Start Profi-Sport Frühjahrsklassiker 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 3

Frühjahrsklassiker 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 3

Übersicht

Endlich ist es so weit – das erste Monument des Jahres 2026 steht an. Der 21. März ist ein ganz besonderer Samstag im Radsportfrühjahr – La Primavera, „der Frühling“ hält Einzug. Die gesamte Radsportwelt schaut nach Italien, zum legendären Klassiker Mailand-Sanremo. Ein 300-Kilometer-Rennen, dass seiner ganz eigenen Logik folgt und in jedem Jahr das packendste Finale der gesamten Saison bietet. 

Radsportexperte Bernd Landwehr, Chefredakteur des Cycling Magazine, begleitet für Alpecin Cycling die Topstars des Radsports durch das Frühjahr, analysiert die Form der Spitzenfahrer und nimmt den Kreis der Favoriten für die Monumente genauer unter die Lupe. Vor Mailand-Sanremo benennt er in Teil 3 der Serie die Favoriten und schätzt die Chancen der Außenseiter ein.

Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 des Formbarometers.

Mailand-Sanremo – ein leichtes Rennen, aber nur schwer zu gewinnen

Ein einzigartiger Parcours, ein orchestriertes Spektakel. Spannung, die sich langsam aufbaut und dann fulminant entlädt. Man könnte noch weitere 50 Zeilen verwenden, um dieses ganz besondere Radrennen zu preisen. Die Radsportfans fiebern seit Wochen dem ersten Monument entgegen. Der Sport feiert sich dabei stets selbst. In den Tagen vorm Rennen werden die alten Stories hervorgeholt, die spektakulärsten Siege und überraschendsten Gewinner gefeiert. All das mündet in die Frage – wer wird in diesem Jahr Mailand-Sanremo gewinnen? Wir schauen auf die Favoriten und Außenseiter.

Mailand-Sanremo gilt als leichtestes der fünf Monumente. Aber alle Fahrer sagen unisono, das, was am schwersten zu gewinnen ist. Hintergrund dieser zunächst paradox wirkenden Aussage ist, dass man weder als bester Sprinter noch als bester Bergfahrer der Welt siegessicher ins Rennen starten kann. Und auch wenn man ein exzellenter Klassikerspezialist ist, kann das Rennen zur Enttäuschung werden. 

Dieses Monument ist brutal lang, es hat ganz klare Schlüsselstellen und nur wenig Anstiege. Aber ganz viele verschiedene Interessen und Hoffnungen sind im Feld vereint und machen das Rennen so interessant. 

Die bergfesteren Sprinter wollen die reinen Sprinter an den „Capi“, den kurzen Anstiegen im Finale, abhängen und dann selbst zum Sieg sprinten. Die Klassikerspezialisten wollen auch die bergfesteren Sprinter loswerden, um dann selbst eine Chance mit einem offensiven Finale zu haben. Die außergewöhnlichen Abfahren wollen bis zum Poggio folgen und dann hinab nach Sanremo wie ein Falke im Sturzflug davonfliegen – wie es vor wenigen Jahren Matej Mohorič tat und siegte. Und dann gibt es noch die explosiven Bergfahrer, die mit einem satten Antritt an den letzten Anstiegen allen anderen davonfahren wollen. Wer das Rennen am Ende macht, bliebt offen, bis zum furiosen Finale des Rennens. 

Favoriten-Barometer für Mailand-Sanremo | Duell der Giganten

Auch wenn sich einige Fahrer berechtig Hoffnungen machen, das Rennen hat in diesem Jahr zwei ganz klare Favoriten. Da ist der Außerirdische, der Überflieger und Dominator des Radsports – Tadej Pogačar. Er hat das Rennen noch nie gewonnen und will es endlich von seiner Liste nehmen. Der große Widersacher ist Mathieu van der Poel – der beste Klassikerspezialist der Welt. Er hat in Sanremo schon zwei Mal gewonnen – 2025 und 2023 – und würde das gerne wieder tun.

