Mailand-Sanremo hat unmissverständlich aufgezeigt, dass Tadej Pogačar auch bei den Monumenten Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix der Maßstab sein wird. Nach seinem spektakulären Sieg auf der Via Roma richtet sich der Blick nun nach Belgien, wo mit E3 Saxo Classic und Gent-Wevelgem die heiße Phase der Vorbereitung auf die Flandern-Rundfahrt beginnt. Es sind jene Rennen, in denen sich nicht nur die Form der großen Namen zeigt, sondern auch die Stärke der Teams, die Pogačar und Mathieu van der Poel bei der Ronde herausfordern wollen.
Vor allem die E3 Saxo Classic gilt traditionell als verlässlicher Gradmesser für das Monument in Flandern: gleiche Anstiege und eine ähnliche Dynamik. Während Pogačar bei diesen Rennnen aussetzt, ist van der Poel im Fokus – ebenso wie Wout van Aert, Mads Pedersen und die neu formierten Klassiker-Blöcke der Topteams. Diese flandrische Woche liefert damit weit mehr als nur Siegernamen. Sie gibt Hinweise darauf, wer bei der Flandern-Rundfahrt bereit für den Kampf ums Podium ist.
Bernd Landwehr, Radsportexperte und Chefredakteur des Cycling Magazine, begleitet für Alpecin Cycling die großen Frühjahrsklassiker 2026. In seiner Serie liefert er eine Einordnung der Formkurven, Favoritenrollen und Teamkonstellationen im Kampf um die Monumente. In Teil 4 steht vor allem der Weg nach Flandern im Mittelpunkt – mit den Topfavoriten, ihren schärfsten Rivalen und dem Feld der Außenseiter.
Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3 des Formbarometers.
Die heiße Phase der Frühjahrsklassiker in Flandern beginnt
Das erste Monument der Saison 2026 ist Geschichte. Mailand-Sanremo war spektakulär, atemberaubend, ein episches Radrennen. Tadej Pogačar stürzte in der Anfahrt zur Cipressa bei hoher Geschwindigkeit, berappelte sich schnell, fräste sich im Cipressa-Anstieg durchs Feld und ging sofort in den Angriff über. Nur Tom Pidcock konnte ihm bis nach Sanremo folgen, Titelverteidiger Mathieu van der Poel musste am Poggio reißen lassen. Im Sprint rang Pogačar nach 300 Rennkilometern auch noch Tom Pidcock nieder. Pogi holte sich den Sieg und hat nun das vierte von fünf Monumenten in seiner Sammlung. Nur Paris-Roubaix fehlt ihm noch.
„Classicissima“ war ein spektakuläres Rennen, dass die Favoritenrolle für die nächsten Monumente klärt! Aber auch abseits der „Außerirdischen“ Pogačar und van der Poel lässt sich aus Mailand-Sanremo einiges für die nächsten Rennen ablesen. Bald schon stehen die Monumente in Flandern und Nordfrankreich an – noch in dieser Woche gehts zur Ronde-Generalprobe nach Belgien. Die „E3 Saxo Classic“ am Freitag gilt als „kleine Flandern-Rundfahrt“. Ein meist spektakuläres Rennen über die gleichen Anstiege des Monumentes Flandern-Rundfahrt. Nur etwas kürzer, kompakter – meist ist die Ronde-Generalprobe extrem unterhaltsam. Am Sonntag dann „In Flanders Fields – From Middelkerke to Wevelgem“, das ist der neue Name des bekannten Klassikers Gent-Wevelgem. Ein Rennen für die endschnelleren Klassikerspezialisten, das aber meist sehr gut Aufschluss darüber, gibt was die Teamstärke der Favoriten-Mannschaften betrifft. Das Form-Barometer der Klassikerspezialisten verheißt spannende Rennen!
