern. Abgesehen vom Team- und Einzelzeitfahren ist dies der kürzeste Tagesabschnitt dieser Frankreich-Rundfahrt, was dem Ganzen noch mehr Dynamik und vielleicht auch Dramatik verleihen kann.
Die 20. Etappe beginnt vom Start in Gap gleich mit einem Anstieg zum Col Bayard, ehe nach kurzer Abfahrt der Anstieg zum Col du Noyer folgt. Danach beruhigt sich das Terrain für die nächsten 70 Kilometer, ehe die Straße zum Col d’Ornon ansteigt. Nach einer Abfahrt ins Tal nach Bourg d’Oisans beginnt dann der Schlussanstieg.
Warum diese Etappe entscheidend sein kann
Die kurze Distanz macht verschiedene aggressive Szenarien möglich. Ein Fahrer mit großem Rückstand könnte versuchen, sein Team bereits am Col Bayard oder Col du Noyer arbeiten zu lassen. Ein Angriff so früh im Rennen wäre riskant, könnte aber die Mannschaft des Gelben Trikots sofort zwingen, Verantwortung zu übernehmen.
Das Rennen eskaliert komplett auf den ersten 25 Kilometern und beruhigt sich bis ins Ziel nicht mehr. Oder die GC-Teams fahren gesittet, aber mit Zug zur Finalsteigung nach Alpe d’Huez, und dort machen die Leader das Rennen unter sich aus. Ob das für den Sieg reicht, entscheiden die Teams selbst.
So weit, so gut. Aber die Fahrer sind müde, und es ist das Ende der dritten Woche. Wenig läuft noch geordnet, und wer Lust und vor allem Energie sowie die mentale Verfassung hat, etwas verändern zu wollen, dem bieten 127,9 Kilometer – was rund vier Rennstunden entspricht – das perfekte Terrain. Gerade vielleicht auch Fahrern, die sich von den Top 20 in die Top Ten schieben wollen oder von den Top Ten in die Top Fünf. Die Podiumsplatzierten werden sich dagegen wohl in Manndeckung nehmen.
Auf den 21 Kehren des Finalanstiegs wird es wohl auf den unteren, steileren Kilometern zu einer Zäsur kommen, die zumindest eine Vorentscheidung mit sich bringen kann. Der Anstieg selbst ist zu lang und zu steil, um eine Lücke einfach wieder zufahren zu lassen.
Ein taktischer Vorbehalt bleibt: Nur einen Tag später wartet die noch härtere Königsetappe, erneut mit Ziel in Alpe d’Huez. Manche Teams könnten deshalb versuchen, den ersten Tag kontrollierter zu bestreiten und nur am Anstieg nach Alpe d’Huez für kurze Zeit Vollgas zu geben, um ihren Leader abzusetzen.

Die entscheidenden Anstiege der 19. Etappe
Alpe d’Huez (1.850 m) | Hors Categorie | 13,8 km mit 8,1 % | Rennkilometer 127,9
20. Etappe: Die Königsetappe über den Galibier hoch nach Alpe d’Huez
25. Juli | Le Bourg-d’Oisans – Alpe d’Huez | 170,9 km

Die 20. Etappe bündelt noch einmal alles, was eine Königsetappe ausmacht. Sie ist lang genug für einen kräftezehrenden Hochgebirgstag, enthält mit dem Galibier den höchsten Punkt des Rennens und endet über eine neue Auffahrt nach Alpe d’Huez. Die Tour-Organisation wünscht sich hier, rund eineinhalb Tage vor dem Ende in Paris, noch einen großen Schlagabtausch um das Gelbe Trikot. Die Zutaten dafür sind mit dem Col de la Croix de Fer, dem Col du Galibier und dem Col de Sarenne drei Anstiege der Hors Catégorie – als Bonus noch der Col du Télégraphe inklusive der kurzen und knackigen Rampe in Alpe d’Huez.
Hinzu kommt die Vorbelastung. Die Fahrer erreichen diese Etappe nach Solaison, Einzelzeitfahren, Orcières-Merlette und der klassischen Auffahrt nach Alpe d’Huez. Die Frage lautet nicht mehr nur, wer grundsätzlich der beste Kletterer ist. Entscheidend wird sein, wer nach fast drei Wochen noch über genügend Reserven verfügt, um an einem außergewöhnlich schweren letzten Bergtag Leistung zu bringen.
Für sich betrachtet ist das ein radsportliches Feuerwerk in den französischen Alpen, das ein episches Drama verspricht. Vielleicht aber nur auf dem Papier. Denn wenn der Kampf um das Gelbe Trikot bereits entschieden ist, was gar nicht mal so unwahrscheinlich ist, dann nimmt dieser vorletzte Tagesabschnitt wohl einen ganz anderen Rennverlauf. Dann wird es Fahrer geben, die um Punkte für das Bergtrikot kämpfen, das berühmte Souvenir Henri Desgrange am Col du Galibier, dem mit 2.642 Metern höchsten Punkt der Tour, einheimsen wollen und um den Tagessieg fahren.
Warum diese Etappe entscheidend sein kann
Welche Wendung die Königsetappe nimmt, hängt also im Wesentlichen von den Abständen im Gesamtklassement ab. Liegt ein Herausforderer deutlich zurück, bietet der Galibier die letzte Möglichkeit für eine Attacke weit vor dem Ziel. Der Angriff wäre riskant: Von der Kuppe verbleibt ein langer Weg über Abfahrt und Col de Sarenne bis ins Ziel. Wer hier angreift, muss möglicherweise alles riskieren.
Sind die Unterschiede im Klassement hingegen knapp, könnte der große Showdown bis zum Col de Sarenne warten. Dann würde der letzte Hors-Catégorie-Anstieg der Tour zu einem direkten Duell – vielleicht um Gelb, wahrscheinlicher aber um eine bessere Platzierung auf dem Podium und in den Top Ten. Der Col de Sarenne, der 2026 erstmals von seiner Südostseite im Rahmen der Tour erklommen wird, ist 12,8 Kilometer lang und führt bei durchschnittlich 7,3 Prozent Steigung auf 1.999 Meter Höhe. Am Ende einer dreiwöchigen Rundfahrt wird hier jede Schwäche bitter bestraft. Andererseits können die Fahrer hier ihre letzten verbliebenen Körner auf die Straße werfen.
Auch eine temporäre Allianz unter den Verfolgern ist denkbar. Befinden sich mehrere Fahrer in Reichweite des Podiums, können taktische Interessen für ein völlig offenes Rennen sorgen. Das Team des „Angegriffenen“ müsste dann nicht nur einen Gegner kontrollieren, sondern auf ganz unterschiedliche Aktionen reagieren. Nach fast drei Wochen und auf dem schwersten Profil des gesamten Rennens ist hier auch das oft zitierte Mindset der gesamten Equipe entscheidend.

Die entscheidenden Anstiege der 20. Etappe
Col de la Croix de Fer (2.067 m) | Hors Categorie | 24,0 km mit 5,2 % | Rennkilometer 33,7
Col du Télégraphe (1.566 m) | 1. Kategorie | 11,9 km mit 7,1 % | Rennkilometer 91,1
Col du Galibier (2.642 m) | Hors Categorie | 17,7 km mit 6,9 % | Rennkilometer 110,5
Col de Sarenne (1.999 m) | Hors Categorie | 12,8 km mit 7,3 % | Rennkilometer 156,5
Profile: © A.S.O.
Foto: Stefan Rachow
