Start Profi-Sport Frühjahrsklassiker 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 2

Frühjahrsklassiker 2026: Form-Barometer der Favoriten – Teil 2

Übersicht

Die Monumente des Radsports, die bedeutendsten Eintagesrennen der Welt, mit langer Tradition und besonderem Flair – das Radsportfrühjahr übt eine ganz besondere Faszination aus. Wer dominiert diese prestigeträchtigen Rennen in diesem Jahr? Sind erneut Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel die Klassiker das Maß der Dinge? Wer rückt in die Riege der Herausforderer auf und können Fahrer wie Wout van Aert und Tom Pidcock die Überflieger herausfordern?

Radsportexperte Bernd Landwehr, Chefredakteur des Cyclingmagazine, begleitet für Alpecn Cycling die Top-Stars des Radsports durchs Frühjahr, analysiert die Form der Top-Fahrer und nimmt den Favoritenkreis für die Monumente genauer unter die Lupe nehmen. Nach dem Klassikerauftakt gibt es die ersten Erkenntnisse – in Teil 2 der Serie.

Hier geht es zu Teil 1.

Die Erkenntnisse des Opening Weekends

Die Klassikersaison 2026 ist eröffnet! Mit dem Omloop Nieuwsblad startete am letzten Februar-Samstag die Zeit der klassischen Eintagesrennen. Und wie! Topstar Mathieu van der Poel hatte lange offengelassen, ob er beim Omloop Nieuwsblad seine Straßensaison beginnt. Schließlich stand er am Start, lieferte ein exzellentes Rennen und holte sich den Sieg bei seinem Omloop-Debüt.

Van der Poel hat bei seinem ersten Rennen der Saison seinen Status als Klassiker-König eindrucksvoll zementiert. Er sorgte am Molenberg – ein giftiger Kopfsteinpflasteranstieg, der bei diesem Rennen in jedem Jahr eine Schlüsselstelle ist – für die Vorentscheidung. Zwei Begleiter verblieben, einer verweigerte die Tempoarbeit. An der steilen „Muur von Geraardsbergen“ – der letzte Scharfrichter des Rennens – zog van der Poel fast spielerisch davon und siegte als Solist.

Man darf Mathieu van der Poel nach diesem Auftritt ganz sicher einen, wenn nicht sogar den Top-Favoriten für die kommenden Klassiker einstufen. Klar, gegen einen Tadej Pogačar in Topform wird es bei sehr anspruchsvollen Rennen wie der Flandern-Rundfahrt auch für ihn schwer – doch „MvdP“ hat seine Hausaufgaben gemacht und ist bereit für die Monumente!

Barometer für Mailand-Sanremo – die Monument-Konkurrenz schwächelt

Mit Blick auf das erste Monument des Jahres – Mailand-Sanremo am 21. März – fuhren sich bei den ersten flämischen Rennen kaum Fahrer ins Rampenlicht. Tadej Pogačar war planmäßig nicht am Start, Wout van Aert fehlte krankheitsbedingt, Mads Pedersen mit Handgelenkbruch ohnehin länger außer Gefecht …. Tom Pidcock war beim Omloop Nieuwsblad dabei, blieb aber blass. Nachdem er sich eine Regenjacke am Auto holte, wurde er hinter einem Sturz aufgehalten, später musste er mehrfach Lücken schließen und war dann auch nicht präsent, als die Post abging und Van der Poel für die Vorentscheidung sorgte. Durchaus etwas enttäuschend.

Gut hingegen präsentierten sich Matthews Brennan vom Team Visma | Lease a Bike und Van der Poels Teamkollege Jasper Philipsen. Brennan hatte beim Omloop Pech und stürzte, holte sich dann tags drauf bei Kuurne-Brüssel-Kuurne den Sieg im Massensprint. Auch Jasper Philipsen fuhr offensiv und stark – der Sanremo-Sieger von 2024 scheint in Sachen Formaufbau auf einem guten Weg!

Eine gute Form zeigte auch die Helferriege von Pogacar – Florian Vermeersch und Nils Politt fuhren in Abwesenheit Pogačar extrem stark. Bitter für das Team UAE Emirates-XRG ist mit Blick auf das erste Monument aber das anhaltende Verletzungspech. Nachdem Jhonatan Narváez nach Sturz in Australien mit Wirbelbruch fehlt, fällt nun wohl auch Tim Wellens aus, der sich am Sonntag das Schlüsselbein brach.

Inzwischen bekannt ist, dass Arnaud De Lie bei Mailand-Sanremo nicht starten wird. Der junge Belgier konnte sich beim Omloop aber auch nicht recht in Szene setzen.

Strade Bianche ruft – der „Meister“ gibt sein Debüt

Es geht bereits am Samstag in Sachen WorldTour-Klassiker weiter. Dann steht der Neo-Klassiker Strade Bianche an. Ein spektakuläres Rennen über die Schotter-Straßen der Toskana! Im Vergleich zum belgischen Klassiker-Auftakt liegt das Rennen mehr den bergfesten Eintages-Spezialisten, weniger den schwerer Jungs für das flämische Kopfsteinpflaster. Das zeigt sich dann auch in der Startliste, wo die Namen Paul Seixas, Giulio Pellizzari, Egan Bernal, Lennert Van Eetvelt, Matteo Jorgenson und auch Romain Grégoire auftauchen.

Mit Blick auf die anstehenden Monumente ist das Rennen ebenso interessant zu beobachten. Denn Tadej Pogačar startet in die Saison 2026 – als Titelverteidiger und inzwischen dreifacher Champion. Damit ist er gleichauf Rekordsieger mit Fabian Cancellara. Noch, mag man sagen, denn beginnt Pogacar diese Saison, wie die vergangene, wird er sich den vierten Sieg holen. Doch so weit ist es noch nicht und man darf gespannt sein, in welcher Form der Weltmeister Anfang März ist.

Wout van Aert wird ebenfalls in der Toskana starten, er gab sein Saisondebüt am Dienstag bei Le Samyn, einem Halbklassier in Belgien. Dort fuhr Van Aert stark, konnte im Finale aber nicht eingreifen, nachdem er kurz vor dem Ziel einen Platten hatte. Van Aert kehrt nach fünf Jahren zu Strade Bianche zurück, hat das Rennen aber bereits gewonnen, stand zudem zwei weitere Male auf Podium. Er trifft dort auf Pogačar und reichlich bergfeste Fahrer, wie auch Tom Pidcock, der nach dem schwachen Klassikerauftakt nun in der Toskana die gute Form abrufen möchte. Auch Pidcock hat Strade Bianche bereits gewonnen und war bei vier Teilnahmen stets in den Top 5.

Exakt zwei Wochen sind es von Strade Bianche bis zum ersten Monument Mailand-Sanremo! Maximal ein Feinschliff ist in dieser Periode noch möglich.

Van der Poel hat gezeigt, dass er in Top-Form ist, Pogacar muss das am Samstag erst beweisen. Wie es um die Form von Van Aert und Pidcock bestellt ist, wird man auf den Schotterstraßen der Toskana im direkten Vergleich mit Pogacar ebenfalls ablesen können.

Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Aufmacherfoto: © Photonews.be

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.