Pogačar ist der beste Fahrer der Welt, doch bei Mailand-Sanremo sind die Berge bislang nicht schwer genug gewesen, alle Begleiter abzuschütteln. Im flachen Sprint am Ende hat es Pogačar dann schwer gegen Fahrer wie van der Poel, die schwerer und sprintstärker sind. Schwerer werden die Anstiege nicht, also muss sich Pogačar etwas einfallen lassen, die Konkurrenz dennoch abzuhängen. Noch schneller hinauffahren, noch härter antreten – man darf gespannt sein, was er vorhat.

Die Vorzeichen für dieses Rennen sind klar: Pogačar will van der Poel (und alle anderen) abhängen, um am Ende im Solo zu siegen. Der Rest wird Pogacar zunächst das Rennen „überlassen“, versuchen zu folgen und davon zu profitieren. Im vergangenen Jahr gelang dies – zum Teil. Hinter ihm befanden sich van der Poel und etwas überraschend Filippo Ganna.

Das Duell der Giganten – Tadej Pogačar versus Mathieu van der Poel

Dass es erneut zum großen Duell zwischen van der Poel und Pogačar kommt, daran gibt es wenig Zweifel. Pogačar stieg bei Strade Bianche in die Saison ein und holte sich souverän den Sieg. Die Form passt und nach zuletzt zwei Mal Rang drei in Sanremo soll es nun klappen. Doch auch Mathieu van der Poel ist bereit! Nach seinem Sieg beim Omloop Nieuwsblad ließ er es vergangene Woche bei Tirreno-Adriatico krachen. Zwei Etappensiege und ein sehr starker Auftritt lieferte klaren Beleg für seine Form.

Für Pogačar geht es darum, das Rennen bereits an der Cipressa mit seinem Team extrem schwer zu machen, van der Poel ans Limit zu bringen und dann mit einem Angriff stehenzulassen. Denn im Sprint wird es gegen den Niederländer ganz, ganz schwer. Die Position für Pogačar und seine Helfer an der Cipressa wird extrem wichtig sein. Man muss ganz vorn in die Steigung fahren, ab den ersten ansteigenden Meter das Tempo barbarisch in die Höhe schrauben. Nur so ist van der Poel (vielleicht) ans Limit zu bringen.

Im vergangenen Jahr wurde Pogačar mit seinem Zug vom Lidl-Trek-Team rüde abgedrängt, war nicht in optimaler Position. So zündete die UAE-Rakete an der Cipressa zunächst nicht mit vollem Schub. Wird das in diesem Jahr anders sein? Möglich! Dann würde eine UAE-Raketenstufe nacheinander die Treibstofftanks leeren, während die Pogačar-Kapsel am Ende der Kette als letztes Raketen-Element mit übergroßem Booster zündet. Kann van der Poel dann dennoch dranbleiben? Die Antwort wird erst das intergalaktische Cipressa-Poggio-Spektakel am Samstag liefern.

Die „Außenseiter“ bei Mailand-Sanremo 2026

Von den Top-Klassikerspezialisten fehlen nur wenige. Mads Pedersen – bislang bei allen Teilnahmen in den Top 10 – ist nach Handgelenkbruch Anfang Februar noch nicht wieder fit. Das gilt ebenso für Michel Matthews, der in Sanremo schon mehrfach auf dem Podium stand und in den vergangenen drei Jahren stets in den Top Vier landete. Arnaud de Lie hat seinen Start abgesagt, da er wegen der Teilnahme von Tadej Pogačar keinerlei Chancen für sich sieht. Sonst ist dabei, was Rang und Namen hat – inklusive gleich einer ganzen Reihe von Ex-Champions. Angefangen bei Jasper Philipsen, der 2024 gewann, bis hin zu John Degenkolb, dem Sieger von 2015.

