Wenn vom 31. Januar und 1. Februar 2026 in Hulst um die Titel bei den Cyclocross-Weltmeisterschaften bei den Frauen und Männern gekämpft wird, steht nicht nur die Frage im Raum, wer das Regenbogentrikot holt. Sondern auch, wie sich die Fahrer:innen auf einer deutlich umgebauten Strecke schlagen werden. Die Organisatoren haben den bekannten „Vestingcross Hulst” in einen echten WM-Parcours verwandelt: Er ist länger und verfügt über spektakuläre Wasserpassagen sowie einen neuen Wiesenabschnitt, der den Renncharakter spürbar verändern kann. Das wird zu einem ganz anderen Rennverlauf als bei den bisherigen Weltcups rund um die Festung in Hulst führen.
Cyclocross-Experte Jens Schwedler ist vor Ort in Hulst und hat den Kurs inspiziert. Für Alpecin Cycling erklärt er, was den Parcours ausmacht. Und er verrät, wer sich Chancen auf den Weltmeistertitel bei den Frauen und Männern ausrechnen darf.
Die Strecke der Cyclocross-Weltmeisterschaften 2026 in Hulst
Die Cyclocross WM Hulst 2026 wird auf einem Rundkurs von rund 3,3 Kilometern Länge ausgetragen. Pro Runde kommen etwa 150 Höhenmeter zusammen, verteilt auf mehrere Anstiege und Abfahrten entlang der Festungswälle.
„Die Strecke der Cyclocross-Weltmeisterschaft in Hulst wurde in vielen Bereichen deutlich verändert und gezielt verschärft. Besonders prägend sind die zahlreichen künstlich gebauten Brücken und Pontons. Sie beeinflussen nicht nur den Rennfluss, sondern ermöglichen dem Publikum außergewöhnlich gute Einblicke in das Renngeschehen. Zusätzlich wurden neue Brücken über die Wassergräben rund um die historischen Festungswälle von Hulst integriert, wodurch der Kurs einen fast arenaartigen Charakter erhält“, sagt Experte Jens Schwedler.
Tatsächlich wirkt der WM-Kurs wie eine Inszenierung in mehreren Ebenen. Über der Wasserfläche ziehen sich Pontons und Brücken, auf denen die Fahrer:innen die Gräben queren, während auf den Wällen darüber die nächsten Richtungswechsel und Antritte warten. Von den Tribünen aus lässt sich das gesamte Geschehen in vielen Abschnitten fast wie in einem Stadion verfolgen. Ein Effekt, der bei klassischen Wiesen-Parcours so nicht zu erreichen ist.
Ein WM-Kurs für große Motoren
Sportlich ordnet Schwedler die Runde klar ein: „Charakteristisch ist die Strecke klar als Power-Kurs einzuordnen. Lange Geraden bestimmen das Profil, auf denen konstant hohe Leistung gefragt ist. Man kann ohne Übertreibung sagen: Das ist eine klassische MvDP-Strecke – hoher Grundspeed, lange Druckphasen, kaum Erholung. Watt in den Beinen sind hier ein klarer Vorteil.“
Wer in Hulst um Medaillen fahren will, braucht also vor allem einen großen Motor. Die langen, offenen Passagen auf und unterhalb der Festungsmauern laden dazu ein, dauerhaft im roten Bereich zu fahren. Klassische „Verschnaufzonen“ gibt es kaum; selbst nach Hindernissen und Laufpassagen geht es sofort wieder ins Beschleunigen.
Doch der Kurs ist mehr als eine flache Kraftrunde. „Dem gegenüber stehen extrem kurze, aber sehr steile Anstiege und Abfahrten, die das Rennen strukturieren. Besonders zwei längere Anstiege sind entscheidend. Bei den Männern ist davon auszugehen, dass einzelne Fahrer diese Anstiege bei trockenen Bedingungen fahrend bewältigen können. Dieses Kunststück wird bei den Frauenvoraussichtlich keine Fahrerin schaffen, selbst bei guten Bedingungen. Bei Regen und Matsch ist davon auszugehen, dass diese Passagen von niemandem fahrend bewältigt werden“, sagt Schwedler.
