Analyse: Sechs Erkenntnisse nach dem Giro d’Italia 2020

Die zweite GrandTour-Schlacht des Jahres ist geschlagen. Drei Wochen lang abwechslungsreicher Radsport – mit jungen Protagonisten und einem atemberaubenden Showdown am Schlusstag in Mailand. Welche Schlüsse sich aus dem 103. Giro d’Italia ziehen lassen, erfahrt Ihr hier:

(R)Evolution bei Ineos Grenadier: erfolgreichstes Team beim Giro

Das Ziel war klar. Geraint Thomas sollte den 103. Giro gewinnen. Dem war bei Ineos Grenadier alles untergeordnet und manch einen überkam die Angst, dass es eine langweilige Italien-Rundfahrt werden könnte. Doch nach Tag drei war alles anders. Thomas gestürzt und ausgeschieden, der Traum in Rosa in weite Ferne gerückt. Doch dann bäumte sich das angeschlagene Team auf. Mit dem Auftaktsieg im Zeitfahren im Rücken holte die Equipe in den Giro-Wochen eins und zwei insgesamt fünf Etappensiege und lag mit Thomas‘ ursprünglichem Edelhelfer Tao Geoghegan Hart vor der Schlusswoche auf Platz vier der Gesamtwertung. Der Ausgang ist bekannt. Wer Teamchef Sir Dave Brailsford im Ziel in Mailand erlebte, weiß, wie viel ihm diese Leistung aller bedeutet und, dass Ineos Genadier viel mehr kann, als nur nach „Zahlen zu fahren“.  Neben Rosa und Weiß für Tao Geoghegan Hart gewann die britische Equipe auch die Teamwertung – mehr als verdient. Hoffentlich der Beginn einer neuen Ära.

Team Sunweb – das Optimum herausgeholt?

Zwei Fahrer auf dem Podium in Mailand, drei Tage in Rosa sowie ein Etappensieg. Hätte man vor dem Giro Sunwebs Teamchef Iwan Spekenbrink dies gesagt, hätte er aller Wahrscheinlichkeit ungläubig mit dem Kopf geschüttelt.

Aber jetzt, nach dem spannenden Finale stellt sich manch einer die Frage: Alles richtig gemacht? Ja, denn Sunweb hat den Plan verfolgt, Kelderman eine Podiumsplatzierung bei diesem Giro zu ermöglichen. Das beste Grand Tour-Resultat im Übrigen für den Niederländer. Dabei hat die deutsche WorldTour-Equipe seinen Edelhelfer Jai Hindley nicht geopfert und cleverer Weise im Rennen gehalten. Ein außergewöhnlicher und taktisch kluger Schachzug, der am Ende aufging. Mehr war nicht drin, denn der 24-jährige Australier war zwar der stärkste Kletterer des Giros, aber Tao Geoghegan Hart der kompletteste Fahrer.

Jugend forsch – Almeida, Hindley, Hart, Ganna und Co.

Giro-Sieg, neun Etappenerfolge, drei Fahrer in den Top Fünf der Gesamtwertung. Die Zahlen sprechen für sich. Die Nachwuchsfahrer, 25 Jahre alt oder jünger, dominierten diesen Giro und sorgten für eine Wachablösung. Bis auf die 20. Etappe trug sogar immer einer der „jungen Wilden“ das Rosa Trikot. Allerdings sind nicht nur die jungen Fahrer stark, sondern auch der Support und das Vertrauen, welches sie von einem ganzen Team bekommen. Hoffentlich setzt sich diese Entwicklung fort und diese ist nicht nur der momentanen Situation geschuldet.

Nibali und Fuglsang – zu alt für einen GrandTour-Sieg

Die beiden 35-Jährigen wollten hier nochmals – Vincenzo Nibali – und erstmals – Jakob Fuglsang – einen großen Coup landen und den Gesamtsieg holen. Doch außer bei der dritten Etappe hoch zum Ätna, wo sie taktisch (zu) verhalten fuhren, konnten sie ihre Klasse nicht zeigen. Sowohl Nibali als auch Fuglsang sind erstklassige Rennfahrer, aber ihre Zukunft dürfte bei schweren Eintages-Rennen liegen. Das haben beide mit dem Gewinn von Monumenten wie Mailand-Sanremo, Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Lombardei-Rundfahrt bereits gezeigt.

Rohan Dennis und Nico Denz – die Zugpferde dieses Giro d’Italia

Nico Denz Liebe gehört den Frühjahrsklassikern. Und diese fanden diese Saison im Herbst statt und ohne Denz. Der Badener sollte nicht auf den flandrischen Pflastern, sondern auf Italiens Straßen für die Pace sogen. Umso bemerkenswerter wie er diese Aufgabe löste. Der 26-Jährige powerte viele hunderte Kilometer an der Spitze des Pelotons, da sein Team Sunweb als eine der wenigen Mannschaften die Kontrolle im Feld übernahm. Denz ging in dieser Rolle voll auf und wurde im Laufe des Giros immer stärker, so dass er auch oft in der Vertikalen das Peloton anführte. Seiner puren Power ist es auch zu verdanken, dass das Feld auf der verkürzten 19. Etappe noch innerhalb der Karenzzeit ins Ziel kam.

Die Wandlung vom Zeitfahrer zum Bergfahrer gelang Rohan Dennis bei dieser Italien-Rundfahrt mit Bravour. Auf der Königsetappe über den Stelvio sowie der finalen Bergetappe mit den Runden hoch nach Sestriere fuhr er die Favoritengruppe alleine auseinander und ebnete so den Weg für seinen Teamkollegen Tao Geoghegan Hart. Ganz nebenbei sicherte sich der zweimalige Zeitfahrweltmeister auch den Gewinn der Cima Coppi am Stilfser Joch. Den höchsten Punkt dieses Giros überquerte der Australier als Erster.

Streik: Fahrer machen mobil

Am Morgen vor der ursprünglichen über 250 Kilometer langen 19. Etappe gab es einen Fahrerprotest. Zu lang der Tagesabschnitts, nach der schweren Vortagsetappe über den Stelvio, und zu schlecht das Wetter, so das Argument von großen Teilen des Pelotons. Renndirektor Mauro Vegni schäumte vor Wut, verkürzte die Etappe aber nach Drängen der Fahrer.

Einige Journalisten schrieben: „Die Fahrer holen sich die Power zurück.“ Die Frage, die sich stellt: passt die Art und Weise? Lange bekannt war die Streckenführung und, dass Ende Oktober keine warmen Temperaturen herrschen, konnte sich jeder denken. Letztendlich haben sich die Profis auch gegen ihre Teamleitung – also ihre Arbeitgeber – gestellt, von denen der Protest nicht ausging. In Zeiten von Corona hätte man sich da sicher ein solidarisches Verhalten und ein besseres Aufeinanderzugehen gewünscht. Werbung für den Radsport war dies jedenfalls nicht! Aber vielleicht ist das der Auftakt zu Veränderungen im Ökosystem Profi-Radsport.

Fotos: Stefan Rachow/mrpinko

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