Start Profi-Sport Tour de France 2026: Fab Four – Folge 1 | Wer kann Tadej Pogačar schlagen?

Tour de France 2026: Fab Four – Folge 1 | Wer kann Tadej Pogačar schlagen?

Übersicht

Die Tour de France ist das wichtigste Rennen – das ganz große Highlight der Saison. Wer im Juli in Paris das Gelbe Trikot trägt, schreibt Sportgeschichte. Deshalb begleitet Alpecin Cycling auf dem Weg zum Tour-Start am 4. Juli in Barcelona die Fab Four 2026: die vier Fahrer, die – Stand heute – die realistischsten Chancen auf den Sieg im Gesamtklassement haben.

Tadej Pogačar, Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel und Florian Lipowitz– von diesen vier Ausnahmeathleten wird der Kampf um Gelb voraussichtlich geprägt. Zugleich treffen diese „Fab Four“ bei der Tour de France das erste Mal in dieser Saison überhaupt aufeinander.

In unserer Fab Four-Serie begleitet Bernd Landwehr, Chefredakteur des Cyclingmagazine, die vier Top-Favoriten auf ihrem Weg zum Grand Depart der Tour de France. Er analysiert ihre Vorbereitung, ordnet die Leistungen ein und lässt so ein „Tour-Barometer der Fab Four“ entstehen.

Folge 1 ist Auftakt und Standortbestimmung zugleich. Tadej Pogačar macht Jagd auf den fünften Toursieg. Jonas Vingegaard setzt alles auf das Giro-Tour-Doppel und will bei zwei Grand Tours triumphieren. Remco Evenepoel startet im neuen Umfeld bei Red Bull-Bora-Hansgrohe einen Angriff auf Gelb – mit maximalem Anspruch, aber auch maximalem Erwartungsdruck. Und Florian Lipowitz muss nach seiner Podiumplatzierung 2025 beweisen, dass dies keine Ausnahme war, sondern erst der Beginn einer steilen Karriere.

Du willst die Serie komplett verfolgen? Auf der Hub-Seite sammeln wir alle Episoden, Steckbriefe, Rennpläne und Updates – immer aktuell nach den wichtigsten Formtests.

Tadej Pogačar – die Jagd nach dem Rekord

Vier Toursiege hat Tadej Pogačar bereits eingefahren, mit Nummer fünf würde er zu den Rekordhaltern aufschließen. Die Diskussion, ob Pogačar auf eine Stufe mit Legende Eddy Merckx zu stellen ist, wird von immer mehr Experten mit einem klaren Ja beantwortet. Der Slowene ist mit großem Abstand der beste Radsportler seiner Generation, einer der besten und erfolgreichsten aller Zeiten. Was Pogačar erreicht ist auf dem Level von Merckx, auch wenn die reine Zahl der Erfolge des „Kannibalen“ im modernen Radsport unerreichbar ist.

Pogačar ist der erste Fahrer, der in einer Saison alle Radsport-Monumente auf dem Podium beendete, war der erste Fahrer, der ein Monument fünf Mal in Folge gewinnen konnten – die Lombardei-Rundfahrt. Viele Haken fehlen auf seiner Bucket-List nicht mehr. Der fünfte Toursieg, der ihn mit den Rekordhaltern Miguel Induráin, Bernard Hinault, Jacques Anquetil und eben Eddy Merckx gleichziehen lässt, soll im Sommer 2026 gelingen.

Reduziertes Rennprogramm vor der Tour de France

Auch an einem Tadej Pogačar gehen die Anstrengungen nicht spurlos vorbei. Am Ende der Tour de France 2025 wirkte er müde und gequält. In Woche drei der Tour 2025 schien sein Rennen auf Messers Schneide – eine Knieverletzung plagte ihn, das Rennen brachte ihm keinen Spaß und angeblich war er sogar kurz davor hinzuschmeißen. So erzählten es zumindest Teamkollegen im Herbst. Wie auch immer – er brachte das Gelbe nach Paris, lieferte ab und holte sich den Sieg. Danach brauchte eine Pause, kam dann aber bärenstark zurück. Mit Blick auf seinen Saisonplan für 2026 wird deutlich, dass man Pogačar in der Vorbereitung Pausen gönnt, ihn nicht mit zu vielen Rennen belasten wil. 

