Erfahrungsbericht vom Jedermann-Rennen L’Etape du Tour

26.07.2019

Selma Yarkin vom Team Alpecin berichtet über Lust und Leiden bei der L‘Etape du Tour – einem der größten Jedermann-Rennen der Welt. Knapp eine Woche vor den Profis kletterten über 15000 Hobbysportler auf der Originalstrecke der 20. Etappe der Tour de France von Albertville nach Val Thorens über 135 Kilometer und drei schwere Berge.

Der Tag begann für uns alle im Team sehr früh – sprich mitten in der Nacht. Mein Wecker klingelte um 3:30 h. Ich fühlte mich im ersten Moment zwar noch müde, trotzdem aber fit. Und noch nicht wirklich aufgeregt, aber entschlossen, das Rennen durchzuziehen. Bereits  am Vorabend hatte ich alles vorbereitet und konnte so schnell in die Radklamotten schlüpfen und los ging es zum Frühstück.

Es wurde nur sehr wenig und leise gesprochen – die Anspannung war groß. Schließlich hatte keiner von uns jemals an einem so schweren Rennen teilgenommen, die knapp 4600 Höhemeter, die dünne Luft im Schlussanstieg und die heißen Temperaturen waren die Gegner an diesem für uns so wichtigen Tag.

Startschuss in der Olympiastadt Albertville

Kurz bevor wir mit den Rädern den Startbereich erreichten, spürte ich dann doch die Aufregung. Ich verabschiedete mich von den anderen Teamfahrern, die nicht in meinem Startblock standen. Wir wünschten uns gute Beine und viel Erfolg. Es war wie immer in dieser Saison toll, ein Team hinter sich stehen zu haben und diese Aufregung vor dem Start mit seinen Teammitgliedern teilen zu können. Wenn immer ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut.

Ich war mit Sauro, Nick, Jan und Marco im Startblock und als unser Block immer weiter vorrückte gab es von jedem nochmal eine Umarmung und wir waren dann ziemlich schnell ganz vorne am Startbogen, wo unser Block unterlegt mit dramatischer Musik und Moderation nur unweit des Olympische Feuers von 1992 ins Rennen geschickt wurde.

Kurz nach dem Start stand Tour-Teufel Didi El Diablo da und ich stoppte nochmal kurz, um mit der Legende ein Foto zu machen. Die Nerven hatte ich noch. Dann ging es richtig los. Ich war überraschenderweise jetzt kaum mehr  wenig aufgeregt aber umso mehr entschlossen, diese Etappe der Tour de France zu rocken. Mein Plan war es diese Challenge ruhig angehen zu lassen, ich hatte keine Zielzeit Vorstellung und wollte einfach das Rennen und die wunderschöne Gegend und Natur genießen.

Sehr entspannt ging es in den ersten Anstieg, den Cormet de Roselend mit einer Länge von 20 Kilometer. Die Sonne kam immer mehr durch die Wolken und ich merkte immer mehr, dass es ein heißer Tag werden würde. Meine Beine fühlten sich aber sehr gut an. Am Anfang des Anstiegs hatte ich Jan vom Team wieder getroffen und wir entschieden, zusammen zu fahren. Wir quatschten viel, waren sehr positiv und wir ließen nach und nach den ersten Anstieg hinter uns. Die grandiose Landschaft pushte mich noch mehr. Ich schaute mich oft um und saugte diese einzigartige Atmosphäre auf.

Hitze in den Alpen wie bei der Tour de France

Oben am Comet de Roselend angekommen verpflegten wir uns kurz und los ging es in die lange Abfahrt. Auf der Abfahrt kamen wir leider an einigen Stürzen vorbei. Ich muss sagen, lange Abfahrten können ganz schön anstrengend sein und mit taten gegen Ende die Handgelenke und der Nacken weh. Aber Spaß gemacht hat es allemal. Gefühlt nur wenige Kilometer später ging es bereits in den kürzeren Anstieg zum Cote de Longefoy. Ich fühlte mich immer noch sehr gut und meine Beine konnten auch noch gut die Pedale runterdrücken. Gemeinsam erklommen wir auch den reaktiv unbekannten Anstieg der zweiten Kategorie. So langsam spürten wir die Hitze. Jetzt war es auch nun nicht mehr weit zu unserem eigenen Alpecin Verpflegungstand, der bei ca. 100 Kilometer eingerichtet war, am Fuße des letzten Anstiegs. Dort haben wir etwas gegessen und getrunken und ein wenig entspannt. Jetzt ging es ins Finale – ein zugegeben langes und toughes von mehr als 30 Kilometern nur berghoch zum Wintersportort Val Thorens.

