Tadej Pogačar nutzt den Monte Sante Marie erneut zur Startrampe zum Gewinn bei Strade Bianche. Mathieu van der Poel setzt beim Omloop Hetz Nieuwsblad ein erstes Ausrufezeichen. Warum ihre Dominanz fasziniert, manchmal ermüdet – und wieso 2026 ihr Frühjahr werden könnte, erklärt der renommierte Sportjournalist und Profi-Radsport-Experte Raymond Kerkhoffs.
Erneut hinterließ Tadej Pogačar am Monte Santa Marie eine Staubwolke, in der seine Konkurrenten ihn aus den Augen verloren. Bei seinem Saisonauftakt, der Strade Bianche, knüpfte Tadej Pogačar nahtlos an die Leistung des Vorjahres an. Der Weltmeister ist so stark, dass er wie in den vergangenen Jahren den schwersten Anstieg des Klassikers als Startrampe für seine Attacken nutzte. Wie weit die Ziellinie hinter dem Hindernis liegt, scheint ihn kaum zu kümmern.
Monte Sante Marie: erneut Pogačars Startrampe zum historischen vierten Strade Bianche-Sieg
Es war allen klar. Die 11,5 Kilometer lange Sterrata, die berühmte weiße Schotterstraße des Monte Santa Marie, würde erneut zu Pogačars Spielplatz werden, um seine Rivalen zu testen. Bei seinen drei vorherigen Siegen bei der Strade Bianche hatte er diesen längsten, härtesten, technisch anspruchsvollsten und legendärsten Abschnitt des toskanischen Klassikers bereits als Ausgangspunkt für seine Angriffe genutzt.
Der Name Monte Sante Marie verweist auf ein mittelalterliches Gut, das mit religiösen Besitztümern verbunden war, von denen es in Italien viele gibt. Vermutlich stand hier einst ein Bauernhaus unter dem Schutz Mariens. Die Straße schlängelt sich über karge, hügelige Landschaften aus Lehm und Kalkstein, wo loser Kies den Asphalt ersetzt und fast immer Staub in der Luft liegt. Jahrhundertelang nutzten die Anwohner diesen Weg als Verbindung zwischen ihren Höfen und Feldern. Früher führte er auch zum Markt in Siena, wo die Bauern ihre Ernte verkauften.

Für Pogačar ist dieser Abschnitt mittlerweile viermal zur Fluchtroute zum Sieg im kulturträchtigen Siena geworden. Seine Liebe zu dieser Schotterstraße begann, als er noch ein junger Profi war und mit neunzehn Jahren zum ersten Mal den Klassiker rund um Siena fuhr. Teamleader Rui Costa hatte dort vor sieben Jahren einen Platten, und der junge Debütant musste sein Hinterrad abgeben. Er stand minutenlang am Straßenrand und wartete auf ein Ersatzrad. Kaum wieder im Sattel, startete er eine lange Verfolgungsjagd und überholte einen Fahrer nach dem anderen. Diese Aufholjagd bereitete ihm so viel Freude, dass er schon damals sagte, er würde eines Tages zurückkehren, um dieses Rennen zu gewinnen.
Tadej Pogačars Stade Bianche-Historie
Bei Pogačars erstem Sieg 2022 lag der Monte Sante Marie noch rund 50 Kilometer vor dem Ziel. 2024 attackierte er dort bereits 81 Kilometer vor dem Ziel. 2025 geschah dies etwa 40 Kilometer vor Siena, woraufhin er sich von dem Mitausreißer Tom Pidcock nur 18,5 Kilometer vor dem Ziel auf der Strade di Colle Pinzuto absetzte. 2026 attackierte er erneut rund 80 Kilometer vor dem Ziel, obwohl es keinen konkreten Plan gab, dort alle zurückzulassen. Nur vor seinem ersten Sieg hatte er seine Absicht, am Monte Sante Marie anzugreifen, öffentlich geäußert.
