Start Profi-Sport Paris-Roubaix 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 6

Paris-Roubaix 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 6

Übersicht

Das große Finale der Kopfsteinpflaster-Klassiker ist die „Hölle des Nordens“. Paris-Roubaix ist ein brutales Rennen, ein Ritt über das grobe Kopfsteinpflaster Nordfrankreichs. Ein Rennen mit Tradition, Charakter und einem Hauch von Nostalgie. Mehr als 50 Kilometer übelstes Kopfsteinpflaster bringen Material und Mensch an ihre Grenzen. Paris-Roubaix ist einzigartig und für viele Fans das bedeutendste Monument. Die Fans sorgen an den Pavés für eine unglaubliche Stimmung und das Finale im Velodrom von Roubaix ist etwas ganz Besonderes. Wie kein anderes Rennen ist Roubaix, und wer es bis ins Velodrom schafft, ist ein Held. Als Trophäe erhält der Sieger einen Pflasterstein – Roubaix ist mythisch.

Wer hat Chancen auf den Sieg und das Podium beim dritten Monument des Jahres? Bernd Landwehr, Radsportexperte und Chefredakteur des Cycling Magazine, analysiert für Alpecin Cycling die Top-Favoriten und die Chancen der Außenseiten

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5 der großen Serie.

Erneutes Duell zwischen Pogačar und van der Poel

Ganz souverän holte sich Tadej Pogačar bei der Flandern-Rundfahrt vergangenen Sonntag den Sieg. Erwartungsgemäß. Er war der stärkste Fahrer, spielte seine Karten planmäßig aus und verteidigte souverän den Ronde-Titel. Es war ein brutal schweres Rennen, ganz nach seinem Geschmack. Mathieu van der Poel und Remco Evenepoel komplettierten das Podium – jeweils nach superstarker Leistung. Doch gegen Pogačar in Top Form war auf diesem Terrain wenig auszurichten.

Pogačars Saisonbilanz ist makellos! Ein Erfolg bei Strade Bianche, dazu zwei Siege bei den Monumenten Mailand-Sanremo und der Flandern-Rundfahrt. Nun geht es ins große Kopfsteinpflaster-Finale zu Paris-Roubaix. Das letzte der fünf Monumente, das Pogačar noch fehlt. Im vergangenen Jahr war er bei seinem Debüt hier Zweiter. Schon da war er über weite Strecken ein ebenbürtiger Gegner von Mathieu van der Poel.

Pogačar will nun den Sieg in Roubaix, sich selbst ein Denkmal setzen. Er wäre der vierte Fahrer in der langen Geschichte dieses Sports, dem es gelingt, alle fünf Monumente zu gewinnen. Eddy Merckx, Roger De Vlaeminck und Rik Van Looy – Helden längst vergangener Tage. Nun bekommt Pogačar die Chance, seinen unglaublichen Palmares das nächste Kapitel hinzuzufügen. Siegt er in Roubaix, hat er alle fünf Monumente nacheinander gewonnen – begonnen in Lüttich im vergangenen Jahr. Plus Tour, WM und EM. Absurd.

Noch ist es nicht soweit! Das hügelige Terrain der Flandern-Rundfahrt kommt Pogačar entgegen, doch kann er auch auf dem flachen Pflaster von Roubaix Van der Poel & Co. bezwingen?

Van der Poel abhängen – eine schwierige Aufgabe!

Im direkten Sprint gegen Mathieu van der Poel im Velodrom von Roubaix wird es für Tadej Pogačar knifflig! Der Niederländer ist extrem explosiv, erfahren und auch nach schweren Rennen noch sehr endschnell. Auch Pogačar ist keineswegs langsam, geht es nach einem schweren Rennen im Sprint zur Sache – doch in ein direktes Duell mit van der Poel wird Pogačar wohl nicht unbedingt siegessicher gehen.

Möchte Pogačar die Runden im Velodrom auskosten und dann die Arme in die Luft gereckt durchs Ziel rollen, müsste er den Rest des Feldes abhängen. So wie er es bei der Flandern-Rundfahrt tat. Allerdings gelingt das dem Weltmeister bei giftigen Anstiegen deutlich leichter – ob in Flandern bei der Ronde, oder in der Toskana bei Strade Bianche – aber im topfebenen Nordfrankreich?

