Kolumne von Gravel-Profi Brennan Wertz

23.02.2024

Der US-amerikanische Gravel-Profi Brennan Wertz schreibt exklusiv für Alpecin Cycling eine monatliche Gravel-Kolumne über Rennen, Training und Equipment so wie alles was dazu gehört.

Brennan zählt zu den bekanntesten Gravel-Profis in den Vereinigten Staaten. Ursprünglich war er Elite-Ruderer und in dieser Disziplin auch Weltmeister im Achter bei den U23- Weltmeisterschaften 2018. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte er dann hauptberuflich aufs Rad und ist seit nunmehr drei Jahren Gravel-Profi.

Zu seinen größten Erfolgen auf Schotter zählen Siege beim Huffmaster Hopper, King Ridge Hopper sowie Shasta Gravel Hugger und Gravel Octopus. Hinzu kommen Top-Platzierungen bei den Gravel Worlds, bei den Belgian Waffle Ride Utah, Kansas und California sowie beim berühmten Steamboat Gravel.

Im vergangenen Jahr wurde er starker Dritter bei nationalen US-Meisterschaften und qualifizierte sich so für die Weltmeisterschaften in Italien, an denen er als Helfer für Keegan Swenson teilnahm. Swenson wurde am Ende nur knapp von Alejandro Valverde geschlagen und belegte Rang vier.

Brennan Wertz wohnt nördlich von San Francisco, hat an der Stanford University Soziologie und Germanistik studiert.

Bikepacking statt Trainingslager

Meine Saison begann mit einer “Bikepacking-Tour”. Von meinen Wohnort Mill Valley nördlich von San Francisco ging es nach Santa Monica. Mit ein paar Freunde zusammen bin ich gut 800 Kilometer am Highway One entlanggefahren. Das war sozusagen eine andere beziehungsweise meine Art des Trainingslagers.

Jeden Tag eine andere Route mit einem grandiosen Ausblick auf die Küste, aber immer im Schnitt pro Tag über 200 Kilometer. Trotz des Regens und nicht gerade warmer Temperaturen hat es allen riesigen Spaß gemacht – und natürlich auch die Form verbessert.

Begleitet auf diesem Trip hat uns mein Freund Jim Merithew. Er ist Fotograf, hat aber nicht nur coole Bilder gemacht, sondern auch unser Gepäck von Hotel zu Hotel geshuttelt. Ganz nebenbei konnte ich noch den neuen Rennradreifen Orondo Grade von Rene Herse bei widrigsten Bedingungen testen – der 31 Millimeter breite Tubeless-Reifen ist schnell und gibt auch bei nassen Straßen super Grip. Aber das nur ganz nebenbei.

Saisonstart beim Low Gap Hopper

Die eigentliche Rennsaison habe ich wie in den Vorjahren auch beim Low Gap Hopper Ende Januar begonnen. Es ist der erste Wettbewerb der Grasshopper Adventure Series, einen lokalen Rennserie. Sie ist beliebt bei vielen Top-Profifahrern, die aus den ganzen Staaten anreisen.

Die Grasshopper-Rennen sind immer etwas Besonderes und bieten die perfekte Mischung aus Abenteuer, Wettbewerb und guter Laune. Bei diesen Wettbewerben geht es darum, sich mit anderen auf spielerische Art zu messen, sozusagen ein Rennen unter Freunden, wie man es auch aus seiner Kindheit kennt.

Zum Low Gap Hopper musste ich nicht weit anreisen, denn es findet sozusagen hier in meinem nordkalifornischen „Hinterhof“ statt.

Vor zwei Jahren wurde ich Zweiter hinter Luke Lamperti der jetzt bei Soudal-Quick Step in der World Tour fährt und dort schon seinen ersten Saisonsieg gefeiert hat.

Das Schöne an der Veranstaltung ist auch, dass wir uns nach ein paar Monaten Pause vom Rennsport dort alle wiedersehen, unsere Freundschaften pflegen können und mit neuen Gravelfahrern in der Szene Kontakte knüpfen können. Das ist etwas, das ich am Gravel-Rennsport in den Staaten sehr schätze.

Auf dem Papier beziehungsweise aus der Ferne betrachtet, wirkt die 77 Kilometer lange Strecke gar nicht so anspruchsvoll, im Vergleich zu Rennen wie Unbound oder Steamboat.

20-Minuten-Test zu Beginn des Rennens

Allerdings hat der Low Gap Hopper eine Besonderheit, mit der kein anderes Rennen mithalten kann: einen 20-minütigen, steilen Anstieg gleich zu Beginn des Rennens. Direkt nach einer zweiminütigen neutralen Phase beginnt der Anstieg, der gleich zu einer Selektion im Rennen führt. Und an dem viele von uns ihre persönliche Bestzeit für 20 Minuten erzielen. Dort hochzufahren, fühlt sich wie ein Leistungstest an, nur das oben halt nicht Schluss ist und wir auch nicht wirklich gleichmäßig pacen.

Die Konkurrenz war sehr stark bei diesem Rennen. Ich habe versucht hier so lange wie möglich mitzuhalten. Ich fuhr die meiste Zeit in der Spitzengruppe zusammen mit Christopher Blevins, „Pete“ Stetina und Sean Benett – alles ehemalige beziehungsweise aktive Mountainbike- und Straßenrad-Profis.

Lange konnte ich mit mithalten, musste dafür aber Werte jenseits der 500 Watt drücken. Fünf Minuten unterhalb des Gipfels musste ich nach einer von vielen Tempoverschärfungen von Stetina abreißen lassen und fuhr danach lange im No Man’s Land. Als die Gruppe von hinten mich auffuhr, konnte ich gut mitfahren und hatte richtig Spaß bei den ständig wechselnden Attacken. 

Am Ende habe ich noch den Sprint um Platz fünf gewonnen. Ich bin ganz zufrieden und hatte meinen Spaß. Nicht zuletzt beim Post-Ride-Festival mit leckerem Essen, gekühlten Getränken und der einzigartigen „Hopper-Atmosphäre“, die wir alle kennen und so sehr schätzen.

Trotz allen Funs habe ich doch zwei Learnings aus dem Rennen mitgenommen. Erstens: Nicht zwingend an der Verpflegung anhalten, um eine Flasche zu nehmen. Hätte ich das vermieden, wäre ich sehr wahrscheinlich Vierter gewonnen. Zweitens: Ein Dropper Post, also eine höhenerstellbare Sattelstütze, bringt gerade im rauen Gelände auf dem Gravelbike enorme Vorteil – zumindest mir.

Da ich mit 1,96 Meter sehr groß bin und einen hohe Körperschwerpunkt haben, gibt mir eine niedrigere Sitzposition auf Abfahrten und auf Singletrail mehr Sicherheit. Sprich ich kann höhere Geschwindigkeiten erzielen. Mit dem Dropper Post, den ich um sieben Zentimeter abgesenkt habe, konnte ich problemlos mit den Mountainbike-Cracks im Gelände mithalten und konnte genug Energie sparen, um sie in den Flachpassagen abzuhängen.

So das war’s fürs Erste von mir. Weitere Kolumnen sowie Tipps rund ums Gravel-Racing gibt es hier die gesamte Saison über.

Folgt mir gerne auch auf Instagram, um mehr Updates von der Saison und meiner Vorbereitung zu bekommen!

Brennan Wertz

Fotos: Jim Merithew, Brian Tucker