Es war jetzt 13 Uhr. Die Sonne stand hoch und es ging kein Lüftchen. Die ersten zehn Kilometer waren von der Steigung her die schwersten. Meine Beine waren immer noch gut, aber die Hitze von bis zu 42 Grad zog mir die Kraft aus meinem Körper. Ich versuchte, so wie alle anderen auch, jeden Schatten von den Bäumen mitzunehmen, aber ich fühlte mich, wie vor einem großen heißen Gebläse sitzen – ohne  Chance auf Abkühlung. Ganz viele Mitstreiter waren schon links und rechts aus den Pedalen geklickt und hatte sich im Schatten gelegt, um sich auszuruhen. Und dann kam auch bei mir der dringende Wunsch anzuhalten. Wir hielten an und ich riß mir mein Trikot auf, zog mein Unterhemd aus, schüttet Wasser über meine Handgelenke, Kopf und Trikot. Ich dachte, wenn das so weiter geht, dann schaff ich das bis zum Ziel nicht. Jan beruhigte mich und meinte, dass es in 4 Kilometern nicht mehr so steil sei und ich das schaffen würde. Nach einiger Zeit war ich bereit und es ging für uns langsam, aber stetig weiter.

Ein endloser Berg – auf nach Val Thorens

An der letzten Verpflegungsstelle angekommen, machten wir einen längeren Stopp bevor wir die  finalen 18 Kilometern in Angriff nahmen. Beim Schreiben dieser Zeilen leide ich nochmal mit, wie lange wir an diesem Anstieg kämpften. Ich hatte manchmal das Gefühl, er würde nie zu Ende gehen. Ich dachte von nun an nur noch von Kilometer zu Kilometer und trat gleichmäßig in die Pedale. Nichts konnte mich jetzt mehr davon abhalten, aufzugeben. Ich wollte da oben ankommen, egal wie lange es dauert. Oft starrte ich dabei  auf die Anzeige meines Bike-Computers und freute mich über jede 100 Meter mehr. Die Beine waren, gut aber die Hitze hatte mich im Griff.

Nach gefühlt endlos langer Zeit  erreichten wir Val Thorens und passierten die Flamme Rouge. Ich konnte es kaum glauben und bekam Gänsehaut und wieder ein Grinsen auf dem Gesicht. Ein paar Meter weiter schrie jemand meinen Namen: „Selmaaaaaa suuuper“ – es war mein Trainier Flo. Noch etwas weiter, wurde der Jubel noch lauter und das ganze Team stand da und schrie meinen Namen und jubelte mir zu – ich bekam Gänsehaut und war sehr sehr glücklich alle zu sehen. Wie schön es war, dass mein Team dort auf uns wartete. Und dann waren es nur noch 400 Meter mit 9 Prozent Steigung ins Ziel und ich dachte, warum müssen sie uns das jetzt uns auch noch antun? Aber diese 400m mit den vielen Menschen rechts und links , die auf die Banden und mit Kuhglocken läuteten trieben uns aufwärts.

Auf diesen 400 Meter kam plötzlich ein Tornado der Gedanken in mir auf. Ich dachte an meine tolle Tochter, die mich trainieren ließ für dieses Ziel; wie sie es schon verstanden hat, wie wichtig mir diese Saison war. Ich dachte dran, was für Freunde ich habe, die auf sie aufgepasst haben, wenn ich unterwegs war und ich ohne sie diese Traumsaison mit dem Team Alpecin nicht hätte realisieren können. Und ich dachte an mein Training, das ich genaustens planen musste, damit meine Tochter gut versorgt war oder ich früh morgens aufgestanden war, um vor der Arbeit noch eben zwei Stunden zu trainieren. Mit den Anstrengungen der letzten Stunden ergab dies eine emotionale Explosion. Als ich ausgeklickt war, sackte ich auf meinem Lenker zusammen und die Tränen brachen einfach so aus mir heraus. Ich war stolz auf meine Tochter, meine Freunde, mein Team und auf mich.

Ich hatte mein Ziel erreicht! Vive le Tour!

Fotos: Alpecin Cycling / Stefan Rachow, Henning Angerer

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