Vorschau auf Mailand-Sanremo 2021 mit Ex-Profi Rolf Aldag

19.03.2021

Mit Mailand-Sanremo am kommenden Samstag bestreiten die Radprofis das erste Monument des Jahres 2021. Heftig spekuliert wird darüber, wer die besten Chancen auf den Sieg auf der Via Roma hat. Machen Vorjahressieger Wout van Aert, Weltmeister Julian Alaphilippe sowie Mathieu van der Poel den Sieg unter sich aus? Und wer zählt zum erweiterten Favoritenkreis? Alpecin Cycling sprach mit Rolf Aldag – Ex-Profi, Sportlicher Leiter beim Team Bahrain-Victorious und Eurosport-TV-Experte – über Favoriten, Strategien und die Faszination von „La Classicissima“. Aldag, der bei Mailand-Sanremo selbst zehn Mal am Start stand, wird das Rennen für Eurosport von Kilometer null an ab 9:25 Uhr kommentieren.

Ist Mailand-Sanremo eigentlich ein Rennen, dass sie als Profi gern gefahren sind?

Eines vorweg: Innerhalb der Rennfahrer ist es komplett kontrovers. Das betrifft aber nicht nur Mailand-Sanremo, sondern auch Paris-Roubaix oder Lüttich-Bastogne-Lüttich. Ein Sprinter findet nichts an Lüttich, ein Bergfahrer nichts an Roubaix. Komischerweise ist Strade Bianche ein Rennen, das alle toll finden.

Aber bei Mailand-Sanremo ist es in der Tat so, dass man es als Rennfahrer lieben lernen muss. Für mich selbst war es am Anfang eines von vielen Rennen und es war wichtig, die Distanz vor den flandrischen Frühjahrsklassikern zu absolvieren. Aber es hatte nicht oberste Priorität, bis ich dann einen Zimmerkollegen namens Erik Zabel bekam. Ete hatte als Rennfahrer eine ganz andere Sicht auf das Rennen. Die Philosophie war interessant, wie er dieses Rennen erklärt hat. Wie sich das Rennen entwickelt, wie es sich aufbaut – die gesamte Dramaturgie.

Können Sie uns das erklären

Du fährst als Rennfahrer in diesem für gewöhnlich nebelgrauen Mailand los – durch hässliche Industriegebiete. Es ist kühl, Du bist dick angezogen. Dann gibt es vom Start weg die Attacken der Zweit-Kategorie-Teams, die per Wildcard eingeladen wurden.

Danach wird alles wieder ruhig und jeder Fahrer findet seine Position im Feld. Das Rennen verläuft dann erstmal sehr kontrolliert. Nach der Fahrt über den Turchino-Pass, der dieses Jahr durch Colle di Giovo ersetzt wird, gefolgt von der Abfahrt und bist Du auf einmal unten auf der Via Aurelia an der Küste.

Von diesem grauen Mailand in nur wenigen Stunden ans sonnige Mittelmeer mit den Palmen. Da kommt fast Urlaubsstimmung auf. Doch dann beginnt das Rennen erneut mit den drei Capi – Capo Mele, Capo Cervo sowie Capo Berta – und dem Finale Cipressa und Poggio sowie dem Sprint auf der Via Roma.

Aber es war für sie trotz allem keine Vergnügungsfahrt – trotz Palmen, Meer und Sonne?

Wenn Du einen Fahrer wie Erik Zabel im Team hast, musst Du als Mannschaft 300 Kilometer lang das Rennen kontrollieren. Als Helfer ist das dann schon unangenehm (lacht). Da ist Dir ein 200 Kilometer langes Rennen lieber als ein 300 Kilometer langes.

Aber natürlich haben wir uns riesig gefreut, wenn Erik gewonnen hat. Und waren maßlos enttäuscht, wenn er hätte gewinnen können, aber wir es als Helfer vermasselt haben. Wie damals als Andrei Tchmil gewinnt, gar kein Team mehr hatte und Ete auf sich allein gestellt war.

Vorjahressieger Wout van Aert, Weltmeister Julian Alaphilippe und Mathieu van der Poel gelten als die Top-Favoriten. Wer fährt da eigentlich mit, wenn diese drei am Poggio attackieren?

