Deutsch Deutsch

Analyse des Giro d‘Italia-Parcours 2021: „schön und steil!“

Am 8. Mai startet die 104. Austragung des Giro d’Italia mit einem Einzelzeitfahren in Turin. Knapp 3480 Kilometer und 21 Etappen später endet am 30. Mai die Italien-Rundfahrt ebenfalls mit einem Kampf gegen die Uhr in Mailand. Dazwischen gibt es jede Menge Spektakel: auf den Strade Bianchis der Toskana, beim Gipfelfinish des steilen Monte Zoncolan, auf der Königsetappe durch die majestätischen Dolomiten sowie vielen weiteren Kletterpartien auf teils unbekannten steilen Wegen. Für Alpecin Cycling hat mit Ex-Profi Maurizio Fondriest ein intimer Kenner der Szene den diesjährigen Giro-Parcours analysiert:

„Ich denke, der Veranstalter möchte ein spannenderes Rennen veranstalten und hat deshalb die Gesamthöhenmeterzahl reduziert“ erläutert der Straßen Weltmeister von 1988 und zweifache Giro Etappengewinner, „dafür wurden jedoch mehr Bergankünfte eingebaut“. Im Vergleich zu 2020 gibt es 2021 acht anstatt fünf Bergankünfte, die Zahl der zu erkletternden Höhenmeter sinkt von 58 300 auf 47 000. „Die wenigen Zeitfahrkilometer – insgesamt nur 38 – bevorzugen eindeutig die Kletterer unter den Klassementfahrern“, so Fondriest weiter, der in seiner Karriere vier Mal am Corsa Rosa teilnahm.


Auch wenn sich das Geschehen auf die dritte Woche beziehungsweise die letzten achten Etappen – beginnend mit der Bergankunft am Monte Zoncolan fokussiert – so können sich die Anwärter aufs Maglia Rosa keineswegs lange verstecken. Auch schon in den ersten beiden Wochen gibt es kurze und knackige Etappen – mit Bergankünften und anspruchsvollen Finals wie beispielsweise die Abschnitte vier, sechs und neun.


Klassiker-Etappe auf den Spuren der Strade Bianche

Für Maurizio Fondriest ist eines der Highlights aber die Klassiker-Etappe am 19. Mai auf den Spuren von Strade Bianche. „Hier kann ein Fahrer den Giro nicht gewinnen, wohl aber verlieren“, so der in Cles wohnende Fondriest. Auf dem 11. Tagesabschnitt zwischen Perugia und Montalcino führt das Etappenfinale auf 34 Kilometern über vier Schotter-Sektoren. „Diese Etappe erinnert an den 7. Abschnitt des Giro 2010 von Carrara nach Montalcino. Damals gewann Cadel Evans die Etappe im Regenbogentrikot. Mein Tipp: Das Video auf Youtube ansehen, um zu verstehen, dass man dort das Rennen verlieren kann“, so Fondriest.


Dass diesem Tagesabschnitt im Peloton viel Respekt entgegen gebracht wird, war bereits am Starterfeld des Neo Klassikers abzulesen. So standen viele der Grand Tour-Fahrer dieses Jahr bei Strade Bianche am Start.
„Ich denke, dass die Fahrer, die dieses Jahr die Strade Bianche gefahren sind, eine sehr gute Erfahrung für die 11. Giro-Etappe gemacht haben. Es ist ungewöhnlich, diese Art von Etappe in eine große Rundfahrt einzubauen, wie die Kopfsteinpflaster-Etappe bei der Tour, so dass die Grand-Tour-Fahrer nicht daran gewöhnt sind, so etwas zu fahren“, erklärt Fondriest.


Entschieden wird der Giro aber letztendlich in den letzten acht Tagen, wenn es in die Berge geht. „Für mich sind die Bergankünfte auf den Abschnitten Cittadella – Monte Zoncolan, Canazei – Sega di Ala, Abiategrasso – Alpe di Mera und Verbania – Alpe Motta von allergrößter Bedeutung fürs Podium in Mailand“, so Fondriest.
Zwar wird der Zoncolon von der angeblich weniger schweren Seite von aus Sutrito hochgefahren werden – allerdings können auf den finalen drei Kilometer mit durchschnittlich 13 Prozent und Rampen mit bis zu 27 Prozent für große Zeitabstände entstehen.

Höhenprofil Monte Zoncolan: Der Schlussanstieg der 13. Etappe des Giro 2021


Sowohl der Anstieg nach Sega di Ala als auch auf die Alpe di Mera sind Neuland für die allermeisten Fahrer. Noch nie standen diese steilen Finals im Roadbook eines Giros. Beim Anstieg nach Sega di Ala im Trentino müssen die Fahrer 1100 Höhenmeter auf einer Länge von 11,5 Kilometern wettmachen – oder anders beschrieben 9,4 Prozent Durchschnittssteigung und in der Spitze 13,7 Prozent erklimmen. Ein gewisser Vincenzo Nibali gewann hier 2013 die Etappe beim Giro del Trentino sowie am Ende auch die Gesamtwertung.


