Die erste Woche des Giro d’Italia 2026 hat vieles geboten – aber längst nicht alles entschieden. Jonas Vingegaard ist der stärkste Fahrer des Rennens, trägt aber noch nicht Rosa. Afonso Eulálio verteidigt das Maglia Rosa mit Widerstand und Willen. Paul Magnier hat in den Sprints Maßstäbe gesetzt. Und ein Team wie UAE Emirates-XRG hat sich „von heute auf morgen“ neu erfunden.
Sechs verschiedene Etappensieger, vier Träger der Maglia Rosa, Sprintankünfte, Ausreißercoups, Sturzdramen, Regenchaos, Bergduelle und ein noch völlig offener Kampf ums Podium. Vor dem Start der zweiten Giro-Woche lohnt deshalb eine Analyse und ein Blick auf die wichtigsten Erkenntnisse der ersten neun Etappen.
Paul Magnier: Vom Herausforderer zum Top-Favoriten im Sprint
Paul Magnier ist nach der ersten Giro-Woche nicht mehr nur einer der schnellen Männer im Feld. Er ist der Sprinter, an dem sich die Konkurrenz orientieren muss. Der Franzose gewann bereits die Auftaktetappe in Burgas und legte auf der 3. Etappe nach Sofia nach. Entscheidend ist dabei nicht nur die reine Endgeschwindigkeit. Magnier weiß, was zu tun ist. Damit hat er gezeigt, dass er nicht nur schnell ist, sondern auch einen Grand-Tour-Sprint nach Vorbelastung sauber zu Ende fahren kann. Selbst beim verkorksten Sprint in Neapel wurde er am Ende noch Dritter. Für die Punktewertung und für die Hierarchie der Sprinter sind seine Siege und Top-Platzierungen ein starkes Signal: Milan bleibt nominell einer der schnellsten Männer im Feld, Groenewegen ist ebenfalls weiter gefährlich – doch der Maßstab der ersten Woche heißt Magnier.
Doppelspitze bei Red Bull-Bora-Hansgrohe geht taktisch auf
Red Bull-Bora-Hansgrohe ist mit einer interessanten taktischen Konstellation in diesen Giro gegangen – mit zwei gleichberechtigten Leadern. Eine Strategie, die in der Vergangenheit bei diesem Team oft für ungläubiges Staunen und Kritik sorgte. Denn eine Doppelspitze kann zwar Kräfte bündeln und taktische Optionen bieten, sie kann aber auch für Verwirrung sorgen, wenn beide Fahrer auf ähnlichem Niveau unterwegs sind oder einer an einem schlechten Tag früh aus der Favoritengruppe fällt. Doch mit Jai Hindley als erfahrenem Grand-Tour-Sieger und Giulio Pellizzari als jungem italienischen Kletterer mit Entwicklungspotenzial und offensiver Note funktioniert es bislang gut. Die beiden stehen sich nicht im Weg, und auch die Teamkollegen wissen, was zu tun ist. Dass Pellizzari am Corno alle Scale nicht ganz an die Blockhaus-Leistung anknüpfen konnte, ändert daran wenig: Bora hat nach der ersten Woche zwei Karten im Spiel – und genau das kann in einer Rundfahrt wichtig werden, die noch ein langes Zeitfahren und mehrere schwere Gebirgstage bereithält.
Jonas Vingegaard im Soll, aber nicht dominant
Jonas Vingegaard fährt bislang einen sehr guten Giro. Aber er dominiert ihn nicht so, wie es sein Status als Top-Favorit vielleicht erwarten ließ. Auf der 2. Etappe ließ er kurz seine Klasse aufblitzen, am Blockhaus holte er sich den erwarteten und angekündigten Etappensieg. Zwei Tage später bestätigte er am Corno alle Scale seine Position als stärkster Bergfahrer des Rennens.
Auffällig ist, dass Vingegaard nicht haushoch überlegen wirkt. Er wartet, setzt seine Attacken spät und gezielt, gewinnt Zeit und Etappen, vermeidet aber bislang den ganz großen Schlag. Das könnte einerseits daran liegen, dass er genau weiß, was noch vor ihm liegt: nicht nur zwei lange Giro-Wochen mit Zeitfahren und Bergetappen, sondern auch eine komplette Tour de France. Andererseits könnte es auch bedeuten, dass das bereits sein aktuelles Leistungsvermögen ist. Für Letzteres spricht, dass er am Blockhaus gegenüber Felix Gall auf den letzten beiden Kilometern eher noch Zeit verlor. Nach den beiden Etappensiegen hat er seine Rolle als Top-Favorit trotzdem klar untermauert.