Pogačar in der Favoritenrolle fürs Duell der Giganten bei der Flandern-Rundfahrt
Mit dem beeindruckenden Sieg in Sanremo hat Tadej Pogačar ein wichtiges Rennen von seiner Liste genommen. Vier der fünf Monumente hat der Slowene nun bereits für sich entschieden, auf der Jagd nach dem perfekten Palmares hat er einen großen Schritt gemacht. Die Lücken in seiner Erfolgsliste sind klein geworden – die Vuelta fehlt ihm noch, und eben das letzte Monument – Paris-Roubaix. Doch bevor es über das Kopfsteinpflaster in der Hölle des Nordens geht, steht zunächst das flämische Monument Flandern-Rundfahrt am 5. April an. Zwei Mal hat Pogačar das Rennen bereits gewonnen, mit dem dritten Erfolg würde er in der Bestenliste mit den Rekordhaltern gleichziehen, zu denen neben Tom Boonen, Fabian Cancellara auch Mathieu van der Poel zählt.
Die Art und Weise seines Sieges in Sanremo bringt Pogačar für die Flandern-Rundfahrt ganz klar in die Favoritenrolle. Das flämische Rennen ist extrem lang, extrem schwer! Nur eine Handvoll Fahrer kommt ohnehin für den Sieg in Frage, Pogačars physische Stärke kann er bei solch Rennen exzellent ausspielen. Sein größter Widersacher könnte mal wieder Mathieu van der Poel sein. Drei Mal hat der Niederländer die Ronde bereits gewonnen, wäre sicher der Top-Favorit, gäbe es Pogačar nicht. Bei Mailand-Sanremo konnte van der Poel am Poggio nicht folgen, hatte nicht seinen besten Tag. Um gegen Pogačar bei der Ronde eine Chance zu haben, braucht er bessere Beine als im Sanremo-Finale. Die Favoritenrolle ist klar bei Pogačar, aber abschreiben sollte man einen Mathieu van der Poel nie!
Leichtes Spiel für van der Poel bei Ronde-Generalprobe?
Ehe es Anfang April bei den nächsten Monden zur Sache geht, wird in der letzten März-Woche in Belgien an der Form gefeilt. Bei der E3 Saxo Classic (27. März) und In Flanders Fields (29. März) wird Tadej Pogačar nicht am Start stehen. Auch Wout van Aert lässt den „E3 Prijs“ in diesem Jahr aus.
Für die E3 Saxo Classic ist van der Poel der klare Favorit, wenn er sich ausreichend von Mailand-Sanremo erholt hat und seine bei einem Sturz verletzte Hand wieder zu 100 Prozent in Ordnung. ist Das Rennen gilt zwar als „Ronde-Generalprobe“, ist aber selbst prestigeträchtig und hart umkämpft. Das gilt auch für den Klassiker Gent-Wevelgem, nur eine Woche vor der Flandern-Rundfahrt. Zwei ganz wichtige Rennen in der Vorbereitung auf die Kopfsteinpflaster-Monumente.
Erkenntnisreiche belgische Woche
Die beiden Rennen E3 Saxo Classic und In Flanders Fields sind mit Blick auf die Flanden-Rundfahrt am Ostersonntag zwei sehr wichtige Rennen, meist sehr aufschlussreich, was Form und Ronde-Erwartungen anbetrifft. Denn die Teams schicken ihre besten Klassiker-Formationen in diese Rennen und man wird sehen können, welche Mannschaften in der Breite stark sind.
Und natürlich werden diese beiden Rennen auch Aufschluss über die Form der Mit-Favoriten geben. Die Form von Pogačar ist klar, bei van der Poel wird man sicher Hinweise darüber erhalten, ob er in Sanremo einfach nicht den besten Tag hatte, oder seine Form tatsächlich nicht so gut ist, wie zur gleichen Zeit des vergangenen Jahres, wo er überragend fuhr.

Wout van Aert und Mads Pedersen zurück zur Top-Form?
Wout van Aert wird bei „In Flanders Fields“ starten und es wird wohl deutlich werden, ob die Formkurve weiter ansteigt. Dazu darf man sehr gespannt sein, wie sich das Lidl-Trek-Team um Mads Pedersen präsentieren wird. Der Däne kehrte nach gebrochenem Handgelenk bei Mailand-Sanremo zurück ins Renngeschehen und fuhr direkt bockstark – wurde Vierter.
Sie werden dann dort aller Voraussicht auf Mathieu van der Poel treffen, der dieses Rennen noch nie gewann, aber gemeinsam mit Sprinter Jasper Philipsen starten wird.
