Vorschau Tour de France 2020: Die Strecke

18.10.2019

Am 27. Juni 2020 startet die 107. Frankreich-Rundfahrt an der Cote d’Azur in Nizza. Auf 21 Etappen führt Grande Boucle über 3470 Kilometer und 29 Anstiege bis nach Paris, wo sie am 19. Juli endet. Wer dann vor dem Arc de Triomphe im Gelben Trikot fährt, war der stärkste Profis auf einer der härtesten Kletterpartien der vergangenen Jahre.

Nach der Tour ist vor der Tour. Keine drei Monate nach dem Triumph des jungen Kolumbianers Egan Bernal hat Tour-Direktor Christian Prudhomme die „große Schleife“ des Jahres 2020 im Palais des Congrès in Paris vorgestellt. Und fast alles ist im Vergleich zu den vorangegangenen Austragungen anders – auf den 3470 Kilometern von Nizza nach Paris. Ob es dadurch besser oder schöner wird, müssen Fahrer, Fans und Experten selbst entscheiden. Hier die wichtigsten Erkenntnisse nach der Streckenpräsentation.

Strecke der Tour de France 2020

Credit: A.S.O.

Eine Frankreich-Rundfahrt für kletterstarke Klassementfahrer

Bereits auf der zweiten Etappe – einen Loop um den Küstenort Nizza – wird anständig über die Anstiege der Seealpen geklettert. Insgesamt vier Pässe und insgesamt knapp 4000 Höhenmeter haben die Profis zu bewältigen und dieser Parcours dürfte zu einer ersten Zäsur im Peloton führen und vielleicht auch zu der einen oder anderen Überraschung Denn: Die großen Team müssen eigentlich, um die Etappe nicht kontrollieren zu müssen, starke Helfer in die Gruppe schicken. Also „die“ Chance für starke Kletterer aus der zweiten Reihe bei Teams wie Ineos, Jumbo-Visma, Groupama-FDJ, AG2R La Mondiale und Movistar „Gelb“ tragen zu können. Zwei Tage später folgt hinauf nach Orcières-Merlette auf 1 825 Meter die erste von insgesamt 5 Bergankünften – das Zeitfahren miteingerechnet. An Anstiegen wird bei dieser Tour eh nicht gespart. Insgesamt 29 Mal müssen die Profis berghoch – teilweise auf neuen unbekannten Routen. Manch Journalist verglich das Profil dieser Frankreich-Rundfahrt mit der der Vuelta; nicht ganz zu Unrecht. Es scheint, als sollen Frankreichs Kletterer Thibaut Pinot, Romain Bardet sowie der starke Puncheur Julian Alaphilippe der Grand Nation endlich den lange ersehnten Tour-Sieg bescheren. Wer sich allerdings den Kader des Team Ineos oder auch Jumbo-Visma genauer ansieht, weiß wie schwer dieses Unterfangen werden wird.

Stippvisite in den Pyrenäen – viele Anstiege im Zentralmassiv

Dem neben den Alpen wichtigsten Schauplatz für Duelle am Berg, den Pyrenäen, werden die Fahrer nur einen sehr kurzen Besuch abstatten. Und rennentscheidend werden die Tagesabschnitte 8 und 9 mit insgesamt 5 Anstiegen nicht sein. Es gibt keine Bergankunft im Grenzgebirge zu Spanien. Die Etappe 8 mit dem Ziel in Loudenvielle könnte etwas für kletterfeste Puncheure sein wie den Franzosen Julian Alaphilippe. Der Aufstieg zum Col de Peyresourde ist nicht allzu lang und steil , die Abfahrt hinunter in den klene Zielort bietet einem starken „Techniker“ die Möglichkeit, sich abzusetzen. Die zweite Pyrenäen-Etappe scheint ideal für Ausreißer. Im Gesamtklassement werden sich daher kaum Veränderungen ergeben, da der letzte Pass – der Col de Marie Blanque – knapp 20 Kilometer vor dem Ziel liegt. Mehr Raum erhält in diesem Jahr das Massif Centrale – das Zentralmassiv. Insgesamt an sieben teilweise bislang unbekannten Anstiegen „batteln“ sich hier die Fahrer. Schwer zu kontrollieren wird die Etappe 13 sein, bei der es auf schmalen Straßen ständig hoch sowie runter geht und deren Finale eine bis zu 15 Prozent steile Rampe am erloschenen Vulkanberg Puy Mary kürt.