UAE Team Emirates-XRG – aus der Not eine Tugend gemacht
UAE Team Emirates-XRG hat aus einer schwierigen Ausgangslage erstaunlich viel gemacht. Nach dem Ausfall wichtiger Fahrer – darunter die beiden GC-Leader Adam Yates und Jay Vine sowie Marc Soler nach dem Sturz auf der 2. Etappe – war der Fokus auf die Gesamtwertung obsolet. Doch statt sich kampflos geschlagen zu geben, haben die verbliebenen fünf Fahrer die Chance ergriffen, zu eskalieren. Den Schock verdaut und in Italien angekommen, sprintete Jhonatan Narváez auf der 4. Etappe zum Sieg. Igor Arrieta gewann die Regenschlacht auf Etappe 5 nach Potenza, Jhonatan Narváez holte auf der 8. Etappe nach Fermo bereits den nächsten Sieg für das Team.
Der Sieg von Narváez war dabei besonders aussagekräftig. Er entstand nicht zufällig, sondern aus einer sauber ausgespielten Überzahlsituation in der Spitzengruppe. Mikkel Bjerg verrichtete viel Arbeit, Narváez setzte am vorletzten Anstieg den entscheidenden Angriff. Das war Teamtaktik, Punch und Renninstinkt in einem.
Und es scheint erst der Anfang zu sein. Jan Christen hat es schon mehrfach versucht und wird sein Glück wohl noch erzwingen. Narváez selbst sagte, dass noch lange nicht Schluss sei.
Aus der Not ist damit eine Tugend geworden. UAE fährt diesen Giro nicht als Team, das eine Gesamtwertung absichert, sondern als aggressives Kollektiv auf Etappensiege.
Afonso Eulálio – die Überraschung in Rosa
Afonso Eulálio ist bislang die ungewöhnlichste Figur dieses Giro. Der Portugiese, ursprünglich als Berghelfer für seinen früh ausgeschiedenen Kapitän Santiago Buitrago zum Giro gekommen, übernahm das Maglia Rosa nach der 5. Etappe nach Potenza, als eine Ausreißergruppe dem Feld mit allen GC-Fahrern deutlich Zeit abnahm. Seitdem verteidigt der Bahrain Victorious-Profis das Rosa Trikot und nutzt seine Möglichkeiten bislang bemerkenswert gut. Am Blockhaus verlor er zwar Zeit, brach aber nicht ein. Am Corno alle Scale wurde er sogar Etappenfünfter vor starken GC-Fahrern und rettete Rosa erneut.
Damit verleiht Rosa offenbar doch Flügel – zumindest in dem Sinn, dass Eulálio seine Chance nicht passiv verwaltet. Er fährt nicht wie ein Fahrer, der nur darauf wartet, die Führung wieder abzugeben. Er verteidigt, begrenzt Verluste und bleibt handlungsfähig. Ob das für das Podium reicht, werden das lange Einzelzeitfahren von Viareggio nach Massa und die zweite Rennhälfte zeigen. Aber nach einer Woche ist Eulálio nicht mehr nur der Nutznießer eines chaotischen Tages.
Sein Vorsprung auf Vingegaard beträgt nach neun Etappen noch 2:24 Minuten. Was vielleicht noch wichtiger ist: Auf Podiumskandidaten wie Jai Hindley und Thymen Arensman hat er vor dem Zeitfahren mehr als viereinhalb Minuten. Spannend wird sein, wie er weitermacht. Konzentriert er sich auf Etappensiege, wenn er Rosa verloren hat, oder nutzt er seine gute Ausgangsposition für den Kampf ums Weiße Trikot des besten Nachwuchsprofis und eine Top-Fünf-Platzierung im Gesamtklassement?
Felix Gall – der einzige ernste Herausforderer von Jonas Vingegaard
Felix Gall ist nach neun Etappen die positive Überraschung im Kampf um die Gesamtwertung. Nicht, weil er klettern kann – um diese Stärke weiß man schon seit mehreren Jahren. Er hat überrascht, weil er als bislang einziger Fahrer Jonas Vingegaard an zwei schweren Bergankünften in Schlagdistanz halten konnte. Am Blockhaus wurde Gall Zweiter, nur 13 Sekunden hinter Vingegaard. Am Corno alle Scale war er erneut Zweiter, diesmal zwölf Sekunden zurück. Gerade die Wiederholung macht diese Leistung so relevant. Ein einzelner starker Bergtag kann ein Ausreißer nach oben sein, zwei direkte Duelle mit Vingegaard auf sehr unterschiedlichen Schlussanstiegen sind dagegen ein sportliches Statement.
Das macht den Österreicher nicht automatisch zum Giro-Favoriten auf Augenhöhe mit Vingegaard. Aber es verändert seine Rolle im Rennen. Er ist nicht nur ein Top-Ten-Kandidat, der solide durchkommen will. Seine Stärke liegt gerade darin, in den entscheidenden Momenten präsent zu bleiben und sogar offensiv zu fahren, ohne dabei zu überziehen. Er ist nach der ersten Woche der wichtigste direkte Gegner Vingegaards am Berg. In der Gesamtwertung liegt Gall nach Etappe 9 auf Rang drei, 2:59 Minuten hinter Eulálio und nur 35 Sekunden hinter Vingegaard. Spannend wird sein, wo er nach dem Zeitfahren liegt und wie er sich bei der nächsten Bergankunft am Ende der 14. Etappe schlägt.