Ehrlich gesagt keiner, wenn diese Drei da Ernst machen. Aber das Problem zieht sich durch die ganze Klassikersaison. Ich bin ja auch Sportlicher Leiter von Bahrain-Victorious und mache die Performance Pläne für die Klassiker.

Die gegnerischen Teams haben ja nicht nur mit der Herausforderung zu kämpfen, dass die drei sich nur schwer abhängen lassen. Sondern sie lassen sich auch nicht so einfach im Sprint schlagen. Selbst wenn man mit ihnen zusammen auf die Via Roma fährt, wird es ja auch schwer, überhaupt zu gewinnen.

In der Tat ist es superschwer, sich Szenarien zu überlegen, wie man die Drei letztendlich in Schach hält beziehungsweise in die Defensive zwingt. Die anderen Teams können vielleicht noch überlegen, wie sie zwischen Cipressa und Poggio Mathieu van der Poel von seiner Mannschaft isolieren. Aber er kann sich dann im Endeffekt auf Jumbo-Visma und Quick Step verlassen. Da wird dann aus drei Mannschaften eine, weil die beiden ja dann auch das Rennen kontrollieren wollen.

Zwar sind die Teams der drei Favoriten Konkurrenten, die sich gegenseitig belauern, aber werden auch zusammenarbeiten, wenn es nötig ist. Das geht ja mittlerweile soweit, dass Mathieu van der Poel und Wout van Aert zusammenarbeiten.

Inwiefern?

Wir hatten eine Zeit, da sind Mathieu van der Poul und Wout von Aert gegeneinander gefahren. Es war sehr gut bei Gent-Wevelgem 2020 zu sehen, aber auch bei einigen anderen Rennen im vergangenen Jahr. In dem Sinne, dass es den beiden extrem wichtig war, den jeweils anderen verlieren zu lassen – von Kilometer null an.

Davon konnten andere Fahrer profitieren, da van der Poel und van Aert dabei natürlich auch Körner liegen ließen. Jetzt aber haben die anderen Mannschaften mit dem Problem zu kämpfen, dass Wout und Mathieu erst einmal miteinander fahren und es dann hinten raus aussortieren. Das macht es natürlich viel schwerer.

Jetzt haben die beiden ja praktisch beschlossen, lass uns erst einmal zusammenarbeiten, bis wir ins Finale gekommen sind und dann sprinten wir es einfach aus: zwischen uns beiden im Fotofinish oder am letzten Hügel.

Gibt es keine Chance für andere starke Fahrer, auf der Abfahrt nach Sanremo die Lücke nach vorne zu schließen?

Spielen wir das doch durch! Die drei Protagonisten attackieren und kommen weg. Kwiatkowski hängt acht Meter dahinter, Matthews weitere sieben Meter dahinter, vielleicht noch ein und zwei weitere Fahrer mit einem Abstand von vier bis acht Metern. Die robben sich dann zusammen.

Schön und gut. Aber dann stehen sie immer noch vor dem großen Problem, dass die drei da vorne auch noch zu den allerbesten Abfahrern im Peloton zählen. Die Verfolger fahren den Poggio runter nicht einfach mal acht oder zehn Meter zu.

Als Alaphillipe sich vergangenes Jahr in der Abfahrt zweimal versteuert beziehungsweise verbremst hat, war das eine Ausnahme. Aber normalerweise machst du als Verfolger bei den dreien auf der Abfahrt keine zehn Meter gut.

Macht dann eine Attacke an der Cipressa Sinn beziehungsweise wie könnte diese von Erfolg gekrönt sein?

Ganz sicher nicht, wenn da ein Einzelner losstiefelt. Zwischen Cipressa und Poggio muss ein Fahrer im Flachen 500 Watt drücken, wenn er alleine im Wind fährt. Alleine hat da niemand eine Chance. Da kommt ein Fahrer maximal noch bis in den Einstieg oder maximal die Hälfte des Anstiegs des Poggio, aber nicht darüber.

