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Frühjahrsklassiker-Analyse vor der Flandern-Rundfahrt: Die neue Dynamik

Übersicht

Gent-Wevelgem und der E3 Saxo Classic haben eindrucksvoll gezeigt, dass selbst im Zeitalter von Mathieu van der Poel und Tadej Pogačar nicht jede große Attacke automatisch zum Sieg führt. Die Analyse des renommierten Sportjournalisten und ausgewiesenen Profi-Radsport-Experten Raymond Kerkhoffs beleuchtet die neue Dynamik im flämischen Klassiker-Frühjahr, die Rückkehr von Wout van Aert und die Frage, wer die Dominanz der beiden Superstars durchbrechen kann.

Warum Rennlogik im Zeitalter von Pogačar und van der Poel neu gedacht werden muss

Im Zeitalter von Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel scheint klassische Rennlogik bisweilen außer Kraft gesetzt. Bei Gent-Wevelgem aber zog das Feld ganz offensichtlich die Lehren aus dem E3 Saxo Classic vom vergangenen Freitag. Mit Überzeugung und Geschlossenheit in der Verfolgung gelang es schließlich doch noch, van der Poel und Wout van Aert einzuholen – im letzten Kilometer und beinahe unter dem Radar, nach einer Attacke über mehr als fünfzig Kilometer. Im Sprint sorgte Jasper Philipsen dafür, dass der Sieg dennoch bei Alpecin-Premier Tech blieb.

E3 Saxo Classic und Gent-Wevelgem: Das neue Kräftemessen zwischen van der Poel und van Aert

Schon 2023 waren van Aert und van der Poel im Finale des E3 Saxo Classic aneinandergeraten, als sie sich gemeinsam mit Pogačar absetzen konnten. Damals gewann van Aert den Sprint und sagte anschließend seinen inzwischen legendären Satz: „Ich muss einfach nicht.“

Auch weil ihn Verletzungsprobleme zurückwarfen, musste van Aert in den darauffolgenden Frühjahrsklassikern oft mit ansehen, wie „MVDP“ ihm enteilte. Umso eindrucksvoller war sein Auftritt an diesem Sonntag. Mit seiner bewährten Vorbereitung auf die flämischen Rennen – über Tirreno-Adriatico und Mailand–Sanremo statt über ein Höhentrainingslager – scheint er wieder jenes Niveau erreicht zu haben, das nötig ist, um van der Poel und Pogačar auf dem Kopfsteinpflaster herauszufordern. Für neutrale Radsportfans ist das eine überaus reizvolle Aussicht.

Wout van Aert meldet sich zurück: Starkes Signal für die flämischen Klassiker

Am zweiten Anstieg des Kemmelbergs war es van Aert, der das Rennen mit einem energischen Vorstoß entzündete und Van der Poel sowie Florian Vermeersch mit sich riss. Was van der Poel nur zwei Tage nach seinem imposanten Sieg beim E3 Saxo Classic zeigte, war außergewöhnlich. Nach einer 63 Kilometer langen Attacke müsste ein Fahrer eigentlich ausgelaugt sein. Doch bereits am Freitag hatte er im Finale mit 446 Watt seine beste jemals gemessene 90-Minuten-Leistung abgerufen. Und am Sonntagnachmittag stellte er am letzten Kemmelberg-Anstieg erneut die schnellste Zeit auf: 1:45 Minuten. Ein weiteres Ausrufezeichen seiner Extraklasse.

Mathieu van der Poel in Topform: Alpecin-Premier Tech vor Flandern und Paris-Roubaix

In Wevelgem erklärte van der Poel später, dass er nach seiner epischen Leistung vom Freitag nicht mit optimaler Frische an den Start gegangen sei. Während seiner Attacke habe er stets die Endschnelligkeit seines Teamkollegen Philipsen im Hinterkopf gehabt. Schon zuvor in Harelbeke hatte er angedeutet, den E3 Saxo Classic künftig womöglich auszulassen, um sich voll auf Gent-Wevelgem zu konzentrieren – einen Klassiker, der in seinem Palmarès noch immer fehlt.