Sein Klassikerprogramm ist ausgewählt – Strade Bianche zum Start, dann Mailand-Sanremo – eines der zwei Monumente, die ihm noch fehlen. Danach dann die Flandern-Rundfahrt und eben Paris-Roubaix – das zweite fehlende Monument in seinen Palmares. Dazu wird er in Sachen Eintagesrennen nur noch Lüttich-Bastogne-Lüttich bestreiten. Fünf Rennen im gesamten Klassiker-Frühjahr!

Dazu eventuell die Tour de Romandie Ende April – eines der wenigen WorldTour-Rennen, die Pogačar noch nie bestritten hat. Danach steht im vorläufigen Plan bis zur Tour de France nur noch die Tour de Suisse. Auch da war Pogačar noch nicht am Start. 

Erst ein einziges Mal ist Tadej Pogačar so spät in die Saison gestartet, wie es in diesem Jahr geplant ist. Das war 2024. Auch damals war sein erstes Rennen Strade Bianche. Die Voraussetzungen andere, denn damals hat er das Frühjahr eingedampft, weil er Giro d’Italia und Tour kombinierte. Der Plan ging auf. Er gewann beide Rundfahrten! Holte dann im Spätsommer noch seinen ersten WM-Titel und gewann das Monument in der Lombardei. Es scheint, als weiß man beim Team UAE, wie man die Belastung steuert. Und man weiß auch, dass ein gesunder und motivierter Tadej Pogačar in Topform bei der Tour de France nicht zu schlagen ist. Er ist der Top-Favorit, doch auch für ihn ist es kein Selbstläufer.

Jonas Vingegaard – mit Giro-Schwung zum Tour-Titel?

Jonas Vingegaard wird noch später als Pogačar in die Saison starten. Ursprünglich war ein Start bei der UAE Tour geplant – dort wäre er auch auf Remco Evenepoel getroffen. Doch Vingegaard stürzte im Training und wird nun die UAE Tour auslassen. Vermutlich wird er erst bei Katalonien-Rundfahrt Ende März ins Renngeschehen zurückkehren. Das einwöchige Etappenrennen in Katalonien wird voraussichtlich das einzige im ersten Quartal 2026 sein –denn Jonas Vingegaard peilt für 2026 das Giro-Tour-Doppel an.

Im Mai möchte Vingegaard in Italien seine Grand-Tour-Sammlung komplettieren – nach Tour und Vuelta a Espana auch die Italien-Rundfahrt gewinnen. Anschließend will er dann im Juli Tadej Pogačar bei der Tour herausfordern. Ambitioniert, denn viele Jahre galt das Giro-Tour-Double im modernen Radsport schlicht als unmöglich, bis dann Tadej Pogačar 2024 das Gegenteil bewies. Kann Vingegaard das wiederholen? Zumindest sind Zweifel erlaubt.

Für das Visma-Lease-a-Bike-Team ist die Tour das wichtigste Rennen. Der Sieg in Frankreich steht über allen anderen Zielen. Und Jonas Vingegaard ist der einzige Fahrer im Team, dem dies gegen Pogačar bereits gelungen ist. Dass es Vingegaard hingegen vielleicht etwas mehr um den Giro, als die Tour geht, ist nachvollziehbar. Immer wieder erweckte er den Eindruck, seine Karriere nicht endlos fortsetzen zu wollen, nach den Erfahrungen mit schlimmen Stürzen und Verletzungen das Risiko minimieren zu wollen. Der Sieg bei der Italien-Rundfahrt fehlt noch in seinen Palmares – diese Lücke möchte er gern schließen.

Bei seinem Team ist man bemüht zu vermitteln, dass man den Giro keineswegs über die Tour stellt. Man will vermeiden, dass ein Gefühl aufkommt, man wähle den Giro, weil man bei der Tour gegen Pogačar keine Chance sieht. Zuletzt äußerte man immer wieder, dass der Giro für den Aufbau in Richtung Tour gut sein kann, Vingegaard das absolute Top-Level dann im Juli zum Höhepunkt erreichen wird.

Das mag physiologisch so sein. Ddoch eine Grand Tour ist auch mental eine echte Herausforderung. Gern wird darauf verwiesen, dass Vingegaard in der Vergangenheit bereits Tour de France und Vuelta a España erfolgreich kombinierte. Ex-Profis wie Simon Geschke, die viele Jahre Teil des Pelotons waren, selbst Giro und Tour kombinierten sind skeptisch. „Das Giro-Tour-Doppel ist noch etwas Anderes“, schreibt Geschke in einer seinen Saisonthesen auf Cyclingmagazine. „Die Doppelbelastung Giro und Tour ist heftig, das hab ich am eigenen Leib erfahren. Zwar bin ich ganz sicher nie ein Fahrer auf dem Niveau von Jonas Vingegaard gewesen, doch hier geht es nicht nur um physische Leistungsfähigkeit und Belastung. Will man bei Giro und Tour in bestmöglicher Form sein, bedeutet es eine krasse erste Saisonhälfte, mit Entbehrungen und extremen Fokus“, so Geschke. 