Wenig „typische“ Sprinteretappen

Zwar spricht die Organisation der Tour von insgesamt neun Flachetappen , aber die Sprinter haben dann doch recht dicke Backen gemacht, als sie sich die Stecke genauer angesehen haben. Denn bei einem „worst case“-Szenario müssen die endschnellen Männer drei Wochen lang auf ihre Chance warten. Dann nämlich endet die Tour mit der Prestige-Etappe auf den Champs-Elysees in Paris. Auch wenn nicht alle Profile bis ins Detail ausgearbeitet sind., gibt es wenig echte und für die Teams gut kontrollierbare Flachetappen mit einem sogenannten Boulevard-Sprint. Auch die erste Etappe in und um Nizza enthält einige satte Höhenmeter und bietet Ausreißern die Chance erstmals seit langem eine Auftaktetappe zu gewinnen. Und die auf dem Papier vermeintlich einfach aussehende Etappe 10 führt am Atlantik gen Norden und wird aller Voraussicht vom Winde verweht. Das gleiche Schicksal kann auch am Tag darauf die Etappe beeinflussen. Die sogenannten Transfer-Etappen von und in die Berge werden aller Voraussicht von Ausreißern bestimmt und können nur schwer von den wenigen Sprinter-Teams kontrolliert werden. Oftmals schleicht sich in die ultimative Streckenführung dann doch auch noch mal kurz vor Ziel die eine oder andere Schippe Sand, die die Sprinter dann zur Verzweiflung bringt. Letztendlich werden die Mannschaften „entscheiden“, ob es zu „Sprint Royals“ kommt. Und auch die Besetzung der teilnehmenden 22 Teams wird abhängig vom Parcours des Giro d’Italia sein. Sollte der Organisator der Italien-Rundfahrt  in wenigen Wochen bei seiner Streckenpräsentation tatsächlich 5 bis 7 echte Flachetappen anbieten, werden Ewan, Viviani, Gaviria & Co. eher am Stiefel fahren als in Frankreich.

Showdown in den Alpen – aber keine mythischen Berge

Die großen Tour-Berge wie Mont Ventoux, Alpe d‘Huez, Col du Galibier und Col du Tourmalet fehlen gänzlich auf dem Streckenplan. Dagegen müssen die Fahrer beispielsweise mit dem Puy Mary im Zentralmassiv und dem Col de la Loze in den Alpen neue Anstiege erklimmen. Letzterer ist eine reine Fahrradstraße und war bis vor kurzem noch ein Schotterweg.  Bei der Tour de l‘Avenir 2019 fand sozusagen als Generalprobe auf der neuen asphaltierten Straße ein Bergzeitfahren statt. Das Besondere. Der Anstieg ist über 20 Kilometer lang, im Schnitt knapp 8 Prozent steil und die finalen vier Kilometer sollen nach Aussage von Experten über 20 Prozent steil sein. Der 2304 Meter hohe „junge“ Berg ist damit nicht nur der siebthöchste Pass in Frankreich, sondern auch das Dach der Tour2020. Unbestritten, ist dass die 17. Etappe von Grenoble über den Col de La Madeleine auf den Col de la Loze die Königsetappe der Tour 2020 ist. Am nächsten Tag warten auf die Fahrer auf dem Weg von Meribel nach La Roche-sur-Foron zwei neue alte Bekannte. Der 2019 wegen eines Erdrutsches unbefahrbare Cormet de Roselend ist der erste Anstieg auf der 17. Etappe und die letzte Schwierigkeit – weil Gravel nicht mehr fehlen darf – ist die Schotterstraße auf dem Plateau des Glières, das 2018 bereits Teil der Tour war. Obwohl die Giganten aus Stein 2020 links liegen gelassen werden, werden die Alpenetappe – allen voran die Königsetappe, das Highlight dieser Tour für die Zuschauer werden.