Das heißt, es bräuchte schon eine gut zusammenarbeitende Gruppe von vier bis fünf Fahrern. Und das ist dann wiederum unwahrscheinlich. Denn welches Team hat schon solch starke Fahrer, die da wegfahren können, ohne dass Jumbo-Visma, Alpecin-Fenix und Deceuninck – Quick Step reagieren. Hoffentlich wird es an diesem Punkt zumindest spannend, aber einfach ist das halt nicht.

Was wäre Ihr Wunschszenario?

Idealerweise könnte eine ganz große Gruppe am Start wegfahren. Dann müssten die Favoritenteams in der Folge so viel Energie in die Arbeit investieren, um diese zurückzuholen, dass dann die Kapitäne im Finale isoliert wären. Dann kann das Rennen spannender werden.

Wenn da aber jetzt, wie immer, vier Fahrer wegfahren, dann bringt das nichts. Die kommen ja praktisch von alleine wieder zurück. Selbst wenn die unten an der Küste noch zehn Minuten Vorsprung haben, dann kommen sie nicht an. Aber wenn sich eine Gruppe mit 14 bis 18 Fahrern findet, und die sich sagen, die einzige Chance überhaupt irgendwas zu machen, ist die Flucht, dann kann es interessanter werden.

Um solch eine Gruppe zurückzuholen, reicht es halt nicht, wenn nur ein Profi von Jumbo-Visma, Alpecin-Fenix und Deceuninck – Quick Step fährt. Das wird nichts werden. Da müssen die Teams schon mehr Fahrer zur Nachführarbeit abstellen, die dann wiederum im Finale fehlen.

Beim Blick auf die Startliste bekommt man das Gefühl, dass Teams mit drei Kapitänen ins Rennen gehen.

Also drei Kapitäne funktionieren nicht. Zwei funktionieren natürlich schon für folgende zwei Szenarien: Entweder es kommen doch insgesamt 30 bis 40 Fahrer nach vorne zu den Ausreißern und Dein Sprinter ist mit dabei. Oder aber es kommt keiner mehr zurück und dann haben wir einen Fahrer vorne. Diese Strategie kann man natürlich immer fahren. Oder man kann sie zumindest nach außen verkaufen.

Deceuninck – Quick Step hat aber auf dem Papier mehr als zwei Optionen. Im Vergleich zu Jumbo-Visma mit Wout von Aert und Alpecin-Fenix mit Mathieu van der Poel kann Quick Step auch noch andere Karten spielen. Bis auf Tim Declercq kann ja jeder aus der Equipe das Rennen gewinnen.

Ja das stimmt. Tim Declercq wird von Kilometer Null fahren und so gut wie der drauf ist, verrichtet er wahrscheinlich bis Capo Berta seinen Dienst an der Spitze des Pelotons. Alle anderen Fahrer sind Optionen. Aber: Sie müssen sich natürlich schon drüber einig werden, für wen sie wann und wie fahren sollen.

Allerdings können sie natürlich auch aufgrund ihrer Breite an Top-Fahrern die Dynamik im Rennen sehr gut nutzen. Und bei Mailand-Sanremo muss man sehr schnelle Entscheidung treffen. Aber man hat bei Omloop Het Nieuwsblad gesehen, wie das funktioniert. Da hat Alaphilippe aus der Spitzengruppe heraus attackiert und als dann das Feld von hinten herankam, fuhr er sofort vorne Tempo für seinen Mannschaftskameraden Davide Ballerini, der dann gewann.

Julian switchte sozusagen sofort vom Weltmeister und Kapitän zum Helfer und gab sich dann voll dieser Rolle hin. Das ist schon beeindruckend und das macht auch Quick-Step aus. Drei Kapitän, fünf Kapitäne – eigentlich gibt es die bei denen nicht. Quick-Step hat für jede Situation einen Kapitän.

Und mit Sam Bennett auch einen Sprinter

Ja – aber das hatten sie 2019 mit Elia Viviani auch. Damals haben sie das Rennen richtig in die Hand genommen und sind selbst voll in die Anstiege reingefahren.

