Interview: Team Alpecin-Fenix Profi Philipp Walsleben über seine Premiere bei Strade Bianche

04.08.2020

Team Alpecin-Fenix-Profi Philipp Walsleben bestritt am Wochenende zum ersten Mal in seiner Karriere den Neo-Klassiker Strade Bianche. Über die weißen Schotterstraßen führt das Rennen durch die Toskana – mit Start und Ziel in Siena.. Wie es Walze, dem ehemaligen Weltklasse-Crosser, dabei erging, verrät er im Interview mit Alpecin Cycling.

Wie verlief Deine Premiere beim Restart in die WorldTour-Saison?

Meine erste Strade Bianche war nicht so romantisch, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wir haben uns die Strecke zwei Mal angeschaut – einmal im März und dann noch im Sommer. Und dann war das Rennen nach 90 Kilometern für mich zu Ende.

Was genau ist Dir widerfahren?

Ich hatte nach 50 Kilometern einen Platten auf dem dritten Sektor. Da war ich vorne gut im Feld positioniert, wo ich auch sein sollte, um unseren Kapitän Mathieu (van der Poel) zu unterstützen. Ich konnte aber schnell das Rad wechseln und bin wieder gut zurückkommen. Danach war das Rennen aber sehr hektisch und ich bekam ein Trinkflaschen-Problem. Will heißen: Ich habe im Endeffekt immer wieder die Betreuer mit den Flaschen verpasst oder sie haben mich übersehen in den Staubwolken. Ich dachte dann, dass ich mich noch bis Kilometer 90 retten kann und das vielleicht doch noch was geht. Allerdings hatte ich zwischendurch schon Schwarz gesehen. Aber ziemlich genau bei Kilometer 90 sind dann bei mir die Lichter ausgegangen. Bei einem Rennen wie Strade Bianche bekommt man auch keine zweite Chance, weil man eigentlich nicht zurückkommen kann. Sobald einen zwei oder drei Autos überholt haben, ist es vorbei. Wir haben dann wirklich nichts mehr gesehen – vielleicht mal ein Bremslicht. Und um auf Schotter Vollgas zu fahren, brauchst Du freie Sicht.

Woran lag es, dass das Rennen so hart war?

Zum einen natürlich an der Hitze. Wir hatten bis zu vierzig Grad im Schatten – und es gibt da wenig Schatten im Rennen selbst. Zum anderen natürlich auch an dem Charakter des Rennens, das ein echtes Ausscheidungsfahren ist – verbunden mit den Schotterpassagen. Das war jetzt im Sommer schon eine härtere Nummer als noch im März. Das haben mir auch die anderen Fahrer gesagt, die das Rennen schon mehrfach bestritten haben. Enttäuscht bin ich trotzdem.

Sind die „weißen Straßen“ bei Trockenheit schwieriger zu befahren, weil der Schotter loser ist?

Ja genau. Im März ist der Schotter durch die Feuchtigkeit mit dem Untergrund verbunden und komprimiert. Jetzt dagegen fuhren wir über lose kleine und auch große Steine. Dadurch war auch viel weniger Platz auf der Straße, da es lediglich zwei echte Fahrrinnen gab, wenn überhaupt. Rechts und links am Straßenrand sowie auf dem Damm lag dagegen total loses Gestein.  Da lässt es sich nur sehr schwer lenken – und rollen tut es schon mal gar nicht. Hinzu kommt die mangelnde Traktion an den Anstiegen. Da muss man sich gerade extrem konzentrieren, dass das Hinterrad nicht durchdreht.

Gab es auch Momente, die Spaß machten?

Der Recon – also die Streckenbesichtigung – hat schon echt Laune gemacht. Im Rennen selbst haben mir die Abfahrten schon auch Spaß bereitet. Ich war dann immer vorne, weil ich da ganz locker andere Fahrer einholen konnte; mit für mich geringem Risiko. Das ist schon ein schönes Gefühl, wenn man Leute ohne so wahnsinnig viel Aufwand einholt. Wir fahren eigentlich alle gleich schnell auf Schotter, aber die anderen Fahrer, die wenig Offroad-Erfahrungen haben, für die ist es anstrengender.

Der Unterschied ist, dass wir Crosser es spaßig finden und interessant. Viele andere Fahrer können das auch, haben aber irgendwie keine Lust darauf. Und das macht es dann für uns Crossfahrer ein bisschen einfacher. Wir fühlen uns auf dem losen Untergrund viel sicherer, weil wir den richtigen Reflex besitzen. Wir wissen, wie wir reagieren müssen, wenn das Rad mal driftet oder ausbricht. Wir haben auch ein bisschen feineres Bremsgefühl, glaube ich. Man ist mit der Situation vertraut. Das es mal rutscht, ist ganz normal.

Mathieu van der Poel wurde 15. hatte aber auch Defekt. Spielte das am Ende eine Rolle?

Ich weiß nicht wirklich, wie ich die Defekte einordnen soll. Wir hatten im Team insgesamt mit sieben Fahrern zusammen acht Platten. Ich glaube, dass wir damit bei den Mannschaften im Mittelfeld lagen. Entscheidend ist natürlich auch, wann du den Platten hast. Bei Mathieu war es halt blöd, dass es relativ spät im Rennen war – auf den letzten 50 Kilometer; und er dann gleich den Anschluss verloren hat.

Man kann aber nicht alles auf die Defekte schieben, denn die Materialfrage gehört bei den Klassikern einfach dazu. Ich kann jetzt auch nicht sagen, ich hätte ein besseres Ergebnis erzielt, wenn ich keinen Platten gehabt hätte. Ich war beispielsweise relativ schnell wieder im Feld.

Sie hatten sich zur Vorbereitung auf die Strade eine extra Trainingsrunde in Ihrer Heimatstadt Berlin zusammengestellt?

Die Idee hinter meinem Strade Bianche-Tour, die ich in Berlin mehrfach als Vorbereitung gefahren bin, war, so viel wie möglich Höhenmetern einzusammeln. Dafür musste ich dann auch mal abseits der asphaltierten Straße und durch den Wald düsen. Ich habe mir dann überlegt, wo kann ich gerade noch mit dem Straßenrad – meinem Canyon Aeroad – entlangfahren. Daraufhin habe ich eine 75 Kilometer lange Runde konzipiert -mit längeren Schotterabschnitten. Die Tour bin ich dann zur Vorbereitung auf die Strade dann auch viel gefahren. Oft zwei Mal hintereinander.

Fotos: Cor Vos/Photonews.be

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