Analyse: 9 Erkenntnisse nach der ersten Giro d’Italia-Woche

Neun Etappen sind vorüber. Ein junger Portugiese trägt überraschend Rosa. Zwei Top-Favoriten sind bereits ausgeschieden. Ein Mann dominiert den Sprint. Was fehlt, ist das Feuerwerk, das den Giro sonst aus- und so einzigartig macht. Alpecin Cycling blickt auf eine ungewöhnliche erste Woche zurück.

Kein GC-Team übernimmt so richtig die Initiative

Abwarten statt attackieren. Man bekommt den Eindruck, dass das Aus von Geraint Thomas vom Team Ineos Grenadier nicht nur sein eigenes Team geschockt hat. Auch die Equipes der Mitfavoriten wie Astana um Jakob Fuglsang und Trek Segafredo mit Vincenzo Nibali wirken ein wenig planlos. Lautet die Devise doch jetzt nicht nur den „Dunkelblauen“ hinterherzufahren, sondern selbst die Initiative zu ergreifen. Gibt es dafür keine Taktik? Das einzige Team, das das Heft des Handelns auf den schweren Etappen in die Hand nimmt, ist Sunweb. Doch auch sie wirkten etwas zaghaft, gerade im Finale von Etappe neun, wo augenscheinlich mehr drin war, als nur ein paar Sekunden auf die Konkurrenten gut zu machen.

Denn: Wer weiß, wie der Giro weitergeht? Fraglich, ob bei der momentanen Wetterlage alle Etappen in den Bergen besonders in der Schlusswoche wie „ausgeschrieben“ gefahren werden können. Und dann kommt den beiden Zeitfahren plötzlich eine noch viel größere Bedeutung zu.

Ineos Grenadier ohne Kapitän offensiv auf Etappenjagd

Unverhofft kommt oft. Nachdem Egan Bernal die Tour aufgeben musste, widerfuhr Kapitän Geraint Thomas gleiches beim Giro. Bei einem Sturz auf der dritten Etappe brach er sich das Becken. Doch das Team fing sich schnell wieder und kämpft seitdem aufopferungsvoll um Etappensiege. Zur Freude von Fans und Zuschauern. Und allen Kritikern zum Trotz, die seit Jahren nicht müde werdend behaupten, das Team könne nur nach Zahlen fahren. Zeitfahrweltmeister Filippo Ganna gewann nach seinem Sieg beim Auftaktzeitfahren die fünfte Etappe, die vom Profil her eher einem Kletterer entgegenkam. Und auf den Etappen acht und neun belegten die Fahrer des erfolgsverwöhnten britischen Rennstalls jeweils die Plätze zwei – durch Salvatore Puccio und Jonathan Castroviejo.

Aufsehenerregendes bei EF – neues Trikot und offensive Fahrweise

Die ersten beiden schweren Bergetappen des Giro – hoch zum Ätna und nach Roccaraso – holten sich mit  Jonathan Klever Caicedo sowie Ruben Guerreiro zwei Fahrer des EF Teams – und zwar mit einer offensiven und cleveren Fahrweise. Über diese Erfolge verblasst selbst der PR-Coup, den EF zum Beginn des Giros lancierte. Die Equipe bestritt in komplett neuem Trikotdesign die Italien-Rundfahrt. Für die Comic-Kollektion von Rapha und Palace Skateboards, die in kürzester Zeit ausverkauft war, hagelte es von der UCI-Strafen und von manch Kollegen Spott. Also, alles richtig gemacht – oder?

Team Sunweb – unterwegs in Richtung Podium

Mit einer komplett anderen Taktik als noch vor wenigen Wochen bei der Tour fährt das deutsche Team in Italien. Nicht Etappenerfolge stehen im Fokus, sondern eine Top-Platzierung in der Gesamtwertung für Wilco Keldermann. Trotz dreier Kapitäne – Wilco Keldermann Sam Oomen und Michael Mathews – , die alle die Mannschaft zum Ende der Saison verlassen, fahren die Mannen in Weiß konsequent für dieses Ziel. Keldermann selbst machte auch schon bei den beiden Bergankünften Zeit auf die Konkurrenz gut – und liegt am ersten Ruhetag auf Rang zwei der Gesamtwertung. In seinem „Windschatten“ der junge australische Kletterer Jai Hindley, der Rang neun belegt.

