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Rückblick: Die Saison 2018 im Jedermann-Team Alpecin

Rückblick: Die Saison 2018 Im Jedermann-Team Alpecin

Als Rennrad-Rookie gekommen – als „Tour de France-Finisherin“ gegangen. Nora Helene Turner erzählt, was sie alles Aufregendes in der Saison mit dem Jedermann-Team von Alpecin erlebte.

Anfang des Jahres erhielt ich einen Anruf vom Team Alpecin: ob ich mir zutrauen würde, ein Rennen mit 4000 Höhenmetern zu fahren? Ich muss ehrlich sagen: damals war ich knapp 6 Monate auf dem Rennrad und hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse.  Oder besser gesagt: auf welches geile Abenteuer ich mich da einlasse! Meine Bewerbung habe ich nach dem Ötzi-Bericht 2017 ohne große Hoffnungen losgeschickt.

Ein paar Wochen später trafen wir ich meine neue Teamkollegen alle in Bielefeld zur Teamvorstellung. Mit meinen Mitfahrern verstand ich mich auf Anhieb richtig gut – und das trotz vier verschiedener Muttersprachen im Team! Was dann kam, ist wohl der heimliche Traum eines jeden Hobbyrennradfahrers: Wir wurden von oben bis unten komplett ausgestattet, und wir Neulinge merkten sofort, dass hier Menschen zugange waren, die richtig Ahnung von der Sache hatten.

Auch meine erste Leistungsdiagnostik absolvierte ich hier: Für jemanden, der noch nie nach Leistung beziehungsweise Watt gefahren ist, eine wahnsinnig spannende Sache! Flo Geyer, unser Teamtrainer vom Radlabor, erklärte mir, dass der Hauptfokus in den nächsten Monaten für mich darauf liegen würde, meine anaerobe Schwelle nach oben beziehungsweise in der Grafik nach rechts zu verschieben, damit ich die 169 Kilometer im Renntempo bei der L‘Etape du Tour gut durchhalte. Diese Originaletappe der Tour de France würde nämlich unser Saisonhighlight sein. Passend dazu und unserem kompletten Outfit, gab es das Highlight zum Schluss: ein feuerrotes Canyon Endurace CF SLX im Design des Profi-Teams Katusha Alpecin, dieser Renner mit Scheibenbremsen und elektronischer Schaltung von Sram sollte uns die nächsten Monate über unzählige Berge und Kilometer tragen.

Unser erster Einsatz und der unseres neuen Equipments folgte bereits wenige Tage später beim Trainingscamp in KalternSieben Tage vollgepackt mit anspruchsvollen Radtouren, Technik-Training, Core- und Stabilitätsübungen, Faszientraining, dem korrekten Stretching, Workshops zur Ernährung und Rehabilitation, Mechanik- und Reparatur-Lehrstunden und last but not least natürlich eine intensive Einheit zum Verständnis der Trainingspläne. Kurz gesagt: Alles, was ein ambitionierter Rennradfahrer wissen muss! Auch unsere verschiedenen Trainingslevels stellten kein Problem dar: In kleinen Gruppen feilten wir jeweils genau an den Skills, die uns Rennrad-Frischlingen noch zu schaffen machten, während die routinierteren Teamfahrer sich an den Bergen Südtirols so richtig auspowern konnten. Meine persönlichen Highlights waren die Touren mit Mario Kummer und Maurizio Fondriest, der Mendelpass und das unfassbar gute Essen in unserem gemütlichen Vier-Sterne-Hotel Haus am Hang!

Wieder zurück in meiner Wahlheimat Wien trainierte ich zwischen 12 und 14 Stunden die Woche, um mich zunächst auf mein allererstes Radrennen vorzubereiten. Gemeinsam mit einigen Teamkameraden startete ich dann bei der Skoda Velotour Eschborn-Frankfurt. Es war nicht nur ein fantastisches Rennen für mich, die anderen Team-Mitglieder halfen mir auch sehr, meine Vorstartnervosität zu überwinden, und so rollte ich auf Anhieb in die Top Ten meiner Altersklasse auf der „Extreme“-Strecke! Gepusht von der tollen Erfahrung war ich sofort Feuer und Flamme für die Rennen hier in der Region: zwar schaffte ich es bislang nicht aufs „Stockerl“, einmal war es aber zum Greifen nah, und ich genoss es sehr, die ersten positiven Ergebnisse durch unseren Trainingsplan zu erreichen! Motivationsprobleme hatte ich kaum, allerdings erfordert ein Trainingsplan für so ein ambitioniertes Ziel wie eine Etappe der Tour de France doch hin und wieder ein paar Kompromisse mit Job, Familie und Freunden.