So nachvollziehbar der Girostart ist, mit Blick auf die Tour de France bringt sein Rennplan eher andere Fahrer in die Favoritenrolle. Oder kann der Däne überraschen und Zweifler sowie Skeptiker verstummen lassen? Es wird spannend sein, dies zu beobachten. Dass er seinen Saisoneinstand verschieben musste, nach dem wohl nicht allzu schlimmen Sturz im Training, dürfte mit Blick auf den Sommer keine große Sache sein. Doch der Aufbau für den Giro könnte etwas leiden. Und geht das „Projekt Giro“ schief, wird es dann bei der Tour wohl nicht einfacher. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg!

Remco Evenepoel – Flügel für den Toursieg

Remco Evenepoel ist zum Team Red Bull-Bora-Hansgrohe gewechselt. Endlich, mag man fast sagen, denn das deutsche Team und Manager Ralph Denk „baggerten“ schon einige Jahre am Belgier. Durchaus nachvollziehbar, denn der Doppel-Olympiasieger, Vuelta-Sieger, Monument-Champion und Weltmeister gilt als potenzieller Toursieger. Das Geld von Red Bull machte den Transfer nun möglich und Evenepoel hofft, dass ihm die Infrastruktur und die starke Helferriege Flügel verleihen.

Die Möglichkeiten beim neuen Team scheinen unbegrenzt: Windtunnel-Test, Equipment-Verbesserungen, optimale Athletenbetreuung, umfangreicher Personalstab und eine bärenstarke Helferriege. Im neuen Umfeld sieht Evenepoel die Chance, die letzten Prozent herauszuholen – die Lücke zu Pogačar zu verkleinern – mittelfristig zu schließen. Das große Ziel ist der Toursieg – dafür ist Evenepoel zu Red Bull gegangen und dafür hat Red Bull Evenepoel geholt.

Neben der Tour soll Evenepoel auch im Frühjahr bei den Klassikern performen. Sein Rennprogramm legt offen, dass es ein klassischer Saisonplan bis zur Tour sein wird: Frühe Rennen, erster Peak zu den Klassikern, Pause, dann Aufbau für die Tour. Kein ungewöhnlicher Plan!

Der Auftakt war exzellent! Vier Rennen, vier Siege. Darunter das Teamzeitfahren bei der Mallorca Challenge – ein Testlauf für die Tour de France, wo es zum Auftakt ebenfalls ein Mannschaftszeitfahren gibt. Auffällig bei den ersten Rennen – Evenepoel scheint das Team gut zu führen und das Zusammenspiel scheint zu passen. Auch wenn es nur ein erster Eindruck ist und die wichtigen und viel stärker besetzen Rennen noch kommen – Evenepoel scheint im Team gut angekommen zu sein.

Bei der UAE Tour wäre der Belgier auf Tour-Konkurrent Jonas Vingegaard getroffen – doch nach der Sturzverletzung von Vingegaard fällt das erste Kräftemessen aus. Beziehungsweise, ist es auf die Katalonien-Rundfahrt verschoben. Dort wird Vingegaard dann hoffentlich dabei sein. Auch der Start von Florian Lipowitz ist geplant – somit wären gleich drei der „Fab Four“ am Start und die Radsportwelt wird genau hinschauen.

Evenepoel wird danach bei den Ardennen-Klassikern starten – vielleicht sogar das gesamte Ardennen-Triple mit Amstel Gold Race, Fleche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich bestreiten. In Lüttich trifft er dann auf Tadej Pogačar – die nächste Standortbestimmung!

Anschließend die Pause und dann die Tour Auvergne-Rhône-Alpes – ehemals Criterium Dauphine – als letzte Vorbereitung für die Tour. Ein klassisches Programm zum Highlight Tour de France. Gemeinsam mit Florian Lipowitz wird er nach der Katalonien-Rundfahrt wohl erst bei der Tour wieder antreten. Reichlich Zeit sich zu beschnuppern hatten die beiden bereits in Trainingslagern und in Mallorca. Das Team wird alles daransetzen, beide zu einer festen Einheit zu formen. Wenn das gelingt, steigt für das Team die Chance auf den Toursieg. Man kann gemeinsam erfolgreich sein, das Gelbe Hemd bekommt aber immer nur ein Fahrer.