Kurz, steil, entscheidend: Anstiege öffnen das Rennen
Diese steilen Rampen sind die vertikalen Nadelöhre des WM-Kurses. Im Trockenen könnten sie für spektakuläre Attacken sorgen, wenn einzelne Fahrer versuchen, sie fahrend zu bezwingen, während andere bereits laufen müssen. Sobald Regen ins Spiel kommt, verwandeln sich dieselben Anstiege aber in rutschige Wände, an denen das Tempo schlagartig zusammenbricht und die Abschnitte zu einer Lauf-Prüfung werden.
Besonders heikel sind die entsprechenden Gegenstücke – die Abfahrten. Schwedler beschreibt sie so: „Hinzu kommen zwei sehr steile Abfahrten, die vor allem im Nachwuchs- und Juniorinnenbereich viel Mut erfordern werden. Bei meiner ersten vollständigen Befahrung bin ich selbst einen Durchschnitt von 18 km/h gefahren und an einer der steilsten Abfahrten zunächst abgestiegen, um Linienwahl, Untergrund und Bremspunkte genau zu analysieren. Das verdeutlicht den Anspruch dieser Passagen. Technisch wird die Strecke vor allem bei Regen zur echten Herausforderung, wenn die kurzen, steilen Hänge rutschig werden und Fehler kaum verziehen.“
Das zeigt: Hulst wird fahrtechnisch kein Zirkuskurs mit künstlichen Spielereien, sondern eine WM-Runde, in der klassische Cross-Fähigkeiten – Bremsdosierung, Balance, Linienwahl – unter hohem Tempo abgerufen werden müssen. Gerade im Nachwuchsbereich wird man sehen, wer den Mut und die Kontrolle mitbringt, diese Abfahrten im Rennen voll zu fahren.
Tempo-Prognose: ungewöhnlich schnelle Rundenzeiten erwartet
Wie schnell der Kurs im Vergleich zu anderen WM-Runden ist, kann Schwedler aus seinem eigenen Recon ableiten. „Aus meinem Trainingswert von 18 km/h im Schnitt lässt das zu erwartende Renntempo ableiten. Es ist davon auszugehen, dass die Profi-Männer im Rennen einen Durchschnitt von etwa 23 bis 25 km/h fahren werden. Trotz der vielen Hindernisse, Brücken und Laufpassagen bleibt das Grundtempo damit außergewöhnlich hoch!“, erklärt der ehemalige Profi.
Dass ein WM-Kurs mit Pontons, Brücken und Laufpassagen dennoch ein derart hohes Schnitttempo zulässt, unterstreicht den Power-Charakter der Runde. Hulst wird damit eher in die Kategorie „schneller, moderner Cross“ fallen als in die der klassischen Matschschlachten.
Das Fazit des Cyclocross-Experten über den WM-Kurs in Hulst
Schwedlers abschließendes Fazit lautet: „Hulst ist kein klassischer Technik-Cross, sondern eine brutale Power-Strecke mit klar definierten Risikozonen. Wer hier Weltmeisterin oder Weltmeister werden will, braucht einen überragenden Motor, Mut in den Abfahrten und die Fähigkeit, auch unter maximaler Belastung die Kontrolle zu behalten.“

Youtube-Video: Kursvorschau mit Puck Pieterse und Tibor Del Grosso
Favorit:innen für die Cyclocross-Weltmeisterschaften in Hoogerheide 2026
„Diese WM-Strecke begünstigt Fahrerinnen und Fahrer mit einem sehr großen Motor, hoher Dauerleistung und der Fähigkeit, auch nach Hindernissen sofort wieder Druck aufzubauen. Angst vor steilen Abfahrten darf hier keine Rolle spielen“, erklärt Jens Schwedler.

Männer: Ein Kurs für Mathieu van der Poel
Bei den Männern weist alles auf ein Rennen hin, in dem Fahrer mit einem extrem großen Motor und hoher Tempofestigkeit im Vorteil sind. Die langen Geraden, die hohen Schnittgeschwindigkeiten und die kurzen, giftigen Anstiege formen einen Kurs, auf dem man sich keinen einzigen „Leerlauf“-Abschnitt leisten kann.