Anfang Juli war es dann so weit. Das ganze Team traf sich in einer schönen Alpen-Lodge in Frankreich wieder. Den letzten Tag vor dem großen Rennen verbrachten wir mit einer gemütlichen gemeinsamen Ausfahrt, holten unsere Startnummern ab, bastelten noch ein bisschen an unseren Rädern und berieten uns darüber, was wohl die optimale Menge an Nahrung sowie die passende Kleidung sei, die wir für diesen Ritt bräuchten. Nach dem CarboLoading-Abendessen ging es früh ins Bett, denn der Start der L’Étape du Tour war um sechs Uhr morgens. Das Gefühl, als das ganze Team im Morgengrauen gemeinsam aus dem zweiten Startblock von Annecy in Richtung der französischen Alpen losrollte, war unbeschreiblich. Vor mir lagen 9 Stunden auf freien Straßen mit Gleichgesinnten und der wohl schönsten Aussicht, die sich ein Rennradfahrer nur wünschen kann. Alles war top organisiert und die Labestationen grandios: neben Wasser, Iso-Drinks und Snacks gab es auch ein paar französische Spezialitäten. Und überall an der Strecke feuerten uns rennradbegeisterte Franzosen an: „Allez les filles!“ – „Los Mädels!“. Das Rennen brachte mich aber auch an meine physischen und mentalen Grenzen. Noch nie war ich auch nur ein ansatzweise vergleichbares Streckenprofil gefahren. Abfahren war nie meine Stärke, aber diese Abfahrten waren noch einmal ein ganz anderes Kaliber – und jeden Höhenmeter, den wir bergauf bezwangen, mussten wir ja auch wieder runter. Auch der Anstieg auf der schmalen Straße mit elf Prozent Steigung im Schnitt über 6 Kilometer hinauf zum Plateau des Glières wird mir lange im Gedächtnis bleiben. Umso berauschender war der Moment, als ich die Ziellinie überquerte, Gänsehaut, Tränen sowie heißer und kalter Schauer über dem Rücken inklusive.

Die Stimmung beim Abschluss-Barbecue war ausgelassen und wir genossen einfach so richtig das gemeinsam gemeisterte Ziel! Vier alpine Pässe an einem Tag! 4000 Höhenmeter auf 169 Kilometer – nach nur einem Jahr Rennradfahren hatte ich bezwungen! Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, aber einem eigenen und speziell designten Gelben Trikot ging es für mich zurück nach Wien. Die Zeit im Team war einfach einmalig. Ich habe so unglaublich viel gelernt, neue Freunde gewonnen, für mich eigentlich nicht machbar wirkende Aufgaben gemeistert und viel Motivation sowie Inspiration für meine weitere Laufbahn als Rennradfahrerin bekommen. Aber es hieß auch Abschied nehmen  nicht nur von den einfach großartigen Team-Kollegen, sondern auch von dem wahnsinnig lieben und lustigen Team hinter den Kulissen, die mit ihrer Arbeit das alles erst möglich gemacht haben. Mir wurde immer geholfen, wenn ich Angst hatte oder nicht wusste, wie ich etwas hinkriegen sollte – und ohne diese Hilfe hätte ich es bestimmt nicht geschafft! Eins weiß ich: Die Erfahrung ist unvergesslich und davon werde ich eines Tages mal meinen (potentiellen) Kindern erzählen. 

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Nora Helene Turner

Nora Helene Turner kam als Rennradrookie ins Team Alpecin 2018. Sie saß gerade mal ein halbes Jahr auf dem Rad. Mit beständigem Training schaffte die in Wien lebende Hamburgerin die L‘Etape du Tour 2018 und hat jetzt Feuer gefangen – an Wettkämpfen. Im Winter 2018/2019 bestreitet sie Cyclocross-Rennen und 2019 will sie auch an Lizenzrennen auf der Straße teilnehmen. Über ihre Abenteuer auf dem Rennrad berichtet sie auf ihrem Blog unicorncycling.me.

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