Es braucht Power, Geschick und die Fähigkeit sich vor den Pflastersektoren zu positionieren, um bei Paris-Roubaix zu bestehen. Das alles bringt Pogačar mit, wie er 2025 bewies. Doch Van der Poel abschütteln – das gelang ihm nicht. Pogačar wird versuchen seine Helfer zu nutzen – Nils Politt, Florian Vermeersch und weitere Top-Fahrer stehen ihm zur Seite. Doch wie will er van der Poel vom Hinterrad verdrängen? Man darf gespannt sein, welchen Plan er sich zurechtlegen wird, für das zu erwartende Aussscheidungsfahren. Große Überraschungen sind bei diesem Rennen schwierig – es geht eben viel über die Power. Bleibt van der Poel von Defekten verschont, hat er einen guten Tag und bleibt fehlerfrei, wird es für Pogačar extrem schwer. Doch Paris-Roubaix hält stets einige Überraschungen parat!

Unberechenbarkeit, mentale Stärke und die Bereitschaft zu leiden

Paris-Roubaix ist kein gewöhnliches Rennen. Der Ritt über das grobe Pflaster, roher Leidenskampf. Die Physis ist von großer Bedeutung, auch die Radbeherrschung wichtiges Element! Doch bei wenigen anderen Rennen ist der Kopf von so großer Bedeutung, wie bei Paris-Roubaix. Nie aufgeben, immer an die Chance glauben und den Schmerz, das Leiden ausblenden. In einen Flow kommen, das Pflaster geschmeidig unter sich weggleiten lassen, den harten Positionskampf vor den Pave-Sektoren annehmen. Stets im Moment bleiben, nicht zu weit nach vorn schauen. Sich Kilometer für Kilometer näher ans Velodrom arbeiten – Schmerzen ertragen, besser noch gänzlich ausblenden. Versuchen Roubaix-Gladiatoren schnöden Normalsterblichen das „Roubaix-Rezept“ näherzubringen, ernten sie oft ungläubiges Kopfschütteln.

Paris-Roubaix ist unberechenbar, man braucht starke Beine, mentale Stärke und eben auch eine Prise Glück. Denn ein Defekt im Falschen Moment, ein Fehler eines Konkurrenten direkt vor dem eigenen Vorderrad oder ein unglücklicher Rennunfall können Roubaix-Träume in einem Sekundenbruchteil platzen lassen. Dies muss man akzeptieren und annehmen – Roubaix gewinnt man wohl eher nicht mit der Brechstange.

Duell der „Außerirdischen“ oder Außenseitersieg?

Für Paris-Roubaix 2026 wird das große Duell von Mathieu van der Poel gegen Tadej Pogačar erwartet. Doch es gibt weitere Fahrer, die in der Hölle des Nordens beinahe auf Augenhöhen sind und alles daransetzen werden, das Velodrom als Erste zu erreichen. Filippo Ganna, mit seiner rohen Kraft. Der endschnelle Jasper Philipsen – Teamkollege von van der Poel –, Mads Pedersen, Jasper Stuyven und auch Altmeister John Degenkolb, der bei diesem Rennen schon alles erlebt hat. Sie werden sich nicht einfach so geschlagen geben, ihre Karten spielen wollen.

Und dann ist da noch Wout van Aert – der Dauerrivale von Mathieu van der Poel. Der Belgier jagt bislang vergeblich den Pflaster-Monumenten hinterher. Mal Pech, mal Unvermögen, mal übermächtige Konkurrenz – irgendwas kam stets dazwischen. Paris-Roubaix ist seine große Chance – diese will er unbedingt nutzen!

In diesem Rennen kann die Konkurrenz eine größere Rolle spielen als beispielsweise bei einer Flandern-Rundfahrt. Van der Poel und Pogačar dürften nicht nur auf sich schauen – sonst jubelt am Ende vielleicht ein lachender Dritter.

