Schnell, komfortabel, pannensicher: Tubeless-Reifen beim Rennrad

15.06.2020

Hobbyradsportler sind selten schneller als Profis. Wenn es um Zeit pro Weg geht, verlieren sie klar. Doch wo der Jedermann die Nase klar vorn hat, ist bei technischen Innovationen. Während das Profi-Peloton lange über das Für und Wider von Scheibenbremsen am Rennrad diskutierte, hatte der Hobbysportler schon längst seinen Disc-Renner und freute sich über das satte Bremsverhalten – vor allem bei Nässe. Die Geschichte scheint sich gerade zu wiederholen – beim Reifen. Immer mehr Hobbyradsportler wechseln auf Tubeless-Reifen.

Wie der Name schon sagt, sind das Reifen ganz ohne Schlauch. Die Tubeless-Reifen ähneln dem klassischen Mantel sind aber natürlich anders verarbeitet und brauchen für vollkommene Luftundurchlässigkeit noch die Dichtmilch. Allerdings benötigt er wie auch der Schlauchreifen (Tubular) ein spezielles Laufrad. Moderne Clincher-Laufräder sind aber schon fit für die Reifentechnologie – erkennbar an tubeless-easy oder tubeless-ready- Bezeichnungen.

Neu ist diese Tubeless-Technologie nicht. Der Autoreifen funktioniert im Prinzip genauso, wobei hier natürlich der Reifen mit anderen Materialen wie einem Stahlgewebe aufgebaut ist. Im Mountainbike-Bereich gibt es dieses System schon seit weit mehr als einem Jahrzehnt, fast jedes Gravelbike wird mit tubeless-fähigen Laufrädern und Reifen ausgeliefert, und beim Rennrad erlebt diese Reifenart gerade einen regelrechten Boom. Und das aus gutem Grund!

Geringerer Luftdruck verbessert Abrollverhalten und verringert Rollwiderstand

„Ich kann einen Tubeless-Reifen mit niedrigerem Reifendruck fahren, was wiederum zu einer höheren Traktion führt und mir mehr Komfort bei ruppigen und rauen Pisten gibt“, erklärt Felix Schäfermeier, Produkt Manager Rennrad bei Schwalbe und verantwortlich für die Entwicklung des neuen Tubeless-Reifens Schwalbe Pro One TLE.

Apropos Luftdruck: Je breiter der Reifen, umso weniger Luftdruck wird benötigt – was auch den Rollwiderstand verringert. Warum? „Die Aufstandsfläche wird kleiner – sie wird zwar breiter aber viel kürzer“, so Schäfermeier. Aus diesem Grund fahren heute viele Hobbyrennradfahrer 28 Millimeter breite Tubeless-Reifen – viele Hersteller bieten die Reifen von 25 bis 32 Millimeter Breite an.

„Zusätzlich verbessert sich der Rollwiderstand gegenüber dem Clincher auch noch durch das Weglassen des Schlauches,“, erklärt Schäfermeier. Grund: Schlauch und Mantel sind zwei unterschiedliche Produkte, die sich „aneinander reiben“.

Durch den fehlenden Schlauch sind die Radfahrer übrigens vor einem ganz speziellen Defekt gefeit: dem sogenannte Snake-Bite. Dieser „Schlangenbiss“ entsteht, wenn es auf ruppigen Pisten wie Kopfsteinpflasterpassagen oder bei Schlaglöchern zum Durchschlag kommt – also, wenn der Schlauch zwischen Felgen und Mantel eingeklemmt wird und so kleine, feine Löcher entstehen.

Selbstheilungskräfte durch die Dichtmilch

Durch die Dichtmilch, die in den Tubeless-Reifen eingefüllt wird, werden kleine Löcher und Schnitte während der Fahrt wieder verschlossen. Die Selbstheilungskräfte ist gerade auf langen Touren von unschätzbarem Vorteil, wenngleich zur Sicherheit immer ein Ersatzschlauch mitgenommen werden sollte.

Alles also gute Argumente – doch warum fahren dann nicht auch alle Profs mit diesem System. Zum einen, weil der Straßenradsport sehr konservativ ist – Beispiel Disc-Bremsen – und die Mechaniker in vielen Teams beim Material sehr viel Entscheidungsmacht besitzen. Zum anderen, weil es für eine gute Performance in allen Bereichen extrem auf das Zusammenspiel von Laufrad und Reifen ankommt.

Das war in der Vergangenheit nicht immer gegeben. Anders formuliert: Bestimmte Laufräder und Reifen harmonieren aufgrund von Toleranzschwankungen und Konstruktionen nicht gut miteinander. Das macht sich meist schon bei der Montage bemerkbar.

Das perfekte Match – Laufrad und Tubeless-Reifen

Sind Laufrad und Reifen aufeinander abgestimmt, dann gibt es auch wenig Grund für Schauergeschichten zur Montage der Pneus, die immer wieder die Runde machen. Bei einer guten Kombination aus Laufrad und Tubeless-Reifen ist der Reifen stattdessen in wenigen Minuten aufgezogen, liegt aufgepumpt satt im Felgenbett und hält die Luft fürs Erste gut ohne Dichtmilch.