Das Soudal-QuickStep-Team hat sich zur neuen Saison in Sachen Klassiker wieder stärker aufgestellt. Nach dem Abgang von Remco Evenepoel habe sie sich auf die alte DNA zurückbesonnen und mit Klassikerspezialisten wie Jasper Stuyven und Dylan van Baarle verstärkt. NSN will mit Biniam Girmay angreifen und man darf gespannt sein, ob der Ex-Wevelgem-Champion bereits in Klassiker-Hochform ist.
Auch das Team UAE Emirates-XRG bringt eine starke Mannschaft an den Start. So gibt es einige Fahrer, die sich in Abwesenheit von Pogačar beweisen wollen und mit Blick auf die Ronde in eine Co-Leader-Rolle fahren könnten.
Zwar ist die Rolle des Top-Favoriten für die Flandern-Rundfahrt ist an Pogačar vergeben, die Rolle des Herausforderers liegt bei van der Poel – doch wie schnell selbst diese Herren mal von äußeren Einflüssen und Pech beeinflusst, werden können, bewies nicht zuletzt Mailand-Sanremo.
Favoriten-Barometer für E3 Saxo Classic und Gent-Wevelgem aka In Flanders Fields – From Middelkerke to Wevelgem
Doch im Feld hinter den beiden Außerirdischen geht es bislang eng zu! Wer bringt sich bei den kommenden Rennen für die Ronde noch in Lauerstellung? Wer ist als Team in der Breite vielleicht sogar so stark, dass man teamtaktisch einen Angriff auf Pogačar und van der Poel wagen kann, und wer wird die Neuentdeckung? Oder kann sich vielleicht sogar jemand so in Szene setzen, dass man ihn zum Top-Favoritenkreis hinzufügen muss?
- Tadej Pogačar: Der Weltmeister ist der Top-Favorit für die Flandern-Rundfahrt. Er wird sowohl E3-Prijs als auch Gent-Wevelgem auslassen und dann zur Ronde anreisen.
- Mathieu van der Poel: Der Niederländer ist der Favorit für die E3 Saxo Classic, wird zeigen wollen, dass seine Form besser ist, als er im Finale von Mailand-Sanremo zeigen konnten.
- Wout van Aert: Der Belgier fuhr in Sanremo mit einer späten Attacke aufs Podium. Wie gut er tatsächlich ist, wird man frühestens bei Gent-Wevelgem sehen können. Dort wird er zeigen müssen, ob seine Formkurve nach oben zeigt.
- Tom Pidcock: Pidcock wird voraussichtlich die Kopfsteinpflaster-Klassiker komplett auslassen, dann erst zu den Ardennen-Klassikern zurückkehren.
- Mads Pedersen: Bei seiner Rückkehr nach Handgelenkbruch extrem stark! Man darf gespannt sein, wie er und sein Team sich nun in Flandern präsentieren! Davon wird abhängen, was seine Favoritenrolle für die Ronde und Roubaix betrifft.
- Jasper Stuyven: Die Formkurve zeigt nach oben – der Belgier fuhr bei Mailand-Sanremo sehr stark, ist einer der Mit-Favoriten für E3-Prjis.
- Laurenz Rex: Bislang fuhr der Belgier extrem stark. Kann Rex das weiter abrufen, wird er für die kommen Rennen Co-Leader beim Soudal-QuickStep-Team sein.
- Kasper Asgreen: Der EF-Klassiker-Spezialist ist bislang eher unauffällig unterwegs, kommt er nun in Form?
- Matteo Trentin: Der Tudor-Routinier fährt bislang konstant stark, glänz in Abwesenheit des verletzten Kapitäns Stefan Küng! Ein Top-Ergebnis ist bei Trentin stets drin.
- Matthew Brennan: Der endschnelle Brennan ist für Gent-Wevelgem einer der Top-Favoriten. Wie gut ist die Form nach einer Rennpause seit dem Sieg bei Kuurne-Brüssel-Kuurne?
- Jasper Philipsen: Kann der Belgier seine Rolle als Co-Leader für Pflaster-Klassiker im Team Alpecin-Premier Tech untermauern? Bei Mailand-Sanremo opferte er sich voll für Van der Poel auf. Spätestens in Wevelgem wird er der Kapitän sein – dann kann und muss er liefern.
Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.
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