Kaum „echte“ Zeitfahrkilometer

Früher hieß es immer: Nur ein kompletter Radfahrer kann die Tour gewinnen. Von diesem Motto wird sich mehr und mehr verabschiedet. Denn anspruchsvolle Klassiker-Etappen, die Positionsfahren und Fahrtechnik verlangen, fehlen 2020 genauso wie ein klassisches Zeitfahren. Weder ein individueller noch ein mannschaftlich geschlossener Kampf gegen die Uhr sind im Parcours verzeichnet. Das einzige Zeitfahren, das am vorletzten Tag stattfindet und die Spannung um den Tour-Sieg hochhalten soll, ist eine Gemengelage, aus flach, wellig und bergig und endet mit einem 8 Kilometer langen Anstieg auf die Planche de Belles Filles in den Vogesen. Diesen Anstieg zum Ski-Resort, so scheint es, ist für die Streckenplaner der Prototyp von modernen Tour-Bergen. Denn nach seiner Premiere im Jahr 2012 steht er 2020 zu bereits fünften Mal auf dem Streckenplan; allerdings müssen die Fahrer dort nicht wie 2019 über Schotter „graveln“.  Aller Voraussicht wird der Sieger dieses 36 Kilometer langen Tagesabschnitts ein eher leichter Berg- und kein klassischer Zeitfahrer sein.

Sekundengewinne durch Zeitbonifikationen

Wie auch schon in den vergangenen Jahren soll es bei insgesamt 8 Anstiegen sogenannte Bonussekunden geben: vorbehaltlich jedoch, da dies der internationale Radsportverband (UCI) noch genehmigen muss . Die ersten drei Fahrer, die als Erste oben sind, erhalten 8, 5 und 2 Sekunden Bonus. Hinzu komme noch die Zeitgutschriften für die ersten Drei einer jeden Etappe im Ziel – mit Ausnahme des Einzelzeitfahrens. Hier werden noch einmal 10, 6 und 3 Sekunden abgezogen. Wer hier clever fährt, Punch beziehungsweise Antrittsstärke besitzt, kann sich auf einer Etappe ein hübsches Sümmchen von immerhin 18 Sekunden anhäufen. Es ist also durchaus möglich, dass die Bonussekunden unterwegs bei einigen Teams an Bedeutung gewinnen.

Alle 21 Etappen der Tour de France 2020 im Überblick

Etappe Datum Start – Ziel Länge Charakter*
1 27. Juni 2020 Nizza – Nizza 156 km flach
2 28. Juni 2020 Nizza – Nizza 187 km hügelig
3 29. Juni 2020 Nizza – Sisteron 198 km flach
4 30. Juni 2020 Sisteron – Orcieres-Merlette 157 km hügelig (BA)
5 1. Juli 2020 Gap – Privas 183 km flach
6 2. Juli 2020 Le Teil – Mont Aigoual 191 km wellig
7 3. Juli 2020 Millau – Lavaur 168 km hügelig
8 4. Juli 2020 Cazeres-sur-Garonne – Loudenvielle 140 km bergig
9 5. Juli 2020 Pau – Laruns 154 km bergig
Ruhetag 6. Juli 2020 La Charente-Maritime
10 7. Juli 2020 Île d’Oléron Le Château-d’Oléron – Île de Ré Saint-Martin-de-Ré 170 km flach
11 8. Juli 2020 Châtelaillon-Plage – Poitiers 167 km flach
12 9. Juli 2020 Chauvigny – Sarran 218 km hügelig
13 10. Juli 2020 Châtel-Guyon – Puy Mary 191 km bergig (BA)
14 11. Juli 2020 Clermont-Ferrand – Lyon 197 km flach
15 12. Juli 2020 Lyon – Grand Colombier 175 km bergig (BA)
Ruhetag 13. Juli 2020 Isère
16 14. Juli 2020 La Tour-du-Pin – Villard-de-Lans 164 km bergig
17 15. Juli 2020 Grenoble – Col de la Loze 168 km bergig (BA)
18 16. Juli 2020 Meribel – La Roche-sur-Foron 168 km bergig
19i 17. Juli 2020 Bourg-en-Bresse – Champagnole 160 km flach
20 18. Juli 2020 Lure – Champagnole 36 km EZF (BA)
21 19. Juli 2020 Mantes-la-Jolie – Paris (Champs-Élysées) 122 km flach

*Einstufung durch Organisator ASO

BA: Bergankunft  EZF: Einzelzeitfahren

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