Faszination Mannschaftszeitfahren: Kollektiver Kampf gegen die Uhr

17.08.2022

Radsport ist Teamwork. Nirgends wird das deutlicher als beim Mannschaftszeitfahren. Nur wenn heterogene Individuen miteinander harmonieren,  entstehen in dieser Disziplin Top-Leistungen.

Wenn ein Profi beim Einzelzeitfahren einen schlechten Tag hat, verliert er Zeit. Beim Mannschaftszeitfahren dagegen das Hinterrad des Vordermannes. Was lapidar klingt, ist in der Realität ein echtes Drama und sorgt für Chaos. Denn damit verliert das Team seinen Rhythmus, die zuvor ausgearbeitete Taktik ist obsolet und der Traum vom Sieg oder einer guten Zeit dahin. Kein Wunder, dass die Anspannung vor einem Teamzeitfahren weitaus höher ist als beim Solo gegen die Uhr. Wenn die Fahrer zusammen ein „contre la montre par equipe“ bestreiten, steht unglaublich viel auf dem Spiel; besonders wenn solch ein Mannschaftszeitfahren bei einer Grand Tour stattfindet.

Teamzeitfahren zum Auftakt der Vuelta a Espana

Beim „Team Time Trial“ während einer großen Landesrundfahrt geht es für viele Teams darum, ihren Kapitän für die Gesamtwertung in eine gute Ausgangsposition zu bringen – also im Idealfall einen Vorsprung auf seine direkten Konkurrenten herauszufahren. So wie auch am 19. August 2022, wenn zur Eröffnung der Vuelta a Espana das Teamzeitfahren ansteht. Zwar entscheiden diese 23,3 Kilometer rund um Utrecht nicht allein über den Gesamtsieg, aber ein Vorsprung von bis zu 60 Sekunden gegenüber den Konkurrenten um das Rote Trikot sind über diese Distanz durchaus möglich.

Teamzeitfahren versus Einzelzeitfahren: die großen Unterschiede

Das Mannschaftszeitfahren ist eine sehr komplexe Disziplin, denn es reicht nicht einfach mit der Summe der Teilchen zu rechnen. Daher kommt der Zusammenstellung der Formation und dem Teamplay eine ganz besondere Bedeutung zu.

„Das Ziel ist ganz einfach, so schnell wie möglich zu sein. Beim Mannschaftszeitfahren einer Grand Tour muss man jeden einzelnen Fahrer einsetzen. Sie haben unterschiedliche physische und mentale Fähigkeiten: Wenn man ein Team für das Mannschaftszeitfahren zusammenstellt, muss man sie in eine Reihenfolge bringen, die auf der Biodynamik, der Physik, der Körpergröße und der Stärke der Fahrer basiert – all diese Dinge sind sehr wichtig, um eine „big engine“ (große Maschine) von acht verschiedenen Motoren antreiben zu lassen. Man sollte diese Motoren auf optimale Weise einsetzen. Es gilt, den richtigen Platz im Team zu finden, damit die Geschwindigkeit hoch bleibt. Und natürlich spielen auch taktische und technische Dinge eine große Rolle für den Erfolg“, erklärt Kristof De Kegel, Performance Manager beim Team Alpecin-Deceuninck im Interview mit Alpecin Cycling.

Allerdings muss ein guter Einzelzeitfahrer nicht zwingend auch ein guter Fahrer im Mannschafszeitfahren sein. „Physiologisch muss ein Athlet, der ein Mannschaftszeitfahren bestreitet, schon explosiver als ein klassischer Einzelzeitfahrer,“ erklärt Silvan Dillier im Interview mit dem Cyclingmagazine. Der Alpecin-Deceuninck Profi wurde 2014 und 2015 Weltmeister im Mannschaftszeitfahren mit seiner damaligen Equipe BMC. „Der Grund liegt darin, dass man an der Spitze der Formation eben weit über der Schwelle fährt, was man beim Einzelzeitfahren ja nicht macht.“, so Dillier weiter.

Da Kämpfer im Kollektiv an der Spitze oftmals 50 Prozent als üblich mehr leisten und sich dann auch anschließend wieder von der Belastung erholen können, um erneut im Wind zu „bolzen“. In Zahlen: Beim Mannschaftzeitfahren werden an der Spitze für kurze Zeit 650 bis 600 Watt getreten, im Einzelzeitfahren dauerhaft eher 400 bis 450 Watt.

