Strade Bianche – die Faszination des Neo-Klassikers in der Toskana

04.01.2021

Vom Pflaster Flandern führt der WordTour-Kalender die Profis „schnurstracks“ auf den Schotter der Toskana. Das Eintagesrennen Strade Bianche eröffnet die italienische Trilogie – gefolgt von Tirreno-Adriatico und dem ersten Monument des Jahres Mailand-Sanremo.Die weißen Schotterpisten der Toskana sind die Kulisse für den modernen Gladiatorenkampf. Obwohl es 2007 erst seine Premiere feierte, ist die Strade Bianche  mittlerweile ein Stück Kulturgut im Radsportkalender und hat das Zeug dazu, vielleicht in einigen Jahren das sechste Monument im Radsport zu werden.

Strade Bianche – das Paris-Roubaix des Südens

Doch warum fasziniert dieses Rennen nach nur so kurzer Zeit Fans und Fahrer gleichermaßen? Weil die Ursprungsidee des Rennerfinders Angelo Zomegnan verrückt wie brillant war.  Ein Paris–Roubaix des Südens hatte er im Kopf. Doch anstelle der Pflastersteinsektoren müssen die Fahrer über einzelne Sand- und Schotterpisten. Diese im Sommer staubigen weißem Straßen – strade bianche – verbanden über hunderte von Jahren die Wege, die Dörfer, Weingüter, Villen, Burgen und Schlösser miteinander.

Was distanziert betrachtet nach Reißbrett und Schablone klingt, erfüllt sich schnell mit Leben, wenn man sich die hügelige sattgrüne Landschaft der Toskana mit Zypressenhainen, Gehöften und Weinbergen vor Augen ruft. Doch damit nicht genug – das Ziel des Rennens sollte auch einer dramatischen Schlacht würdig sein. So entschieden sich die Organisatoren für den Piazza del Campo in Siena. Dank seiner Architektur einer der Touristenmagnete in Europa, beliebtes Fotomotiv und zwar nicht nur dann, wenn man zwei Mal im Jahr auf diesem halbrunden Platz das berühmte Pferdrennen Palio dort ausgetragen wird.

Video: Strade Bianche

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11 Sektoren mit 63 Kilometer „Gravel“

Während die Landschaft schöne Bilder für die Zuschauer erzeugt, sind es harte Strapazen für die Fahrer. Denn es rollt nicht wirklich gut durch die Toskana. Grober Schotter, feiner Sand, dazu rauer Asphalt gepaart mit den Hügeln, die nur aus der Ferne so lieblich aussehen. Die härtesten Passagen werden in Anlehnung an die wichtigsten Pave-Abschnitte bei Paris–Roubaix Sektoren genannt und mit Sternen gekennzeichnet – allein 11 solcher gibt es 2022.

Das Rennen favorisiert nicht einen einzigen Fahrertyp. Bergfahrer, Rundfahrer und Klassikerjäger jeglichen Couleurs können hier um den Sieg kämpfen. Das bestätigt ein Blick auf die Ergebnisliste der vergangenen Jahre.

Mit rund 180 Kilometern Länge, wovon gut über 60 Kilometer über Schotter führen, ist das Rennen nicht allzu lang. Die Rennzeit lag in den vergangenen Jahren um die fünf Stunden. All das verspricht von Beginn an ein interessantes Rennen und das vor den Positionsfahren vor den Sektoren, die nicht nur über Schotter, sondern oft auch steil bergauf führen, ist so wichtig wie im Frühjahr in Flandern. Es kann auch lohnen der ersten Fluchtgruppe des Tages zu gehen und dann zumindest vorne reine zu fahren.

Rückblick auf 2021: Sieg durch Mathieu van der Poel

Im vergangenen Jahr gewann der Alpecin-Fenix-Profi Mathieu van der Poel das Rennen als erster Niederländer überhaupt. Van der Poel war immer im Bilde und setzte die entscheidenden Attacken auf dem elften und letzten Schotterabschnitt sowie am Schlussanstieg in Siena. Auf Schotter konnten mit Mühe nur Weltmeister Julian Alaphilippe (Deceuninck – Quick Step) und Egan Bernal (Ineos Grenadier) folgen. Im 15 Prozent steile Schlussanstieg durch die engen Gasen ließ dann van der Poel mit einem fulminanten Antritt beide Mitstreiter stehen und triumphierte auf der Piazza del Campo.

Fotos: Photonews, Jojo Harper