Favorit, Herausforderer und Außenseiter auf einen Blick

Tadej Pogacar: Er will den letzten Haken setzen, sich sein fünftes Monument holen. Er hat ein starkes Team, das Zeug dazu – doch auch starke Konkurrenz! Es wird eine harte Nuss für den Weltmeister!

Mathieu van der Poel: Der Top-Favorit. Drei Siege hat er bereits eingefahren, könnte mit den Rekordsiegern Roger De Vlaeminck und Tom Boonen gleichziehen. Radbeherrschung, Zähigkeit, Explosivität, Robustheit – Mathieu van der Poel ist wie geschaffen für dieses Radrennen!

Wout van Aert: Mehrfach nah dran, mehrfach auf dem Podium, nie ganz oben – der Belgier will unbedingt gewinnen, doch gegen Van der Poel & Co. wird das keine leichte Aufgabe. Dennoch gelingt ihm ein fehlerfreies Rennen, zählt er zu den Top-Favoriten!

Mads Pedersen: Nach seinem Handgelenkbruch zu Saisonbeginn schien die Klassikersaison für den Dänen gelaufen. Doch er kam schneller zurück als gedacht, wurde Vierter in Sanremo, Fünfter in Flandern. Nun möchte er in Roubaix wieder aufs Podium – wie in den vergangenen beiden Jahren. Nach zwei dritten Plätzen darf es gern eine oder gar zwei Stufen nach oben gehen. Roubaix ist sein Rennen, liegt ihm sehr. Er braucht gegen die harte Konkurrenz einen Sahnetag, doch dann ist alles drin.

Filippo Ganna: Rohe Kraft, extrem Tempohärte. Filippo Ganna mag nicht so geschmeidig über das Pflaster gleiten, wie andere Fahrer, aber kaum jemand verfügt über so viel Power wie Filippo Ganna. Roubaix scheint wie geschaffen für den Hünen! Er schaffte es noch nie in die Top5 – das kann in diesem Jahr klappen!

Jasper Philipsen: Er stand bereits auf dem Podium, ist die zweite Karte im Team Alpecin-Premier Tech. Brutal endschnell, aber auch auf dem Pflaster sehr stark. Seine Form scheint nicht ganz so herausragend zu sein, doch vielleicht tauchte das. Mit dem Belgier ist zu rechnen.

John Degenkolb:  Der Altmeister. Der Champion von 2015, der vor 11 Jahren im Alpecin-Trikot als zweiter Deutscher dieses Monument gewann. Kein anderer Fahrer im Peloton hat solch eine Verbindung zu Paris-Roubaix wie „Dege“. Er rettete vor einigen Jahren das Junioren-Rennen, deshalb trägt nun der längste Sektor des Rennens seinen Namen. Noch nie zuvor wurde einem aktiven Profi solch Ehre zuteil. Degenkolb bringt nicht die Watt eines Mathieu an der Poel auf die Pedale. Er ist bei weitem nicht so stark wie ein Tadej Pogačar. Doch auf dem Pflaster von Roubaix ist er noch immer herausragend. Seine exzellente Qualität in Sachen Positionierung, sein unbändiger Wille. Vor drei Jahren lag er auf Podiumskurs, wurde dann bei einem Rennunfall von Philipsen und van der Poel abgedrängt und wurde Siebter. Einen Tag wie 2023, nur mit etwas mehr Glück – dann ist Degenkolb erneut ein Top-Resultat zuzutrauen.

Matthew Brennan: Der große Unbekannte. In der Nachwuchsklasse konnte er in Roubaix keine Top-Platzierung holen, auch bei seiner Profi-Premiere fuhr er nicht in die Top 20. Doch der junge Brite ist endschnell und man sollte ihn nicht unterschätzen. An der Seite von Wout van Aert und Christophe Laporte hat er keinen Druck. Kommt er in den Flow, kann er weit vorn landen – denn seine Endschnelligkeit bringt ihm im Velodrom aus einer Gruppe gute Chancen sich durchzusetzen. Vielleicht wird er die große Überraschung. 

Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.

Fotos: Fellusch