Ein Mannschaftszeitfahrer muss leiden können

Physiologisch unrhythmischer beziehungsweise heterogener – sozusagen ein Wechselbad der Leistungen – ist das Mannschaftzeitfahren. Mal kurz am Anschlag, dann wieder länger in der „Erholung“, wobei hier auch noch bis zu 300 Watt getreten werden.  „Es ist auch wichtig, dass man sich bestmöglich an den Hinterrädern der Teamkollegen wieder erholen kann, um dann wieder einen Effort weit über der Schwelle leisten zu können“, so Dillier weiter.

Tempofeste Sprinter und Klassikerfahrer sind für solche Belastungen prädestiniert, da sie solche Leistungen in ihren Straßenrennen auch erbringen müssen. Puncheure müssen Attacken lancieren und mitgehen, tempofeste Sprinter können lange Sprints fahren beziehungsweise sich im Finale immer mit schnellen Antritten in Position bringen. Kein Wunder also, dass auch Fahrer wie Top-Sprinter Marcel Kittel mit Etixx – Quick Step oder Puncheur Michael Matthews bei Sunweb Teil solcher Siegesteams waren.

„Tatsächlich sieht man oft, dass Sprinter und Puncheure in Teamzeitfahren wirklich gut sind. Das ist der Unterschied zwischen Einzel- und Mannschaftszeitfahren. Beim Einzelzeitfahren mögen es die Sprinter nicht, wenn es zu lang ist und sie keine Chance haben, sich zu erholen, aber beim Mannschaftszeitfahren sind die Sprinter meistens sehr technisch und in der Lage, nah am Rad zu fahren, sind gut geschützt vor dem Wind und sie können nach den Kurven gut beschleunigen“, erklärt De Kegel. „Wenn man 8 Fahrer hat, absolviert jeder Fahrer ein 15 bis 30 Sekunden langes Hochleistungsintervall absolviert und kann sich dann für zwei bis drei Minuten erholt Das ist eigentlich das, was die Sprinter und Puncher am besten können, und wenn man dazwischen einen wirklich großen Motor platzieren kann, der auch längere Intervalle fahren kann, dann hat man eine gute Mischung von Fahrern, die beim Teamzeitfahren mitmachen können“, so De Kegel.

Teamzeitfahrer: Kämpfer im Kollektiv

Hinzu kommt, dass diese Fahrertypen zumeist auch ein sehr gutes Tempogefühl sowie ausgezeichnete Fahrtechnik besitzen und sie geradezu spielerisch durch Kurvenfahren und das Tempo „smooth“ wieder aufziehen können. Denn Mannschaftszeitfahren verlangt auch Mut. Es ist nicht jedermanns Sache Reifen an Reifen mit Tempo 60 km/h über die Straße zu bolzen, ohne zu sehen, was ganz vorne passiert. Dillier profitiert wie einige andere Fahrer auch, von seiner Erfahrung auf der Bahn: „Das direkte Hintereinanderfahren mit nur wenigen Millimetern Abstand zwischen dem Hinterrad des Vordermannes und dem eigenen Vorderrad, das trainiert man ja Tausende von Runden auf der Bahn. Das kommt einem natürlich schon extrem zugute. Zudem trainierst Du auf der Bahn ja diese kurzen Ablösungen von 10 bis 20 Sekunden“, erklärt er.

Trotz all dieser Vorzüge können auch Spezialisten im Einzelzeitfahren gute Teammitglieder einer geschlossenen Formation sein. Entscheidend ist, dass sie in der Lage sind, diesen Intensitätswechsel mitzumachen – Stefan Küng, Tony Martin, Tom Dumoulin oder Fabian Cancellara sind die besten Beispiele.

Formationsflug in perfekter Harmonie

Doch wie entsteht aus der Heterogenität der Fahrer eine Harmonie im Team? Diese Harmonie erreicht man über die Länge der Führungen. Stärkere Fahrer führen länger, schwächere kürzer – besonders in der zweiten Rennhälfte. Was nicht passieren darf, sind Geschwindigkeitswechsel beziehungsweise abruptes Beschleunigen; denn das tut allen enorm weh. Besonders der Mann, der sich gerade nach seiner Führung erholen muss und sich hinten einreiht, wird bei einem plötzlichen unvorbereiteten „Aufziehen“ regelrecht gekillt.