Kampf ums Podium: Plätze zwei und drei heiß umkämpft
Auch wenn Jonas Vingegaard im Plan liegt und sich seinen ersten Giro-Gesamtsieg sichern dürfte, sofern nichts Schwerwiegendes dazwischenkommt, sind die weiteren Podiumsplätze heiß umkämpft. Zum einen ist da Felix Gall, nach Vingegaard zweifellos der beste Kletterer bislang. Allerdings wird er im langen Zeitfahren aller Wahrscheinlichkeit nach Minuten gegenüber Fahrern wie Thymen Arensman und Derek Gee-West verlieren.
Gerade Thymen Arensman gehört neben Gall zu den „stillen“ Gewinnern der ersten Woche. Der Niederländer fuhr am Corno alle Scale stark, rückte in der Gesamtwertung auf Rang sechs vor und bekommt mit dem langen Zeitfahren nun ein Terrain, das ihm entgegenkommt. Nach neun Etappen ist er ein Fahrer, der sich über Konstanz und Zeitfahrstärke in Richtung Podium schieben kann.
Red Bull-Bora-Hansgrohe hat mit Hindley und Pellizzari zwei taktische Optionen, die sie vielleicht irgendwann ausspielen können. Hinzu kommen noch Ben O’Connor und auch Mathys Rondel. Viel wird vom Zeitfahren abhängen. Rücken alle näher zusammen, sprich: Verliert Gall gegenüber seinen Verfolgern im GC-Tableau Zeit? Gerade diese Konstellation macht den Podiumskampf interessant. Nicht zu vergessen ist bei dieser Bilanz Afonso Eulálio. Er ist der Einzige, der vor Beginn der zweiten Woche ein echtes Guthaben hat – und zwar kein kleines.
Der Parcours hat seine Kritiker widerlegt
Die erste Giro-Woche hat auch gezeigt, dass die Kritik am Parcours ungerechtfertigt war. Es entstand eine abwechslungsreiche Dramaturgie: eine flache Auftaktetappe, eine wellige zweite Etappe, auf der der Top-Favorit kurz vor Schluss attackierte, ein schneller Sprinttag nach Sofia mit langer Vorbelastung, eine anspruchsvolle Etappe nach Potenza, die erste große Bergankunft am Blockhaus, ein puncheurfreundlicher Tag nach Fermo und schließlich der Corno alle Scale als zweiter echter GC-Test. Diese Rundfahrt hat bislang vieles geboten, aber ganz sicher keine Monotonie.
Dadurch entstand ein Rennen, in dem sich sehr unterschiedliche Fahrertypen zeigen konnten – Sprinter wie Paul Magnier, offensive Etappenjäger wie Igor Arrieta und Jhonatan Narváez, Kletterer wie Jonas Vingegaard und Felix Gall. Letztlich entschieden ist noch nichts. In neun Etappen gab es sechs unterschiedliche Sieger und vier unterschiedliche Träger der Maglia Rosa. Für die Dramaturgie ist das ein Gewinn. Viele Etappen boten mehrere Handlungsstränge zugleich.
Viel medialer Hype um Unibet Rose Rockets
Eine weitere Erkenntnis der ersten Giro-Woche: Der mediale Hype um Unibet Rose Rockets war deutlich größer als der sportliche Ertrag. Das Team kam mit viel Aufmerksamkeit in diesen Giro – als neues, auffälliges Projekt, mit prominenten Namen und einer klaren Story: mutig, modern, anders. Doch nach neun Etappen bleibt der Eindruck ambivalent. Sichtbarkeit allein gewinnt keine Rennen. Und ein starker Markenauftritt ersetzt noch keine konstante sportliche Präsenz.
Natürlich hatte Unibet Rose Rockets seine Momente. Dylan Groenewegen sprintete auf der 3. Etappe in Sofia auf Rang drei und zeigte damit, dass er in den schnellen Finals weiterhin zu beachten ist. Aber gemessen an der medialen Erwartungshaltung war das bislang zu wenig. Gerade bei den Sprintchancen, die sich in der ersten Giro-Woche boten, war Paul Magnier der deutlich auffälligere Fahrer. Auch Auch Jonathan Milan war sichtbarer. Natürlich könnte man nun einwenden, dass Groenewegens Chance auf einen Etappensieg in Neapel nur durch den Sturz verhindert wurde. Aber es waren eben noch mehrere hundert Meter zu fahren, und das war keineswegs ein Selbstläufer.
Das heißt nicht, dass der Giro für Unibet Rose Rockets misslungen ist. Doch die erste Woche hat gezeigt, dass zwischen Image und sportlicher Durchschlagskraft noch eine Lücke besteht. Gerade deshalb wird die zweite Giro-Woche für das Team wichtig.
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