Florian Lipowitz – die Leistung bestätigen

Mit seinem sensationellen Auftritt bei der Tour 2025 hat sich Florian Lipowitz nicht nur in die Herzen vielen Radsportfans gefahren, sondern ist zum erweiterten Favoritenkreis für den Toursieg 2026 aufgestiegen. Das Potenzial, irgendwann einmal die Tour de France zu gewinnen, bringt Lipowitz mit – da sind sich Experten einig. Doch auf dem Weg zur absoluten Weltspitze ist für „Lipo“ noch ein Stück zu gehen. Der Gewinn des Weißen Trikots und Gesamtrang drei waren ein Riesenerfolg, aber die Lücke zu Pogačar mit 11 Minuten Rückstand noch recht groß.

Für Florian Lipowitz geht es darum, die gute Leistung von 2025 zu bestätigen. Wieder einen problemlosen Aufbau hinbekommen, ohne Krankheit und Sturz zur Tour anreisen. Das war die Basis für seine super Tour im vergangenen Jahr und so wird es auch in diesem Jahr sein. Dazu gibt es für Lipowitz noch viel zu lernen, will er Pogačar und Vingegaard tatsächlich herausfordern. Taktik, fahrerisch und auch im Teamgefüge. Seine Mannschaft möchte ihm jede Unterstützung bieten, die es benötigt, dass er den nächsten Schritt machen kann. Vielleicht ist es vor allem auch Geduld, die es braucht. Und Rennen. Auch wenn Remco Evenepoel ebenfalls als Quereinsteiger gilt – in Sachen Radsporterfahrung hat der Belgier dem Deutschen einiges voraus. Das zeigt sich in den Palmares – und auch in den Rennen.

Der Rennplan von Florian Lipowitz ist auf die Tour de France ausgerichtet. Ein überschaubares Programm wird er bis Sommer absolvieren. Auftakt in der Algarve, beim durchaus anspruchsvollen Etappenrennen, wo er auf richtig starke Konkurrenz treffen wird! Anschließend Katalonien-Rundfahrt gemeinsam mit Evenepoel. Bei der Tour de Romandie Ende April trifft Lipowitz eventuell auf Tadej Pogačar. In der Vorbereitung auf die Tour de France ist dann wohl noch die Slowenien-Rundfahrt geplant.

Doppelspitze mit Remco Evenepoel bei der Tour

Bei der Tour setzt Red Bull dann auf die Doppelspitze aus Remco Evenepoel und Florian Lipowitz. Der offensive Belgier, der zurückhaltende Deutsche – könnte das auch der Rennplan sein? Die Tour ist noch weit weg, auch wenn es keine fünf Monate mehr bis zum Auftakt in Barcelona sind. 

Läuft alles es nach Plan, reist Florian Lipowitz mit 23 Renntagen in den Beinen zur Tour – im vergangenen Jahr war es einer mehr. Damals aber die Rennen mit Paris-Nizza, Baskenland-Rundfahrt und Dauphine deutlich schwerer und prestigeträchtiger! Im vergangenen Jahr ging es bei diesen Rennen auch darum, dass sich Lipowitz in der Rolle als Teamleader zurechtfindet. Was das anbetrifft, dürfte er wichtige Lektionen gelernt haben.

Welcher Plan steckt hinter dem Programm in diesem Jahr? Wählt man in diesem Jahr einen anderen Weg zur Tour, um die Vorbereitung ungestört und mit vollem Fokus auf das Highlight im Juli zu gestalten? Man darf gespannt sein!

Unser Profisport-Experte: Bernd Landwehr

Journalist Bernd Landwehr, Jahrgang 1978, ist Gründer und Chefredakteur des digitalen Radsportmagazins CyclingMagazine Cyclingmagazine sowie Host des gleichnamigen Podcasts. Der Diplom-Medienwissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Radsportszene. In den vergangenen Jahren schrieb er zudem für verschiedene Radsportpublikationen, darunter die Magazine Roadbike und Procycling. Zu seinen Lieblingsrennen zählen die flandrischen Klassiker.

Alle Folgen der Serie

Hier findest du alle Episoden der Fab-Four-Serie 2026 in der Reihenfolge – vom Auftakt bis zur Bilanz.

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Aufmacher-Foto: IMAGO / Photo News