Anfangs hing Tom Pidcock noch an seinem Hinterrad, doch der Brite fiel zurück, als seine Kette absprang. Danach konnten ihm der 19-jährige Shootingstar Paul Seixas und sein Teamkollege Isaac del Toro am längsten folgen. Besonders die Leistung des sehr jungen Seixas nährt die Hoffnung, dass der Franzose den Abstand zu Pogačar in den kommenden Jahren verringern kann.
Dominanz und ihr Preis: Wenn Größe fasziniert – und Spannung fehlt
Doch vorerst befinden wir uns noch in der Ära Pogacar. Sein unbezwingbarer Wille, mit dem er seine Rivalen zermürbt, grenzt ans Unglaubliche. Man denke nur daran, wie er vergangenes Jahr in Ruanda zum zweiten Mal Straßenweltmeister wurde, indem er mehr als hundert Kilometer vor dem Ziel attackierte. Oder an seine Solofahrten über dreißig Kilometer bei Lüttich–Bastogne–Lüttich und vierunddreißig Kilometer bei der Lombardei-Rundfahrt. Auf dem Weg zu seinem vierten Tour-de-France-Sieg trug er zudem vierzehn Tage lang das Gelbe Trikot. Seine Dominanz hat zunehmend etwas Manisches an sich.
Nur wenige konnten ihm an bestimmten Tagen im vergangenen Jahr Paroli bieten: Mathieu van der Poel in Mailand–San Remo, bei der Flandern-Rundfahrt und auf der Tour-Etappe nach Boulogne-sur-Mer; Remco Evenepoel in den Zeitfahren; und Wout van Aert auf dem Montmartre in Paris.
Für Radsportbegeisterte haben PogačarsPedaltritte etwas Majestätisches. Zuschauer, die häufig zwischen verschiedenen Sportarten wechseln, verlieren jedoch tendenziell schneller das Interesse, einfach weil die Spannung fehlt und der Spitzensport gerade dann am spannendsten ist, wenn Unvorhersehbarkeit im Spiel ist.
Natürlich geht jede Ära großer Champions irgendwann zu Ende, manchmal früher als erwartet. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das bei Pogačar im Jahr 2026 der Fall sein wird. Aktuell ist er dafür zu dominant. Mit 27 Jahren ist er noch jung, und sein Ehrgeiz scheint noch lange nicht gestillt.

Das war schon letzten Winter deutlich, als er Woche für Woche Strava-Rekorde pulverisierte. Am 19. Dezember beispielsweise stellte er auf dem berühmten Coll de Rates, nur einen Katzensprung von Calpe entfernt, eine neue Bestzeit auf. Er war ganze 24 Sekunden schneller als sein bisheriger Rekord – und das bei einer Trainingsfahrt, die er „Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr“ nannte. Nur mal so zur Info.
Der Frühling verspricht spannende Duelle: Der Kampf Pogačar versus van der Poel ist eröffnet
Insgeheim freuen wir uns schon auf die Duelle im Frühjahr zwischen Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel, der vergangene Woche nach einer langen Attacke den Omloop Het Nieuwsblad gewann. Beide starteten mit einem beeindruckenden Sieg in die Saison.
Und auch van der Poel scheint noch lange nicht zufrieden zu sein. Nach der Cyclocross-Weltmeisterschaft in Hulst blickte der Kapitän von Alpecin-Premier Tech bereits auf das Frühjahr 2027 voraus. „Wo stünde ich, wenn ich mich den ganzen Winter über auf die Frühjahrsklassiker vorbereiten könnte?“, fragte er sich laut.
Nach zwei Frühjahrsklassikern ist wieder einmal klar, wer die unangefochtenen Herrscher sind. Und ebenso klar ist, dass diese beiden Größen noch lange nicht am Ende ihrer Karriere sind.
Autor: Raymond Kerckhoffs
Fotos: RCS Sport / LaPresse