Obwohl sie Viviani als Sprinter dabeihatten – aber so richtig Rücksicht auf einen Sprinter nehmen sie ja dann auch nicht. Auf einen Sprinter zu setzen, ist bei Mailand San Remo schon sehr spekulativ. Wer die Möglichkeit hat, versucht das Feld auseinander zu fahren. Das war zumindest 2019 die Strategie des Teams.

Damals war aber die Konkurrenz auch noch nicht so stark und sie konnten auch davon ausgehen, dass Julian Alaphilippe alleine ankommt. Ich persönlich glaube nicht, dass Deceuninck – Quick Step Rücksicht auf einen Sprinter nehmen wird, das ist für mich deren Plan B.

Ich glaube, dass Julian Alaphilippe sich das Heft des Handelns nicht nehmen lassen wird und am Ende des Tages ist es auch kalkulierbarer aus einer Dreiergruppe heraus zu sprinten als aus einer Gruppe von 45.

Aber Quick Step hat ja auch die Option, die Füße still zu halten…

Was Julian Alaphilippe natürlich machen kann ist, dass er keinen Meter im Wind fährt. Er kann in diesem Jahr auf Attacken warten und sich dann sagen: Ich fahr mit, aber dann auch keinen Meter Führung.

Die Antritte aus der Kurve fahr ich von Position drei und unten, wenn wir nach der Abfahrt des Poggios rauskommen, fahr ich kein Meter, sondern nur von rechts nach links – mit dem Argument, dass sein Sprinter von hinten kommt.

Das meint er aber nicht ernst. Denn er will halt schon selbst gewinnen. Oder Julian Alaphilippe greift an und sagt sich dann ganz einfach: ‚ich führe nicht.‘ Dann wird er natürlich mindestens Dritter.

Ineos Grenadier – eigentlich eine typische Grand Tour-Equipe – überzeugte zuletzt bei einem klassischen Eintages-Rennen wie Strade Bianche. Könnten die Mannschaft für eine Überraschung sorgen?

Ja. Die sind vielleicht gerade mal ne halbe Nummer schlechter als Deceunick- Quick Step. Und mit ihrem neuen Teamspirit und der Ansage von Dave Brailsford, in Zukunft attraktiver und offensiver fahren zu wollen, können die natürlich für eine Überraschung sorgen.

Michal Kwiatkowski kennt das Rennen sehr gut und hat es auch schon gewonnen. Gianni Moscon sowie Filippo Ganna können richtig treten und Tom Pidcock ist gut im Sprint. Der ist zwar noch sehr jung und 300 Kilometer sind weit. Aber inzwischen ist Jugend ja auch keine Ausrede mehr, nachdem Remco Evenepoel 2019 San Sebastian gewonnen hat.

Für Sie wird das am Samstag ein ähnlich langer Tag wie für die Rennfahrer, denn Sie kommentieren von Kilometer null an um kurz nach halb zehn Uhr morgens?

Ja, das stimmt (lacht). Aber das Schöne als Kommentator ist, dass Du einen besseren Überblick über das Rennen hast und mehr Informationen via Ticker etc. bekommst als der Sportlicher Leiter.

Ich sag immer: Der, der die wichtigsten Entscheidungen treffen muss, sieht am wenigsten vom Rennen – nämlich der Sportliche Leiter. Der funkt zwar mit den Fahrern, aber sieht höchstens das verzögerte Fernsehbild – und im Finale von Mailand-Sanremo gar nichts im Auto, weil er keinen Empfang mehr hat, wenn es in die letzten Hügel geht. In diese Sinne freue ich mich auf gute Sicht und ein spannendes Rennen.

Das Streckenprofil von Mailand-Sanremo 2021

TV-Tipp: Mailand-Sanremo 2021 auf Eurosport

Der Klassiker Mailand–Sanremo wird komplett ab Kilometer 0 bei GCN, im Eurosport Player und mit Eurosport bei Joyn+ somit im vollen Umfang ab 9:25 Uhr live übertragen.
Das Free-TV bei Eurosport 1 „steigt“ ab 12:45 Uhr in die Berichterstattung ein.
Am Mikrofon sind Rolf Aldag, Jean-Claude Leclercq und Karsten Migels.

Fotos: Getty Images, Eurosport, Photo News, RCS Sport

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