„Man kann viel über die Leistung machen, aber beim Teamzeitfahren geht es mehr um die Geschwindigkeit, Sie ist das Einzige, was zählt. Wenn die Geschwindigkeit abfällt, kostet es immer viel Energie, die Geschwindigkeit wieder zu erhöhen. Also wird ein Geschwindigkeitsabfall vermieden. Die Länge der Führungen wird von Fahrer zu Fahrer auf der Grundlage ihrer körperlichen Fähigkeiten angepasst. So ist der eine Fahrer perfekt für ein 30-bis 40 Sekunden langes Intervall und der andere kann länger fahren. Das ist von Fahrer zu Fahrer unterschiedlich“, sagt De Kegel.

„Ein schönes Beispiel dafür ist Tony Martin, der bei der Weltmeisterschaft vor ein paar Jahren über eine Minute lang zog, was drei- bis viermal länger war als das kürzeste Intervall des anderen Teamkollegen. Aber selbst dort war die kürzeste Führung des schwächsten Fahrers sehr wichtig für die Gesamtleistung, da er den ‚großen Motoren‘ die Möglichkeit gab, sich zu erholen. Selbst 12 bis 15 Sekunden von zwei Fahrern machen fast 30 Sekunden zusätzliche Erholung bei jedem kompletten Wechsel aus. Wenn diese fehlen, lässt sich anhand der Daten sehen, dass die stärksten Fahrer dies spüren und keine Zeit haben, sich zu erholen, um so ihre beste Leistung zu bringen. Man muss immer die richtige Balance finden und das Gesamtziel verstehen, das Team in einer Erholungsphase recht lange zusammen zu halten. Sicherlich hängt das auch vom Streckenverlauf des Mannschaftszeitfahrens ab“, erklärt Kristof De Kegel.

Einer für alle

Jeder muss sich seiner Stärken und Schwächen sowie der seiner Teammitglieder bewusst sein und genau wissen was er tut.  Mitdenken für andere und Verantwortung für das Kollektiv übernehmen sind psychologische Faktoren, auf die es bei einem gut Mannschaftszeitfahren ebenfalls ankommt. „Die meisten Fahrer verspüren bei einem Teamzeitfahren mehr Druck als bei einem Einzelzeitfahren. Du trägst eine höhere Verantwortung, und willst ja nicht derjenige sein, der es verbockt beziehungsweise das Team aufhält. Deswegen sind auch viele Fahrer vor solch einem Rennen extrem gestresst. Hinzu kommt auch noch ein wenig die Unsicherheit, denn es ist ja nicht gerade ein Wettbewerb, den Du allen zwei bis vier Wochen bestreitest wie ein Einzelzeitfahren“, so Dillier.

Keine Weltmeisterschaft mehr im Teamzeitfahren für Profi-Mannschaften

Ein echtes Teamzeitfahren mit den besten Fahrern eines jeden Teams bei Weltmeisterschaften gab es zuletzt 2019 in Innsbruck. Dillier findet das schade. „Da es keine Weltmeisterschaft mehr in dieser Disziplin stattfinden, gibt es auch immer weniger Wettbewerbe während der Saison bei einer großen Landes-Rundfahrt oder bei einem anderen Etappenrennen. Wenn wir dieses Rennen wieder bei Weltmeisterschaften integrieren würden, dann würde es auch in der Saison mehr von diesen Wettbewerben geben, da die Teams ja ihre Formation beziehungsweise ihre Fahrer in dieser Disziplin auch testen möchten“, so der Schweizer.

Denn Teamzeitfahren verlangen, wie der Name schon impliziert, echtes Teamwork. Nicht nur unter den Fahrern, sondern auch schon bei der Vorbereitung und Tests von Mechanikern, Coaches, Sportlichen Leitern und vielen anderen Experten im Team. Diese Disziplin verbindet so ziemlich alles, was im Radsport verlangt wird – und am Ende steht die Hingabe für andere im Wettkampf. Bei keiner andren Disziplin kann das Team seine Stärken in allen Bereichen – Training, Taktik, Technik, Equipment – so geballt einfließen lassen wie bei einem Mannschaftszeitfahren.

Fotos: Alpecin-Deceuninck