„Matcht dieses Set-up aus Laufrad und Reifen perfekt, vereint ein Tubeless-Reifen die besten Merkmale von Clincher und Tubular – bis hin zu den Notlaufeigenschaften“, erklärt Schäfermeier. Gerade dieser Punkt ist für Profis besonders wichtig, da sie im Rennen immer noch einige hundert Meter auf der Felge weiterfahren wollen und manchmal auch müssen.

Schwalbe hat wie auch einige andere Reifen- und Laufradhersteller ein Kompatibilitätsliste für das Set-up zwischen Reifen und Laufrad erstellt. Dabei wird das mögliche perfekte „Match“ nach drei wichtigen Eigenschaften beurteilt: Montage, Aufpumpen und Absprungsicherheit. Gerade letzteres Merkmal ist – wie der Name schon andeutet – sicherheitsrelevant. Hier die Aufstellung

Und wer sich einen richtig langen tiefen Cut im Reifen holt, dem kann auch die Dichtmilch nicht helfen. Da muss dann unterwegs der Ersatzschlauch eingezogen werden, aber das muss er bei einem Clincher auch; und der Schlauchreifen-Pilot muss dann unterwegs den neuen Tubular aufkleben oder den persönlichen Materialwagen rufen.

Schwalbe setzt beim Rennrad auf Tubeless

Reifenhersteller Schwalbe ist von der Tubeless-Technologie so überzeugt, dass er im Herbst 2019 die Schlauchreifenproduktion eingestellt hat. „Hinzu kommt, dass kein Laufradhersteller die Felge für Schlauchreifen neu entwickelt“, erklärt Schäfermeier.

Auch die Top-Athleten gehen den Weg des Unternehmens mit – mit Erfolg. Triathlet Sebastian Kienle, eine der Materialfreaks über die Langstrecke, kam selbst auf das Unternehmen zu und wollte die Technologie testen, und war schnell überzeugt. Auch von der Pannensicherheit.

Denn Kienle musste trotz Cut durch eine Glasscherbe bei der Europameisterschaft in Frankfurt den Reifen nicht wechseln. „Der Druck sank von 7,5 bar auf 3,8 bar, aber die Daten blieben gleich. Er musste mit weniger Luftdruck im Reifen nicht mehr Leistung aufbringen, um die gleiche Geschwindigkeit zu fahren“, erklärt Schäfermeier. „Das liegt daran, dass der Schwalbes Pro One auch bei niedrigem Luftdruck ein extrem gutes Walkverhalten hat“, so Schäfermeier.

Profi-Team Canyon SRAM-Racing fährt tubeless im Rennen

Auch die Mädels des Canyon-SRAM Racing-Teams ließen sich im Praxis-Test überzeugen. „Wir haben zu Anfang der Saison 2019 die Räder je zur Hälfte mit Schlauch- und Tubeless-Reifen ausgestattet, um ihnen eine freie Wahl zu ermöglichen. Ab Juli fuhr dann das komplette Team mit tubeless“, so Schäfermeier weiter.

Der Grund dafür liegt auch in der Geschmeidigkeit und besseren Beherrschbarkeit der neuen Tubeless-Modelle. „Im Grenzbereich lassen sie sich besser kontrollieren als Tubulars. Denn sie verformen sich natürlicher und haben nicht einen so geringen Grenzbereich“, weiß Schäfermeier.

Möglich macht dies der Aufbau. Ein Schlauchreifen besteht aus Kleber und bis zu vier Karkassenlagen sowie dem eingenähten Schlauch. „Durch diese Konstruktion wird der Reifen durch die Kontur der Felge vorgeformt, da er ja auf der Felge ‚aufliegt“ und nicht innen drin liegt. So kann er übertrieben gesagt eckig werden, und in der Kurve im Grenzbereich plötzlich unkontrolliert abkippen“, so Schäfermeier. Bei Tubeless spielt die Kontur der Felge dagegen für die Traktion keine Rolle.

Bereits 2015 mit Tubeless bei Paris-Roubaix in Top 5

Schwalbes Begeisterung für die Tubeless-Technologie beim Rennrad kommt nicht von ungefähr. Schon seit über fünf Jahren beschäftigt sich das Unternehmen mit dieser Konstruktion fürs Rennrad. Den ersten echten Erfolg feierten sie damit schon 2015 – von vielen gänzlich unbemerkt. „2015 haben wir unseren ersten Tubeless-Reifen bei Paris-Roubaix eingesetzt,“ erzählt Felix Schäfermeier von Schwabe. Martin Elmiger vom damaligen Schweizer Team IAM kam als Fünfter ohne Platten bei der Hölle des Nordens in Ziel. „Das war, wenn man so will, der Vorgänger unseres heutigen Gravelreifens G-One“, sagt Schäfermeier.

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