Wer nach Mailand–Sanremo noch Zweifel an van der Poels Form hatte, dürfte nach dem Doppel aus Harelbeke und Wevelgem eines Besseren belehrt sein. Der Kapitän von Alpecin-Premier Tech scheint rechtzeitig zur Flandern-Rundfahrt und zu Paris–Roubaix in Topform zu sein.

Tadej Pogačar bleibt der Maßstab für die Monumente im Frühjahr 2026

Bei Pogačar, der in diesem Frühjahr nach Strade Bianche ausschließlich die Monumente bestreitet, ließ bereits sein eindrucksvoller Sieg in Sanremo kaum Fragen offen. Zudem verfügt der Slowene mit Florian Vermeersch bei UAE Emirates-XRG über einen idealen Helfer für die flämischen Rennen.

Visma | Lease a Bike: Wie stark ist das Team um Wout van Aert noch?

Van Aert wiederum hat gezeigt, dass er sich dem Niveau dieser beiden „Supermänner“ wieder annähert. Zwar wirkt die gelbe Armada von Visma | Lease a Bike nicht mehr ganz so stark wie in den vergangenen Jahren, was sich unter anderem durch die Abgänge von Fahrern wie Tiesj Benoot, Dylan van Baarle und Olav Kooij erklären lässt. Hinzu kommt, dass Matteo Jorgenson die flämischen Rennen in diesem Frühjahr auslässt. Dennoch kann van Aert auf Christophe Laporte bauen, der nach zwei von Verletzungen geprägten Jahren wieder zu seiner Form zurückzufinden scheint.

Mads Pedersen und Lidl-Trek: Rückschläge vor den großen Frühjahrsklassikern

Auf dem Papier müsste Mads Pedersen nach seinen Leistungen der vergangenen Jahre der aussichtsreichste Kandidat sein, um die Lücke zu van der Poel und Pogačar zu schließen. Doch der Däne erlebte einen unglücklichen Saisonstart und zog sich in Valencia einen Bruch des linken Handgelenks sowie des rechten Schlüsselbeins zu. Bei Mailand–Sanremo gab er sein Comeback, ehe er in Harelbeke als Neunter ins Ziel kam und im Rennverlauf immer stärker wirkte. Tags darauf musste er jedoch wegen einer Grippe auf „sein“ Gent-Wevelgem verzichten. Wie schwer ihn die Erkrankung tatsächlich getroffen hat, bleibt offen – seine alles andere als optimale Vorbereitung stimmt jedenfalls nicht gerade optimistisch. Dazu kommt, dass auch Lidl-Trek rund um Pedersen in diesem Frühjahr bislang hinter den Erwartungen geblieben ist.

Frühjahrsklassiker 2026: Warum die Konkurrenz van der Poel und Pogačar doch schlagen kann

Vor allem aber haben Harelbeke und Wevelgem gezeigt, dass ein Rennen nicht zwangsläufig entschieden ist, nur weil die großen Attacken bereits fünfzig Kilometer vor dem Ziel erfolgen. Mit einer geschlossenen Verfolgung kann selbst das stärkste Duo dieser Ära noch gestellt werden. Der Schulterschluss, der auf dem Weg nach Wevelgem zu beobachten war – mit Teams wie Decathlon CMA CGM, INEOS Grenadiers, Soudal Quick-Step und Lotto-Intermarché –, dürfte den Konkurrenten Mut machen. Denn der Kampf gegen jene beiden Fahrer, die die letzten zwölf Monumente unter sich aufgeteilt haben, ist offenbar doch nicht aussichtslos.

Autor: Raymond Kerckhoffs
Fotos: Photonews.be

Profisport-Experte
Raymond Kerckhoffs