Normalized Power: Sinn und Unsinn dieser Trainings-Metrik

14.09.2022

NP! Die Normalized Power wird in letzter Zeit immer wieder zitiert, wenn es darum geht Spitzenleistungen zu belegen oder auszudrücken, wie anspruchsvoll ein Rennen war. Ob jetzt bei einer Grand Tour-Etappe oder einem Frühjahrsklassiker –was der Sportler oder sein Coach gerne veröffentlicht, ist die Normalized Power über das Rennen gesehen. Als Beleg dafür, wie strapaziös der Wettkampf war.

Was ist die Normalized Power?

Doch was ist die Normalized Power überhaupt? Die Normalized Power (normalisierte Leistung) ist im Gegensatz zur Durchschnittsleistung (Average Power) ein errechneter, kein gemessener Wert. Sie soll Auskunft über die tatsächliche Anstrengung einer Radfahrt geben. Hinter der Normalized Power steckt die Theorie, dass „Spitzen“ anstrengender sind als die Dauerleistung. Daher werden bei der Berechnung der NP die Ausreißer nach oben – beispielsweise Antritte oder überschwellige Intervalle – stärker berücksichtigt. Für die Berechnung orientiert sich die Normalized Power daher an der FTP beziehungsweise der anaeroben Schwelle.

Da die Normalized Power immer gleich oder höher als die Durchschnittsleistung liegt, ist es kein Wunder, dass sich mittlerweile auch viele Hobby-Radsportler damit beginnen, sich dieser Trainingsmetrik zu bedienen– als Beleg für gute „Leistungen“. „Die Tatsache, dass sie höher ist, liegt aber in der Natur der Sache. Denn im Vergleich zu den ‚gemessenen‘ Durchschnittswatt ist die normalisierte Leistung ein komplett errechneter Parameter, der Ausreißer nach oben besser bewertet, erklärt Björn Geesmann, Sportwissenschaftler beim Trainingsinstitut HYCYS.

Wann lohnt sich die Analyse der Normalized Power?

Doch macht dann eine Analyse nach Normalized Power überhaupt Sinn? „Die Normalized Power ist ein guter Indikator, wenn es darum geht, zu zeigen, wie anstrengend ein Rennen war“, so Geesmann, der den zweifachen Ironman-Siegers Patrick Lange coacht sowie Host des Podcast Junkmiles ist. „Ich kann dann schon sehr viel darüber erkennen, wie viel metabolischen Stress letztendlich das Rennen verursacht hat. Allerdings ist der Wert fürs Training fast immer irrelevant“, schränkt Geesmann ein.

Wer nach Plan trainiert, seine Intervalle absolviert und entsprechende Pausen macht, braucht diesen Wert nicht. Den hier sollten Coach und Athlet sehr wohl aufgrund der Inhalte wissen, was für einen metabolischen Stress die Einheit bewirkt beziehungsweise ja gerade diejenige Einheit ausgesucht haben, um solch einen Reiz bewusst zu setzen. Eine Bewertung per Normalized Power ist schlicht weg unnötig, gar unsinnig“, so Geesmann. „Außer, wenn bei einer Grundlagenausdauer-Einheit die Normalized Power stark von der Durchschnittsleistung abweicht, dann muss ich ganz ehrlich sagen, hat der Athlet sein Trainingsziel nicht erreicht und gegebenenfalls zu viele Junkmiles produziert,“ sagt Björn Geesmann. Und mit „zu viele“ meint er Werte von 15 bis 20 Prozent. Denn Sinn und Zweck der Trainingseinheit war es ja gerade, dauerhaft die vorgegebene Leistung zu erbringen.

Also letztendlich kann die Normalized Power nur helfen, Fehler im Nachhinein aufzuzeigen. Sie zur Bewertung von klassischen Trainingseinheiten – Dauermethode oder Intervallen – heranzuziehen beziehungsweise alibimäßig zu begründen: „ich habe meinen Durchschnittswert nicht erreicht, aber meine Normalized Power bei der Grundlagenausdauereinheit nur lag nur fünf Watt über meiner Zielzone“ ist sozusagen eine schlechte Ausrede und zeigt lediglich das nicht sauber trainiert wurde.

Normalized Power kann helfen, die Belastung und Intensität der Fahrt einzuordnen

Wer dagegen natürlich mit seinen Freunden längere Trainingsrennen veranstaltet, bewusst längere Fahrtspiele unternimmt oder im Gelände mit ständig wechselnder Intensität unterwegs ist, der kann diesen Wert natürlich hinzuziehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie belastend die Einheit war. „Doch ehrlich gesagt bekommt der Sportler das auch ganz gut über den Energieumsatz angezeigt oder bekommt ehrliches Feedback von seinem Körper – sprich hört gut in sich hinein“, so Geesmann.