  • Tom Pidcock: Für Pidcock wird es darum gehen, bei Pogacar am Rad zu bleiben, wenn dieser angreift. Dafür ist eine sehr gute Position vor Cipressa und Poggio nötig! Darauf wird es ankommen. Die Form sollte passen, bei Strade Bianche war er stark.
  • Filippo Ganna: Beim Zeitfahren von Tirreno-Adriatico siegte er souverän, doch sonst wirkte er eine Woche vor dem ersten Monument nicht ganz so stark, wie im vergangenen Jahr. Abschreiben darf man Filippo Ganna natürlich nicht, ob er allerdings erneut als einziger Fahrer bei Pogacar und Van der Poel folgen kann, bleibt fraglich.
  • Wout van Aert: Lange war offen, ob van Aert beim Monument starten wird. Die vergangenen zwei Jahre hatte er Mailand-Sanremo ausgelassen. Nach seinem Sieg 2020 stand er zwei weitere Male auf dem Podium. Er glaubt an seine Chance, doch er scheint nicht in der Form zu sein, Pogacar bergauf folgen zu können und dann van der Poel abzusprinten. Van Aert war bei Tirreno-Adriatico van der Poel unterlegen, weder explosiv genug noch bergauf auf Augenhöhe.
  • Jasper Philipsen: Im Jahr 2024 siegte der Belgier, auch dank der Unterstützung von van der Poel. Gut möglich, dass Philipsen auch in diesem Jahr die B-Option im Alpecin-Premier Tech-Team ist. Sollte eine größere Gruppe sprinten, wäre Philipsen ein Siegeskandidat. Zudem zeigt sich der Belgier in diesem Jahr bergauf extrem stark. Gut möglich, dass er am Poggio gar nicht weit zurück ist und dann in der Abfahrt wieder aufschließen kann. Fährt dann van der Poel ein Leadout für ihn, ist er ganz schwer zu schlagen. Ein „was wäre wenn“ hängt für ihn aber ebenfalls an der Zauberkunst des Tadej Pogacar ab. Denn will man den Weltmeister schlagen, muss man in Schlagdistanz bleiben.
  • Matej Mohorič: Der Slowene zauberte sich in der Abfahrt vom Poggio 2022 zum Sieg – in diesem Jahr wird es allerdings schwer, den Gipfel in der ersten Gruppe zu erreichen. Das wäre aber nötig, um erneut in der Abfahrt wegzufahren. 
  • Jasper Stuyven: Der Sieger von 2021 fuhr zuletzt stark. Bei Paris-Nizza mischte er im Sprint mit. Für ihn bräuchte es schon ein ungewöhnliches Rennszenario, um einen zweiten Sieg in Sanremo einzufahren, aber für eine Top-Platzierung sollte man ihn nicht abschreiben. 
  • Julian Alaphilippe: Der Franzose spielt im Peloton nicht mehr die gleiche Rolle, wie im Jahr 2019, als er sich den Sieg holte. Doch Alaphilippe bestreitet die Rennen noch immer mit der gleichen Leidenschaft und dem gleichen Mut vergangener Tage. Sanremo ist ein besonderes Rennen, für Fahrer wie Alaphilippe besteht durchaus die Chance zu überraschen. Sollte er Pogacar bergan folgen können, wäre das allerdings eine sehr große Überraschung.
  • Rick Pluimers: Ein vielversprechender Außenseiter, doch leider musste er Paris-Nizza wegen Krankheit vorzeitig aufgeben. Wird er wieder fit und ist bei 100 Prozent, könnte er durchaus weit vorn landen.
  • Tobias Lund Andresen: Der endschnelle Däne gibt sein Sanremo-Debüt. Sollte am Ende doch eine große Gruppe sprinten, könnte er dabei sein und ein Top-Resultat einfahren.
  • Matthew Brennan: Was für Lund gilt, gilt auch für den jungen Matthew Brennan. Endschnell und explosiv ist der Brite, ob er ganz vorn dabei ist, wird sich zeigen.
  • Romain Grégoire: Der Franzose ist ein Spezialist für die hügeligen Eintagesrennen. Die Form stimmt und es wäre nicht überraschend, wenn er ganz vorn mit über den Poggio kommt.

Nicht am Start

  • Arnaud de Lie: Der Belgier verzichtet aufgrund der Dominanz Pogačars.
  • Mads Pedersen: Fehlt wegen Handgelenkbruch.
  • Michael Matthews: Fehlt wegen Handgelenkbruch.

Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.

Aufmacherfoto: IMAGO / Photo News