Nur zwei Tage später erobert der Giro-Tross abermals Neuland. – auf dem Weg ins Etappenziel zur Alpe die Mera. Von Scopello windet sich der letzte Anstieg auf einer Länge von 10 Kilometern hinauf ins Skigebiet. Die durchschnittliche Steigung liegt bei rund neun Prozent, wobei einige Rampen mit 14 Prozent den Rhythmus brechen.


Erschwerend hinzu kommt in dieser verlängerten Schlusswoche noch, dass das Peloton die längste Etappe des Giros über 231 Kilometern von Rovereto nach Stradella bestreiten sowie auf der Königsetappe von Sacile nach Corina d’Ampezzo luftige Höhe erklimmen muss. Auf dem 212 Kilometer langen Abschnitt mit insgesamt 5500 Höhenmeter durch die Dolomiten müssen Passo Fedaia, Passo Pordoi – dem diesjährigen höchsten Punkt des Giros mit 2239 Metern – und der Passo Giau erklommen werden. Die Länge und Schwierigkeit des Abschnittes wird aller Voraussicht nach jedoch viele GC-Fahrer defensiv agieren lassen – zumindest bis zum letzten Berg, von dem es allerdings bis hinunter ins Ziel noch knapp 20 Kilometern sind.

Höhenprofil der Königsetappe des Giro d’Italia 2021 über drei Pässe

Bei soviel „freeclimbing” in der letzten Woche könnte das finale Einzelzeitfahren am Schlusstag in Mailand über 28 Kilometer für die Podiumsplatzierten Klassementfahrer zum Schaulaufen werden. Lediglich ein „rabenschwarzer Tag“ mit Defekt oder Sturz, kann dem ein oder anderen Favoriten noch einen Strich durch die Gesamtrechnung machen und auf seine Kontrahenten dann doch mehr als eine Minute verlieren lassen. Ansonsten wird der Kampf gegen die Uhr wie auch das Einzelzeitfahren zum Auftakt des Giros in Turin etwas für die Spezialisten sein.
Apropos Spezialisten: Den Sprintern bieten sich bei diesem Giro fünf echte Chancen auf eine Sprint Royal – vorausgesetzt ihre Teams holen die Ausreißer rechtzeitig ein. Wer als endschneller Mann gut über die Hügel kommt, hat noch zwei zusätzliche Chancen, am Ende ganz vorne zu sein. Aber die Faszination dieses Giro werden im Gegensatz zur Tour de France 2021 die „hohen Berge“ und der Kampf Mann gegen Mann sein.

Video: Der Parcours des Giro d’Italia 2021

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Alle 21 Etappen des Giro d’Italia 2020 auf einen Blick

EtappeDatumStart – ZielLängeCharakter
18. MaiTurin – Turin8,6 kmEinzelzeitfahren
29. MaiStupinigi – Novara179 kmflach
310. MaiBiella – Canale190 kmhügelig
411. MaiPiacenza – Sestola187 kmhügelig
512. MaiModena – Cattolica177 kmflach
613. MaiGrotte di Frasassi – Ascoli Piceno160 kmhügelig (BA)
714. MaiNotaresco – Termoli181 kmflach
815. MaiFoggia – Guardia Sanframondi170 kmhügelig
916. MaiCastel di Sangro – Campo Felice158 kmbergig (BA)
1017. MaiL’Aquila – Foligno139 kmflach
1119. MaiPerugia – Montalcino162 kmhügelig
1220. MaiSiena – Bagno di Romagna212hügelig
1321. MaiRavenna – Verona198 kmflach
1422. MaiCittadella – Monte Zoncolan205 kmbergig (BA)
1523. MaiGrado – Gorizia147 kmhügelig
1624. MaiSacile – Cortina d’Ampezzo212 kmbergig
1726. MaiCanazei – Sega di Ala193 kmbergig (BA)
1827. MaiRovereto – Stradella231 kmflach
1928. MaiAbbiategrasso – Alpe di Mera176 kmbergig (BA)
2029. MaiVerbania – Alpe Motta164 kmbergig (BA)
2130. MaiSenago – Mailand30,3 kmEinzelzeitfahren

Fotos:  RCS Sport / LaPresse
Grafiken:  RCS Sport

Jetzt zum Newsletter anmelden
Und keine Tipps, Neuigkeiten & Angebote mehr verpassen
Vielen Dank für deine Anmeldung zum Newsletter. Bitte bestätige noch deine E-Mail-Adresse, um den Newsletter zukünftig empfängen zu können.