Arnaud Demare – der stärkste Sprinter beim Giro

Alles für Arnaud. Das war und ist die Devise der französische Equipe Groupama-FDJ; und sie geht komplett auf. Arnaud Demare ist im Sprint eine Klasse für sich und gewann bereits drei Etappen. Schade für Frankreich, dass es nur der Giro ist. Mit dieser Leistung bei der Tour wäre Demare längst ein Volksheld.

Comeback des Domenico Pozzovivo

Knüpft der mittlerweile 37-jährige Italiener an alte Zeiten an? Scheint so, denn mit seiner unauffälligen Fahrweise liegt der Bergfahrer von NTT jetzt schon auf Rang vier in der Gesamtwertung. Nach seinem schweren Unfall im Spätsommer 2019 ein grandioses Comeback. Gut möglich, dass der kleine Italiener am Ende in Mailand in den Top fünf liegt und damit sein bisher bestes Giro-Resultat egalisiert. Denn: die ganz schweren Bergetappen, die ihm liegen, sollen erst noch kommen.

Überraschender Spitzenreiter –World-Tour Debütant João Almeida

Seine erste Saison in der WordTour – und schon seit Etappe drei Träger des Rosa Trikots des Gesamtführenden. Den Grundstein legte der erst 22-jährige Giro-Debütant mit Platz zwei beim Einzelzeitfahren auf Sizilien sowie starke Leistungen in den Bergen. Am Ende der ersten Woche schien dem Portugiesen bei der Bergankunft in Roccaraso ein wenig die Luft auszugehen.

Egal, er fährt wie auch seine Teamkollegen ohne großen Druck. Deceuninck – Quick Steps Maßgabe vor dem Giro war ein Etappensieg, doch mindestens sieben Tage in Rosa sind nicht zu verachten. Zudem folgen ja noch 12 Möglichkeiten für einen Tageserfolg.

GC-Favorit Jakob Fuglsang immer auf der Höhe

Als 100. nach dem Einzelzeitfahren zum Auftakt das Rennen aufgenommen, aber seitdem immer vorne dabei – das ist die Kurzbeschreibung für den Auftritt des Dänen Jakob Fuglsang von Astana. Bei der ersten schweren Bergetappe auf den Ätna ließ er kurz, wie auch Vincenzo Nibali, seine Klasse aufblitzen, beließ es dann aber dabei. Hier hätte er Mitfavoriten wie Steven Kruijswijk Zeit abnehmen können. Fuglsang, mittlerweile 35 Jahre alt, zeigt sich am Berg immer in den vordersten Reihen, auch wenn er nach den Aufgaben von Miguel Angel Lopez und Alexader Vlasov auf zwei starke Helfer verzichten muss.

Geplatzte Covid-Blase: Positiver Test von Simon Yates

Anders als noch bei der Tour, als das Thema hektisch, laut und omnipräsent war, erscheint man die Corona-Pandemie beim Giro distanzierter zu sehen. So geriet das Bulletin zum Gesundheitszustand des britischen Michelton-Scott-Fahrers, fast zur Nebensache zu werden. Auch gibt es keine Quarantäne für die Teammitglieder, die alle negativ getestet wurden. Was bleibt ist die Frage: Wo hat sich Yates – trotz des so ausgeklügelten Hygienekonzepts – angesteckt?
Nachtrag 13. Oktober: Michelton-Scott hat den Giro verlassen. Steven Kruijswijk von Jumbo-Visma ebenfalls. Er wurde am Ruhetag positiv auf Covid-19 getestet. MIt ihm zusammen, gibt auch sein Team den Giro auf. Vom deutschen WorldTour-Team wurde der Australier Michael Matthews ebenfalls positiv getestet und hat das Rennen verlassen.

Foto: Stefan Rachow/mrpinko

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