Van der Poel ist auf Kursen mit hohem Grundspeed, klar definierten Schlüsselstellen und wenig Erholung seit Jahren die Referenz. Dahinter steht eine Generation von Fahrern, die auf schnellen, selektiven Parcours in den letzten Zeit immer wieder Akzente gesetzt hat. Nys mit Explosivität , Del Grosso mit starker Tecnik, und Vandeputte als robuste Allrounder, die auch im schweren Gelände nicht einbrechen.
Schwedler bringt es entsprechend auf den Punkt. „Bei den Männern ist diese Strecke wie gemacht für Fahrer mit maximaler Leistung über lange Phasen. Allen voran Mathieu van der Poel, der genau diese Kombination aus Motor, Kontrolle und Renndominanz verkörpert. Zum erweiterten Favoritenkreis zählen Thibau Nys, Tibor Del Grosso und Niels Vandeputte, die über hohe Grundgeschwindigkeit und starke Leistungswerte verfügen.“
>> Interview mit Mathieu van der Poel vor der Cyclocross-WM 2026
Frauen: Keine klare Favoritin
Im Frauenrennen wgibt es nicht die eine Top-Favoritin, was nicht zuletzt an der Dichte in der Spitze iegt. Doch auch hier begünstigt die Charakteristik des Kurses bestimmte Profile. Lange Druckpassagen, die steilen Anstiege, die heiklen Abfahrten und das zu erwartende hohe Renntempo begünstigen Fahrerinnen, die über Jahre gezeigt haben, dass sie physische und mentale Härte kombinieren können.
„Im Frauenfeld ist das Rennen offener, doch auch hier sind Fahrerinnen mit großem Motor klar im Vorteil. Besonders zu nennen sind Puck Pieterse, Lucinda Brand und Ceylin del Carmen Alvarado. Sie vereinen hohe Dauerleistung, Rennerfahrung und die nötige mentale Stabilität für anspruchsvolle Abfahrten und schwierige Bedingungen., so Schwedler.
Damit sind genau jene Namen genannt, die den modernen Frauen-Cross geprägt haben. Pieterse mit aggressiver Fahrweise und starker Technik. Brand mit ihrer Diesel-Power und der Fähigkeit, über eine Stunde konstant an der Schwelle zu fahren. Alvarado mit ihrer Mischung aus Punch, Fahrtechnik und Renninstinkt.
TV-Tipp: Cyclocross-Weltcup in Hoogerheide 2026 live auf Discovery Plus
Der Streamingdienst Discovery Plus überträgt die WM-Rennen der Elite in Hoogerheide am 31. Januar und 1. Februar live. Das Frauenrennen wird am 31 Januar ab 15:00 Uhr übertragen. Die Männer werden am 1. Februar ebenfalls ab 15:00 Uhr live gezeigt.
Unser Cyclocross-Experte: Jens Schwedler

Jens Schwedler ist ein ehemaliger deutscher Cyclocross- und Mountainbike-Profi. Im Cyclocross wurde er mehrfach Deutscher Meister (u. a. 2002 und 2005). Im Mountainbike erreichte er internationale Top-Resultate, darunter Platz 14 bei der WM 1996.
Heute ist der 57 Jahre alte Hamburger im Cyclocross als Trainer und sportlicher Leiter aktiv und hat sich speziell der Förderung der Kinder und Jugendlichen zum verschrieben. Daneben fährt er, wenn es die Zeit zulässt, Masters-Rennen. Überaus erfolgreich, was seine WM-Titel dort beweisen.
Zu Mathieu van der Poel hat er eine besondere Verbindung. Zum einen war dessen Vater Adrie Schwedlers Konkurrent in den Cyclocross-Rennen. Zum anderen begleitete Jens die Karriere von Mathieu von Beginn an mit, da der Niederländer lange auf der Radmarke Stevens, Schwedlers Arbeitgeber, unterwegs war.
Fotos: Fellusch
